DIE ZWEITE MAUERDIE ZWEITE MAUER

Teil II der Novelle „Die Schande-Kammer"Teil II der Novelle „Die Schande-Kammer"

Salamanders · Die Feuerhüter von Nocturne

Teil 2 von 2Part 2 of 2 · 30 Min. Lesezeit30 min read

„Ein Schwur, der nie geprüft wurde, ist nur ein Versprechen, das noch schläft."

„Ein Schwur, der nie geprüft wurde, ist nur ein Versprechen, das noch schläft."

— Aus dem Buch der Schwüre, Anmerkung des Ordenspriester Vel'Schwur, undatiert

XIII. DER JUNGE, DER DIE SCHLANGE ZÄHLTEXIII. DER JUNGE, DER DIE SCHLANGE ZÄHLTE

Corin Vale war sieben Jahre alt, als er zum ersten Mal die Zahl hörte, die sein ganzes Leben bestimmen würde, ohne dass er es damals verstand.

Es war ein Abend im vierten Bezirk, in der Art von Dämmerung, die es auf Ossilar nur gab, wenn der Manufactorum-Rauch tief genug hing, um das Licht der beiden Monde in ein schmutziges Orange zu verwandeln, und seine Mutter saß am Tisch, die Hände um eine Tasse abgestandenen Rekaf gelegt, und sprach mit der Nachbarin, Frau Yulen, über etwas, das die Erwachsenen „den Tag" nannten, immer mit diesem besonderen Ton, der Kindern signalisierte: *das ist nicht für euch bestimmt, aber ihr werdet es sowieso hören.*

„Vierzigtausend", sagte Frau Yulen. „Das ist die Zahl, die sie am Ende zugegeben haben. Vierzigtausend, die es nicht geschafft haben."

„Aldric war einer von ihnen", sagte seine Mutter, und ihre Stimme veränderte sich nicht, wurde weder lauter noch leiser, was Corin schon damals seltsamer fand als jedes Weinen. „Er hat drei Familien vor sich gelassen. Die Toreks. Die Fenn-Zwillinge und ihre Großmutter. Die Anwohnerin aus der zweiten Etage, deren Namen ich nie erfahren habe."

„Er war ein guter Mann."

„Er war ein toter Mann, der ein guter Mann war, bevor er starb." Ein Klirren, als die Tasse auf den Tisch zurückgestellt wurde, zu hart. „Das ist nicht dasselbe, Yulen, und ich werde nie aufhören, den Unterschied zu spüren."

Corin, der auf der Schwelle zum Nebenraum saß, wo er hätte schlafen sollen, verstand in diesem Moment nur einen Bruchteil dessen, was gesagt wurde. Aber er verstand genug, um zu wissen, dass sein Vater — den er sich nur noch als ein Gefühl von Größe und Rauch und einer tiefen, langsamen Stimme erinnerte, denn er war zwei Jahre alt gewesen, als Aldric Vale starb — nicht einfach gestorben war. Er war *zurückgeblieben*. Es gab einen Unterschied zwischen diesen beiden Dingen, einen Unterschied, den die Erwachsenen um ihn herum jeden Tag seines Lebens mit sich trugen wie einen Stein in der Tasche, den man nicht mehr spürte, bis man danach griff.

In den Jahren danach lernte Corin die Geschichte in Fragmenten, so wie man eine Legende lernt, die zu groß ist, um sie auf einmal zu erzählen. Er lernte, dass die Kettenfeste über ihnen — der goldene Strich am Himmel, den er als Kind für einen zweiten, seltsam eckigen Mond gehalten hatte — an jenem Tag eine Entscheidung getroffen hatte, die es in ihrer zweihundertjährigen Geschichte nie zuvor gegeben hatte. Er lernte, dass ein Hauptmann namens Vel'Kaddar den Schacht offengehalten hatte, länger, als das Gesetz seines Ordens es erlaubte, aber nicht lange genug, um jeden zu retten. Er lernte, dass sein Vater zu den letzten in der Schlange gehört hatte, weil er — das erzählte man sich in seinem Bezirk mit einer Mischung aus Stolz und Bitterkeit — drei Familien vor sich vorgelassen hatte, eine nach der anderen, bis keine Zeit mehr für ihn selbst geblieben war.

Er lernte auch, dass ein anderer, ein Hauptmann der Feuerhüter namens Bre'kar, mit eigenen Händen Kinder und Alte durch denselben Schacht getragen hatte, bevor er sich schloss — dass eines dieser Kinder ein Mädchen war, das heute, achtundzwanzig Jahre alt, im dritten Bezirk lebte und dort mit den Kindern des Viertels über genau diese Geschichte sprach, wenn sie danach fragten, mit der besonderen Autorität eines Menschen, der dabei gewesen war.

Corin hatte Mira zum ersten Mal getroffen, als er zwölf war, in der öffentlichen Bibliothek des vierten Bezirks, die nach dem Wiederaufbau in einem ehemaligen Manufactorum-Lager untergebracht worden war. Sie arbeitete dort halbtags, katalogisierte Aufzeichnungen für die Wiederaufbau-Behörde, und als sie sah, wie er mit fiebriger Konzentration eine alte Chronik der Goldenen Mauer durchblätterte, hatte sie sich zu ihm gesetzt, ohne zu fragen, ob er das wollte.

„Du suchst nach dem Namen Vale", hatte sie gesagt. Keine Frage.

„Woher weißt du das?"

„Weil ich es auch getan habe. Jeder, der hier aufgewachsen ist und jemanden verloren hat, sucht irgendwann nach dem Namen." Sie hatte ihm ein anderes Buch gezeigt, dünner, weniger offiziell — eine private Sammlung von Zeugenberichten, die die Zivilverwaltung nach der Belagerung zusammengetragen hatte. „Dein Vater ist dort erwähnt. Nicht mit Namen. Aber es gibt einen Bericht von einer Frau, die beschreibt, wie ein Mann drei Familien vorließ, während die letzten Minuten liefen. Ich glaube, das war er."

Corin hatte das Buch gelesen, dort, in der stillen Bibliothek, während draußen der Wiederaufbau von Skara weiterging, Kran um Kran, Straße um Straße, als würde die Stadt versuchen, so schnell zu wachsen, dass sie die Narbe unter ihrer Haut vergessen könnte. Er hatte gelesen und etwas gespürt, das er erst Jahre später als das erkannte, was es war: nicht nur Trauer, sondern der Beginn einer Frage, die er nie ganz loswerden würde.

*War es die Entscheidung des Hauptmanns, die meinen Vater tötete? Oder war es die Entscheidung meines Vaters selbst?*

Er stellte sich die Frage zum ersten Mal mit zwölf Jahren. Er würde sie sich noch viele Male stellen, in den Jahren, die folgten, während er heranwuchs unter dem Schatten einer Festung, die er gleichzeitig hasste und über alles bewunderte, bis er mit neunzehn Jahren zu dem Entschluss kam, den seine Mutter mit einer Mischung aus Entsetzen und einer Art grimmigem Verständnis aufnahm: Er würde sich als Aspirant bei der Goldenen Mauer melden.

„Du willst zu ihnen gehen", sagte sie, als er es ihr eröffnete, an einem Abend, der jenem ersten so ähnlich war, den er als Kind belauscht hatte, dass er es fast für ein Echo hielt. „Zu dem Orden, der deinen Vater nicht rechtzeitig herausgelassen hat."

„Ich will verstehen, warum."

„Manche Dinge versteht man nicht, indem man ihnen dient, Corin."

„Und manche Dinge versteht man nur so", antwortete er, und das war das Ende des Gesprächs, weil beide wussten, dass keiner den anderen umstimmen würde.

Am nächsten Morgen ging er zur Rekrutierungsstation im zweiten Bezirk und meldete sich für die Prüfung, die alle vier Jahre stattfand, seit die Goldene Mauer beschlossen hatte, dass eine Festung, die permanent auf einer Welt stationiert war, auch aus dieser Welt Blut ziehen sollte — eine Praxis, die vor der Belagerung nicht existiert hatte, die aber, wie der Rekrutierungsoffizier ihm mit trockener Offenheit erklärte, direkt aus ihr entstanden war.

„Vor zwanzig Jahren", sagte der Offizier, ein alter Militiaveteran mit einem künstlichen Auge, „hätte die Kettenfeste ihre Aspiranten von einer anderen Welt bezogen, wie es der Rest des Ordens tut. Nach der Belagerung entschied Hauptmann Vel'Kaddar, dass eine Festung, die eine Stadt so teuer verteidigt hatte, auch das Recht haben sollte, aus dieser Stadt ihre nächste Generation zu ziehen. Es war umstritten. Manche im Ordensrat nannten es einen weiteren Bruch mit der Tradition. Aber es steht bis heute so."

Corin hatte bei diesen Worten etwas gespürt, das er nicht sofort einordnen konnte — eine Art Wärme, unerwartet, die sich gegen die Kälte stellte, mit der er die Geschichte all die Jahre betrachtet hatte. Der Mann, der die Entscheidung getroffen hatte, die seinen Vater das Leben gekostet hatte, hatte auch die Entscheidung getroffen, die ihm jetzt, zwanzig Jahre später, einen Weg öffnete, den es sonst nie gegeben hätte.

Er wusste nicht, ob das die Waage ausglich. Er wusste nur, dass er die Antwort finden musste, und dass es nur einen Ort gab, an dem er sie finden konnte.

Corin Vale war sieben Jahre alt, als er zum ersten Mal die Zahl hörte, die sein ganzes Leben bestimmen würde, ohne dass er es damals verstand.

Es war ein Abend im vierten Bezirk, in der Art von Dämmerung, die es auf Ossilar nur gab, wenn der Manufactorum-Rauch tief genug hing, um das Licht der beiden Monde in ein schmutziges Orange zu verwandeln, und seine Mutter saß am Tisch, die Hände um eine Tasse abgestandenen Rekaf gelegt, und sprach mit der Nachbarin, Frau Yulen, über etwas, das die Erwachsenen „den Tag" nannten, immer mit diesem besonderen Ton, der Kindern signalisierte: *das ist nicht für euch bestimmt, aber ihr werdet es sowieso hören.*

„Vierzigtausend", sagte Frau Yulen. „Das ist die Zahl, die sie am Ende zugegeben haben. Vierzigtausend, die es nicht geschafft haben."

„Aldric war einer von ihnen", sagte seine Mutter, und ihre Stimme veränderte sich nicht, wurde weder lauter noch leiser, was Corin schon damals seltsamer fand als jedes Weinen. „Er hat drei Familien vor sich gelassen. Die Toreks. Die Fenn-Zwillinge und ihre Großmutter. Die Anwohnerin aus der zweiten Etage, deren Namen ich nie erfahren habe."

„Er war ein guter Mann."

„Er war ein toter Mann, der ein guter Mann war, bevor er starb." Ein Klirren, als die Tasse auf den Tisch zurückgestellt wurde, zu hart. „Das ist nicht dasselbe, Yulen, und ich werde nie aufhören, den Unterschied zu spüren."

Corin, der auf der Schwelle zum Nebenraum saß, wo er hätte schlafen sollen, verstand in diesem Moment nur einen Bruchteil dessen, was gesagt wurde. Aber er verstand genug, um zu wissen, dass sein Vater — den er sich nur noch als ein Gefühl von Größe und Rauch und einer tiefen, langsamen Stimme erinnerte, denn er war zwei Jahre alt gewesen, als Aldric Vale starb — nicht einfach gestorben war. Er war *zurückgeblieben*. Es gab einen Unterschied zwischen diesen beiden Dingen, einen Unterschied, den die Erwachsenen um ihn herum jeden Tag seines Lebens mit sich trugen wie einen Stein in der Tasche, den man nicht mehr spürte, bis man danach griff.

In den Jahren danach lernte Corin die Geschichte in Fragmenten, so wie man eine Legende lernt, die zu groß ist, um sie auf einmal zu erzählen. Er lernte, dass die Kettenfeste über ihnen — der goldene Strich am Himmel, den er als Kind für einen zweiten, seltsam eckigen Mond gehalten hatte — an jenem Tag eine Entscheidung getroffen hatte, die es in ihrer zweihundertjährigen Geschichte nie zuvor gegeben hatte. Er lernte, dass ein Hauptmann namens Vel'Kaddar den Schacht offengehalten hatte, länger, als das Gesetz seines Ordens es erlaubte, aber nicht lange genug, um jeden zu retten. Er lernte, dass sein Vater zu den letzten in der Schlange gehört hatte, weil er — das erzählte man sich in seinem Bezirk mit einer Mischung aus Stolz und Bitterkeit — drei Familien vor sich vorgelassen hatte, eine nach der anderen, bis keine Zeit mehr für ihn selbst geblieben war.

Er lernte auch, dass ein anderer, ein Hauptmann der Feuerhüter namens Bre'kar, mit eigenen Händen Kinder und Alte durch denselben Schacht getragen hatte, bevor er sich schloss — dass eines dieser Kinder ein Mädchen war, das heute, achtundzwanzig Jahre alt, im dritten Bezirk lebte und dort mit den Kindern des Viertels über genau diese Geschichte sprach, wenn sie danach fragten, mit der besonderen Autorität eines Menschen, der dabei gewesen war.

Corin hatte Mira zum ersten Mal getroffen, als er zwölf war, in der öffentlichen Bibliothek des vierten Bezirks, die nach dem Wiederaufbau in einem ehemaligen Manufactorum-Lager untergebracht worden war. Sie arbeitete dort halbtags, katalogisierte Aufzeichnungen für die Wiederaufbau-Behörde, und als sie sah, wie er mit fiebriger Konzentration eine alte Chronik der Goldenen Mauer durchblätterte, hatte sie sich zu ihm gesetzt, ohne zu fragen, ob er das wollte.

„Du suchst nach dem Namen Vale", hatte sie gesagt. Keine Frage.

„Woher weißt du das?"

„Weil ich es auch getan habe. Jeder, der hier aufgewachsen ist und jemanden verloren hat, sucht irgendwann nach dem Namen." Sie hatte ihm ein anderes Buch gezeigt, dünner, weniger offiziell — eine private Sammlung von Zeugenberichten, die die Zivilverwaltung nach der Belagerung zusammengetragen hatte. „Dein Vater ist dort erwähnt. Nicht mit Namen. Aber es gibt einen Bericht von einer Frau, die beschreibt, wie ein Mann drei Familien vorließ, während die letzten Minuten liefen. Ich glaube, das war er."

Corin hatte das Buch gelesen, dort, in der stillen Bibliothek, während draußen der Wiederaufbau von Skara weiterging, Kran um Kran, Straße um Straße, als würde die Stadt versuchen, so schnell zu wachsen, dass sie die Narbe unter ihrer Haut vergessen könnte. Er hatte gelesen und etwas gespürt, das er erst Jahre später als das erkannte, was es war: nicht nur Trauer, sondern der Beginn einer Frage, die er nie ganz loswerden würde.

*War es die Entscheidung des Hauptmanns, die meinen Vater tötete? Oder war es die Entscheidung meines Vaters selbst?*

Er stellte sich die Frage zum ersten Mal mit zwölf Jahren. Er würde sie sich noch viele Male stellen, in den Jahren, die folgten, während er heranwuchs unter dem Schatten einer Festung, die er gleichzeitig hasste und über alles bewunderte, bis er mit neunzehn Jahren zu dem Entschluss kam, den seine Mutter mit einer Mischung aus Entsetzen und einer Art grimmigem Verständnis aufnahm: Er würde sich als Aspirant bei der Goldenen Mauer melden.

„Du willst zu ihnen gehen", sagte sie, als er es ihr eröffnete, an einem Abend, der jenem ersten so ähnlich war, den er als Kind belauscht hatte, dass er es fast für ein Echo hielt. „Zu dem Orden, der deinen Vater nicht rechtzeitig herausgelassen hat."

„Ich will verstehen, warum."

„Manche Dinge versteht man nicht, indem man ihnen dient, Corin."

„Und manche Dinge versteht man nur so", antwortete er, und das war das Ende des Gesprächs, weil beide wussten, dass keiner den anderen umstimmen würde.

Am nächsten Morgen ging er zur Rekrutierungsstation im zweiten Bezirk und meldete sich für die Prüfung, die alle vier Jahre stattfand, seit die Goldene Mauer beschlossen hatte, dass eine Festung, die permanent auf einer Welt stationiert war, auch aus dieser Welt Blut ziehen sollte — eine Praxis, die vor der Belagerung nicht existiert hatte, die aber, wie der Rekrutierungsoffizier ihm mit trockener Offenheit erklärte, direkt aus ihr entstanden war.

„Vor zwanzig Jahren", sagte der Offizier, ein alter Militiaveteran mit einem künstlichen Auge, „hätte die Kettenfeste ihre Aspiranten von einer anderen Welt bezogen, wie es der Rest des Ordens tut. Nach der Belagerung entschied Hauptmann Vel'Kaddar, dass eine Festung, die eine Stadt so teuer verteidigt hatte, auch das Recht haben sollte, aus dieser Stadt ihre nächste Generation zu ziehen. Es war umstritten. Manche im Ordensrat nannten es einen weiteren Bruch mit der Tradition. Aber es steht bis heute so."

Corin hatte bei diesen Worten etwas gespürt, das er nicht sofort einordnen konnte — eine Art Wärme, unerwartet, die sich gegen die Kälte stellte, mit der er die Geschichte all die Jahre betrachtet hatte. Der Mann, der die Entscheidung getroffen hatte, die seinen Vater das Leben gekostet hatte, hatte auch die Entscheidung getroffen, die ihm jetzt, zwanzig Jahre später, einen Weg öffnete, den es sonst nie gegeben hätte.

Er wusste nicht, ob das die Waage ausglich. Er wusste nur, dass er die Antwort finden musste, und dass es nur einen Ort gab, an dem er sie finden konnte.

XIV. DIE SCHWESTER DER LEITERXIV. DIE SCHWESTER DER LEITER

Mira Kest — sie hatte den Namen ihrer Mutter angenommen, nach deren Tod vor sieben Jahren, aus Gründen, die sie selten erklärte und die niemand von ihr verlangte — stand auf der Dachterrasse der Wiederaufbau-Behörde und sah zu, wie ein Transportshuttle in den Abendhimmel über Skara aufstieg, in Richtung der Kettenfeste, die als goldener Strich über der Stadt hing wie eine Wunde, die zu einer Narbe geworden war, an die man sich gewöhnt hatte, ohne sie je zu vergessen.

