Die zweite AusfertigungThe Second Copy
Astra Militarum (Kommissariat) · Schola Progenium DrevenhallAstra Militarum (Kommissariat) · Schola Progenium Drevenhall
„„Die Selbstanzeige prüft nicht die Entscheidung, sondern die Eignung des Entscheidenden.“ — Dienstanweisung des Kommissariats, Abschnitt 9“
„„Die Selbstanzeige prüft nicht die Entscheidung, sondern die Eignung des Entscheidenden.“ — Dienstanweisung des Kommissariats, Abschnitt 9“
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I. Der MorgenappellI. The Morning Muster
Der Hof der Schola Progenium Drevenhall lag noch im Dunkeln, als die Kadetten zum vierten Läuten antraten, und der Wind, der über die Mauern kam, roch nach dem nahen Industriegürtel, nach Schwefel und kaltem Metall. Joscha Dellin stand in der zweiten Reihe, Position neun, wie seit drei Jahren, und wartete auf das, was jeden Morgen kam: die Übung, die man hier nur „die Probe" nannte, weil kein anderes Wort dafür genügte.
Der Hof der Schola Progenium Drevenhall lag noch im Dunkeln, als die Kadetten zum vierten Läuten antraten, und der Wind, der über die Mauern kam, roch nach dem nahen Industriegürtel, nach Schwefel und kaltem Metall. Joscha Dellin stand in der zweiten Reihe, Position neun, wie seit drei Jahren, und wartete auf das, was jeden Morgen kam: die Übung, die man hier nur „die Probe" nannte, weil kein anderes Wort dafür genügte.
Instruktor-Kommissar Corlan Voth ging die Reihe ab, eine Trainingswaffe in der Hand, die Übungsmunition sichtbar im Magazin, damit niemand sich täuschte, was heute geschossen wurde und was nicht. Vor jedem Kadetten blieb er stehen, nannte einen Namen, einen erfundenen Fall, ein Vergehen, und erwartete das Urteil, laut, ohne Zögern, gefolgt von der Geste, die den Vollzug simulierte.
Instruktor-Kommissar Corlan Voth ging die Reihe ab, eine Trainingswaffe in der Hand, die Übungsmunition sichtbar im Magazin, damit niemand sich täuschte, was heute geschossen wurde und was nicht. Vor jedem Kadetten blieb er stehen, nannte einen Namen, einen erfundenen Fall, ein Vergehen, und erwartete das Urteil, laut, ohne Zögern, gefolgt von der Geste, die den Vollzug simulierte.
„Kadett Sennwald hat den Meldegang verlassen." Er stellte sich vor eine Kadettin drei Positionen weiter. „Urteil."
„Kadett Sennwald hat den Meldegang verlassen." Er stellte sich vor eine Kadettin drei Positionen weiter. „Urteil."
„Vollzug", sagte sie, ohne zu blinzeln, und hob die Hand zur Geste, als hielte sie eine Waffe.
„Vollzug", sagte sie, ohne zu blinzeln, und hob die Hand zur Geste, als hielte sie eine Waffe.
Voth nickte und ging weiter, bis er vor Joscha stand.
Voth nickte und ging weiter, bis er vor Joscha stand.
„Kadett Halven hat unter Beschuss die Stellung verlassen."
„Kadett Halven hat unter Beschuss die Stellung verlassen."
Joscha kannte die Antwort. Er hatte sie tausendmal gesagt, seit er zwölf war, in genau diesem Ton, mit genau dieser Geste. Aber in diesem Moment, aus einem Grund, den er selbst nicht benennen konnte, blieb sein Mund einen Herzschlag zu lange geschlossen, und dieser eine Herzschlag genügte.
Joscha kannte die Antwort. Er hatte sie tausendmal gesagt, seit er zwölf war, in genau diesem Ton, mit genau dieser Geste. Aber in diesem Moment, aus einem Grund, den er selbst nicht benennen konnte, blieb sein Mund einen Herzschlag zu lange geschlossen, und dieser eine Herzschlag genügte.
„Zögern", sagte Voth, nicht laut, nur genau genug, dass es die ganze Reihe hörte. „Notieren Sie es sich selbst, Kadett Dellin. Ich muss es nicht."
„Zögern", sagte Voth, nicht laut, nur genau genug, dass es die ganze Reihe hörte. „Notieren Sie es sich selbst, Kadett Dellin. Ich muss es nicht."
Er ging weiter, und Joscha stand da, die Hand noch halb erhoben, und spürte, wie die Blicke der anderen an ihm vorbeiglitten, keiner direkt, alle registrierend.
Er ging weiter, und Joscha stand da, die Hand noch halb erhoben, und spürte, wie die Blicke der anderen an ihm vorbeiglitten, keiner direkt, alle registrierend.
Nach der Probe, beim Frühstück in der langen, kalten Halle, saß er allein an seinem Platz und rührte den Haferbrei um, ohne ihn zu essen. Es war nicht das erste Zögern gewesen, nur das erste, das Voth laut benannt hatte, und er wusste, was das bedeutete: dass es ab jetzt in seiner Akte stand, dass jeder Ausbilder es bei der nächsten Prüfung im Hinterkopf haben würde, wenn er wieder vor ihn trat, um ein Urteil zu verlangen. Ein Zögern war kein Fehler, den man mit Fleiß ausglich. Es war eine Frage, die sich selbst stellte, jeden Morgen aufs Neue, und die er noch keinem einzigen Mal ehrlich hatte beantworten können.
Nach der Probe, beim Frühstück in der langen, kalten Halle, saß er allein an seinem Platz und rührte den Haferbrei um, ohne ihn zu essen. Es war nicht das erste Zögern gewesen, nur das erste, das Voth laut benannt hatte, und er wusste, was das bedeutete: dass es ab jetzt in seiner Akte stand, dass jeder Ausbilder es bei der nächsten Prüfung im Hinterkopf haben würde, wenn er wieder vor ihn trat, um ein Urteil zu verlangen. Ein Zögern war kein Fehler, den man mit Fleiß ausglich. Es war eine Frage, die sich selbst stellte, jeden Morgen aufs Neue, und die er noch keinem einzigen Mal ehrlich hatte beantworten können.
II. Was bliebII. What Remained
Er war neun gewesen, als sie seinen Vater vor die versammelte Garnison von Torvennig stellten, dort, wo die Fördertürme den Himmel zerschnitten und der Wind das ganze Jahr über nach Kohlestaub roch. Sein Vater hatte eine Stellung gehalten, die nicht zu halten war, drei Tage lang, und war am vierten zurückgewichen, mit den sieben Männern, die von seinem Zug noch lebten. Es hatte Verluste gegeben, die der Rückzug nicht wiedergutmachte, und ein Kommissar, den Joscha nie mit Namen kennenlernte, hatte das Urteil gesprochen, mit derselben knappen Formel, die Joscha jetzt jeden Morgen selbst übte.