Sie kannte den Jungen an Bord dieses Shuttles. Sie hatte ihn kennengelernt, als er zwölf war, hungrig nach Antworten, die niemand vollständig geben konnte, und sie hatte in den sieben Jahren seither beobachtet, wie diese Hungrigkeit sich langsam in etwas Härteres verwandelte — nicht Bitterkeit, das wäre zu einfach gewesen, sondern eine Art Entschlossenheit, die sie erkannte, weil sie selbst einmal etwas Ähnliches in sich getragen hatte, wenn auch aus anderen Gründen.

„Du hast ihn also nicht aufgehalten", sagte eine Stimme hinter ihr. Oberst Dessa Vann — nein, nicht mehr Oberst, seit drei Jahren im Ruhestand, aber der Titel klebte an ihr wie eine zweite Haut, und niemand in Skara nannte sie anders — trat neben sie an die Brüstung, gestützt auf einen Stock, den sie erst seit Kurzem brauchte. Ihr Haar war weiß geworden, ihr Gesicht von zwei Jahrzehnten Verantwortung gezeichnet, in einer Weise, die Mira jedes Mal daran erinnerte, wie unterschiedlich Zeit für Menschen und für die Astartes verlief, die über ihnen wachten.

„Ich hätte ihn nicht aufhalten können, selbst wenn ich es gewollt hätte." Mira sah dem Shuttle nach, bis es ein Punkt am Himmel wurde, dann verschwand. „Und ich bin mir nicht sicher, ob ich es gewollt hätte."

„Du hast Aldric Vale gekannt?"

„Nicht wirklich. Ich war acht. Aber ich habe seinen Sohn gekannt, seit er zwölf war, und ich habe zugesehen, wie diese Geschichte ihn geformt hat, wie Wasser einen Stein formt — langsam, aber unaufhaltsam." Mira drehte sich zu Vann, ihre Stimme leiser jetzt. „Ich glaube, er geht dorthin, um Frieden zu finden. Ich fürchte, er wird stattdessen etwas viel Komplizierteres finden."

„Das tut jeder, der der Wahrheit zu nahe kommt." Vann sah selbst zum Himmel, zu dem Punkt, wo das Shuttle verschwunden war. „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um zu verstehen, was an jenem Tag wirklich geschah, und ich war in dem Raum, als die Entscheidung getroffen wurde. Was glaubst du, wird ein Junge verstehen, der nur die Geschichten der anderen kennt?"

Mira dachte an ihre eigenen Erinnerungen an jenen Tag — fragmentarisch, wie es Kindheitserinnerungen an traumatische Ereignisse oft waren, aber mit einer Klarheit an bestimmten Punkten, die sie nie verlassen hatte. Der grüne Panzer, der sich über sie beugte. Die Stimme, sanfter, als sie es je erwartet hätte, angesichts der Größe des Mannes, der sie gehört hatte. Das Gefühl, gehoben zu werden, gegen eine Brustplatte gedrückt, die kalt und warm zugleich war, während um sie herum eine Welt zerbrach.

Sie hatte Bre'kar nie wiedergesehen, in all den Jahren — bis vor zwei Wochen, als die Nachricht kam, dass eine Feuerhüter-Delegation zur zwanzigjährigen Gedenkfeier zurückkehren würde, angeführt von demselben Hauptmann, dessen Name in jeder Version der Geschichte, die in Skara erzählt wurde, mit einer besonderen Ehrfurcht ausgesprochen wurde.

„Er kommt zurück", sagte sie zu Vann, mehr zu sich selbst als zu der alten Frau neben ihr. „Bre'kar. Für das Gedenken."

„Ich weiß." Vanns Gesicht zeigte etwas, das zwischen Freude und Erschöpfung lag. „Ich habe die Vorbereitungen koordiniert. Es wird die größte Zeremonie sein, die diese Stadt je gesehen hat — größer als der Wiederaufbau selbst gefeiert wurde. Zwanzig Jahre, Mira. Es fühlt sich an wie gestern und wie eine Ewigkeit zugleich."

„Und Corin wird mitten in all dem seine Prüfung absolvieren."

„Ja." Vann sah sie an, mit dem prüfenden Blick, den sie sich über Jahrzehnte im Militärdienst angeeignet hatte. „Was beunruhigt dich daran wirklich, Mira? Nicht die Prüfung selbst. Etwas anderes."

Mira schwieg einen Moment, den Blick auf die Stadt gerichtet, die sich unter ihnen ausbreitete — wiederaufgebaut, aber nicht unversehrt, mit Vierteln, die noch immer die Narben trugen, mit einem Ort im dritten Bezirk, den niemand betrat, wenn er es vermeiden konnte, weil dort, tief unter der Straße, der alte Warp-Riss versiegelt lag, unter Schichten von Beton und Weihe und imperialer Bürokratie, aber niemals ganz vergessen.

„Ich habe in den letzten Monaten Dinge gehört", sagte sie schließlich. „Im dritten Bezirk. Gerüchte über eine Gruppe, die sich dort trifft, in der Nähe des versiegelten Bereichs. Menschen, die den Tag der Belagerung anders verarbeitet haben als der Rest von uns."

Vanns Gesicht verhärtete sich. „Was für Gerüchte?"

„Nichts, das ich beweisen könnte. Nur — Gesichter, die ich wiedererkenne, wenn ich durch bestimmte Straßen gehe. Ein Name, der immer wieder auftaucht, wenn jemand von diesen Treffen spricht. Perrin Auck." Mira schüttelte den Kopf. „Ich kannte ihn, als wir Kinder waren. Er war im Schacht, an jenem Tag, nicht weit von mir. Seine ganze Familie ist dort gestorben, bis auf ihn."

„Und du glaubst, dieser Perrin sammelt Menschen um sich, die Ähnliches erlebt haben?"

„Ich weiß es nicht sicher. Aber ich glaube, es lohnt sich, es zu wissen, bevor die gesamte Stadt sich zur Gedenkfeier versammelt und jeder, der über etwas verbittert ist, in derselben Menge steht wie jeder, der trauert." Mira sah Vann direkt an. „Ich werde es der Militia melden. Und ich werde mit der Kettenfeste sprechen, wenn ich kann."

„Tu das." Vann stützte sich schwerer auf ihren Stock, ein Zeichen von Müdigkeit, die tiefer ging als körperliche Erschöpfung. „Wir haben zwanzig Jahre gebraucht, um diese Stadt wieder aufzubauen, Mira. Ich habe nicht vor, zuzusehen, wie irgendetwas — Trauer, Wut, oder etwas Schlimmeres — sie an dem Tag zerstört, an dem wir sie eigentlich ehren wollten."

Mira Kest — sie hatte den Namen ihrer Mutter angenommen, nach deren Tod vor sieben Jahren, aus Gründen, die sie selten erklärte und die niemand von ihr verlangte — stand auf der Dachterrasse der Wiederaufbau-Behörde und sah zu, wie ein Transportshuttle in den Abendhimmel über Skara aufstieg, in Richtung der Kettenfeste, die als goldener Strich über der Stadt hing wie eine Wunde, die zu einer Narbe geworden war, an die man sich gewöhnt hatte, ohne sie je zu vergessen.

Sie kannte den Jungen an Bord dieses Shuttles. Sie hatte ihn kennengelernt, als er zwölf war, hungrig nach Antworten, die niemand vollständig geben konnte, und sie hatte in den sieben Jahren seither beobachtet, wie diese Hungrigkeit sich langsam in etwas Härteres verwandelte — nicht Bitterkeit, das wäre zu einfach gewesen, sondern eine Art Entschlossenheit, die sie erkannte, weil sie selbst einmal etwas Ähnliches in sich getragen hatte, wenn auch aus anderen Gründen.

„Du hast ihn also nicht aufgehalten", sagte eine Stimme hinter ihr. Oberst Dessa Vann — nein, nicht mehr Oberst, seit drei Jahren im Ruhestand, aber der Titel klebte an ihr wie eine zweite Haut, und niemand in Skara nannte sie anders — trat neben sie an die Brüstung, gestützt auf einen Stock, den sie erst seit Kurzem brauchte. Ihr Haar war weiß geworden, ihr Gesicht von zwei Jahrzehnten Verantwortung gezeichnet, in einer Weise, die Mira jedes Mal daran erinnerte, wie unterschiedlich Zeit für Menschen und für die Astartes verlief, die über ihnen wachten.

„Ich hätte ihn nicht aufhalten können, selbst wenn ich es gewollt hätte." Mira sah dem Shuttle nach, bis es ein Punkt am Himmel wurde, dann verschwand. „Und ich bin mir nicht sicher, ob ich es gewollt hätte."

„Du hast Aldric Vale gekannt?"

„Nicht wirklich. Ich war acht. Aber ich habe seinen Sohn gekannt, seit er zwölf war, und ich habe zugesehen, wie diese Geschichte ihn geformt hat, wie Wasser einen Stein formt — langsam, aber unaufhaltsam." Mira drehte sich zu Vann, ihre Stimme leiser jetzt. „Ich glaube, er geht dorthin, um Frieden zu finden. Ich fürchte, er wird stattdessen etwas viel Komplizierteres finden."

„Das tut jeder, der der Wahrheit zu nahe kommt." Vann sah selbst zum Himmel, zu dem Punkt, wo das Shuttle verschwunden war. „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um zu verstehen, was an jenem Tag wirklich geschah, und ich war in dem Raum, als die Entscheidung getroffen wurde. Was glaubst du, wird ein Junge verstehen, der nur die Geschichten der anderen kennt?"

Mira dachte an ihre eigenen Erinnerungen an jenen Tag — fragmentarisch, wie es Kindheitserinnerungen an traumatische Ereignisse oft waren, aber mit einer Klarheit an bestimmten Punkten, die sie nie verlassen hatte. Der grüne Panzer, der sich über sie beugte. Die Stimme, sanfter, als sie es je erwartet hätte, angesichts der Größe des Mannes, der sie gehört hatte. Das Gefühl, gehoben zu werden, gegen eine Brustplatte gedrückt, die kalt und warm zugleich war, während um sie herum eine Welt zerbrach.

Sie hatte Bre'kar nie wiedergesehen, in all den Jahren — bis vor zwei Wochen, als die Nachricht kam, dass eine Feuerhüter-Delegation zur zwanzigjährigen Gedenkfeier zurückkehren würde, angeführt von demselben Hauptmann, dessen Name in jeder Version der Geschichte, die in Skara erzählt wurde, mit einer besonderen Ehrfurcht ausgesprochen wurde.

„Er kommt zurück", sagte sie zu Vann, mehr zu sich selbst als zu der alten Frau neben ihr. „Bre'kar. Für das Gedenken."

„Ich weiß." Vanns Gesicht zeigte etwas, das zwischen Freude und Erschöpfung lag. „Ich habe die Vorbereitungen koordiniert. Es wird die größte Zeremonie sein, die diese Stadt je gesehen hat — größer als der Wiederaufbau selbst gefeiert wurde. Zwanzig Jahre, Mira. Es fühlt sich an wie gestern und wie eine Ewigkeit zugleich."

„Und Corin wird mitten in all dem seine Prüfung absolvieren."

„Ja." Vann sah sie an, mit dem prüfenden Blick, den sie sich über Jahrzehnte im Militärdienst angeeignet hatte. „Was beunruhigt dich daran wirklich, Mira? Nicht die Prüfung selbst. Etwas anderes."

Mira schwieg einen Moment, den Blick auf die Stadt gerichtet, die sich unter ihnen ausbreitete — wiederaufgebaut, aber nicht unversehrt, mit Vierteln, die noch immer die Narben trugen, mit einem Ort im dritten Bezirk, den niemand betrat, wenn er es vermeiden konnte, weil dort, tief unter der Straße, der alte Warp-Riss versiegelt lag, unter Schichten von Beton und Weihe und imperialer Bürokratie, aber niemals ganz vergessen.

„Ich habe in den letzten Monaten Dinge gehört", sagte sie schließlich. „Im dritten Bezirk. Gerüchte über eine Gruppe, die sich dort trifft, in der Nähe des versiegelten Bereichs. Menschen, die den Tag der Belagerung anders verarbeitet haben als der Rest von uns."

Vanns Gesicht verhärtete sich. „Was für Gerüchte?"

„Nichts, das ich beweisen könnte. Nur — Gesichter, die ich wiedererkenne, wenn ich durch bestimmte Straßen gehe. Ein Name, der immer wieder auftaucht, wenn jemand von diesen Treffen spricht. Perrin Auck." Mira schüttelte den Kopf. „Ich kannte ihn, als wir Kinder waren. Er war im Schacht, an jenem Tag, nicht weit von mir. Seine ganze Familie ist dort gestorben, bis auf ihn."

„Und du glaubst, dieser Perrin sammelt Menschen um sich, die Ähnliches erlebt haben?"

„Ich weiß es nicht sicher. Aber ich glaube, es lohnt sich, es zu wissen, bevor die gesamte Stadt sich zur Gedenkfeier versammelt und jeder, der über etwas verbittert ist, in derselben Menge steht wie jeder, der trauert." Mira sah Vann direkt an. „Ich werde es der Militia melden. Und ich werde mit der Kettenfeste sprechen, wenn ich kann."

„Tu das." Vann stützte sich schwerer auf ihren Stock, ein Zeichen von Müdigkeit, die tiefer ging als körperliche Erschöpfung. „Wir haben zwanzig Jahre gebraucht, um diese Stadt wieder aufzubauen, Mira. Ich habe nicht vor, zuzusehen, wie irgendetwas — Trauer, Wut, oder etwas Schlimmeres — sie an dem Tag zerstört, an dem wir sie eigentlich ehren wollten."

XV. ANKUNFT AUF DER KETTENFESTEXV. ANKUNFT AUF DER KETTENFESTE

Der Shuttle setzte auf der unteren Landeplattform der Kettenfeste auf, und Corin trat zum ersten Mal in seinem Leben auf den Boden der Festung, die seinen Vater das Leben gekostet und ihm selbst, zwanzig Jahre später, einen Weg geöffnet hatte, den er nun beschritt.

Die Plattform war größer, als er es sich vorgestellt hatte — ein weites Feld aus grauem Ceramit, umgeben von Türmen, deren Oberflächen noch immer, wenn man genau hinsah, die reparierten Narben der Belagerung trugen, dünne Linien in einem sonst makellosen Grau, wo neuer Stein auf alten getroffen war. Er stand dort, zusammen mit sechzehn anderen Aspiranten aus verschiedenen Bezirken Skaras, während ein Bruder in blauer Rüstung — die Farbe der Mauerbauer-Kompanie, wie er später lernen würde — sie musterte mit dem prüfenden Blick eines Mannes, der bereits die Hälfte von ihnen aussortiert hatte, bevor sie ein Wort gesprochen hatten.

„Ihr seid hier, weil ihr glaubt, ihr wärt bereit, Steine zu werden", sagte der Bruder, seine Stimme durch den Helmvox verstärkt, aber nicht unfreundlich. „Die meisten von euch irren sich. Das ist keine Beleidigung. Das ist die Wahrheit, mit der jeder Aspirant beginnt, der je durch dieses Tor ging."

Corin sah sich um, musterte die anderen — einige jünger als er, manche älter, alle mit demselben angespannten Ausdruck, den er in seinem eigenen Spiegelbild in den letzten Wochen gesehen hatte. Er fragte sich, wie viele von ihnen auch Namen im Buch der Vermissten von damals suchten. Wie viele von ihnen ebenfalls hierher gekommen waren, nicht aus reiner Loyalität, sondern aus einer komplizierteren Mischung aus Trauer und Bewunderung, die er selbst kaum in Worte fassen konnte.

Sie wurden in die Festung geführt, durch Korridore, die ihm sowohl fremd als auch seltsam bekannt vorkamen — bekannt aus den Beschreibungen, die er in zwanzig Jahren gehört hatte, fremd in ihrer tatsächlichen, physischen Realität. Er sah die Rüstkammer, in der, wie er wusste, der Kriegsrat vor zwanzig Jahren zusammengetreten war. Er sah den Zugang zur Wall-Plattform, gesperrt für Aspiranten, aber sichtbar durch ein Sichtfenster, das den Himmel über Ossilar zeigte, klar und unbewölkt an diesem Tag, so anders als der brennende Himmel, den er sich aus den Berichten vorstellte.

Und er sah, kurz, durch die Tür eines vorbeigehenden Raumes, eine Gestalt in goldener Rüstung, die mit einem Techmarine sprach, dessen Rüstung von Alter und Reparaturen gezeichnet war — eine Gestalt, deren Statur, deren Haltung, deren bloße Präsenz etwas in Corin auslöste, das er nicht erwartet hatte: nicht Wut, wie er geglaubt hatte, dass er sie spüren würde, sondern etwas Komplizierteres, etwas, das sich anfühlte wie das Zusammentreffen von Ehrfurcht und einer Frage, die er seit sieben Jahren mit sich trug.

„Das ist er", flüsterte einer der anderen Aspiranten neben ihm, ein Mädchen aus dem ersten Bezirk namens Sael, die Augen groß. „Hauptmann Vel'Kaddar."

Corin sagte nichts. Er sah zu, wie die goldene Gestalt sich umwandte, für einen Moment in seine Richtung blickte — nicht direkt zu ihm, sondern über die gesamte Gruppe der Aspiranten hinweg, mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine neue Generation musterte und dabei, das spürte Corin mit einer Gewissheit, die er nicht erklären konnte, eine eigene Rechnung im Kopf durchführte.

Dann war die Tür geschlossen, und der Moment vorüber, und der Mauerbauer-Bruder führte sie weiter, tiefer in die Festung, zu den Quartieren, in denen sie die kommenden Tage vor der eigentlichen Prüfung verbringen würden.

Corin lag an diesem ersten Abend lange wach, in einem Bett aus hartem Feldbezug, in einem Raum, den er mit fünf anderen Aspiranten teilte, und dachte an das, was er in dem kurzen Blick gesehen hatte. Er hatte sich zwanzig Jahre lang eine Vorstellung von Vel'Kaddar konstruiert — mal als Monster, das eine kalte Berechnung über das Leben seines Vaters gestellt hatte, mal als tragischer Held, der zwischen zwei unmöglichen Optionen die am wenigsten schlimme gewählt hatte. Keine dieser Vorstellungen hatte sich mit der tatsächlichen Gestalt gedeckt, die er heute gesehen hatte — einem Mann, der weder Monster noch Held wirkte, sondern einfach nur müde, auf eine Weise, die für einen Astartes, der theoretisch nicht altern sollte, seltsam menschlich erschien.

Er schlief schließlich ein, mit dem Gedanken, dass er, bevor diese Prüfung vorüber war, einen Weg finden musste, mit diesem Mann zu sprechen — nicht als Aspirant zu einem Hauptmann, sondern als Sohn zu dem Mann, dessen Entscheidung sein Leben für immer geprägt hatte, lange bevor er alt genug gewesen war, um sich daran zu erinnern.

Der Shuttle setzte auf der unteren Landeplattform der Kettenfeste auf, und Corin trat zum ersten Mal in seinem Leben auf den Boden der Festung, die seinen Vater das Leben gekostet und ihm selbst, zwanzig Jahre später, einen Weg geöffnet hatte, den er nun beschritt.

Die Plattform war größer, als er es sich vorgestellt hatte — ein weites Feld aus grauem Ceramit, umgeben von Türmen, deren Oberflächen noch immer, wenn man genau hinsah, die reparierten Narben der Belagerung trugen, dünne Linien in einem sonst makellosen Grau, wo neuer Stein auf alten getroffen war. Er stand dort, zusammen mit sechzehn anderen Aspiranten aus verschiedenen Bezirken Skaras, während ein Bruder in blauer Rüstung — die Farbe der Mauerbauer-Kompanie, wie er später lernen würde — sie musterte mit dem prüfenden Blick eines Mannes, der bereits die Hälfte von ihnen aussortiert hatte, bevor sie ein Wort gesprochen hatten.

„Ihr seid hier, weil ihr glaubt, ihr wärt bereit, Steine zu werden", sagte der Bruder, seine Stimme durch den Helmvox verstärkt, aber nicht unfreundlich. „Die meisten von euch irren sich. Das ist keine Beleidigung. Das ist die Wahrheit, mit der jeder Aspirant beginnt, der je durch dieses Tor ging."

Corin sah sich um, musterte die anderen — einige jünger als er, manche älter, alle mit demselben angespannten Ausdruck, den er in seinem eigenen Spiegelbild in den letzten Wochen gesehen hatte. Er fragte sich, wie viele von ihnen auch Namen im Buch der Vermissten von damals suchten. Wie viele von ihnen ebenfalls hierher gekommen waren, nicht aus reiner Loyalität, sondern aus einer komplizierteren Mischung aus Trauer und Bewunderung, die er selbst kaum in Worte fassen konnte.

Sie wurden in die Festung geführt, durch Korridore, die ihm sowohl fremd als auch seltsam bekannt vorkamen — bekannt aus den Beschreibungen, die er in zwanzig Jahren gehört hatte, fremd in ihrer tatsächlichen, physischen Realität. Er sah die Rüstkammer, in der, wie er wusste, der Kriegsrat vor zwanzig Jahren zusammengetreten war. Er sah den Zugang zur Wall-Plattform, gesperrt für Aspiranten, aber sichtbar durch ein Sichtfenster, das den Himmel über Ossilar zeigte, klar und unbewölkt an diesem Tag, so anders als der brennende Himmel, den er sich aus den Berichten vorstellte.

Und er sah, kurz, durch die Tür eines vorbeigehenden Raumes, eine Gestalt in goldener Rüstung, die mit einem Techmarine sprach, dessen Rüstung von Alter und Reparaturen gezeichnet war — eine Gestalt, deren Statur, deren Haltung, deren bloße Präsenz etwas in Corin auslöste, das er nicht erwartet hatte: nicht Wut, wie er geglaubt hatte, dass er sie spüren würde, sondern etwas Komplizierteres, etwas, das sich anfühlte wie das Zusammentreffen von Ehrfurcht und einer Frage, die er seit sieben Jahren mit sich trug.

„Das ist er", flüsterte einer der anderen Aspiranten neben ihm, ein Mädchen aus dem ersten Bezirk namens Sael, die Augen groß. „Hauptmann Vel'Kaddar."

Corin sagte nichts. Er sah zu, wie die goldene Gestalt sich umwandte, für einen Moment in seine Richtung blickte — nicht direkt zu ihm, sondern über die gesamte Gruppe der Aspiranten hinweg, mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine neue Generation musterte und dabei, das spürte Corin mit einer Gewissheit, die er nicht erklären konnte, eine eigene Rechnung im Kopf durchführte.

Dann war die Tür geschlossen, und der Moment vorüber, und der Mauerbauer-Bruder führte sie weiter, tiefer in die Festung, zu den Quartieren, in denen sie die kommenden Tage vor der eigentlichen Prüfung verbringen würden.

Corin lag an diesem ersten Abend lange wach, in einem Bett aus hartem Feldbezug, in einem Raum, den er mit fünf anderen Aspiranten teilte, und dachte an das, was er in dem kurzen Blick gesehen hatte. Er hatte sich zwanzig Jahre lang eine Vorstellung von Vel'Kaddar konstruiert — mal als Monster, das eine kalte Berechnung über das Leben seines Vaters gestellt hatte, mal als tragischer Held, der zwischen zwei unmöglichen Optionen die am wenigsten schlimme gewählt hatte. Keine dieser Vorstellungen hatte sich mit der tatsächlichen Gestalt gedeckt, die er heute gesehen hatte — einem Mann, der weder Monster noch Held wirkte, sondern einfach nur müde, auf eine Weise, die für einen Astartes, der theoretisch nicht altern sollte, seltsam menschlich erschien.

Er schlief schließlich ein, mit dem Gedanken, dass er, bevor diese Prüfung vorüber war, einen Weg finden musste, mit diesem Mann zu sprechen — nicht als Aspirant zu einem Hauptmann, sondern als Sohn zu dem Mann, dessen Entscheidung sein Leben für immer geprägt hatte, lange bevor er alt genug gewesen war, um sich daran zu erinnern.

XVI. DER SCHWURHÜTER ERINNERT SICHXVI. DER SCHWURHÜTER ERINNERT SICH

Ordenspriester Vel'Schwur verbrachte die Stunde vor Sonnenaufgang, wie er es seit zwanzig Jahren an jedem Jahrestag tat, allein in der Siegelkammer, das Buch der Schwüre vor sich geöffnet auf der Seite, die er nie ganz vergaß, obwohl er in den zweihundert Jahren seines Dienstes Tausende von Seiten gefüllt hatte.

*Hauptmann Threnn Vel'Kaddar hat am Tag der Belagerung eine gehaltene Position der dritten Verteidigungsebene aufgegeben, entgegen dem Gesetz Kein-Zentimeter-Zurück.*

Er hatte diese Worte oft genug gelesen, dass sie sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatten, so wie sie sich in Stein hätten eingemeißelt fühlen müssen, wenn Stein Erinnerungen tragen könnte. Aber jedes Jahr, an diesem Tag, las er sie erneut, weil er glaubte, dass ein Schwurhüter, der aufhörte, seine eigenen Aufzeichnungen zu befragen, aufhörte, ein Schwurhüter zu sein und begann, nur noch ein Archivar zu werden.

Der Ordensrat hatte, wie er es Corin später an diesem Tag erklären würde, nie ein endgültiges Urteil gefällt. Das war selbst innerhalb der Goldenen Mauer ungewöhnlich — ein Orden, der sich seiner Gewissheiten rühmte, hatte sich in diesem einen Fall geweigert, eine zu formulieren. Es hatte stattdessen etwas geschaffen, das in den zwanzig Jahren seither informell als „die Vel'Kaddar-Klausel" bekannt geworden war: eine Anerkennung, dass das Gesetz Kein-Zentimeter-Zurück in extremen Fällen — sehr seltenen, sehr genau definierten Fällen, in denen das Halten einer Position direkt und unmittelbar zum Tod ziviler Bevölkerung führen würde, die durch keine andere Handlung gerettet werden könnte — durch den kommandierenden Offizier vor Ort neu ausgelegt werden durfte, unter der ausdrücklichen Bedingung, dass er die volle persönliche Verantwortung dafür trug, dass das Buch der Schwüre die Wahrheit ohne Beschönigung festhielt, und dass er sich der Konsequenzen — welcher Art auch immer der Ordensrat sie in Zukunft für angemessen hielt — vollständig unterwarf.

Es war keine Absolution gewesen. Es war auch keine Verurteilung. Es war, wie Vel'Schwur es in den Jahren seither oft gedacht hatte, die ehrlichste Antwort, die ein Orden geben konnte, das plötzlich erkannte, dass seine eigenen Gesetze, so absolut sie sich anfühlten, in Wirklichkeit von Menschen — oder von jenen, die einst Menschen gewesen waren — für Menschen geschrieben worden waren, und dass Menschen manchmal vor Situationen standen, für die kein Gesetz jemals ausreichend sein konnte.

Vel'Kaddar selbst hatte nie um Absolution gebeten. Das war es, was Vel'Schwur am meisten an ihm respektierte, in den zwanzig Jahren, in denen sie beide weiterhin auf derselben Festung gedient hatten — Vel'Kaddar, inzwischen Senior-Hauptmann der Kettenfeste, verantwortlich nicht nur für die Schleudersteine, sondern für die gesamte Verteidigungsstrategie der Anlage, und Vel'Schwur, noch immer Schwurhüter, noch immer der Mann, der das Buch führte. Sie hatten nie über den Tag der Belagerung gesprochen, nicht wirklich, nicht in der Art, wie man über eine abgeschlossene Angelegenheit spricht. Sie trugen ihn beide, jeder auf seine Weise, als eine Art stille Konstante ihres gemeinsamen Dienstes.

Ein Klopfen an der Tür der Siegelkammer unterbrach seine Gedanken. Techmarine Vorr trat ein, sein Servo-Okular im schwachen Licht der Kammer rot glühend.

„Ordenspriester. Verzeihen Sie die Störung."

„Was gibt es, Bruder?"

„Scriptor Vel'Raum hat um ein Gespräch gebeten. Er sagt, es betrifft eine Anomalie, die er in den letzten Wochen im dritten Bezirk beobachtet hat — in der Nähe der versiegelten Rissstelle."

Vel'Schwur schloss das Buch der Schwüre, seine Hand einen Moment länger als nötig auf dem Einband ruhend. „Was für eine Art von Anomalie?"

„Er würde es lieber selbst erklären. Aber er sagte mir, ich solle Ihnen ausrichten, dass es mit der bevorstehenden Gedenkfeier zusammenhängen könnte — und dass er es für dringlich hält."

Vel'Schwur stand auf, das Buch unter den Arm geklemmt, ein Gefühl der Unruhe in sich, das er nicht sofort einordnen konnte, aber das, wie er in zweihundert Jahren gelernt hatte, selten trog.

„Bring mich zu ihm."

Ordenspriester Vel'Schwur verbrachte die Stunde vor Sonnenaufgang, wie er es seit zwanzig Jahren an jedem Jahrestag tat, allein in der Siegelkammer, das Buch der Schwüre vor sich geöffnet auf der Seite, die er nie ganz vergaß, obwohl er in den zweihundert Jahren seines Dienstes Tausende von Seiten gefüllt hatte.

*Hauptmann Threnn Vel'Kaddar hat am Tag der Belagerung eine gehaltene Position der dritten Verteidigungsebene aufgegeben, entgegen dem Gesetz Kein-Zentimeter-Zurück.*

Er hatte diese Worte oft genug gelesen, dass sie sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatten, so wie sie sich in Stein hätten eingemeißelt fühlen müssen, wenn Stein Erinnerungen tragen könnte. Aber jedes Jahr, an diesem Tag, las er sie erneut, weil er glaubte, dass ein Schwurhüter, der aufhörte, seine eigenen Aufzeichnungen zu befragen, aufhörte, ein Schwurhüter zu sein und begann, nur noch ein Archivar zu werden.

Der Ordensrat hatte, wie er es Corin später an diesem Tag erklären würde, nie ein endgültiges Urteil gefällt. Das war selbst innerhalb der Goldenen Mauer ungewöhnlich — ein Orden, der sich seiner Gewissheiten rühmte, hatte sich in diesem einen Fall geweigert, eine zu formulieren. Es hatte stattdessen etwas geschaffen, das in den zwanzig Jahren seither informell als „die Vel'Kaddar-Klausel" bekannt geworden war: eine Anerkennung, dass das Gesetz Kein-Zentimeter-Zurück in extremen Fällen — sehr seltenen, sehr genau definierten Fällen, in denen das Halten einer Position direkt und unmittelbar zum Tod ziviler Bevölkerung führen würde, die durch keine andere Handlung gerettet werden könnte — durch den kommandierenden Offizier vor Ort neu ausgelegt werden durfte, unter der ausdrücklichen Bedingung, dass er die volle persönliche Verantwortung dafür trug, dass das Buch der Schwüre die Wahrheit ohne Beschönigung festhielt, und dass er sich der Konsequenzen — welcher Art auch immer der Ordensrat sie in Zukunft für angemessen hielt — vollständig unterwarf.

Es war keine Absolution gewesen. Es war auch keine Verurteilung. Es war, wie Vel'Schwur es in den Jahren seither oft gedacht hatte, die ehrlichste Antwort, die ein Orden geben konnte, das plötzlich erkannte, dass seine eigenen Gesetze, so absolut sie sich anfühlten, in Wirklichkeit von Menschen — oder von jenen, die einst Menschen gewesen waren — für Menschen geschrieben worden waren, und dass Menschen manchmal vor Situationen standen, für die kein Gesetz jemals ausreichend sein konnte.

Vel'Kaddar selbst hatte nie um Absolution gebeten. Das war es, was Vel'Schwur am meisten an ihm respektierte, in den zwanzig Jahren, in denen sie beide weiterhin auf derselben Festung gedient hatten — Vel'Kaddar, inzwischen Senior-Hauptmann der Kettenfeste, verantwortlich nicht nur für die Schleudersteine, sondern für die gesamte Verteidigungsstrategie der Anlage, und Vel'Schwur, noch immer Schwurhüter, noch immer der Mann, der das Buch führte. Sie hatten nie über den Tag der Belagerung gesprochen, nicht wirklich, nicht in der Art, wie man über eine abgeschlossene Angelegenheit spricht. Sie trugen ihn beide, jeder auf seine Weise, als eine Art stille Konstante ihres gemeinsamen Dienstes.

Ein Klopfen an der Tür der Siegelkammer unterbrach seine Gedanken. Techmarine Vorr trat ein, sein Servo-Okular im schwachen Licht der Kammer rot glühend.

„Ordenspriester. Verzeihen Sie die Störung."

„Was gibt es, Bruder?"

„Scriptor Vel'Raum hat um ein Gespräch gebeten. Er sagt, es betrifft eine Anomalie, die er in den letzten Wochen im dritten Bezirk beobachtet hat — in der Nähe der versiegelten Rissstelle."

Vel'Schwur schloss das Buch der Schwüre, seine Hand einen Moment länger als nötig auf dem Einband ruhend. „Was für eine Art von Anomalie?"

„Er würde es lieber selbst erklären. Aber er sagte mir, ich solle Ihnen ausrichten, dass es mit der bevorstehenden Gedenkfeier zusammenhängen könnte — und dass er es für dringlich hält."

Vel'Schwur stand auf, das Buch unter den Arm geklemmt, ein Gefühl der Unruhe in sich, das er nicht sofort einordnen konnte, aber das, wie er in zweihundert Jahren gelernt hatte, selten trog.

„Bring mich zu ihm."

XVII. DIE PRÜFUNG DES ROHEN STEINSXVII. DIE PRÜFUNG DES ROHEN STEINS

Die Belagerungs-Initiation fand drei Tage nach Corins Ankunft statt, in einem abgelegenen Bereich der Kettenfeste, den die Aspiranten bis dahin nicht betreten hatten — ein weites, offenes Steinfeld unter freiem Himmel, umgeben von den Trümmern alter, absichtlich unfertig gelassener Bauten, die, wie Corin erfuhr, aus genau diesem Zweck bestanden: um jeder neuen Generation von Aspiranten das Rohmaterial zu geben, aus dem sie ihre erste Mauer bauen würden.

„Ihr habt vier Stunden", erklärte der Mauerbauer-Bruder, der die Prüfung leitete, seine Stimme trocken vor Routine, obwohl seine Augen jeden Aspiranten mit einer Aufmerksamkeit musterten, die keine Routine verriet. „Rohes Steinmaterial. Keine Werkzeuge außer euren eigenen Händen. Baut eine Mauer, hoch genug, um euch zu schützen, stark genug, um zu halten. Danach werdet ihr sie allein verteidigen, gegen eine Welle von Scout-Angreifern, die nicht beabsichtigen, euch zu töten, aber auch nicht beabsichtigen, euch zu schonen. Die Mauer muss halten. Ihr dürft fallen. Sie darf es nicht."

Corin kniete sich vor den Haufen roher Steinblöcke, die man ihm zugeteilt hatte, und begann zu arbeiten, seine Hände schnell aufgerissen von der Rauheit des Materials, sein Rücken bald schmerzend von der ungewohnten Anstrengung. Um ihn herum arbeiteten die anderen Aspiranten in ähnlicher Verzweiflung, jeder in sein eigenes kleines Feld aus Stein und Anstrengung vertieft, während die Sonne über Ossilar langsam ihren Bogen durch den Himmel zog.

Er dachte, während er arbeitete, an seinen Vater — nicht bewusst, sondern in der Art, wie Gedanken einen überkommen, wenn der Körper mit etwas anderem beschäftigt ist. Er stellte sich vor, wie Aldric Vale in jener letzten Warteschlange gestanden haben musste, wie er eine Familie nach der anderen vorgelassen hatte, jeder Entscheidung ein kleiner Akt des Aufschubs seiner eigenen Rettung, bis die Zeit einfach ausgelaufen war. Er fragte sich, ob sein Vater in diesem letzten Moment Angst gehabt hatte, oder ob er, wie die Erzählungen es manchmal andeuteten, eine Art Frieden gefunden hatte in dem Wissen, dass seine letzte Handlung eine der Großzügigkeit gewesen war.

Er setzte den letzten Stein seiner Mauer, gerade als die vier Stunden zu Ende gingen, und stand auf, seine Handflächen blutig, sein ganzer Körper zitternd vor Erschöpfung, um eine Struktur zu betrachten, die unregelmäßig, primitiv, aber — das spürte er mit einer unerwarteten Welle von Stolz — *fest* war.

Die Scout-Angreifer kamen bei Einbruch der Dämmerung, sechs Männer in leichter Ausbildungsrüstung, deren Waffen auf stumpfe Trainingsklingen umgerüstet waren, die dennoch Schmerz genug verursachen konnten, um die Prüfung real erscheinen zu lassen. Corin stellte sich hinter seine Mauer, ein einfacher Trainings-Schild in der einen Hand, ein stumpfes Schwert in der anderen, und wartete, sein Herz hämmernd, während um ihn herum das Geräusch der anderen Aspiranten, die ihre eigenen Mauern verteidigten, die Luft mit Schreien und dem Klirren von Metall füllte.

Der erste Angreifer erreichte ihn, und Corin schlug zurück, ungeschickt, aber entschlossen, und hielt die Position, während sein Arm bereits vor Erschöpfung brannte. Der zweite Angreifer folgte, dann der dritte, jeder Schlag eine neue Prüfung seiner Entschlossenheit, während seine Mauer — sein eigenes, unvollkommenes Werk — hinter ihm stand, unbewegt, egal wie oft er selbst zu Boden ging.