Er war neun gewesen, als sie seinen Vater vor die versammelte Garnison von Torvennig stellten, dort, wo die Fördertürme den Himmel zerschnitten und der Wind das ganze Jahr über nach Kohlestaub roch. Sein Vater hatte eine Stellung gehalten, die nicht zu halten war, drei Tage lang, und war am vierten zurückgewichen, mit den sieben Männern, die von seinem Zug noch lebten. Es hatte Verluste gegeben, die der Rückzug nicht wiedergutmachte, und ein Kommissar, den Joscha nie mit Namen kennenlernte, hatte das Urteil gesprochen, mit derselben knappen Formel, die Joscha jetzt jeden Morgen selbst übte.
Er erinnerte sich nicht an die Einzelheiten. Er war zu weit hinten gestanden, zwischen den anderen Familien, an der Hand seiner Mutter, die zu fest um seine gepresst war, um noch Blut durchzulassen. Er erinnerte sich an die Stille danach, die tagelang über der Siedlung lag wie Rauch, der sich nicht verzog, und daran, wie seine Mutter in den Wochen danach immer leiser wurde, bis sie im folgenden Winter, an einer Lungenkrankheit, die man in Torvennig bekam, wenn man lange genug in den Schächten gearbeitet hatte, selbst starb und ihn allein zurückließ mit einem Namen, den halb Torvennig mied.
Er erinnerte sich nicht an die Einzelheiten. Er war zu weit hinten gestanden, zwischen den anderen Familien, an der Hand seiner Mutter, die zu fest um seine gepresst war, um noch Blut durchzulassen. Er erinnerte sich an die Stille danach, die tagelang über der Siedlung lag wie Rauch, der sich nicht verzog, und daran, wie seine Mutter in den Wochen danach immer leiser wurde, bis sie im folgenden Winter, an einer Lungenkrankheit, die man in Torvennig bekam, wenn man lange genug in den Schächten gearbeitet hatte, selbst starb und ihn allein zurückließ mit einem Namen, den halb Torvennig mied.
In den drei Monaten zwischen dem Tod seiner Mutter und der Ankunft des Werbers schlief er in der Kammer der Sennwalds, zwei Straßenzüge weiter, weil Ruriks Eltern die Einzigen waren, die ihn aufnahmen, ohne zu fragen, was sein Vater getan oder nicht getan hatte. Rurik war damals acht, zu jung, um die Last zu verstehen, aber alt genug, um seine Ration zu teilen, ohne dass es ihm ein Erwachsener hätte sagen müssen. Es war die letzte Zeit, an die sich Joscha ohne Bitterkeit erinnerte, und er hatte sie nie ganz vergessen, auch wenn zehn Jahre und ein Uniformkragen zwischen ihm und jener Kammer lagen.
In den drei Monaten zwischen dem Tod seiner Mutter und der Ankunft des Werbers schlief er in der Kammer der Sennwalds, zwei Straßenzüge weiter, weil Ruriks Eltern die Einzigen waren, die ihn aufnahmen, ohne zu fragen, was sein Vater getan oder nicht getan hatte. Rurik war damals acht, zu jung, um die Last zu verstehen, aber alt genug, um seine Ration zu teilen, ohne dass es ihm ein Erwachsener hätte sagen müssen. Es war die letzte Zeit, an die sich Joscha ohne Bitterkeit erinnerte, und er hatte sie nie ganz vergessen, auch wenn zehn Jahre und ein Uniformkragen zwischen ihm und jener Kammer lagen.
Drei Monate nach ihrem Tod kam ein Werber der Schola Progenium und nahm ihn mit, zusammen mit vierzehn anderen Kindern aus Torvennig, deren Väter oder Mütter der Dienst verschlungen hatte auf die eine oder andere Art. Niemand fragte ihn, ob er wollte, und niemand hätte es verstanden, wenn er verneint hätte: Ein Kind ohne Eltern und ohne Werk war eine Last, die das Imperium nicht trug, ohne etwas dafür zu verlangen, und die Schola war die Art, wie es diese Last in etwas Brauchbares verwandelte.
Drei Monate nach ihrem Tod kam ein Werber der Schola Progenium und nahm ihn mit, zusammen mit vierzehn anderen Kindern aus Torvennig, deren Väter oder Mütter der Dienst verschlungen hatte auf die eine oder andere Art. Niemand fragte ihn, ob er wollte, und niemand hätte es verstanden, wenn er verneint hätte: Ein Kind ohne Eltern und ohne Werk war eine Last, die das Imperium nicht trug, ohne etwas dafür zu verlangen, und die Schola war die Art, wie es diese Last in etwas Brauchbares verwandelte.
Die ersten Jahre in Drevenhall verbrachte er wie die meisten Findelkinder: in einer Ausbildung, die noch keine Richtung hatte, zwischen Exerzieren, Lesen, Katechismus und der langsamen Auslöschung all dessen, was ihn an Torvennig erinnerte. Was ihn selbst überraschte, war, dass er sich mit dreizehn freiwillig für den Kommissariats-Zweig meldete, als er zum ersten Mal die Wahl hatte, in welche Richtung sein Dienst gehen sollte. Die Lehrer nannten es Hingabe, in seiner Akte stand das Wort mehrfach. Er selbst wusste nie ganz sicher, ob es das war, oder etwas Härteres: der Wunsch, zu verstehen, welche Art Mensch die Hand hebt und ein Urteil spricht, das ein Leben in eine Randnotiz verwandelt. Manchmal, in den schlechten Nächten, konnte er den Unterschied selbst nicht mehr sagen, und manchmal fragte er sich, ob er hoffte, am Ende ein solcher Mensch zu werden, oder ob er hoffte, es niemals zu werden, und nur so nah wie möglich an die Antwort herantreten wollte, ohne sie je zu erfahren.
Die ersten Jahre in Drevenhall verbrachte er wie die meisten Findelkinder: in einer Ausbildung, die noch keine Richtung hatte, zwischen Exerzieren, Lesen, Katechismus und der langsamen Auslöschung all dessen, was ihn an Torvennig erinnerte. Was ihn selbst überraschte, war, dass er sich mit dreizehn freiwillig für den Kommissariats-Zweig meldete, als er zum ersten Mal die Wahl hatte, in welche Richtung sein Dienst gehen sollte. Die Lehrer nannten es Hingabe, in seiner Akte stand das Wort mehrfach. Er selbst wusste nie ganz sicher, ob es das war, oder etwas Härteres: der Wunsch, zu verstehen, welche Art Mensch die Hand hebt und ein Urteil spricht, das ein Leben in eine Randnotiz verwandelt. Manchmal, in den schlechten Nächten, konnte er den Unterschied selbst nicht mehr sagen, und manchmal fragte er sich, ob er hoffte, am Ende ein solcher Mensch zu werden, oder ob er hoffte, es niemals zu werden, und nur so nah wie möglich an die Antwort herantreten wollte, ohne sie je zu erfahren.
III. Die DienstanweisungIII. The Standing Instruction
Der Unterrichtsraum lag im Ostflügel, mit Fenstern, die zu schmal waren, um viel Licht hereinzulassen, und Voth stand vorn, die Dienstanweisung des Kommissariats aufgeschlagen auf dem Lesepult, obwohl er die Abschnitte auswendig kannte und sie kaum ansah.
Der Unterrichtsraum lag im Ostflügel, mit Fenstern, die zu schmal waren, um viel Licht hereinzulassen, und Voth stand vorn, die Dienstanweisung des Kommissariats aufgeschlagen auf dem Lesepult, obwohl er die Abschnitte auswendig kannte und sie kaum ansah.
„Abschnitt neun", sagte er. „Die Selbstanzeige. Wer kann sie mir erklären."
„Abschnitt neun", sagte er. „Die Selbstanzeige. Wer kann sie mir erklären."
Sael Kray meldete sich, wie fast immer zuerst. Sie war ein Jahr jünger als Joscha, aber in der Rangliste der Übungsnoten stand sie seit zwei Jahren vor ihm, und wenn sie sprach, klang es, als hätte sie nie einen Zweifel besessen, den man ihr hätte austreiben müssen.
Sael Kray meldete sich, wie fast immer zuerst. Sie war ein Jahr jünger als Joscha, aber in der Rangliste der Übungsnoten stand sie seit zwei Jahren vor ihm, und wenn sie sprach, klang es, als hätte sie nie einen Zweifel besessen, den man ihr hätte austreiben müssen.
„Ein Kommissar, der einen gebotenen Vollzug unterlässt, muss sich selbst melden. Die Anzeige prüft nicht die Entscheidung, sondern die Eignung des Entscheidenden."
„Ein Kommissar, der einen gebotenen Vollzug unterlässt, muss sich selbst melden. Die Anzeige prüft nicht die Entscheidung, sondern die Eignung des Entscheidenden."
„Richtig." Voth sah in die Reihen. „Und warum prüft sie nicht die Entscheidung?"
„Richtig." Voth sah in die Reihen. „Und warum prüft sie nicht die Entscheidung?"
Diesmal antwortete niemand sofort, und Voth ließ die Stille stehen, wie er es immer tat, bis sie unangenehm wurde, bis jemand sie aus reiner Ungeduld brechen musste.
Diesmal antwortete niemand sofort, und Voth ließ die Stille stehen, wie er es immer tat, bis sie unangenehm wurde, bis jemand sie aus reiner Ungeduld brechen musste.
„Weil es keine Formel gibt, die jede Entscheidung im Feld nachträglich richtig oder falsch macht", sagte Joscha schließlich, weil das Schweigen schwerer zu ertragen war als die Antwort. „Es gibt nur die Frage, ob der, der entschieden hat, noch der Richtige dafür ist."
„Weil es keine Formel gibt, die jede Entscheidung im Feld nachträglich richtig oder falsch macht", sagte Joscha schließlich, weil das Schweigen schwerer zu ertragen war als die Antwort. „Es gibt nur die Frage, ob der, der entschieden hat, noch der Richtige dafür ist."
Voth sah ihn einen Moment zu lange an, mit einem Ausdruck, den Joscha nicht deuten konnte, halb Prüfung, halb etwas Persönlicheres. „Korrekt, Kadett Dellin. Merken Sie sich diesen Satz. Ich vermute, Sie werden ihn noch brauchen, früher als Ihnen lieb ist."
Voth sah ihn einen Moment zu lange an, mit einem Ausdruck, den Joscha nicht deuten konnte, halb Prüfung, halb etwas Persönlicheres. „Korrekt, Kadett Dellin. Merken Sie sich diesen Satz. Ich vermute, Sie werden ihn noch brauchen, früher als Ihnen lieb ist."
Die übrige Stunde verlief wie die meisten: Fallbeispiele, Formulierungen, der Unterschied zwischen einem Vergehen, das den Vordruck K-3 verlangte, und einem, das mit einer Verwarnung endete. Joscha hörte zu, schrieb mit, und spürte doch die ganze Zeit Voths Satz nachhallen, als hätte er ihm weniger Wissen vermittelt als eine Vorahnung.
Die übrige Stunde verlief wie die meisten: Fallbeispiele, Formulierungen, der Unterschied zwischen einem Vergehen, das den Vordruck K-3 verlangte, und einem, das mit einer Verwarnung endete. Joscha hörte zu, schrieb mit, und spürte doch die ganze Zeit Voths Satz nachhallen, als hätte er ihm weniger Wissen vermittelt als eine Vorahnung.
Nach der Stunde, im Gang, sagte Kray, ohne dass Joscha sie darum gebeten hätte: „Du zögerst zu viel. Das sehen sie. Das sieht jeder in diesem Flügel, seit heute Morgen."
Nach der Stunde, im Gang, sagte Kray, ohne dass Joscha sie darum gebeten hätte: „Du zögerst zu viel. Das sehen sie. Das sieht jeder in diesem Flügel, seit heute Morgen."
„Vielleicht ist Zögern nicht dasselbe wie Zweifel."
„Vielleicht ist Zögern nicht dasselbe wie Zweifel."
„Vielleicht", sagte Kray, „ist es hier draußen egal, wie du es nennst. Ein Zug im Feld wartet nicht, bis du für dich selbst den Unterschied geklärt hast." Sie sah ihn an, nicht unfreundlich, eher mit der nüchternen Sorge einer Kameradin, die genau wusste, was auf ihn zukam. „Ich sag dir das nicht, um dich kleinzumachen, Dellin. Ich sag es, weil in zwei Jahrgängen niemand mit deinem Zögern die Ernennung erreicht hat."
„Vielleicht", sagte Kray, „ist es hier draußen egal, wie du es nennst. Ein Zug im Feld wartet nicht, bis du für dich selbst den Unterschied geklärt hast." Sie sah ihn an, nicht unfreundlich, eher mit der nüchternen Sorge einer Kameradin, die genau wusste, was auf ihn zukam. „Ich sag dir das nicht, um dich kleinzumachen, Dellin. Ich sag es, weil in zwei Jahrgängen niemand mit deinem Zögern die Ernennung erreicht hat."
IV. Die AbordnungIV. The Secondment
Die Order kam im letzten Ausbildungsjahr, wie sie für jeden Jahrgang kam: eine Abordnung von sechs Kadetten zur Truppenbetreuung an der Front, unter Aufsicht eines Instruktor-Kommissars, als letzte Prüfung vor der Ernennung. Voth führte sie selbst, was Gerüchte auslöste, die niemand laut aussprach: dass er nur die Jahrgänge begleitete, in denen er einen Fall witterte, der die Reise wert war.
Die Order kam im letzten Ausbildungsjahr, wie sie für jeden Jahrgang kam: eine Abordnung von sechs Kadetten zur Truppenbetreuung an der Front, unter Aufsicht eines Instruktor-Kommissars, als letzte Prüfung vor der Ernennung. Voth führte sie selbst, was Gerüchte auslöste, die niemand laut aussprach: dass er nur die Jahrgänge begleitete, in denen er einen Fall witterte, der die Reise wert war.
Sie landeten am Frontabschnitt Kolvenberg, einem Grabensystem, das sich zwischen zwei erodierten Höhenzügen entlangzog, unter einem Himmel, der ständig nach Rauch roch, selbst wenn gerade nichts brannte. Das Regiment dort war das 41. Belthaner, dezimiert von zwei Kampagnen, aufgefüllt mit Ersatz, der die Uniform noch nicht richtig trug, und mit Offizieren, die zu jung wirkten für die Verantwortung, die man ihnen aufgeladen hatte.