Er fiel dreimal. Dreimal stand er wieder auf, seine Beine zitternd, sein Gesicht blutig von einem Treffer, der seine Lippe aufgeschlagen hatte, und stellte sich wieder vor seine Mauer, weil das die einzige Wahrheit war, die in diesem Moment zählte: *Die Mauer muss halten. Ich darf fallen. Sie darf es nicht.*

Als die Prüfung endete, saß er im Staub, gegen seine eigene Schöpfung gelehnt, und sah zu, wie der Mauerbauer-Bruder von Struktur zu Struktur ging, jede mit einem kurzen, prüfenden Blick bewertend. Als er zu Corins Mauer kam, blieb er länger stehen als bei den anderen, seine Hand über den unregelmäßigen Stein gleitend.

„Sie ist hässlich", sagte der Bruder schließlich, ohne jede Wärme in der Stimme.

„Ich weiß."

„Aber sie hat gehalten." Er sah Corin an, zum ersten Mal mit etwas, das über bloße Beurteilung hinausging. „Das ist alles, was zählt, Aspirant. Nicht die Schönheit des Steins. Nur, ob er gehalten hat, als es darauf ankam."

Corin sah zu seiner eigenen Mauer auf, unregelmäßig, primitiv, blutbefleckt an manchen Stellen, wo seine Hände beim Bau geblutet hatten, und dachte, dass er in diesem Moment etwas verstand, das keine der Geschichten, die er zwanzig Jahre lang gehört hatte, ihm je hätte vermitteln können.

Manchmal war eine hässliche, unvollkommene Entscheidung die einzige, die hielt.

Die Belagerungs-Initiation fand drei Tage nach Corins Ankunft statt, in einem abgelegenen Bereich der Kettenfeste, den die Aspiranten bis dahin nicht betreten hatten — ein weites, offenes Steinfeld unter freiem Himmel, umgeben von den Trümmern alter, absichtlich unfertig gelassener Bauten, die, wie Corin erfuhr, aus genau diesem Zweck bestanden: um jeder neuen Generation von Aspiranten das Rohmaterial zu geben, aus dem sie ihre erste Mauer bauen würden.

„Ihr habt vier Stunden", erklärte der Mauerbauer-Bruder, der die Prüfung leitete, seine Stimme trocken vor Routine, obwohl seine Augen jeden Aspiranten mit einer Aufmerksamkeit musterten, die keine Routine verriet. „Rohes Steinmaterial. Keine Werkzeuge außer euren eigenen Händen. Baut eine Mauer, hoch genug, um euch zu schützen, stark genug, um zu halten. Danach werdet ihr sie allein verteidigen, gegen eine Welle von Scout-Angreifern, die nicht beabsichtigen, euch zu töten, aber auch nicht beabsichtigen, euch zu schonen. Die Mauer muss halten. Ihr dürft fallen. Sie darf es nicht."

Corin kniete sich vor den Haufen roher Steinblöcke, die man ihm zugeteilt hatte, und begann zu arbeiten, seine Hände schnell aufgerissen von der Rauheit des Materials, sein Rücken bald schmerzend von der ungewohnten Anstrengung. Um ihn herum arbeiteten die anderen Aspiranten in ähnlicher Verzweiflung, jeder in sein eigenes kleines Feld aus Stein und Anstrengung vertieft, während die Sonne über Ossilar langsam ihren Bogen durch den Himmel zog.

Er dachte, während er arbeitete, an seinen Vater — nicht bewusst, sondern in der Art, wie Gedanken einen überkommen, wenn der Körper mit etwas anderem beschäftigt ist. Er stellte sich vor, wie Aldric Vale in jener letzten Warteschlange gestanden haben musste, wie er eine Familie nach der anderen vorgelassen hatte, jeder Entscheidung ein kleiner Akt des Aufschubs seiner eigenen Rettung, bis die Zeit einfach ausgelaufen war. Er fragte sich, ob sein Vater in diesem letzten Moment Angst gehabt hatte, oder ob er, wie die Erzählungen es manchmal andeuteten, eine Art Frieden gefunden hatte in dem Wissen, dass seine letzte Handlung eine der Großzügigkeit gewesen war.

Er setzte den letzten Stein seiner Mauer, gerade als die vier Stunden zu Ende gingen, und stand auf, seine Handflächen blutig, sein ganzer Körper zitternd vor Erschöpfung, um eine Struktur zu betrachten, die unregelmäßig, primitiv, aber — das spürte er mit einer unerwarteten Welle von Stolz — *fest* war.

Die Scout-Angreifer kamen bei Einbruch der Dämmerung, sechs Männer in leichter Ausbildungsrüstung, deren Waffen auf stumpfe Trainingsklingen umgerüstet waren, die dennoch Schmerz genug verursachen konnten, um die Prüfung real erscheinen zu lassen. Corin stellte sich hinter seine Mauer, ein einfacher Trainings-Schild in der einen Hand, ein stumpfes Schwert in der anderen, und wartete, sein Herz hämmernd, während um ihn herum das Geräusch der anderen Aspiranten, die ihre eigenen Mauern verteidigten, die Luft mit Schreien und dem Klirren von Metall füllte.

Der erste Angreifer erreichte ihn, und Corin schlug zurück, ungeschickt, aber entschlossen, und hielt die Position, während sein Arm bereits vor Erschöpfung brannte. Der zweite Angreifer folgte, dann der dritte, jeder Schlag eine neue Prüfung seiner Entschlossenheit, während seine Mauer — sein eigenes, unvollkommenes Werk — hinter ihm stand, unbewegt, egal wie oft er selbst zu Boden ging.

Er fiel dreimal. Dreimal stand er wieder auf, seine Beine zitternd, sein Gesicht blutig von einem Treffer, der seine Lippe aufgeschlagen hatte, und stellte sich wieder vor seine Mauer, weil das die einzige Wahrheit war, die in diesem Moment zählte: *Die Mauer muss halten. Ich darf fallen. Sie darf es nicht.*

Als die Prüfung endete, saß er im Staub, gegen seine eigene Schöpfung gelehnt, und sah zu, wie der Mauerbauer-Bruder von Struktur zu Struktur ging, jede mit einem kurzen, prüfenden Blick bewertend. Als er zu Corins Mauer kam, blieb er länger stehen als bei den anderen, seine Hand über den unregelmäßigen Stein gleitend.

„Sie ist hässlich", sagte der Bruder schließlich, ohne jede Wärme in der Stimme.

„Ich weiß."

„Aber sie hat gehalten." Er sah Corin an, zum ersten Mal mit etwas, das über bloße Beurteilung hinausging. „Das ist alles, was zählt, Aspirant. Nicht die Schönheit des Steins. Nur, ob er gehalten hat, als es darauf ankam."

Corin sah zu seiner eigenen Mauer auf, unregelmäßig, primitiv, blutbefleckt an manchen Stellen, wo seine Hände beim Bau geblutet hatten, und dachte, dass er in diesem Moment etwas verstand, das keine der Geschichten, die er zwanzig Jahre lang gehört hatte, ihm je hätte vermitteln können.

Manchmal war eine hässliche, unvollkommene Entscheidung die einzige, die hielt.

XVIII. ZWISCHEN VATER UND MAUERXVIII. ZWISCHEN VATER UND MAUER

Er fand die Gelegenheit, mit Hauptmann Vel'Kaddar zu sprechen, zwei Tage nach der Prüfung, nicht weil er sie sich erkämpft hatte, sondern weil Vel'Kaddar selbst nach ihm schicken ließ — ein Umstand, der Corin mehr beunruhigte, als er erwartet hatte.

Er wurde in einen kleinen, kargen Raum geführt, hoch oben in einem der Türme, mit einem Fenster, das einen weiten Blick über Skara bot, die Stadt, die sich in der Ferne wie ein lebendiger Organismus über die Landschaft ausbreitete. Vel'Kaddar stand am Fenster, den Rücken zur Tür, und drehte sich erst um, als Corin eingetreten war und die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte.

„Aspirant Vale", sagte Vel'Kaddar, seine Stimme ruhig, aber nicht unfreundlich. „Setz dich, wenn du möchtest."

Corin blieb stehen. Er wusste nicht, warum, aber es fühlte sich falsch an, in diesem Moment zu sitzen.

„Du weißt, wer ich bin", sagte Vel'Kaddar, als Corin schwieg. „Und ich weiß, wer du bist. Nicht erst seit deiner Ankunft hier — seit deiner Bewerbung. Ein Hauptmann prüft jeden Namen persönlich, der aus Skara kommt. Das ist eine Verantwortung, die ich mir selbst auferlegt habe, vor zwanzig Jahren."

„Dann wissen Sie auch, wer mein Vater war."

„Aldric Vale." Vel'Kaddar sprach den Namen aus mit einer Sorgfalt, die Corin überraschte — nicht die beiläufige Erwähnung eines von Tausenden, sondern die bewusste Aussprache eines Namens, den er nicht vergessen hatte. „Ich habe seinen Namen im Bericht der Zivilverwaltung gelesen, vor zwanzig Jahren, und wieder, als deine Bewerbung eintraf. Ich kannte ihn nicht persönlich. Aber ich kenne die Umstände seines Todes, so genau, wie sie dokumentiert wurden."

„Dann erzählen Sie sie mir." Corins Stimme brach fast, aber er hielt sie fest, mit der gleichen Entschlossenheit, mit der er vor drei Tagen seine Mauer gehalten hatte. „Ich habe zwanzig Jahre lang nur Fragmente gehört. Ich will die ganze Wahrheit, von dem Mann, der die Entscheidung getroffen hat."

Vel'Kaddar sah ihn lange an, und Corin sah in diesem Blick etwas, das er nicht erwartet hatte — nicht Verteidigung, nicht Rechtfertigung, sondern eine Art tiefe, alte Müdigkeit, die er unter der goldenen Rüstung nicht vermutet hätte.

„Dein Vater stand in der Schlange am Ostkorridor, am Ende der letzten Stunde, bevor der zentrale Verankerungspunkt versiegelt wurde", sagte Vel'Kaddar schließlich, jedes Wort langsam und bewusst gewählt. „Nach dem, was Zeugen berichteten, hatte er die Möglichkeit, früher durchzukommen — mehrmals. Er entschied sich jedes Mal, andere vorzulassen. Eine Familie mit drei Kindern. Ein altes Paar, das kaum noch laufen konnte. Eine Frau, die allein war und Angst hatte. Als die letzte Kapsel abfuhr, war er noch immer in der Schlange, sieben oder acht Plätze von der Spitze entfernt."

„Und dann haben Sie versiegelt."

„Dann habe ich versiegelt." Vel'Kaddars Stimme veränderte sich nicht, aber seine Hand, bemerkte Corin, hatte sich zu einer Faust geschlossen, kaum wahrnehmbar. „Nicht, weil ich es wollte. Weil die zweite Verteidigungsebene kurz vor dem strukturellen Kollaps stand, und ein weiterer Kollaps hätte nicht nur die verbliebenen Zivilisten im Schacht getötet, sondern jeden Menschen in der Festung und in der Stadt darunter gefährdet. Ich hatte die Wahl zwischen dem sicheren Tod von sieben oder acht Menschen und dem wahrscheinlichen Tod von Zehntausenden. Ich traf die Wahl, die ich für richtig hielt. Ich habe nie behauptet, sie sei ohne Kosten gewesen."

Corin stand still, seine Fäuste an den Seiten geballt, während ein Teil von ihm — der Teil, der sieben Jahre lang eine Wut genährt hatte, die er selten laut aussprach — darauf wartete, Zorn zu spüren, während ein anderer Teil, größer, als er es erwartet hatte, nur eine tiefe, erschöpfende Traurigkeit fühlte.

„Er hätte durchkommen können", sagte Corin schließlich, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Wenn er nicht so — großzügig gewesen wäre."

„Ja."

„Dann ist es nicht nur Ihre Entscheidung, die ihn getötet hat."

„Nein", sagte Vel'Kaddar, und in diesem einen Wort lag eine Ehrlichkeit, die schwerer wog als jede Rechtfertigung, die er hätte anbieten können. „Es ist beides zugleich. Meine Entscheidung schuf die Grenze, an der die Zeit auslief. Die Entscheidung deines Vaters bestimmte, wo in dieser Schlange er stand, als sie auslief. Ich kann dir nicht sagen, welcher Teil schwerer wiegt, Corin Vale. Ich habe zwanzig Jahre damit verbracht, diese Frage selbst zu stellen, und ich habe keine Antwort gefunden, die mich vollständig zufriedenstellt."

Es war nicht die Antwort, die Corin erwartet hatte. Es war auch nicht die Antwort, die er sich gewünscht hatte — eine klare Schuld, eine klare Unschuld, irgendetwas, das er hätte fassen und entweder akzeptieren oder ablehnen können. Stattdessen stand er vor einer Wahrheit, die genauso unregelmäßig und unvollkommen war wie die Mauer, die er vor drei Tagen mit seinen eigenen blutigen Händen gebaut hatte.

„Warum haben Sie nach mir geschickt?", fragte er schließlich.

„Weil ich glaube, dass du ein Recht darauf hattest, diese Frage direkt von mir zu hören, nicht aus zweiter Hand, nicht aus Gerüchten, die im Laufe von zwanzig Jahren zu Legenden geworden sind." Vel'Kaddar trat einen Schritt näher, seine Größe im kleinen Raum fast erdrückend, aber seine Stimme blieb sanft. „Und weil ich glaube, dass ein Mann, der mit dieser Frage in sich diese Festung betritt, entweder daran zerbrechen wird oder etwas Stärkeres daraus formen wird, als die meisten Aspiranten je besitzen. Ich wollte sehen, welcher der beiden Wege du gehst, bevor der Ordensrat entscheidet, ob du zu einem von uns wirst."

Corin sah ihn an, diesen Mann, der gleichzeitig der Grund für seinen größten Verlust und, auf eine verdrehte Weise, für seine gesamte Existenz in dieser Festung war, und spürte, wie sich etwas in ihm verschob — nicht Vergebung, dafür war es zu früh, vielleicht würde es das nie ganz werden, aber etwas anderes, etwas, das eher wie Verständnis aussah.

„Ich weiß noch nicht, welchen Weg ich gehe", sagte er ehrlich.

„Das ist die einzige ehrliche Antwort, die du geben könntest", sagte Vel'Kaddar. „Ich würde dir misstrauen, wenn du eine andere gegeben hättest."

Er fand die Gelegenheit, mit Hauptmann Vel'Kaddar zu sprechen, zwei Tage nach der Prüfung, nicht weil er sie sich erkämpft hatte, sondern weil Vel'Kaddar selbst nach ihm schicken ließ — ein Umstand, der Corin mehr beunruhigte, als er erwartet hatte.

Er wurde in einen kleinen, kargen Raum geführt, hoch oben in einem der Türme, mit einem Fenster, das einen weiten Blick über Skara bot, die Stadt, die sich in der Ferne wie ein lebendiger Organismus über die Landschaft ausbreitete. Vel'Kaddar stand am Fenster, den Rücken zur Tür, und drehte sich erst um, als Corin eingetreten war und die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte.

„Aspirant Vale", sagte Vel'Kaddar, seine Stimme ruhig, aber nicht unfreundlich. „Setz dich, wenn du möchtest."

Corin blieb stehen. Er wusste nicht, warum, aber es fühlte sich falsch an, in diesem Moment zu sitzen.

„Du weißt, wer ich bin", sagte Vel'Kaddar, als Corin schwieg. „Und ich weiß, wer du bist. Nicht erst seit deiner Ankunft hier — seit deiner Bewerbung. Ein Hauptmann prüft jeden Namen persönlich, der aus Skara kommt. Das ist eine Verantwortung, die ich mir selbst auferlegt habe, vor zwanzig Jahren."

„Dann wissen Sie auch, wer mein Vater war."

„Aldric Vale." Vel'Kaddar sprach den Namen aus mit einer Sorgfalt, die Corin überraschte — nicht die beiläufige Erwähnung eines von Tausenden, sondern die bewusste Aussprache eines Namens, den er nicht vergessen hatte. „Ich habe seinen Namen im Bericht der Zivilverwaltung gelesen, vor zwanzig Jahren, und wieder, als deine Bewerbung eintraf. Ich kannte ihn nicht persönlich. Aber ich kenne die Umstände seines Todes, so genau, wie sie dokumentiert wurden."

„Dann erzählen Sie sie mir." Corins Stimme brach fast, aber er hielt sie fest, mit der gleichen Entschlossenheit, mit der er vor drei Tagen seine Mauer gehalten hatte. „Ich habe zwanzig Jahre lang nur Fragmente gehört. Ich will die ganze Wahrheit, von dem Mann, der die Entscheidung getroffen hat."

Vel'Kaddar sah ihn lange an, und Corin sah in diesem Blick etwas, das er nicht erwartet hatte — nicht Verteidigung, nicht Rechtfertigung, sondern eine Art tiefe, alte Müdigkeit, die er unter der goldenen Rüstung nicht vermutet hätte.

„Dein Vater stand in der Schlange am Ostkorridor, am Ende der letzten Stunde, bevor der zentrale Verankerungspunkt versiegelt wurde", sagte Vel'Kaddar schließlich, jedes Wort langsam und bewusst gewählt. „Nach dem, was Zeugen berichteten, hatte er die Möglichkeit, früher durchzukommen — mehrmals. Er entschied sich jedes Mal, andere vorzulassen. Eine Familie mit drei Kindern. Ein altes Paar, das kaum noch laufen konnte. Eine Frau, die allein war und Angst hatte. Als die letzte Kapsel abfuhr, war er noch immer in der Schlange, sieben oder acht Plätze von der Spitze entfernt."

„Und dann haben Sie versiegelt."

„Dann habe ich versiegelt." Vel'Kaddars Stimme veränderte sich nicht, aber seine Hand, bemerkte Corin, hatte sich zu einer Faust geschlossen, kaum wahrnehmbar. „Nicht, weil ich es wollte. Weil die zweite Verteidigungsebene kurz vor dem strukturellen Kollaps stand, und ein weiterer Kollaps hätte nicht nur die verbliebenen Zivilisten im Schacht getötet, sondern jeden Menschen in der Festung und in der Stadt darunter gefährdet. Ich hatte die Wahl zwischen dem sicheren Tod von sieben oder acht Menschen und dem wahrscheinlichen Tod von Zehntausenden. Ich traf die Wahl, die ich für richtig hielt. Ich habe nie behauptet, sie sei ohne Kosten gewesen."