Sie landeten am Frontabschnitt Kolvenberg, einem Grabensystem, das sich zwischen zwei erodierten Höhenzügen entlangzog, unter einem Himmel, der ständig nach Rauch roch, selbst wenn gerade nichts brannte. Das Regiment dort war das 41. Belthaner, dezimiert von zwei Kampagnen, aufgefüllt mit Ersatz, der die Uniform noch nicht richtig trug, und mit Offizieren, die zu jung wirkten für die Verantwortung, die man ihnen aufgeladen hatte.
Joscha wurde einem Kompaniestab zugeteilt, mit der Aufgabe, an Stellungsbesprechungen teilzunehmen und, wie es im Befehl hieß, „erste eigene Einschätzungen zur Truppenmoral zu entwickeln." Es war eine höfliche Umschreibung dafür, dass man ihn beobachtete, wie er Soldaten beobachtete, und dass irgendwo in dieser doppelten Beobachtung die eigentliche Prüfung lag, unsichtbar, aber ständig gegenwärtig.
Joscha wurde einem Kompaniestab zugeteilt, mit der Aufgabe, an Stellungsbesprechungen teilzunehmen und, wie es im Befehl hieß, „erste eigene Einschätzungen zur Truppenmoral zu entwickeln." Es war eine höfliche Umschreibung dafür, dass man ihn beobachtete, wie er Soldaten beobachtete, und dass irgendwo in dieser doppelten Beobachtung die eigentliche Prüfung lag, unsichtbar, aber ständig gegenwärtig.
Die ersten Tage vergingen mit den üblichen Pflichten: Truppeninspektionen, das Studium der Verpflegungslisten, Gespräche mit Feldwebeln, die ihn mit einer Mischung aus Respekt und Argwohn behandelten, wie man einen jungen Priester behandelt, dessen Segen man noch nicht getestet hat. Er lernte Namen, Gesichter, die kleinen Zeichen von Erschöpfung, die ein Kompanieführer übersieht und ein aufmerksamer Beobachter nicht. Er begann zu verstehen, was Voth in all den Jahren gemeint hatte, wenn er sagte, ein Kommissar diene der Truppe zuerst, indem er sie kenne, bevor er über sie richte.
Die ersten Tage vergingen mit den üblichen Pflichten: Truppeninspektionen, das Studium der Verpflegungslisten, Gespräche mit Feldwebeln, die ihn mit einer Mischung aus Respekt und Argwohn behandelten, wie man einen jungen Priester behandelt, dessen Segen man noch nicht getestet hat. Er lernte Namen, Gesichter, die kleinen Zeichen von Erschöpfung, die ein Kompanieführer übersieht und ein aufmerksamer Beobachter nicht. Er begann zu verstehen, was Voth in all den Jahren gemeint hatte, wenn er sagte, ein Kommissar diene der Truppe zuerst, indem er sie kenne, bevor er über sie richte.
Am zweiten Abend, beim Rundgang durch die Grabenabschnitte, hörte er einen Namen, den er seit neun Jahren nicht gehört hatte, gerufen von einem Feldwebel, der eine Verpflegungsliste abhakte.
Am zweiten Abend, beim Rundgang durch die Grabenabschnitte, hörte er einen Namen, den er seit neun Jahren nicht gehört hatte, gerufen von einem Feldwebel, der eine Verpflegungsliste abhakte.
„Sennwald! Ration für vier, Abschnitt sieben!"
„Sennwald! Ration für vier, Abschnitt sieben!"
Joscha blieb stehen, mitten im Schritt, und für einen Herzschlag verschwand der Kadett am Kolvenberg ganz, und zurück blieb nur ein Junge in Torvennig, der einen Namen aus einem anderen Leben rufen hörte.
Joscha blieb stehen, mitten im Schritt, und für einen Herzschlag verschwand der Kadett am Kolvenberg ganz, und zurück blieb nur ein Junge in Torvennig, der einen Namen aus einem anderen Leben rufen hörte.
V. Ein Name aus TorvennigV. A Name from Torvennig
Rurik Sennwald hatte sich kaum verändert, jedenfalls nicht im Gesicht, auch wenn der Krieg ihm die Statur eines Mannes gegeben hatte, die er als Junge in Torvennig noch nicht besessen hatte. Sie waren zusammen aufgewachsen, zwei Straßenzüge voneinander entfernt, hatten dieselbe Fördergrubenschule besucht, bevor Joschas Vater fiel und die Wege sich trennten, einer in die Schola, der andere, wie es die meisten Jungen aus Torvennig taten, mit vierzehn in die nächste Aushebung.
Rurik Sennwald hatte sich kaum verändert, jedenfalls nicht im Gesicht, auch wenn der Krieg ihm die Statur eines Mannes gegeben hatte, die er als Junge in Torvennig noch nicht besessen hatte. Sie waren zusammen aufgewachsen, zwei Straßenzüge voneinander entfernt, hatten dieselbe Fördergrubenschule besucht, bevor Joschas Vater fiel und die Wege sich trennten, einer in die Schola, der andere, wie es die meisten Jungen aus Torvennig taten, mit vierzehn in die nächste Aushebung.
„Dellin?" Rurik starrte ihn an, die Verpflegungskiste noch im Arm, als hätte er einen Toten sprechen sehen. „Bei allen Heiligen. Du trägst die Uniform."
„Dellin?" Rurik starrte ihn an, die Verpflegungskiste noch im Arm, als hätte er einen Toten sprechen sehen. „Bei allen Heiligen. Du trägst die Uniform."
„Kadett", sagte Joscha, „noch nicht Kommissar."
„Kadett", sagte Joscha, „noch nicht Kommissar."
„Noch nicht." Rurik lachte, kurz und ohne rechten Grund, dann wurde sein Gesicht ernst. „Ich hab gehört, was aus deinem Vater wurde. Es tut mir leid. Es hat mir schon damals leidgetan, auch wenn ich nicht wusste, wie ich's dir hätte sagen sollen."
„Noch nicht." Rurik lachte, kurz und ohne rechten Grund, dann wurde sein Gesicht ernst. „Ich hab gehört, was aus deinem Vater wurde. Es tut mir leid. Es hat mir schon damals leidgetan, auch wenn ich nicht wusste, wie ich's dir hätte sagen sollen."
„Das ist zehn Jahre her."
„Das ist zehn Jahre her."
„Manche Dinge werden nicht kürzer, nur weil man sie nicht mehr anspricht."
„Manche Dinge werden nicht kürzer, nur weil man sie nicht mehr anspricht."
Sie redeten eine Weile, im Schutz eines Munitionsunterstands, über Torvennig, über Leute, die sie beide gekannt hatten, über den Zufall, der sie an denselben Frontabschnitt gespült hatte, aus zwei völlig verschiedenen Richtungen. Rurik erzählte von seinem ersten Gefecht, mit der übertriebenen Beiläufigkeit eines Mannes, der noch nicht lange genug diente, um zu wissen, wovon er wirklich sprach, und Joscha erkannte in diesem Ton etwas von sich selbst wieder, von der Zeit, bevor die Schola ihm beigebracht hatte, jedes Gefühl hinter einer Formel zu verstecken.
Sie redeten eine Weile, im Schutz eines Munitionsunterstands, über Torvennig, über Leute, die sie beide gekannt hatten, über den Zufall, der sie an denselben Frontabschnitt gespült hatte, aus zwei völlig verschiedenen Richtungen. Rurik erzählte von seinem ersten Gefecht, mit der übertriebenen Beiläufigkeit eines Mannes, der noch nicht lange genug diente, um zu wissen, wovon er wirklich sprach, und Joscha erkannte in diesem Ton etwas von sich selbst wieder, von der Zeit, bevor die Schola ihm beigebracht hatte, jedes Gefühl hinter einer Formel zu verstecken.
„Und du?", fragte Rurik schließlich. „Bereust du's? Die Uniform?"
„Und du?", fragte Rurik schließlich. „Bereust du's? Die Uniform?"
Joscha überlegte lange, bevor er antwortete, länger, als eine solche Frage eigentlich verdiente. „Ich weiß es noch nicht", sagte er schließlich, und es war das Ehrlichste, was er seit Monaten zu jemandem gesagt hatte.
Joscha überlegte lange, bevor er antwortete, länger, als eine solche Frage eigentlich verdiente. „Ich weiß es noch nicht", sagte er schließlich, und es war das Ehrlichste, was er seit Monaten zu jemandem gesagt hatte.
„Wir sollten uns wiedersehen, wenn hier alles vorbei ist", sagte Rurik zum Abschied. „Wie früher, ohne dass einer von uns eine Uniform trägt, die dem anderen etwas zu sagen hat."
„Wir sollten uns wiedersehen, wenn hier alles vorbei ist", sagte Rurik zum Abschied. „Wie früher, ohne dass einer von uns eine Uniform trägt, die dem anderen etwas zu sagen hat."
Joscha nickte, und für einen Moment glaubte er es beinahe selbst.
Joscha nickte, und für einen Moment glaubte er es beinahe selbst.
VI. Der ZusammenbruchVI. The Collapse
Der Angriff kam drei Nächte später, ohne die Vorwarnung, die man sich erhofft hatte: Ork-Landungskapseln, die aus einem klaren Nachthimmel fielen, und binnen Minuten ein Gefecht, das sich über den ganzen Kolvenberg-Abschnitt zog, Mündungsfeuer und das tiefe, unregelmäßige Krachen von Orkgeschützen, die niemand rechtzeitig hatte lokalisieren können. Joscha lag mit dem Kompaniestab im hinteren Grabenteil, als der Funk aus Abschnitt sieben abriss, dort, wo Ruriks Zug lag, mitten im dichtesten Teil des Ansturms. Über dem Kompaniestab hörte man das Gefecht eher, als man es sah: das trockene Bellen der Lasgewehre, unterbrochen vom schwereren, unregelmäßigen Krachen der Orkwaffen, und dazwischen, in den kurzen Pausen, ein Kreischen, das keiner der jüngeren Offiziere im Stab schon einmal gehört hatte und das niemand beim Namen nannte.
Der Angriff kam drei Nächte später, ohne die Vorwarnung, die man sich erhofft hatte: Ork-Landungskapseln, die aus einem klaren Nachthimmel fielen, und binnen Minuten ein Gefecht, das sich über den ganzen Kolvenberg-Abschnitt zog, Mündungsfeuer und das tiefe, unregelmäßige Krachen von Orkgeschützen, die niemand rechtzeitig hatte lokalisieren können. Joscha lag mit dem Kompaniestab im hinteren Grabenteil, als der Funk aus Abschnitt sieben abriss, dort, wo Ruriks Zug lag, mitten im dichtesten Teil des Ansturms. Über dem Kompaniestab hörte man das Gefecht eher, als man es sah: das trockene Bellen der Lasgewehre, unterbrochen vom schwereren, unregelmäßigen Krachen der Orkwaffen, und dazwischen, in den kurzen Pausen, ein Kreischen, das keiner der jüngeren Offiziere im Stab schon einmal gehört hatte und das niemand beim Namen nannte.
Was danach kam, setzte sich erst am nächsten Morgen aus Berichten zusammen, unvollständig und widersprüchlich, wie es nach jedem Gefecht war, wenn jeder Überlebende nur den schmalen Ausschnitt kannte, den er selbst gesehen hatte. Abschnitt sieben hatte dem ersten Ansturm knapp zwanzig Minuten standgehalten, dann war die Linie gebrochen, an genau der Stelle, wo Rurik postiert war. Zeugen sprachen von einem Mann, der seinen Posten verließ, bevor der Befehl zum geordneten Rückzug kam, von einer Lücke, die drei Ork-Sturmtrupps durchließ, bevor die Nachbarabschnitte sie unter hohen eigenen Verlusten schlossen. Sechs Soldaten waren tot, die diese Lücke nicht hätten überleben müssen, wenn sie geschlossen geblieben wäre, darunter zwei, die man erst am Morgen unter dem eingestürzten Grabenabschnitt fand.
Was danach kam, setzte sich erst am nächsten Morgen aus Berichten zusammen, unvollständig und widersprüchlich, wie es nach jedem Gefecht war, wenn jeder Überlebende nur den schmalen Ausschnitt kannte, den er selbst gesehen hatte. Abschnitt sieben hatte dem ersten Ansturm knapp zwanzig Minuten standgehalten, dann war die Linie gebrochen, an genau der Stelle, wo Rurik postiert war. Zeugen sprachen von einem Mann, der seinen Posten verließ, bevor der Befehl zum geordneten Rückzug kam, von einer Lücke, die drei Ork-Sturmtrupps durchließ, bevor die Nachbarabschnitte sie unter hohen eigenen Verlusten schlossen. Sechs Soldaten waren tot, die diese Lücke nicht hätten überleben müssen, wenn sie geschlossen geblieben wäre, darunter zwei, die man erst am Morgen unter dem eingestürzten Grabenabschnitt fand.
Rurik selbst wurde bei Tagesanbruch gefunden, zweihundert Meter hinter der Linie, unverletzt, kauernd in einem Granattrichter, das Gewehr noch geladen, aber ungeschossen, die Augen weit und leer, als könnte er selbst nicht sagen, wie er dorthin gekommen war.
Rurik selbst wurde bei Tagesanbruch gefunden, zweihundert Meter hinter der Linie, unverletzt, kauernd in einem Granattrichter, das Gewehr noch geladen, aber ungeschossen, die Augen weit und leer, als könnte er selbst nicht sagen, wie er dorthin gekommen war.