Corin stand still, seine Fäuste an den Seiten geballt, während ein Teil von ihm — der Teil, der sieben Jahre lang eine Wut genährt hatte, die er selten laut aussprach — darauf wartete, Zorn zu spüren, während ein anderer Teil, größer, als er es erwartet hatte, nur eine tiefe, erschöpfende Traurigkeit fühlte.

„Er hätte durchkommen können", sagte Corin schließlich, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Wenn er nicht so — großzügig gewesen wäre."

„Ja."

„Dann ist es nicht nur Ihre Entscheidung, die ihn getötet hat."

„Nein", sagte Vel'Kaddar, und in diesem einen Wort lag eine Ehrlichkeit, die schwerer wog als jede Rechtfertigung, die er hätte anbieten können. „Es ist beides zugleich. Meine Entscheidung schuf die Grenze, an der die Zeit auslief. Die Entscheidung deines Vaters bestimmte, wo in dieser Schlange er stand, als sie auslief. Ich kann dir nicht sagen, welcher Teil schwerer wiegt, Corin Vale. Ich habe zwanzig Jahre damit verbracht, diese Frage selbst zu stellen, und ich habe keine Antwort gefunden, die mich vollständig zufriedenstellt."

Es war nicht die Antwort, die Corin erwartet hatte. Es war auch nicht die Antwort, die er sich gewünscht hatte — eine klare Schuld, eine klare Unschuld, irgendetwas, das er hätte fassen und entweder akzeptieren oder ablehnen können. Stattdessen stand er vor einer Wahrheit, die genauso unregelmäßig und unvollkommen war wie die Mauer, die er vor drei Tagen mit seinen eigenen blutigen Händen gebaut hatte.

„Warum haben Sie nach mir geschickt?", fragte er schließlich.

„Weil ich glaube, dass du ein Recht darauf hattest, diese Frage direkt von mir zu hören, nicht aus zweiter Hand, nicht aus Gerüchten, die im Laufe von zwanzig Jahren zu Legenden geworden sind." Vel'Kaddar trat einen Schritt näher, seine Größe im kleinen Raum fast erdrückend, aber seine Stimme blieb sanft. „Und weil ich glaube, dass ein Mann, der mit dieser Frage in sich diese Festung betritt, entweder daran zerbrechen wird oder etwas Stärkeres daraus formen wird, als die meisten Aspiranten je besitzen. Ich wollte sehen, welcher der beiden Wege du gehst, bevor der Ordensrat entscheidet, ob du zu einem von uns wirst."

Corin sah ihn an, diesen Mann, der gleichzeitig der Grund für seinen größten Verlust und, auf eine verdrehte Weise, für seine gesamte Existenz in dieser Festung war, und spürte, wie sich etwas in ihm verschob — nicht Vergebung, dafür war es zu früh, vielleicht würde es das nie ganz werden, aber etwas anderes, etwas, das eher wie Verständnis aussah.

„Ich weiß noch nicht, welchen Weg ich gehe", sagte er ehrlich.

„Das ist die einzige ehrliche Antwort, die du geben könntest", sagte Vel'Kaddar. „Ich würde dir misstrauen, wenn du eine andere gegeben hättest."

XIX. DIE WIEDERKEHR DER FEUERHÜTERXIX. DIE WIEDERKEHR DER FEUERHÜTER

Der Feuerhüter-Transportkreuzer erreichte den Orbit von Ossilar drei Tage vor der Gedenkfeier, und Hauptmann Bre'kar stand an einem Aussichtsfenster, während sich der Planet unter ihm drehte — grüner und lebendiger, als er ihn in Erinnerung hatte, mit den Narben der Belagerung, die aus dieser Höhe kaum noch sichtbar waren, verborgen unter zwanzig Jahren Wiederaufbau.

Er hatte über die Jahre oft an Ossilar gedacht. Er hatte an Mira gedacht, das Mädchen, das er persönlich getragen hatte, und sich gefragt, ob sie am Leben geblieben war, ob sie sich an ihn erinnerte, ob die Rettung, die in jenem Moment alles bedeutet hatte, in der Erinnerung eines erwachsenen Menschen noch irgendeine Bedeutung trug. Er hatte an Vel'Kaddar gedacht, an die letzte Umarmung auf der Wall-Plattform, an das gemeinsame Wissen, dass sie beide etwas geteilt hatten, das über die Grenzen ihrer jeweiligen Orden hinausging.

„Wir landen in zwei Stunden", sagte Sergeant Ashek, jetzt selbst ein grauhaariger Veteran, neben ihm. „Die Kettenfeste hat bereits eine Ehrenwache für unsere Ankunft vorbereitet."

„Das haben sie nicht nötig."

„Sie tun es trotzdem, Hauptmann. Ich glaube, es ist ihnen wichtig."

Bre'kar dachte an die zwanzig Jahre, die zwischen dieser Rückkehr und jener ersten Begegnung lagen — an die vielen Feldzüge, die er seither geführt hatte, an die vielen Male, die er die Balance zwischen Schutz und Verlust neu hatte finden müssen, in Situationen, die selten so klar waren wie jene erste. Er dachte auch an die Art, wie die Beziehung zwischen den Feuerhütern und der Goldenen Mauer sich seither entwickelt hatte — nicht zu einer vollständigen Übereinstimmung der Doktrin, das wäre unehrlich gewesen, aber zu etwas, das er nur als eine Art gegenseitigen Respekt beschreiben konnte, geboren aus dem gemeinsamen Wissen, dass beide Wege, so unvereinbar sie auch schienen, aus echter, geprüfter Überzeugung entstanden.

Die Landung verlief ohne Zwischenfall, und als er die Rampe des Shuttles hinabschritt, auf den Landeplatz der Kettenfeste, fand er Vel'Kaddar dort wartend, in voller Rüstung, flankiert von Ordenspriester Vel'Schwur, dessen steinerner Helm im Licht der Ossilar-Sonne fast lebendig wirkte.

„Bre'kar." Vel'Kaddar trat vor, seine Hand ausgestreckt, eine Geste, die zwanzig Jahre zuvor selten gewesen war zwischen ihnen und jetzt selbstverständlich wirkte.

„Threnn." Bre'kar ergriff die Hand, hielt sie einen Moment länger als nötig. „Du hast dich nicht verändert."

„Das ist der Fluch unseres Zustandes." Vel'Kaddars Stimme trug einen Anflug von etwas, das fast wie Humor klang. „Du auch nicht, soweit ich sehen kann."

„Vielleicht ein paar Narben mehr."

„Die tragen wir alle." Vel'Kaddar wandte sich zur Seite, wo eine Gruppe von Zivilisten wartete, unter ihnen Oberst Vann, deutlich gealtert seit ihrer letzten Begegnung, gestützt auf einen Stock, ihr Gesicht jedoch, als sie Bre'kar erkannte, plötzlich lebendig mit einer Freude, die zwanzig Jahre nicht gedämpft hatten.

„Hauptmann Bre'kar." Vann trat vor, so schnell, wie ihre Beine es zuließen. „Ich hatte nicht erwartet, Sie noch einmal in dieser Rüstung zu sehen."

„Oberst Vann." Bre'kar kniete sich hin, damit er ihr direkt in die Augen sehen konnte, eine Geste der Ehrerbietung, die für einen Astartes selten war. „Es ist mir eine Ehre, dass Sie mich noch erkennen."

„Wie könnte ich Sie vergessen." Ihre Stimme zitterte leicht, aber ihr Lächeln war fest. „Sie haben mir vor zwanzig Jahren die schwerste Nacht meines Lebens erleichtert, allein durch Ihre Anwesenheit. Solche Dinge vergisst man nicht."

Neben ihr trat eine Frau vor, jünger, mit dunklem Haar und einem Gesichtsausdruck, der zwischen Nervosität und einer tiefen, ruhigen Entschlossenheit lag. Bre'kar sah sie an, und für einen Moment erkannte er in ihren Zügen etwas, das er nach zwanzig Jahren kaum zu hoffen gewagt hatte — die Erinnerung an ein Kind, das er auf seinem Arm getragen hatte, durch einen sterbenden Schacht, während die Welt um sie herum brannte.

„Mira", sagte er, bevor sie sich vorstellen konnte.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie mit sichtlicher Anstrengung zurückhielt. „Sie erinnern sich."

„Ich habe dich nie vergessen." Er kniete sich auch vor sie, wie er es vor Vann getan hatte. „Du und dein Vater. Ihr wart die Letzten, die ich vor dem Versiegeln des Schachts persönlich getragen habe. Ich habe mich oft gefragt, was aus euch geworden ist."

„Mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben. An Alter, nicht an dem, was damals geschah." Mira wischte sich über die Augen. „Er hat nie aufgehört, von Ihnen zu erzählen. Er nannte Sie den Mann, der ihm eine zweite Jugend geschenkt hat."

Bre'kar stand wieder auf, sah sich um in dem Kreis von Menschen — Vel'Kaddar, Vel'Schwur, Vann, Mira, und die vielen anderen, die sich am Rand des Landeplatzes versammelt hatten, um Zeuge dieser Rückkehr zu sein — und spürte, wie schwer und gleichzeitig wie richtig es sich anfühlte, an diesem Ort zu stehen, zwanzig Jahre nach einer Nacht, die keiner von ihnen je vollständig hinter sich lassen würde.

„Ich bin gekommen, um die Toten zu ehren", sagte er, seine Stimme jetzt an alle gerichtet. „Aber ich sehe, dass ich auch gekommen bin, um die Lebenden wiederzusehen. Das ist eine Gnade, die ich nicht erwartet hatte."

Mira nickte, und für einen Moment sah sie über seine Schulter hinweg, zur Kettenfeste, die über ihnen aufragte, dann zurück in Richtung der Stadt, wo, ohne dass sie es in diesem Moment der Freude aussprach, ein Mann namens Perrin Auck bereits die letzten Vorbereitungen für etwas traf, das diese Wiedersehensfeier in etwas viel Dunkleres zu verwandeln drohte.

Der Feuerhüter-Transportkreuzer erreichte den Orbit von Ossilar drei Tage vor der Gedenkfeier, und Hauptmann Bre'kar stand an einem Aussichtsfenster, während sich der Planet unter ihm drehte — grüner und lebendiger, als er ihn in Erinnerung hatte, mit den Narben der Belagerung, die aus dieser Höhe kaum noch sichtbar waren, verborgen unter zwanzig Jahren Wiederaufbau.

Er hatte über die Jahre oft an Ossilar gedacht. Er hatte an Mira gedacht, das Mädchen, das er persönlich getragen hatte, und sich gefragt, ob sie am Leben geblieben war, ob sie sich an ihn erinnerte, ob die Rettung, die in jenem Moment alles bedeutet hatte, in der Erinnerung eines erwachsenen Menschen noch irgendeine Bedeutung trug. Er hatte an Vel'Kaddar gedacht, an die letzte Umarmung auf der Wall-Plattform, an das gemeinsame Wissen, dass sie beide etwas geteilt hatten, das über die Grenzen ihrer jeweiligen Orden hinausging.

„Wir landen in zwei Stunden", sagte Sergeant Ashek, jetzt selbst ein grauhaariger Veteran, neben ihm. „Die Kettenfeste hat bereits eine Ehrenwache für unsere Ankunft vorbereitet."

„Das haben sie nicht nötig."

„Sie tun es trotzdem, Hauptmann. Ich glaube, es ist ihnen wichtig."

Bre'kar dachte an die zwanzig Jahre, die zwischen dieser Rückkehr und jener ersten Begegnung lagen — an die vielen Feldzüge, die er seither geführt hatte, an die vielen Male, die er die Balance zwischen Schutz und Verlust neu hatte finden müssen, in Situationen, die selten so klar waren wie jene erste. Er dachte auch an die Art, wie die Beziehung zwischen den Feuerhütern und der Goldenen Mauer sich seither entwickelt hatte — nicht zu einer vollständigen Übereinstimmung der Doktrin, das wäre unehrlich gewesen, aber zu etwas, das er nur als eine Art gegenseitigen Respekt beschreiben konnte, geboren aus dem gemeinsamen Wissen, dass beide Wege, so unvereinbar sie auch schienen, aus echter, geprüfter Überzeugung entstanden.

Die Landung verlief ohne Zwischenfall, und als er die Rampe des Shuttles hinabschritt, auf den Landeplatz der Kettenfeste, fand er Vel'Kaddar dort wartend, in voller Rüstung, flankiert von Ordenspriester Vel'Schwur, dessen steinerner Helm im Licht der Ossilar-Sonne fast lebendig wirkte.

„Bre'kar." Vel'Kaddar trat vor, seine Hand ausgestreckt, eine Geste, die zwanzig Jahre zuvor selten gewesen war zwischen ihnen und jetzt selbstverständlich wirkte.

„Threnn." Bre'kar ergriff die Hand, hielt sie einen Moment länger als nötig. „Du hast dich nicht verändert."

„Das ist der Fluch unseres Zustandes." Vel'Kaddars Stimme trug einen Anflug von etwas, das fast wie Humor klang. „Du auch nicht, soweit ich sehen kann."

„Vielleicht ein paar Narben mehr."

„Die tragen wir alle." Vel'Kaddar wandte sich zur Seite, wo eine Gruppe von Zivilisten wartete, unter ihnen Oberst Vann, deutlich gealtert seit ihrer letzten Begegnung, gestützt auf einen Stock, ihr Gesicht jedoch, als sie Bre'kar erkannte, plötzlich lebendig mit einer Freude, die zwanzig Jahre nicht gedämpft hatten.

„Hauptmann Bre'kar." Vann trat vor, so schnell, wie ihre Beine es zuließen. „Ich hatte nicht erwartet, Sie noch einmal in dieser Rüstung zu sehen."

„Oberst Vann." Bre'kar kniete sich hin, damit er ihr direkt in die Augen sehen konnte, eine Geste der Ehrerbietung, die für einen Astartes selten war. „Es ist mir eine Ehre, dass Sie mich noch erkennen."

„Wie könnte ich Sie vergessen." Ihre Stimme zitterte leicht, aber ihr Lächeln war fest. „Sie haben mir vor zwanzig Jahren die schwerste Nacht meines Lebens erleichtert, allein durch Ihre Anwesenheit. Solche Dinge vergisst man nicht."

Neben ihr trat eine Frau vor, jünger, mit dunklem Haar und einem Gesichtsausdruck, der zwischen Nervosität und einer tiefen, ruhigen Entschlossenheit lag. Bre'kar sah sie an, und für einen Moment erkannte er in ihren Zügen etwas, das er nach zwanzig Jahren kaum zu hoffen gewagt hatte — die Erinnerung an ein Kind, das er auf seinem Arm getragen hatte, durch einen sterbenden Schacht, während die Welt um sie herum brannte.

„Mira", sagte er, bevor sie sich vorstellen konnte.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie mit sichtlicher Anstrengung zurückhielt. „Sie erinnern sich."

„Ich habe dich nie vergessen." Er kniete sich auch vor sie, wie er es vor Vann getan hatte. „Du und dein Vater. Ihr wart die Letzten, die ich vor dem Versiegeln des Schachts persönlich getragen habe. Ich habe mich oft gefragt, was aus euch geworden ist."

„Mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben. An Alter, nicht an dem, was damals geschah." Mira wischte sich über die Augen. „Er hat nie aufgehört, von Ihnen zu erzählen. Er nannte Sie den Mann, der ihm eine zweite Jugend geschenkt hat."

Bre'kar stand wieder auf, sah sich um in dem Kreis von Menschen — Vel'Kaddar, Vel'Schwur, Vann, Mira, und die vielen anderen, die sich am Rand des Landeplatzes versammelt hatten, um Zeuge dieser Rückkehr zu sein — und spürte, wie schwer und gleichzeitig wie richtig es sich anfühlte, an diesem Ort zu stehen, zwanzig Jahre nach einer Nacht, die keiner von ihnen je vollständig hinter sich lassen würde.

„Ich bin gekommen, um die Toten zu ehren", sagte er, seine Stimme jetzt an alle gerichtet. „Aber ich sehe, dass ich auch gekommen bin, um die Lebenden wiederzusehen. Das ist eine Gnade, die ich nicht erwartet hatte."

Mira nickte, und für einen Moment sah sie über seine Schulter hinweg, zur Kettenfeste, die über ihnen aufragte, dann zurück in Richtung der Stadt, wo, ohne dass sie es in diesem Moment der Freude aussprach, ein Mann namens Perrin Auck bereits die letzten Vorbereitungen für etwas traf, das diese Wiedersehensfeier in etwas viel Dunkleres zu verwandeln drohte.

XX. KINDER DES RISSESXX. KINDER DES RISSES

Perrin Auck war neun Jahre alt gewesen, als der Riss sich öffnete, keine dreißig Meter von der Stelle entfernt, an der er mit seiner Familie in der Schlange gestanden hatte, und in den zwanzig Jahren seither hatte er nie ganz aufgehört, das zu hören, was er in jenem Moment gehört hatte — eine Stimme, oder etwas, das wie eine Stimme war, die aus dem Riss selbst zu kommen schien, kein Wort in irgendeiner Sprache, die er kannte, aber dennoch, auf eine Weise, die er nie hatte erklären können, voller Bedeutung.

Seine Eltern waren an jenem Tag gestorben, nicht durch das Versiegeln des Schachts, sondern durch die Kreaturen, die aus dem Riss gekrochen waren, bevor die Astartes ihn eindämmen konnten — ein Detail, das in den offiziellen Berichten nur als Fußnote erschien, aber das Perrin nie vergessen hatte, weil er es mit eigenen Augen gesehen hatte, versteckt hinter einem umgestürzten Transportcontainer, während etwas, das kein Wort in seiner Sprache hatte, seine Mutter in Stücke riss.

Er hatte in den Jahren danach eine Art von Sinn in diesem Grauen gesucht, wie es Überlebende von Katastrophen oft tun, und er hatte ihn gefunden, langsam, über Jahre, in einer kleinen Gruppe anderer Überlebender, die, wie er, das Gefühl teilten, dass der Riss ihnen etwas gezeigt hatte, das die restliche Bevölkerung von Skara nicht sehen wollte — eine Wahrheit, dass die Grenze zwischen ihrer Realität und der des Warp dünner war, als das Imperium zugeben wollte, und dass diese Dünnheit, statt eine Bedrohung zu sein, eine Möglichkeit sein könnte, für jene, die bereit waren, sie zu verstehen.

Er hatte sich selbst nie als Anhänger des Chaos betrachtet. Das Wort trug zu viel Gewicht, zu viele Bilder von Blutopfern und Dämonenanbetung, die nicht dem entsprachen, was er und seine kleine Gemeinschaft tatsächlich taten — was, in seiner eigenen Vorstellung, kaum mehr war als eine Suche nach Verständnis, nach einer Antwort auf die Frage, warum das Universum an jenem Tag so viel genommen hatte, ohne jede erkennbare Gerechtigkeit.