Joscha erfuhr den Namen aus dem Munde eines Feldwebels, bevor er ihn in einem offiziellen Bericht las, der ihm eine Stunde später vorgelegt wurde, mit der nüchternen Sprache solcher Berichte, die jedes Grauen in eine Aufzählung von Zeiten und Positionen presste. Für einen Moment stand die Welt still, mit derselben Stille, die er als Neunjähriger in Torvennig gekannt hatte, und er begriff, mit einer Klarheit, die ihn selbst erschreckte, dass diese Stille ihn nie wirklich verlassen hatte.
Joscha erfuhr den Namen aus dem Munde eines Feldwebels, bevor er ihn in einem offiziellen Bericht las, der ihm eine Stunde später vorgelegt wurde, mit der nüchternen Sprache solcher Berichte, die jedes Grauen in eine Aufzählung von Zeiten und Positionen presste. Für einen Moment stand die Welt still, mit derselben Stille, die er als Neunjähriger in Torvennig gekannt hatte, und er begriff, mit einer Klarheit, die ihn selbst erschreckte, dass diese Stille ihn nie wirklich verlassen hatte.
VII. Das UrteilVII. The Verdict
Voth ließ sich den Bericht zweimal vorlesen, in seinem Feldquartier, einem ehemaligen Beobachtungsbunker mit einem einzigen Lichtschacht, und stellte dann nur eine Frage an den anwesenden Kompanieführer.
Voth ließ sich den Bericht zweimal vorlesen, in seinem Feldquartier, einem ehemaligen Beobachtungsbunker mit einem einzigen Lichtschacht, und stellte dann nur eine Frage an den anwesenden Kompanieführer.
„Gibt es einen Zweifel an den Zeugenaussagen?"
„Gibt es einen Zweifel an den Zeugenaussagen?"
„Nein, Herr Kommissar. Drei unabhängige, sich deckende Aussagen, dazu die Fundlage."
„Nein, Herr Kommissar. Drei unabhängige, sich deckende Aussagen, dazu die Fundlage."
Voth nickte, schloss die Mappe und wandte sich an Joscha, der an der Tür stand, weil man ihn gerufen hatte, ohne ihm zu sagen, wofür.
Voth nickte, schloss die Mappe und wandte sich an Joscha, der an der Tür stand, weil man ihn gerufen hatte, ohne ihm zu sagen, wofür.
„Kadett Dellin. Sie kennen den Soldaten Sennwald."
„Kadett Dellin. Sie kennen den Soldaten Sennwald."
Es war keine Frage. Joscha spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Ja, Herr Kommissar. Aus Torvennig. Von vor der Schola."
Es war keine Frage. Joscha spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Ja, Herr Kommissar. Aus Torvennig. Von vor der Schola."
„Das weiß ich." Voth sah ihn an, ohne jede Milde, aber auch ohne Grausamkeit, mit dem nüchternen Blick eines Mannes, der eine Entscheidung längst getroffen hatte, bevor er den Raum betrat. „Deshalb sind Sie es, der den Vollzug durchführt. Nicht ich, und nicht einer der anderen fünf Kadetten dieser Abordnung."
„Das weiß ich." Voth sah ihn an, ohne jede Milde, aber auch ohne Grausamkeit, mit dem nüchternen Blick eines Mannes, der eine Entscheidung längst getroffen hatte, bevor er den Raum betrat. „Deshalb sind Sie es, der den Vollzug durchführt. Nicht ich, und nicht einer der anderen fünf Kadetten dieser Abordnung."
„Herr Kommissar, ich bin nicht ernannt. Ich bin Kadett."
„Herr Kommissar, ich bin nicht ernannt. Ich bin Kadett."
„Ein Kadett im letzten Jahr, unter Aufsicht, mit einer gültigen Order." Voth reichte ihm die Mappe. „Die Dienstanweisung verlangt einen Vollstrecker, keinen fertigen Kommissar, wenn ein Ausbilder die Vollmacht überträgt. Sie haben in meinem Unterricht selbst gesagt, worauf es ankommt: nicht die Formel, sondern ob der, der entscheidet, noch der Richtige dafür ist. Jetzt zeigen Sie es, statt es zu zitieren."
„Ein Kadett im letzten Jahr, unter Aufsicht, mit einer gültigen Order." Voth reichte ihm die Mappe. „Die Dienstanweisung verlangt einen Vollstrecker, keinen fertigen Kommissar, wenn ein Ausbilder die Vollmacht überträgt. Sie haben in meinem Unterricht selbst gesagt, worauf es ankommt: nicht die Formel, sondern ob der, der entscheidet, noch der Richtige dafür ist. Jetzt zeigen Sie es, statt es zu zitieren."
Joscha hielt die Mappe, ohne sie wirklich zu spüren, das Papier auf einmal schwerer als jedes Gewehr, das er je getragen hatte. „Und wenn ich es nicht kann?"
Joscha hielt die Mappe, ohne sie wirklich zu spüren, das Papier auf einmal schwerer als jedes Gewehr, das er je getragen hatte. „Und wenn ich es nicht kann?"
„Dann melden Sie sich selbst nach Abschnitt neun, sobald wir zur Schola zurückkehren, und wir sprechen über eine andere Laufbahn für Sie. Es gibt ehrenhafte Wege im Dienst des Imperiums, die keinen Vollzug verlangen." Voth stand auf, und zum ersten Mal seit Joscha ihn kannte, klang seine Stimme wie die eines Mannes, der selbst einmal an derselben Stelle gestanden hatte, kaum noch wie die eines Ausbilders. „Das ist keine Grausamkeit, Kadett. Das ist die einzige ehrliche Prüfung, die es gibt, und ich wünschte, jemand hätte sie mir damals so klar erklärt, wie ich sie Ihnen jetzt erkläre.
„Dann melden Sie sich selbst nach Abschnitt neun, sobald wir zur Schola zurückkehren, und wir sprechen über eine andere Laufbahn für Sie. Es gibt ehrenhafte Wege im Dienst des Imperiums, die keinen Vollzug verlangen." Voth stand auf, und zum ersten Mal seit Joscha ihn kannte, klang seine Stimme wie die eines Mannes, der selbst einmal an derselben Stelle gestanden hatte, kaum noch wie die eines Ausbilders. „Das ist keine Grausamkeit, Kadett. Das ist die einzige ehrliche Prüfung, die es gibt, und ich wünschte, jemand hätte sie mir damals so klar erklärt, wie ich sie Ihnen jetzt erkläre.
VIII. Die Nacht davorVIII. The Night Before
Sie hielten Rurik in einem Versorgungszelt am Rand des Lagers, bewacht, aber nicht gefesselt, weil er nirgendwohin fliehen konnte, wo Ork-Nachzügler noch durch das umliegende Gelände streiften. Joscha bat um Erlaubnis, ihn zu sehen, und Voth gewährte sie, ohne eine Bedingung zu nennen, was fast schlimmer war, als wenn er eine gestellt hätte.
Sie hielten Rurik in einem Versorgungszelt am Rand des Lagers, bewacht, aber nicht gefesselt, weil er nirgendwohin fliehen konnte, wo Ork-Nachzügler noch durch das umliegende Gelände streiften. Joscha bat um Erlaubnis, ihn zu sehen, und Voth gewährte sie, ohne eine Bedingung zu nennen, was fast schlimmer war, als wenn er eine gestellt hätte.
Rurik saß auf einer Munitionskiste, die Hände zwischen den Knien, und sah nicht auf, als Joscha eintrat.
Rurik saß auf einer Munitionskiste, die Hände zwischen den Knien, und sah nicht auf, als Joscha eintrat.
„Sie schicken dich", sagte er, nicht als Frage.
„Sie schicken dich", sagte er, nicht als Frage.
„Ja."
„Ja."
„Das ist..." Rurik lachte wieder, dasselbe kurze, haltlose Lachen wie am ersten Abend, jetzt ohne jede Freude darin. „Das ist beinahe ein Witz, findest du nicht? Von allen Kommissaren auf diesem verfluchten Planeten."
„Das ist..." Rurik lachte wieder, dasselbe kurze, haltlose Lachen wie am ersten Abend, jetzt ohne jede Freude darin. „Das ist beinahe ein Witz, findest du nicht? Von allen Kommissaren auf diesem verfluchten Planeten."
„Ich hab nicht darum gebeten."
„Ich hab nicht darum gebeten."
„Ich weiß." Rurik sah ihn endlich an, und in seinem Gesicht lag keine Wut, nur eine Müdigkeit, die älter wirkte als sein Alter. „Ich bin gerannt, Joscha. Ich hab die Kapseln fallen sehen, und ich bin einfach gerannt, ohne nachzudenken, und sechs Männer sind tot, weil die Lücke offenblieb. Es gibt keine Entschuldigung, die das kleiner macht. Ich hab's versucht, in meinem Kopf, die ganze Nacht, jeden möglichen Satz, und keiner reicht."
„Ich weiß." Rurik sah ihn endlich an, und in seinem Gesicht lag keine Wut, nur eine Müdigkeit, die älter wirkte als sein Alter. „Ich bin gerannt, Joscha. Ich hab die Kapseln fallen sehen, und ich bin einfach gerannt, ohne nachzudenken, und sechs Männer sind tot, weil die Lücke offenblieb. Es gibt keine Entschuldigung, die das kleiner macht. Ich hab's versucht, in meinem Kopf, die ganze Nacht, jeden möglichen Satz, und keiner reicht."
Joscha setzte sich neben ihn, auf die kalte Erde, weil es keine zweite Kiste gab. „Warum bist du gerannt?"
Joscha setzte sich neben ihn, auf die kalte Erde, weil es keine zweite Kiste gab. „Warum bist du gerannt?"
„Ich weiß es nicht. Ich hatte gedacht, ich wäre bereit. Man denkt das immer, bis es passiert, und dann ist der Körper schneller als jeder Gedanke, den man sich vorher zurechtgelegt hat." Rurik sah ihn an. „Wirst du zögern?"
„Ich weiß es nicht. Ich hatte gedacht, ich wäre bereit. Man denkt das immer, bis es passiert, und dann ist der Körper schneller als jeder Gedanke, den man sich vorher zurechtgelegt hat." Rurik sah ihn an. „Wirst du zögern?"
Die Frage stand zwischen ihnen, ehrlicher als alles, was Voth je gefragt hatte.
Die Frage stand zwischen ihnen, ehrlicher als alles, was Voth je gefragt hatte.
„Ich weiß es nicht", sagte Joscha, und es war die erste vollständig ehrliche Antwort, die er seit Jahren auf diese Art Frage gegeben hatte.
„Ich weiß es nicht", sagte Joscha, und es war die erste vollständig ehrliche Antwort, die er seit Jahren auf diese Art Frage gegeben hatte.
Rurik nickte, langsam, fast erleichtert, als wäre eine ehrliche Ungewissheit leichter zu ertragen als ein falsches Versprechen. Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander, wie zwei Jungen aus Torvennig, die einen Moment vor dem Einschlafen noch über nichts Bestimmtes reden, nur um nicht allein zu sein mit dem, was der nächste Tag brachte.
Rurik nickte, langsam, fast erleichtert, als wäre eine ehrliche Ungewissheit leichter zu ertragen als ein falsches Versprechen. Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander, wie zwei Jungen aus Torvennig, die einen Moment vor dem Einschlafen noch über nichts Bestimmtes reden, nur um nicht allein zu sein mit dem, was der nächste Tag brachte.
„Dann lass es wenigstens schnell gehen, wenn es so weit ist", sagte Rurik schließlich. „Für Torvennig, wenn schon für nichts sonst."
„Dann lass es wenigstens schnell gehen, wenn es so weit ist", sagte Rurik schließlich. „Für Torvennig, wenn schon für nichts sonst."
IX. Der VollzugIX. The Execution
Sie führten Rurik im Morgengrauen zum Rand des Lagers, dorthin, wo das Gelände zu einer flachen Senke abfiel und der Nebel noch zwischen den Kratern hing, dicht genug, dass die Umrisse der wartenden Männer erst spät Gestalt annahmen. Der Kompanieführer verlas den Befund, knapp und ohne Umschweife: Verlassen des Postens unter Feindeinwirkung, Verlust von sechs Soldaten der eigenen Truppe, Bestätigung durch drei unabhängige Zeugen.
Sie führten Rurik im Morgengrauen zum Rand des Lagers, dorthin, wo das Gelände zu einer flachen Senke abfiel und der Nebel noch zwischen den Kratern hing, dicht genug, dass die Umrisse der wartenden Männer erst spät Gestalt annahmen. Der Kompanieführer verlas den Befund, knapp und ohne Umschweife: Verlassen des Postens unter Feindeinwirkung, Verlust von sechs Soldaten der eigenen Truppe, Bestätigung durch drei unabhängige Zeugen.
Voth stand einen Schritt zurück, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und sagte nichts, was Joscha mehr Angst machte als jede Ermahnung es getan hätte.
Voth stand einen Schritt zurück, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und sagte nichts, was Joscha mehr Angst machte als jede Ermahnung es getan hätte.
Rurik stand aufrecht, die Augen auf einen Punkt jenseits der Senke gerichtet, nicht auf Joscha, als wäre das seine letzte Freundlichkeit, das Einzige, was er ihm noch geben konnte.
Rurik stand aufrecht, die Augen auf einen Punkt jenseits der Senke gerichtet, nicht auf Joscha, als wäre das seine letzte Freundlichkeit, das Einzige, was er ihm noch geben konnte.
Joscha zog die Dienstpistole, und seine Hand zitterte nicht, was ihn selbst überraschte, als hätte sich in der Nacht etwas in ihm neu geordnet, ohne dass er es bemerkt hätte. Er dachte an seinen Vater, an die Stille, die tagelang über Torvennig gelegen hatte, an Voths Satz über die Formel, die keine Entscheidung im Voraus richtig machte. Er dachte, für den Bruchteil eines Atemzugs, dass er weglaufen könnte, dass es einen Ausweg geben müsste, der niemandem etwas nahm, eine dritte Möglichkeit jenseits von Vollzug und Selbstanzeige. Er wusste, noch während er es dachte, dass es sie nicht gab, dass es sie nie gegeben hatte, für niemanden, der je auf diesem Fleck Erde gestanden hatte, auch nicht für den Kommissar, der einst vor seinem Vater gestanden hatte. Er dachte an Kray, die nie gezögert hätte, und wusste in diesem Moment, dass ihr Weg nicht seiner war und es auch nie hätte sein können, dass die Sicherheit, die sie besaß, kein Vorbild war, sondern nur eine andere Art, mit demselben Gewicht zu leben.