Aber er wusste, tief in sich, in den Momenten, in denen er ehrlich mit sich selbst war, dass das, was in der versiegelten Kammer unter dem dritten Bezirk wuchs — die kleine, aber wachsende Gruppe, die sich „Kinder des Risses" nannte, die regelmäßigen Zusammenkünfte, die Rituale, die er selbst entwickelt hatte, basierend auf Fragmenten von Wissen, die er über Jahre aus verbotenen Texten und flüsternden Kontakten zusammengetragen hatte — etwas viel Dunkleres war, als er sich selbst eingestehen wollte.

„Der Tag naht", sagte er zu den zwölf Menschen, die sich in der versteckten Kammer versammelt hatten, tief unter den Ruinen des alten Ostkorridors, an einem Ort, den die imperiale Wiederaufbau-Behörde nie vollständig kartiert hatte. „Zwanzig Jahre. Die Zahl trägt Gewicht, das spürt ihr alle. Der Riss war nie vollständig geschlossen — nur versiegelt, unterdrückt, wie eine Wunde, die man mit Stoff bedeckt, ohne sie zu heilen. An diesem Tag, wenn die gesamte Stadt sich versammelt, um zu trauern, wird die Membran zwischen den Welten am dünnsten sein, seit jenem ersten Moment."

„Was verlangst du von uns, Perrin?" Die Frau, die sprach — eine ehemalige Manufactorum-Arbeiterin namens Dessa Korr, die ihren gesamten Familienverband an jenem Tag verloren hatte — sah ihn mit einer Mischung aus Vertrauen und Furcht an, die er in den Augen aller in diesem Raum sah, wenn er ehrlich mit sich selbst war.

„Ich verlange nichts, was ihr nicht bereits verstanden habt." Perrin trat zur Wand der Kammer, wo, über die Jahre, mit Materialien, die er heimlich gesammelt hatte, ein Symbol entstanden war, das keiner von ihnen, wenn sie ehrlich waren, vollständig verstand, das sich aber in seiner Erscheinung anfühlte wie eine Wahrheit, die auf sie wartete. „Ich verlange nur, dass wir an dem Ort stehen, an dem unsere Familien starben, wenn die Membran am dünnsten ist, und dass wir bereit sind, zu empfangen, was uns gegeben wird."

Er wusste nicht vollständig, was er beschwor. Er wusste nicht, dass die Fragmente des Wissens, die er über Jahre zusammengetragen hatte, tatsächlich Teile eines Rituals waren, das ursprünglich von einem Dunklen Apostel namens Nehmoth vor zwanzig Jahren begonnen und nie vollständig verworfen worden war — dass die Reste jener alten Beschwörung, eingebettet in den Fels selbst, in die versiegelte Rissstelle, auf genau diesen Moment gewartet hatten, auf eine Gruppe von Trauernden, deren Schmerz sich unbewusst in etwas verwandelt hatte, das die uralten Mächte des Warp als Einladung erkannten.

Er wusste nur, dass er, seit er neun Jahre alt gewesen war, das Gefühl gehabt hatte, dass ihm etwas versprochen worden war, an jenem Tag im Riss, und dass er es nach zwanzig Jahren endlich einlösen wollte.

„Am Tag der Gedenkfeier", sagte er zu den Versammelten, seine Stimme jetzt fast sanft, „wird die gesamte Stadt an der versiegelten Stelle stehen, um zu trauern. Wir werden mit ihnen stehen. Und wenn der Moment kommt, werden wir nicht mehr trauern müssen. Wir werden verstehen."

Keiner der Anwesenden bemerkte, oder wollte bemerken, wie sehr sich Perrins Stimme in den letzten Monaten verändert hatte — wie ein feiner, kaum wahrnehmbarer Unterton in ihr mitschwang, der nicht ganz menschlich klang, ein Echo dessen, was zwanzig Jahre stiller Beeinflussung aus einem trauernden Kind gemacht hatten.

Perrin Auck war neun Jahre alt gewesen, als der Riss sich öffnete, keine dreißig Meter von der Stelle entfernt, an der er mit seiner Familie in der Schlange gestanden hatte, und in den zwanzig Jahren seither hatte er nie ganz aufgehört, das zu hören, was er in jenem Moment gehört hatte — eine Stimme, oder etwas, das wie eine Stimme war, die aus dem Riss selbst zu kommen schien, kein Wort in irgendeiner Sprache, die er kannte, aber dennoch, auf eine Weise, die er nie hatte erklären können, voller Bedeutung.

Seine Eltern waren an jenem Tag gestorben, nicht durch das Versiegeln des Schachts, sondern durch die Kreaturen, die aus dem Riss gekrochen waren, bevor die Astartes ihn eindämmen konnten — ein Detail, das in den offiziellen Berichten nur als Fußnote erschien, aber das Perrin nie vergessen hatte, weil er es mit eigenen Augen gesehen hatte, versteckt hinter einem umgestürzten Transportcontainer, während etwas, das kein Wort in seiner Sprache hatte, seine Mutter in Stücke riss.

Er hatte in den Jahren danach eine Art von Sinn in diesem Grauen gesucht, wie es Überlebende von Katastrophen oft tun, und er hatte ihn gefunden, langsam, über Jahre, in einer kleinen Gruppe anderer Überlebender, die, wie er, das Gefühl teilten, dass der Riss ihnen etwas gezeigt hatte, das die restliche Bevölkerung von Skara nicht sehen wollte — eine Wahrheit, dass die Grenze zwischen ihrer Realität und der des Warp dünner war, als das Imperium zugeben wollte, und dass diese Dünnheit, statt eine Bedrohung zu sein, eine Möglichkeit sein könnte, für jene, die bereit waren, sie zu verstehen.

Er hatte sich selbst nie als Anhänger des Chaos betrachtet. Das Wort trug zu viel Gewicht, zu viele Bilder von Blutopfern und Dämonenanbetung, die nicht dem entsprachen, was er und seine kleine Gemeinschaft tatsächlich taten — was, in seiner eigenen Vorstellung, kaum mehr war als eine Suche nach Verständnis, nach einer Antwort auf die Frage, warum das Universum an jenem Tag so viel genommen hatte, ohne jede erkennbare Gerechtigkeit.

Aber er wusste, tief in sich, in den Momenten, in denen er ehrlich mit sich selbst war, dass das, was in der versiegelten Kammer unter dem dritten Bezirk wuchs — die kleine, aber wachsende Gruppe, die sich „Kinder des Risses" nannte, die regelmäßigen Zusammenkünfte, die Rituale, die er selbst entwickelt hatte, basierend auf Fragmenten von Wissen, die er über Jahre aus verbotenen Texten und flüsternden Kontakten zusammengetragen hatte — etwas viel Dunkleres war, als er sich selbst eingestehen wollte.

„Der Tag naht", sagte er zu den zwölf Menschen, die sich in der versteckten Kammer versammelt hatten, tief unter den Ruinen des alten Ostkorridors, an einem Ort, den die imperiale Wiederaufbau-Behörde nie vollständig kartiert hatte. „Zwanzig Jahre. Die Zahl trägt Gewicht, das spürt ihr alle. Der Riss war nie vollständig geschlossen — nur versiegelt, unterdrückt, wie eine Wunde, die man mit Stoff bedeckt, ohne sie zu heilen. An diesem Tag, wenn die gesamte Stadt sich versammelt, um zu trauern, wird die Membran zwischen den Welten am dünnsten sein, seit jenem ersten Moment."

„Was verlangst du von uns, Perrin?" Die Frau, die sprach — eine ehemalige Manufactorum-Arbeiterin namens Dessa Korr, die ihren gesamten Familienverband an jenem Tag verloren hatte — sah ihn mit einer Mischung aus Vertrauen und Furcht an, die er in den Augen aller in diesem Raum sah, wenn er ehrlich mit sich selbst war.

„Ich verlange nichts, was ihr nicht bereits verstanden habt." Perrin trat zur Wand der Kammer, wo, über die Jahre, mit Materialien, die er heimlich gesammelt hatte, ein Symbol entstanden war, das keiner von ihnen, wenn sie ehrlich waren, vollständig verstand, das sich aber in seiner Erscheinung anfühlte wie eine Wahrheit, die auf sie wartete. „Ich verlange nur, dass wir an dem Ort stehen, an dem unsere Familien starben, wenn die Membran am dünnsten ist, und dass wir bereit sind, zu empfangen, was uns gegeben wird."

Er wusste nicht vollständig, was er beschwor. Er wusste nicht, dass die Fragmente des Wissens, die er über Jahre zusammengetragen hatte, tatsächlich Teile eines Rituals waren, das ursprünglich von einem Dunklen Apostel namens Nehmoth vor zwanzig Jahren begonnen und nie vollständig verworfen worden war — dass die Reste jener alten Beschwörung, eingebettet in den Fels selbst, in die versiegelte Rissstelle, auf genau diesen Moment gewartet hatten, auf eine Gruppe von Trauernden, deren Schmerz sich unbewusst in etwas verwandelt hatte, das die uralten Mächte des Warp als Einladung erkannten.

Er wusste nur, dass er, seit er neun Jahre alt gewesen war, das Gefühl gehabt hatte, dass ihm etwas versprochen worden war, an jenem Tag im Riss, und dass er es nach zwanzig Jahren endlich einlösen wollte.

„Am Tag der Gedenkfeier", sagte er zu den Versammelten, seine Stimme jetzt fast sanft, „wird die gesamte Stadt an der versiegelten Stelle stehen, um zu trauern. Wir werden mit ihnen stehen. Und wenn der Moment kommt, werden wir nicht mehr trauern müssen. Wir werden verstehen."

Keiner der Anwesenden bemerkte, oder wollte bemerken, wie sehr sich Perrins Stimme in den letzten Monaten verändert hatte — wie ein feiner, kaum wahrnehmbarer Unterton in ihr mitschwang, der nicht ganz menschlich klang, ein Echo dessen, was zwanzig Jahre stiller Beeinflussung aus einem trauernden Kind gemacht hatten.

XXI. DAS MAHNMALXXI. DAS MAHNMAL

Der Tag der Gedenkfeier brach über Ossilar an mit einem Himmel, der klarer war, als Corin ihn je gesehen hatte — ein blasses, fast weißes Blau, das über der Stadt hing wie eine Art stiller Zeuge dessen, was zwanzig Jahre zuvor an dieser Stelle geschehen war.

Er stand, zusammen mit den anderen Aspiranten, deren Prüfungen — er hatte es am Vortag erfahren, mit einer Mischung aus Erleichterung und einer neuen, ungewohnten Verantwortung — sie erfolgreich bestanden hatten und die nun offiziell als Novizen der Goldenen Mauer galten, auf einer erhöhten Plattform am Rande des dritten Bezirks, mit direktem Blick auf das neu errichtete Mahnmal, das über der alten, versiegelten Rissstelle errichtet worden war.

Das Mahnmal selbst war schlicht — ein weiter, kreisförmiger Platz aus poliertem grauem Stein, in dessen Zentrum eine einzige Säule aufragte, auf der, in kleiner, dichter Schrift, die Namen aller Verzeichneten eingraviert waren, die an jenem Tag ihr Leben verloren hatten. Vierzigtausend Namen, verteilt über eine Fläche, die selbst für einen Astartes beeindruckend wirkte, jede Zeile ein Leben, das mit dem Bau eines Schachts, einer Festung, einer Entscheidung verwoben war.

Corin fand den Namen seines Vaters ohne Mühe — er hatte die genaue Position bereits Wochen zuvor auswendig gelernt, aus einem digitalen Verzeichnis, das die Wiederaufbau-Behörde veröffentlicht hatte. *Aldric Vale. Erzsortierer, dritter Bezirk.* Keine weiteren Details. Kein Hinweis auf die drei Familien, die er vorgelassen hatte. Nur ein Name unter vierzigtausend, so klein und doch, für Corin, so unermesslich schwer.

Die Zeremonie begann mit den ersten Klängen eines langsamen, feierlichen Chorals, gesungen von einer Gruppe Kinder aus dem dritten Bezirk, deren Stimmen über den weiten Platz trugen, während sich die Menge — Tausende von Skaras Einwohnern, gemischt mit den goldenen Gestalten der Goldenen Mauer und den grünen der Feuerhüter, die zu diesem Anlass in vollständiger Zeremonialrüstung angetreten waren — langsam um das Mahnmal versammelte.

Corin sah Vel'Kaddar an der Spitze der Astartes-Formation, neben ihm Ordenspriester Vel'Schwur, dessen steinerner Helm im Licht der Morgensonne fast golden schimmerte. Er sah Bre'kar auf der anderen Seite des Platzes, umgeben von seiner Feuerhüter-Delegation, und neben ihm, in ziviler Kleidung, Mira, deren Gesicht eine Mischung aus Trauer und einer stillen, gefassten Würde trug.

Vel'Schwur trat vor, um die Zeremonie zu eröffnen, seine Stimme durch den Helmvox verstärkt, aber getragen von einer Ruhe, die über zweihundert Jahre Erfahrung im Umgang mit Trauer sprach.

„Wir versammeln uns heute", begann er, „nicht um einen Sieg zu feiern, denn es gab an jenem Tag keinen reinen Sieg. Wir versammeln uns, um vierzigtausend Namen zu ehren, die ihr Leben verloren, damit zweihundertsechzigtausend andere weiterleben konnten. Wir versammeln uns, um zu erinnern, dass jede dieser Zahlen ein Gesicht trug, eine Stimme, eine Geschichte, die nicht mit dem Tag endete, an dem sie starben, sondern in den Erinnerungen derer weiterlebt, die sie liebten."

Corin hörte die Worte, spürte, wie sie durch die Menge hallten, wie ein Wind, der über ein Feld aus stillen Steinen strich, und dachte an seinen Vater, an die letzten Momente, die er nie miterlebt hatte, aber die er sich in zwanzig Jahren so oft vorgestellt hatte, dass sie fast zu seiner eigenen Erinnerung geworden waren.

Es war in diesem Moment, während Vel'Schwurs Stimme über den Platz trug und Tausende von Köpfen in stiller Trauer gesenkt waren, dass Scriptor Vel'Raum, der am Rande der Astartes-Formation stand, plötzlich erstarrte, seine Augen unter dem Helm weit geöffnet, sein Blick auf einen Punkt tief unter der Erde gerichtet, den kein menschliches Auge hätte sehen können.

„Ordenspriester", sagte er über einen privaten Vox-Kanal, seine Stimme so gespannt, dass Vel'Schwur sie trotz des Chorals und der Menge sofort registrierte. „Etwas bewegt sich unter uns. Die Rissstelle — die Membran, die wir für versiegelt hielten. Sie ist dünner, als ich es je gemessen habe. Und sie wird dünner, während wir hier stehen."

Der Tag der Gedenkfeier brach über Ossilar an mit einem Himmel, der klarer war, als Corin ihn je gesehen hatte — ein blasses, fast weißes Blau, das über der Stadt hing wie eine Art stiller Zeuge dessen, was zwanzig Jahre zuvor an dieser Stelle geschehen war.

Er stand, zusammen mit den anderen Aspiranten, deren Prüfungen — er hatte es am Vortag erfahren, mit einer Mischung aus Erleichterung und einer neuen, ungewohnten Verantwortung — sie erfolgreich bestanden hatten und die nun offiziell als Novizen der Goldenen Mauer galten, auf einer erhöhten Plattform am Rande des dritten Bezirks, mit direktem Blick auf das neu errichtete Mahnmal, das über der alten, versiegelten Rissstelle errichtet worden war.

Das Mahnmal selbst war schlicht — ein weiter, kreisförmiger Platz aus poliertem grauem Stein, in dessen Zentrum eine einzige Säule aufragte, auf der, in kleiner, dichter Schrift, die Namen aller Verzeichneten eingraviert waren, die an jenem Tag ihr Leben verloren hatten. Vierzigtausend Namen, verteilt über eine Fläche, die selbst für einen Astartes beeindruckend wirkte, jede Zeile ein Leben, das mit dem Bau eines Schachts, einer Festung, einer Entscheidung verwoben war.

Corin fand den Namen seines Vaters ohne Mühe — er hatte die genaue Position bereits Wochen zuvor auswendig gelernt, aus einem digitalen Verzeichnis, das die Wiederaufbau-Behörde veröffentlicht hatte. *Aldric Vale. Erzsortierer, dritter Bezirk.* Keine weiteren Details. Kein Hinweis auf die drei Familien, die er vorgelassen hatte. Nur ein Name unter vierzigtausend, so klein und doch, für Corin, so unermesslich schwer.

Die Zeremonie begann mit den ersten Klängen eines langsamen, feierlichen Chorals, gesungen von einer Gruppe Kinder aus dem dritten Bezirk, deren Stimmen über den weiten Platz trugen, während sich die Menge — Tausende von Skaras Einwohnern, gemischt mit den goldenen Gestalten der Goldenen Mauer und den grünen der Feuerhüter, die zu diesem Anlass in vollständiger Zeremonialrüstung angetreten waren — langsam um das Mahnmal versammelte.

Corin sah Vel'Kaddar an der Spitze der Astartes-Formation, neben ihm Ordenspriester Vel'Schwur, dessen steinerner Helm im Licht der Morgensonne fast golden schimmerte. Er sah Bre'kar auf der anderen Seite des Platzes, umgeben von seiner Feuerhüter-Delegation, und neben ihm, in ziviler Kleidung, Mira, deren Gesicht eine Mischung aus Trauer und einer stillen, gefassten Würde trug.

Vel'Schwur trat vor, um die Zeremonie zu eröffnen, seine Stimme durch den Helmvox verstärkt, aber getragen von einer Ruhe, die über zweihundert Jahre Erfahrung im Umgang mit Trauer sprach.

„Wir versammeln uns heute", begann er, „nicht um einen Sieg zu feiern, denn es gab an jenem Tag keinen reinen Sieg. Wir versammeln uns, um vierzigtausend Namen zu ehren, die ihr Leben verloren, damit zweihundertsechzigtausend andere weiterleben konnten. Wir versammeln uns, um zu erinnern, dass jede dieser Zahlen ein Gesicht trug, eine Stimme, eine Geschichte, die nicht mit dem Tag endete, an dem sie starben, sondern in den Erinnerungen derer weiterlebt, die sie liebten."

Corin hörte die Worte, spürte, wie sie durch die Menge hallten, wie ein Wind, der über ein Feld aus stillen Steinen strich, und dachte an seinen Vater, an die letzten Momente, die er nie miterlebt hatte, aber die er sich in zwanzig Jahren so oft vorgestellt hatte, dass sie fast zu seiner eigenen Erinnerung geworden waren.