Joscha zog die Dienstpistole, und seine Hand zitterte nicht, was ihn selbst überraschte, als hätte sich in der Nacht etwas in ihm neu geordnet, ohne dass er es bemerkt hätte. Er dachte an seinen Vater, an die Stille, die tagelang über Torvennig gelegen hatte, an Voths Satz über die Formel, die keine Entscheidung im Voraus richtig machte. Er dachte, für den Bruchteil eines Atemzugs, dass er weglaufen könnte, dass es einen Ausweg geben müsste, der niemandem etwas nahm, eine dritte Möglichkeit jenseits von Vollzug und Selbstanzeige. Er wusste, noch während er es dachte, dass es sie nicht gab, dass es sie nie gegeben hatte, für niemanden, der je auf diesem Fleck Erde gestanden hatte, auch nicht für den Kommissar, der einst vor seinem Vater gestanden hatte. Er dachte an Kray, die nie gezögert hätte, und wusste in diesem Moment, dass ihr Weg nicht seiner war und es auch nie hätte sein können, dass die Sicherheit, die sie besaß, kein Vorbild war, sondern nur eine andere Art, mit demselben Gewicht zu leben.
„Für Torvennig", sagte er leise, so leise, dass nur Rurik es hören konnte, und drückte ab.
„Für Torvennig", sagte er leise, so leise, dass nur Rurik es hören konnte, und drückte ab.
Der Nebel schluckte den Knall schneller, als Joscha erwartet hatte.
Der Nebel schluckte den Knall schneller, als Joscha erwartet hatte.
Er stand noch einen Moment da, die Waffe schwer in der Hand, und spürte nichts von der Erleichterung, die er sich, ohne es sich einzugestehen, erhofft hatte. Nur ein Gewicht, das sich einrichtete, als hätte es schon immer dort gewohnt und nur auf diesen Morgen gewartet, um endlich einzuziehen.
Er stand noch einen Moment da, die Waffe schwer in der Hand, und spürte nichts von der Erleichterung, die er sich, ohne es sich einzugestehen, erhofft hatte. Nur ein Gewicht, das sich einrichtete, als hätte es schon immer dort gewohnt und nur auf diesen Morgen gewartet, um endlich einzuziehen.
X. Die zweite AusfertigungX. The Second Copy
Sie kehrten neun Tage später zur Schola Progenium Drevenhall zurück, und Voth unterschrieb noch am Abend der Ankunft die Ernennungspapiere für vier der sechs Kadetten der Abordnung. Joscha war einer davon. Sael Kray gratulierte ihm im Vorbeigehen, ehrlich gemeint, wie er annahm, auch wenn sie den Grund für seine Ernennung nie ansprach und er ihn ihr auch nie erzählte.
Sie kehrten neun Tage später zur Schola Progenium Drevenhall zurück, und Voth unterschrieb noch am Abend der Ankunft die Ernennungspapiere für vier der sechs Kadetten der Abordnung. Joscha war einer davon. Sael Kray gratulierte ihm im Vorbeigehen, ehrlich gemeint, wie er annahm, auch wenn sie den Grund für seine Ernennung nie ansprach und er ihn ihr auch nie erzählte.
Er füllte den Vordruck K-3 selbst aus, in der ersten Nacht als vereidigter Kommissar, mit einer Hand, die diesmal doch zitterte, wenn auch nur wenig. Feld sechs, das Kurzwort für den Anlass: keines der neun zulässigen Worte war leicht, und keines davon war Trost, aber er wählte das zutreffende und ließ die anderen acht, wo sie standen.
Er füllte den Vordruck K-3 selbst aus, in der ersten Nacht als vereidigter Kommissar, mit einer Hand, die diesmal doch zitterte, wenn auch nur wenig. Feld sechs, das Kurzwort für den Anlass: keines der neun zulässigen Worte war leicht, und keines davon war Trost, aber er wählte das zutreffende und ließ die anderen acht, wo sie standen.
Was er nicht in den Vordruck schrieb, weil es dafür keine Meldeform gab, war das, was ältere Kommissare untereinander nie offen ansprachen, aber jeder kannte: die zweite Ausfertigung, das Verzeichnis, das ausschließlich im Gedächtnis geführt wurde, weil jede Niederschrift nach Abschnitt vierzehn in den Nachlass fiel und dort geöffnet wurde. Seine erste Eintragung war kein Nichtvollzug, den er unterlassen hatte. Es war ein Name, ein Morgen, ein Nebel, der einen Schuss schneller schluckte, als er erwartet hatte, und er wusste, noch bevor der erste Tag als Kommissar zu Ende war, dass diese Eintragung ihn nie wieder verlassen würde.
Was er nicht in den Vordruck schrieb, weil es dafür keine Meldeform gab, war das, was ältere Kommissare untereinander nie offen ansprachen, aber jeder kannte: die zweite Ausfertigung, das Verzeichnis, das ausschließlich im Gedächtnis geführt wurde, weil jede Niederschrift nach Abschnitt vierzehn in den Nachlass fiel und dort geöffnet wurde. Seine erste Eintragung war kein Nichtvollzug, den er unterlassen hatte. Es war ein Name, ein Morgen, ein Nebel, der einen Schuss schneller schluckte, als er erwartet hatte, und er wusste, noch bevor der erste Tag als Kommissar zu Ende war, dass diese Eintragung ihn nie wieder verlassen würde.
Den Zweifel, den Voth in ihm gesehen hatte, an jenem ersten Morgenappell, hatte der Vollzug nicht beseitigt. Er hatte ihn nur in etwas verwandelt, das schwerer wog und leiser war, etwas, das er von nun an bei jedem Urteil mit sich tragen würde: das Einzige, was ihn noch von der bloßen Formel unterschied, die er von diesem Tag an aussprechen würde, so oft der Dienst es verlangte. Vielleicht war genau das, dachte er, während er die letzte Zeile des Vordrucks unterschrieb, der Unterschied zwischen einem Mann, der Urteile spricht, und einem, der sie noch spürt, jedes einzelne, bis an sein Lebensende.
Den Zweifel, den Voth in ihm gesehen hatte, an jenem ersten Morgenappell, hatte der Vollzug nicht beseitigt. Er hatte ihn nur in etwas verwandelt, das schwerer wog und leiser war, etwas, das er von nun an bei jedem Urteil mit sich tragen würde: das Einzige, was ihn noch von der bloßen Formel unterschied, die er von diesem Tag an aussprechen würde, so oft der Dienst es verlangte. Vielleicht war genau das, dachte er, während er die letzte Zeile des Vordrucks unterschrieb, der Unterschied zwischen einem Mann, der Urteile spricht, und einem, der sie noch spürt, jedes einzelne, bis an sein Lebensende.
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