Es war in diesem Moment, während Vel'Schwurs Stimme über den Platz trug und Tausende von Köpfen in stiller Trauer gesenkt waren, dass Scriptor Vel'Raum, der am Rande der Astartes-Formation stand, plötzlich erstarrte, seine Augen unter dem Helm weit geöffnet, sein Blick auf einen Punkt tief unter der Erde gerichtet, den kein menschliches Auge hätte sehen können.

„Ordenspriester", sagte er über einen privaten Vox-Kanal, seine Stimme so gespannt, dass Vel'Schwur sie trotz des Chorals und der Menge sofort registrierte. „Etwas bewegt sich unter uns. Die Rissstelle — die Membran, die wir für versiegelt hielten. Sie ist dünner, als ich es je gemessen habe. Und sie wird dünner, während wir hier stehen."

XXII. DER RISS ERWACHTXXII. DER RISS ERWACHT

Vel'Schwur unterbrach seine Rede nicht abrupt — zwanzig Jahre Erfahrung als Schwurhüter hatten ihn gelehrt, dass eine plötzliche Unterbrechung inmitten einer trauernden Menge selbst zur Katastrophe werden konnte —, aber er beendete seine Worte mit einer Geschwindigkeit, die nur jene bemerkten, die ihn gut genug kannten, um den Unterschied zu spüren.

„Lasst uns nun in Stille verharren", schloss er, „für jene, die wir verloren haben."

Während die Menge ihre Köpfe senkte, bewegte er sich unauffällig zur Seite, wo Vel'Kaddar bereits wartete, sein Gesicht angespannt, offensichtlich informiert durch denselben privaten Kanal.

„Vel'Raum sagt, die Membran wird dünner", sagte Vel'Kaddar leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, das nur für Astartes-Ohren bestimmt war. „Was bedeutet das konkret?"

„Es bedeutet, dass jemand oder etwas aktiv daran arbeitet, sie zu durchbrechen." Vel'Schwurs Blick wanderte über die Menge, suchend, obwohl er nicht genau wusste, wonach er suchte. „Vor zwanzig Jahren hat ein Dunkler Apostel ein Ritual begonnen, das nie vollständig abgeschlossen wurde. Es ist möglich, dass Reste dieses Rituals — Energiesignaturen, eingebettet in den Fels selbst — auf einen Auslöser gewartet haben. Eine Konzentration von Trauer, von emotionaler Intensität, wie sie genau an diesem Ort, an diesem Tag, unvermeidlich ist."

„Kannst du feststellen, wo genau?"

„Vel'Raum arbeitet daran." Vel'Schwur sah zu dem Scriptor, dessen Augen noch immer geschlossen waren, dessen Körper vor Konzentration zitterte, während er die psychischen Kraftlinien der Struktur unter ihnen abtastete. „Gib mir einen Moment."

Es dauerte weniger als eine Minute, aber für Corin, der von seiner Position auf der Novizen-Plattform aus die plötzliche Anspannung in der Haltung der Hauptmänner bemerkte, fühlte sie sich endlos an.

„Dort." Vel'Raum öffnete die Augen, sein Blick fixiert auf einen Punkt am Rande des Mahnmal-Platzes, wo eine Gruppe von Zivilisten — vielleicht zwölf oder dreizehn, unauffällig gekleidet, unter ihnen ein Mann mittleren Alters mit einem Gesicht, das eine seltsame, fast unnatürliche Ruhe ausstrahlte — sich langsam näherte, dem Zentrum des Platzes zu, wo die Mahnsäule aufragte.

„Perrin Auck", sagte Mira, die sich zu Vel'Kaddar durchgedrängt hatte, ihre Stimme dringlich. „Das ist er. Der Mann, von dem ich Ihnen erzählt habe."

Vel'Kaddar sah zu der Gruppe, dann zurück zu Vel'Raum. „Was werden sie tun?"

„Ich glaube, sie beabsichtigen, ein Ritual an der zentralen Rissstelle zu vollenden — genau dort, wo die Mahnsäule steht, wo die Membran am dünnsten ist, verstärkt durch die kollektive Trauer von Tausenden." Vel'Raums Stimme war fest, aber unter ihr lag eine Dringlichkeit, die keinen Zweifel offenließ. „Wenn sie erfolgreich sind, könnten wir eine Wiederholung dessen erleben, was vor zwanzig Jahren geschah — möglicherweise schlimmer, da diesmal keine militärische Formation vorbereitet ist, um zu reagieren, sondern eine unbewaffnete, trauernde Menge."

Vel'Kaddar sah über den Platz, über die Tausenden von Zivilisten, die in stiller Trauer verharrten, ohne die Bedrohung zu ahnen, die sich langsam durch ihre Reihen bewegte, und traf eine Entscheidung mit der Geschwindigkeit, die zwanzig Jahre Kommandoerfahrung ihm gegeben hatten.

„Wir können nicht angreifen, ohne Panik auszulösen, die selbst tödlich sein könnte", sagte er leise zu Vel'Schwur und Vel'Raum. „Bre'kar." Er wandte sich über den Kanal an den Feuerhüter-Hauptmann, der auf der anderen Seite des Platzes stand. „Wir haben ein Problem. Bewege deine Brüder unauffällig zur östlichen Flanke der Gruppe um Perrin Auck. Wir müssen sie isolieren, bevor sie das Zentrum erreichen, ohne dass die umliegende Menge etwas bemerkt."

„Verstanden." Bre'kars Stimme kam zurück, ruhig, aber bereit. „Ashek, mit mir. Langsam. Kein Aufsehen."

Während die beiden Astartes-Formationen begannen, sich unauffällig durch die Menge zu bewegen, spürte Corin, der die angespannten Bewegungen der Hauptmänner beobachtete, ohne die genauen Worte zu hören, dass etwas nicht stimmte. Er sah zu Vel'Schwur, der sich näherte, sein steinerner Helm jetzt zu ihm gewandt.

„Novize Vale." Vel'Schwurs Stimme war leise, aber dringend. „Du kennst den dritten Bezirk besser als jeder Bruder hier. Ich brauche deine Hilfe."

„Was ist los?"

„Eine Bedrohung, die wir ruhig neutralisieren müssen, ohne Panik auszulösen. Ich brauche jemanden, der sich unter die Menge mischen kann, ohne aufzufallen — jemanden, den die Leute hier als einen von ihnen erkennen, nicht als Astartes." Vel'Schwur sah ihn direkt an. „Bist du bereit?"

Corin sah über den Platz, zu der Gruppe um Perrin Auck, die sich jetzt fast am Zentrum befand, und spürte, wie sein Herz schneller schlug — nicht aus Angst, sondern aus einer plötzlichen, klaren Erkenntnis, dass dies der Moment war, für den seine gesamte Ausbildung, sein gesamtes Leben, ihn unbewusst vorbereitet hatte.

„Ich bin bereit."

Vel'Schwur unterbrach seine Rede nicht abrupt — zwanzig Jahre Erfahrung als Schwurhüter hatten ihn gelehrt, dass eine plötzliche Unterbrechung inmitten einer trauernden Menge selbst zur Katastrophe werden konnte —, aber er beendete seine Worte mit einer Geschwindigkeit, die nur jene bemerkten, die ihn gut genug kannten, um den Unterschied zu spüren.

„Lasst uns nun in Stille verharren", schloss er, „für jene, die wir verloren haben."

Während die Menge ihre Köpfe senkte, bewegte er sich unauffällig zur Seite, wo Vel'Kaddar bereits wartete, sein Gesicht angespannt, offensichtlich informiert durch denselben privaten Kanal.

„Vel'Raum sagt, die Membran wird dünner", sagte Vel'Kaddar leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, das nur für Astartes-Ohren bestimmt war. „Was bedeutet das konkret?"

„Es bedeutet, dass jemand oder etwas aktiv daran arbeitet, sie zu durchbrechen." Vel'Schwurs Blick wanderte über die Menge, suchend, obwohl er nicht genau wusste, wonach er suchte. „Vor zwanzig Jahren hat ein Dunkler Apostel ein Ritual begonnen, das nie vollständig abgeschlossen wurde. Es ist möglich, dass Reste dieses Rituals — Energiesignaturen, eingebettet in den Fels selbst — auf einen Auslöser gewartet haben. Eine Konzentration von Trauer, von emotionaler Intensität, wie sie genau an diesem Ort, an diesem Tag, unvermeidlich ist."

„Kannst du feststellen, wo genau?"

„Vel'Raum arbeitet daran." Vel'Schwur sah zu dem Scriptor, dessen Augen noch immer geschlossen waren, dessen Körper vor Konzentration zitterte, während er die psychischen Kraftlinien der Struktur unter ihnen abtastete. „Gib mir einen Moment."

Es dauerte weniger als eine Minute, aber für Corin, der von seiner Position auf der Novizen-Plattform aus die plötzliche Anspannung in der Haltung der Hauptmänner bemerkte, fühlte sie sich endlos an.

„Dort." Vel'Raum öffnete die Augen, sein Blick fixiert auf einen Punkt am Rande des Mahnmal-Platzes, wo eine Gruppe von Zivilisten — vielleicht zwölf oder dreizehn, unauffällig gekleidet, unter ihnen ein Mann mittleren Alters mit einem Gesicht, das eine seltsame, fast unnatürliche Ruhe ausstrahlte — sich langsam näherte, dem Zentrum des Platzes zu, wo die Mahnsäule aufragte.

„Perrin Auck", sagte Mira, die sich zu Vel'Kaddar durchgedrängt hatte, ihre Stimme dringlich. „Das ist er. Der Mann, von dem ich Ihnen erzählt habe."

Vel'Kaddar sah zu der Gruppe, dann zurück zu Vel'Raum. „Was werden sie tun?"

„Ich glaube, sie beabsichtigen, ein Ritual an der zentralen Rissstelle zu vollenden — genau dort, wo die Mahnsäule steht, wo die Membran am dünnsten ist, verstärkt durch die kollektive Trauer von Tausenden." Vel'Raums Stimme war fest, aber unter ihr lag eine Dringlichkeit, die keinen Zweifel offenließ. „Wenn sie erfolgreich sind, könnten wir eine Wiederholung dessen erleben, was vor zwanzig Jahren geschah — möglicherweise schlimmer, da diesmal keine militärische Formation vorbereitet ist, um zu reagieren, sondern eine unbewaffnete, trauernde Menge."

Vel'Kaddar sah über den Platz, über die Tausenden von Zivilisten, die in stiller Trauer verharrten, ohne die Bedrohung zu ahnen, die sich langsam durch ihre Reihen bewegte, und traf eine Entscheidung mit der Geschwindigkeit, die zwanzig Jahre Kommandoerfahrung ihm gegeben hatten.

„Wir können nicht angreifen, ohne Panik auszulösen, die selbst tödlich sein könnte", sagte er leise zu Vel'Schwur und Vel'Raum. „Bre'kar." Er wandte sich über den Kanal an den Feuerhüter-Hauptmann, der auf der anderen Seite des Platzes stand. „Wir haben ein Problem. Bewege deine Brüder unauffällig zur östlichen Flanke der Gruppe um Perrin Auck. Wir müssen sie isolieren, bevor sie das Zentrum erreichen, ohne dass die umliegende Menge etwas bemerkt."

„Verstanden." Bre'kars Stimme kam zurück, ruhig, aber bereit. „Ashek, mit mir. Langsam. Kein Aufsehen."

Während die beiden Astartes-Formationen begannen, sich unauffällig durch die Menge zu bewegen, spürte Corin, der die angespannten Bewegungen der Hauptmänner beobachtete, ohne die genauen Worte zu hören, dass etwas nicht stimmte. Er sah zu Vel'Schwur, der sich näherte, sein steinerner Helm jetzt zu ihm gewandt.

„Novize Vale." Vel'Schwurs Stimme war leise, aber dringend. „Du kennst den dritten Bezirk besser als jeder Bruder hier. Ich brauche deine Hilfe."

„Was ist los?"

„Eine Bedrohung, die wir ruhig neutralisieren müssen, ohne Panik auszulösen. Ich brauche jemanden, der sich unter die Menge mischen kann, ohne aufzufallen — jemanden, den die Leute hier als einen von ihnen erkennen, nicht als Astartes." Vel'Schwur sah ihn direkt an. „Bist du bereit?"

Corin sah über den Platz, zu der Gruppe um Perrin Auck, die sich jetzt fast am Zentrum befand, und spürte, wie sein Herz schneller schlug — nicht aus Angst, sondern aus einer plötzlichen, klaren Erkenntnis, dass dies der Moment war, für den seine gesamte Ausbildung, sein gesamtes Leben, ihn unbewusst vorbereitet hatte.

„Ich bin bereit."

XXIII. PERRINXXIII. PERRIN

Corin bewegte sich durch die Menge mit der Vorsicht eines Mannes, der wusste, dass jede falsche Bewegung eine Katastrophe auslösen konnte, seine Novizen-Robe unter einer zivilen Jacke verborgen, die ihm ein Bruder in letzter Minute gereicht hatte, während er sich der Gruppe um Perrin Auck näherte.

Aus der Nähe sah er, was er aus der Ferne nicht hatte erkennen können: die Gesichter der zwölf Menschen, die Perrin umgaben, trugen alle denselben Ausdruck — eine Mischung aus Trauer und einer seltsamen, fiebrigen Erwartung, als würden sie auf etwas warten, das sie sich seit zwanzig Jahren erträumt hatten.

Und Perrin selbst, aus der Nähe betrachtet, trug etwas in seinem Gesicht, das Corin einen Schauer über den Rücken laufen ließ — nicht offensichtlich böse, nicht die Karikatur eines Ketzers, die er sich vielleicht vorgestellt hätte, sondern etwas viel Beunruhigenderes: das Gesicht eines Mannes, der aufrichtig glaubte, dass er im Recht war.

„Perrin Auck." Corin trat vor, seine Stimme so ruhig, wie er sie machen konnte, obwohl sein Herz raste.

Perrin drehte sich zu ihm, seine Augen musternd, und für einen Moment sah Corin etwas in ihnen aufblitzen — nicht Erkennung, sondern eine Art Neugier, fast Freundlichkeit. „Ich kenne dich nicht."

„Corin Vale. Mein Vater ist an jenem Tag gestorben. Wie deine Familie."

Bei diesen Worten veränderte sich etwas in Perrins Ausdruck — eine plötzliche, echte Verbindung, die Corin fast erschreckte in ihrer Aufrichtigkeit. „Dann verstehst du es also. Den Verlust. Die Frage, die nie beantwortet wird."

„Ich verstehe den Verlust." Corin trat noch einen Schritt näher, bewusst, dass er sich zwischen der Gruppe und der Mahnsäule positionierte, so unauffällig wie möglich. „Aber ich glaube nicht, dass das, was du hier tust, eine Antwort ist, Perrin. Ich glaube, es ist eine weitere Wunde."

„Was weißt du schon davon, Aspirant?" Eine Frau aus der Gruppe — Dessa Korr, obwohl Corin ihren Namen nicht kannte — trat vor, ihre Stimme scharf. „Du trägst jetzt ihre Rüstung. Du hast dich auf die Seite derer geschlagen, die entschieden haben, dass unsere Familien entbehrlich waren."

„Ich habe mich auf keine Seite geschlagen." Corins Stimme zitterte leicht, aber er hielt sie fest. „Ich habe eine Frage gestellt, die mich mein ganzes Leben verfolgt hat, und ich habe eine Antwort bekommen, die nicht sauber war, nicht einfach, nicht das, was ich hören wollte. Aber sie war ehrlich. Was du hier planst, Perrin — ist es ehrlich? Oder ist es nur eine andere Art, die Wahrheit zu vermeiden, die wir alle tragen müssen: dass manche Verluste keinen Sinn ergeben, egal wie sehr wir nach einem suchen?"

Perrin sah ihn lange an, und für einen Moment, einen einzigen, zerbrechlichen Moment, sah Corin etwas in seinem Gesicht, das wie Zweifel aussah — der erste echte Zweifel, den Perrin Auck seit zwanzig Jahren zugelassen hatte.

Dann verhärtete sich sein Ausdruck wieder, und die fremde, kaum wahrnehmbare Tonlage kehrte in seine Stimme zurück.

„Du verstehst nicht", sagte er, und seine Augen begannen, in einem schwachen, unnatürlichen Licht zu glühen, das Corin einen Moment lang glauben ließ, seine eigenen Augen würden ihn täuschen. „Es ist keine Vermeidung. Es ist eine Einladung. Der Riss hat mir vor zwanzig Jahren etwas versprochen, und heute wird dieses Versprechen eingelöst."

Er hob eine Hand, in der ein kleines, mit Symbolen bedecktes Amulett lag — ein Fragment, das er über Jahre aus verbotenen Texten rekonstruiert hatte, das jetzt, in diesem Moment, in seiner Handfläche zu pulsieren begann.

„Es ist zu spät, um uns aufzuhalten", sagte er, seine Stimme jetzt lauter, während um ihn herum die zwölf Anhänger begannen, sich um ihn zu versammeln, die Hände ineinander verschränkt, ihre Münder sich öffnend, um Worte zu sprechen, die Corin nicht verstand, die sich aber auf eine urtümliche, beunruhigende Weise falsch anfühlten, gegen jedes Naturgesetz, das er kannte.

Corin spürte, wie die Luft um ihn herum kälter wurde, wie ein Druck sich aufbaute, der weit über das hinausging, was ein einzelner Mensch verursachen konnte, und wusste, mit einer Klarheit, die keinen Zweifel zuließ, dass die Zeit für Worte vorüber war.

„Ordenspriester!", rief er über den Vox, den man ihm gegeben hatte, seine Stimme jetzt voller Dringlichkeit. „Sie beginnen! Jetzt!"

Corin bewegte sich durch die Menge mit der Vorsicht eines Mannes, der wusste, dass jede falsche Bewegung eine Katastrophe auslösen konnte, seine Novizen-Robe unter einer zivilen Jacke verborgen, die ihm ein Bruder in letzter Minute gereicht hatte, während er sich der Gruppe um Perrin Auck näherte.

Aus der Nähe sah er, was er aus der Ferne nicht hatte erkennen können: die Gesichter der zwölf Menschen, die Perrin umgaben, trugen alle denselben Ausdruck — eine Mischung aus Trauer und einer seltsamen, fiebrigen Erwartung, als würden sie auf etwas warten, das sie sich seit zwanzig Jahren erträumt hatten.

Und Perrin selbst, aus der Nähe betrachtet, trug etwas in seinem Gesicht, das Corin einen Schauer über den Rücken laufen ließ — nicht offensichtlich böse, nicht die Karikatur eines Ketzers, die er sich vielleicht vorgestellt hätte, sondern etwas viel Beunruhigenderes: das Gesicht eines Mannes, der aufrichtig glaubte, dass er im Recht war.

„Perrin Auck." Corin trat vor, seine Stimme so ruhig, wie er sie machen konnte, obwohl sein Herz raste.

Perrin drehte sich zu ihm, seine Augen musternd, und für einen Moment sah Corin etwas in ihnen aufblitzen — nicht Erkennung, sondern eine Art Neugier, fast Freundlichkeit. „Ich kenne dich nicht."

„Corin Vale. Mein Vater ist an jenem Tag gestorben. Wie deine Familie."

Bei diesen Worten veränderte sich etwas in Perrins Ausdruck — eine plötzliche, echte Verbindung, die Corin fast erschreckte in ihrer Aufrichtigkeit. „Dann verstehst du es also. Den Verlust. Die Frage, die nie beantwortet wird."

„Ich verstehe den Verlust." Corin trat noch einen Schritt näher, bewusst, dass er sich zwischen der Gruppe und der Mahnsäule positionierte, so unauffällig wie möglich. „Aber ich glaube nicht, dass das, was du hier tust, eine Antwort ist, Perrin. Ich glaube, es ist eine weitere Wunde."

„Was weißt du schon davon, Aspirant?" Eine Frau aus der Gruppe — Dessa Korr, obwohl Corin ihren Namen nicht kannte — trat vor, ihre Stimme scharf. „Du trägst jetzt ihre Rüstung. Du hast dich auf die Seite derer geschlagen, die entschieden haben, dass unsere Familien entbehrlich waren."

„Ich habe mich auf keine Seite geschlagen." Corins Stimme zitterte leicht, aber er hielt sie fest. „Ich habe eine Frage gestellt, die mich mein ganzes Leben verfolgt hat, und ich habe eine Antwort bekommen, die nicht sauber war, nicht einfach, nicht das, was ich hören wollte. Aber sie war ehrlich. Was du hier planst, Perrin — ist es ehrlich? Oder ist es nur eine andere Art, die Wahrheit zu vermeiden, die wir alle tragen müssen: dass manche Verluste keinen Sinn ergeben, egal wie sehr wir nach einem suchen?"

Perrin sah ihn lange an, und für einen Moment, einen einzigen, zerbrechlichen Moment, sah Corin etwas in seinem Gesicht, das wie Zweifel aussah — der erste echte Zweifel, den Perrin Auck seit zwanzig Jahren zugelassen hatte.

Dann verhärtete sich sein Ausdruck wieder, und die fremde, kaum wahrnehmbare Tonlage kehrte in seine Stimme zurück.

„Du verstehst nicht", sagte er, und seine Augen begannen, in einem schwachen, unnatürlichen Licht zu glühen, das Corin einen Moment lang glauben ließ, seine eigenen Augen würden ihn täuschen. „Es ist keine Vermeidung. Es ist eine Einladung. Der Riss hat mir vor zwanzig Jahren etwas versprochen, und heute wird dieses Versprechen eingelöst."

Er hob eine Hand, in der ein kleines, mit Symbolen bedecktes Amulett lag — ein Fragment, das er über Jahre aus verbotenen Texten rekonstruiert hatte, das jetzt, in diesem Moment, in seiner Handfläche zu pulsieren begann.

„Es ist zu spät, um uns aufzuhalten", sagte er, seine Stimme jetzt lauter, während um ihn herum die zwölf Anhänger begannen, sich um ihn zu versammeln, die Hände ineinander verschränkt, ihre Münder sich öffnend, um Worte zu sprechen, die Corin nicht verstand, die sich aber auf eine urtümliche, beunruhigende Weise falsch anfühlten, gegen jedes Naturgesetz, das er kannte.

Corin spürte, wie die Luft um ihn herum kälter wurde, wie ein Druck sich aufbaute, der weit über das hinausging, was ein einzelner Mensch verursachen konnte, und wusste, mit einer Klarheit, die keinen Zweifel zuließ, dass die Zeit für Worte vorüber war.

„Ordenspriester!", rief er über den Vox, den man ihm gegeben hatte, seine Stimme jetzt voller Dringlichkeit. „Sie beginnen! Jetzt!"

XXIV. DIE DRITTE WAHLXXIV. DIE DRITTE WAHL

Der erste Riss in der Realität öffnete sich mit einem Geräusch, das keinen Namen hatte — kein Donnern, kein Reißen, sondern etwas, das sich anfühlte, als würde die Welt selbst husten —, und für einen entsetzlichen Moment glaubte Corin, dass sich die Katastrophe von vor zwanzig Jahren direkt vor seinen Augen wiederholen würde.

Dann waren Vel'Kaddar und Bre'kar da, gemeinsam, ihre Klingen bereits gezogen, während um sie herum die versammelte Menge in Panik auseinanderstob, Astartes-Brüder beider Orden sich zwischen die fliehenden Zivilisten und die aufreißende Wunde in der Realität stellten, um einen geordneten Rückzug zu ermöglichen, der vor zwanzig Jahren nicht möglich gewesen war.

„Zivilisten evakuieren, nicht angreifen!", befahl Vel'Kaddar über den offenen Kanal, seine Stimme durchdringend über das Chaos. „Bre'kar, deine Brüder übernehmen die Räumung des Platzes. Meine sichern den Perimeter um den Riss."

„Verstanden." Bre'kars Stimme trug die gleiche disziplinierte Dringlichkeit, mit der er vor zwanzig Jahren einen Schacht voller Flüchtender koordiniert hatte. „Ashek, mit mir, wir bilden einen Korridor."

Corin, immer noch nahe der zentralen Gruppe, sah, wie Perrin und seine Anhänger sich um den kleinen, aber wachsenden Riss versammelten, ihre Stimmen jetzt in einem gemeinsamen, dissonanten Gesang vereint, während dünne, schattenhafte Formen begannen, sich aus der aufreißenden Wunde zu lösen — nicht die vollständigen Kreaturen von vor zwanzig Jahren, aber etwas, das dennoch eine reale und wachsende Bedrohung darstellte.

„Vale!" Vel'Kaddars Stimme erreichte ihn über den Vox. „Bewege dich zurück, sofort!"

„Perrin hat noch einen Moment des Zweifels gezeigt", rief Corin zurück, seine Augen noch immer auf den Mann gerichtet, dessen Gesicht jetzt von einem grauenhaften, aber auch zutiefst traurigen Ausdruck gezeichnet war, während der Ritus, den er begonnen hatte, ihn zu verzehren begann, mehr als er kontrollieren konnte. „Ich glaube — ich glaube, er kann noch erreicht werden."

„Das ist nicht deine Entscheidung zu treffen, Novize."

„Es ist meine Entscheidung." Corins Stimme war jetzt fest, mit einer Entschlossenheit, die sich anfühlte, als hätte er sie sein ganzes Leben lang für genau diesen Moment gespart. „So wie es Ihre war, vor zwanzig Jahren. Geben Sie mir eine Minute."

Es folgte ein Moment der Stille auf dem Kanal, in dem Corin fast spürte, wie Vel'Kaddar mit sich rang — der Hauptmann, der einst eine Position gegen das Gesetz seines eigenen Ordens aufgegeben hatte, jetzt konfrontiert mit einem jungen Novizen, der eine ähnliche, verzweifelte Bitte äußerte.

„Eine Minute", sagte Vel'Kaddar schließlich. „Nicht mehr. Wenn der Riss sich weiter öffnet, greifen wir ein, mit oder ohne dich in der Nähe."

Corin trat vor, näher an Perrin heran, als es klug war, seine Stimme über den wachsenden Lärm des Ritus erhebend. „Perrin! Dein Vater — wie hieß er?"

Die Frage schien Perrin für einen Moment aus seinem Trance-artigen Zustand zu reißen, seine Augen, immer noch unnatürlich glühend, sich auf Corin richtend mit einem Ausdruck von Verwirrung.

„Was?"

„Dein Vater. Wie hieß er? Du hast nie aufgehört, um deine Familie zu trauern, das sehe ich. Aber ich frage mich, ob du dich noch erinnerst, wie er wirklich hieß, oder ob zwanzig Jahre Trauer seinen Namen durch etwas anderes ersetzt haben."

„Dess." Das Wort kam fast automatisch, aus einem Ort in Perrin, der noch nicht vollständig vom Ritus verschlungen worden war. „Dessarion Auck."

„Und glaubst du, Dessarion Auck hätte gewollt, dass sein Sohn dies tut? Dass er eine Wunde öffnet, die Tausende weitere Familien genau das erleben lässt, was deine erlebt hat?"

Perrins Gesicht verzog sich, ein Kampf sichtbar zwischen dem Mann, der er einst gewesen war, und dem, was zwanzig Jahre Manipulation und Trauer aus ihm gemacht hatten. Der Gesang um ihn herum wankte, einige seiner Anhänger, die Corins Worte ebenfalls hörten, begannen zu zögern.

„Es ist zu spät", flüsterte Perrin, aber seine Stimme trug jetzt einen Bruch, eine Verzweiflung, die echt war. „Ich habe es begonnen. Ich kann es nicht mehr aufhalten."

„Dann lass mich helfen." Corin trat noch näher, seine Hand ausgestreckt, nicht als Waffe, sondern als Geste. „Nicht um es aufzuhalten. Um dich herauszuholen."

Für einen Moment, einen einzigen, zerbrechlichen Moment, sah Corin, wie Perrin nach seiner Hand griff — und dann, mit einem Schrei, der weniger menschlich klang als alles, was Corin je gehört hatte, wurde Perrin von einer Kraft erfasst, die aus dem Riss selbst zu strömen schien, seine Gestalt sich verzerrend, während der Ritus, den er begonnen hatte, ihn nun selbst als Gefäß beanspruchte.

„Zurück!", brüllte Vel'Kaddar, und in derselben Sekunde war er da, gemeinsam mit Bre'kar, beide Klingen bereits erhoben, während Corin sich zurückwarf, gerade rechtzeitig, um dem ersten Schlag der Kreatur zu entgehen, die einst Perrin Auck gewesen war.

Was folgte, war ein Kampf, kurz, aber brutal — Vel'Kaddar und Bre'kar, Seite an Seite, wie sie es vor zwanzig Jahren getan hatten, kämpften nicht gegeneinander in ihrer Doktrin, sondern gemeinsam gegen eine Bedrohung, die keine Interpretation, keine Ambiguität zuließ. Die verbliebenen Anhänger, aus ihrem Trance-Zustand gerissen durch das grauenhafte Schicksal ihres Anführers, brachen zusammen, einige fliehend, andere, wie Dessa Korr, auf die Knie fallend, von Entsetzen über das, was sie fast getan hätten, überwältigt.

Der Riss, seiner treibenden Kraft beraubt, begann sich langsam zu schließen, während Scriptor Vel'Raum, konzentriert und mit ausgestreckten Händen, die letzten Fäden des Rituals psionisch durchtrennte.

Und im Zentrum des Platzes, wo einst ein Mann namens Perrin Auck gestanden hatte, blieb nur Stille zurück, und die Asche dessen, was der Ritus aus ihm gemacht hatte.

Der erste Riss in der Realität öffnete sich mit einem Geräusch, das keinen Namen hatte — kein Donnern, kein Reißen, sondern etwas, das sich anfühlte, als würde die Welt selbst husten —, und für einen entsetzlichen Moment glaubte Corin, dass sich die Katastrophe von vor zwanzig Jahren direkt vor seinen Augen wiederholen würde.

Dann waren Vel'Kaddar und Bre'kar da, gemeinsam, ihre Klingen bereits gezogen, während um sie herum die versammelte Menge in Panik auseinanderstob, Astartes-Brüder beider Orden sich zwischen die fliehenden Zivilisten und die aufreißende Wunde in der Realität stellten, um einen geordneten Rückzug zu ermöglichen, der vor zwanzig Jahren nicht möglich gewesen war.

„Zivilisten evakuieren, nicht angreifen!", befahl Vel'Kaddar über den offenen Kanal, seine Stimme durchdringend über das Chaos. „Bre'kar, deine Brüder übernehmen die Räumung des Platzes. Meine sichern den Perimeter um den Riss."

„Verstanden." Bre'kars Stimme trug die gleiche disziplinierte Dringlichkeit, mit der er vor zwanzig Jahren einen Schacht voller Flüchtender koordiniert hatte. „Ashek, mit mir, wir bilden einen Korridor."

Corin, immer noch nahe der zentralen Gruppe, sah, wie Perrin und seine Anhänger sich um den kleinen, aber wachsenden Riss versammelten, ihre Stimmen jetzt in einem gemeinsamen, dissonanten Gesang vereint, während dünne, schattenhafte Formen begannen, sich aus der aufreißenden Wunde zu lösen — nicht die vollständigen Kreaturen von vor zwanzig Jahren, aber etwas, das dennoch eine reale und wachsende Bedrohung darstellte.

„Vale!" Vel'Kaddars Stimme erreichte ihn über den Vox. „Bewege dich zurück, sofort!"

„Perrin hat noch einen Moment des Zweifels gezeigt", rief Corin zurück, seine Augen noch immer auf den Mann gerichtet, dessen Gesicht jetzt von einem grauenhaften, aber auch zutiefst traurigen Ausdruck gezeichnet war, während der Ritus, den er begonnen hatte, ihn zu verzehren begann, mehr als er kontrollieren konnte. „Ich glaube — ich glaube, er kann noch erreicht werden."

„Das ist nicht deine Entscheidung zu treffen, Novize."

„Es ist meine Entscheidung." Corins Stimme war jetzt fest, mit einer Entschlossenheit, die sich anfühlte, als hätte er sie sein ganzes Leben lang für genau diesen Moment gespart. „So wie es Ihre war, vor zwanzig Jahren. Geben Sie mir eine Minute."

Es folgte ein Moment der Stille auf dem Kanal, in dem Corin fast spürte, wie Vel'Kaddar mit sich rang — der Hauptmann, der einst eine Position gegen das Gesetz seines eigenen Ordens aufgegeben hatte, jetzt konfrontiert mit einem jungen Novizen, der eine ähnliche, verzweifelte Bitte äußerte.

„Eine Minute", sagte Vel'Kaddar schließlich. „Nicht mehr. Wenn der Riss sich weiter öffnet, greifen wir ein, mit oder ohne dich in der Nähe."

Corin trat vor, näher an Perrin heran, als es klug war, seine Stimme über den wachsenden Lärm des Ritus erhebend. „Perrin! Dein Vater — wie hieß er?"

Die Frage schien Perrin für einen Moment aus seinem Trance-artigen Zustand zu reißen, seine Augen, immer noch unnatürlich glühend, sich auf Corin richtend mit einem Ausdruck von Verwirrung.

„Was?"

„Dein Vater. Wie hieß er? Du hast nie aufgehört, um deine Familie zu trauern, das sehe ich. Aber ich frage mich, ob du dich noch erinnerst, wie er wirklich hieß, oder ob zwanzig Jahre Trauer seinen Namen durch etwas anderes ersetzt haben."

„Dess." Das Wort kam fast automatisch, aus einem Ort in Perrin, der noch nicht vollständig vom Ritus verschlungen worden war. „Dessarion Auck."

„Und glaubst du, Dessarion Auck hätte gewollt, dass sein Sohn dies tut? Dass er eine Wunde öffnet, die Tausende weitere Familien genau das erleben lässt, was deine erlebt hat?"

Perrins Gesicht verzog sich, ein Kampf sichtbar zwischen dem Mann, der er einst gewesen war, und dem, was zwanzig Jahre Manipulation und Trauer aus ihm gemacht hatten. Der Gesang um ihn herum wankte, einige seiner Anhänger, die Corins Worte ebenfalls hörten, begannen zu zögern.

„Es ist zu spät", flüsterte Perrin, aber seine Stimme trug jetzt einen Bruch, eine Verzweiflung, die echt war. „Ich habe es begonnen. Ich kann es nicht mehr aufhalten."

„Dann lass mich helfen." Corin trat noch näher, seine Hand ausgestreckt, nicht als Waffe, sondern als Geste. „Nicht um es aufzuhalten. Um dich herauszuholen."

Für einen Moment, einen einzigen, zerbrechlichen Moment, sah Corin, wie Perrin nach seiner Hand griff — und dann, mit einem Schrei, der weniger menschlich klang als alles, was Corin je gehört hatte, wurde Perrin von einer Kraft erfasst, die aus dem Riss selbst zu strömen schien, seine Gestalt sich verzerrend, während der Ritus, den er begonnen hatte, ihn nun selbst als Gefäß beanspruchte.

„Zurück!", brüllte Vel'Kaddar, und in derselben Sekunde war er da, gemeinsam mit Bre'kar, beide Klingen bereits erhoben, während Corin sich zurückwarf, gerade rechtzeitig, um dem ersten Schlag der Kreatur zu entgehen, die einst Perrin Auck gewesen war.

Was folgte, war ein Kampf, kurz, aber brutal — Vel'Kaddar und Bre'kar, Seite an Seite, wie sie es vor zwanzig Jahren getan hatten, kämpften nicht gegeneinander in ihrer Doktrin, sondern gemeinsam gegen eine Bedrohung, die keine Interpretation, keine Ambiguität zuließ. Die verbliebenen Anhänger, aus ihrem Trance-Zustand gerissen durch das grauenhafte Schicksal ihres Anführers, brachen zusammen, einige fliehend, andere, wie Dessa Korr, auf die Knie fallend, von Entsetzen über das, was sie fast getan hätten, überwältigt.

Der Riss, seiner treibenden Kraft beraubt, begann sich langsam zu schließen, während Scriptor Vel'Raum, konzentriert und mit ausgestreckten Händen, die letzten Fäden des Rituals psionisch durchtrennte.

Und im Zentrum des Platzes, wo einst ein Mann namens Perrin Auck gestanden hatte, blieb nur Stille zurück, und die Asche dessen, was der Ritus aus ihm gemacht hatte.

XXV. WAS DER STEIN NOCH TRÄGTXXV. WAS DER STEIN NOCH TRÄGT

Die Nacht nach dem Angriff verbrachte Corin nicht in seinem Novizen-Quartier, sondern auf der Wall-Plattform der Kettenfeste, wohin er, ohne wirklich zu wissen, warum, gegangen war, nachdem die Berichte geschrieben, die Verwundeten versorgt und die überlebenden Anhänger Perrins der planetaren Militia übergeben worden waren, für ein Verhör, das, wie Corin wusste, ohne echte Grausamkeit, aber mit der vollen Ernsthaftigkeit geführt werden würde, die ein versuchter Warp-Ritus verlangte.

Er stand allein am Rand der Plattform, den Blick auf die Stadt gerichtet, die unter dem Sternenhimmel lag, immer noch aufgewühlt von den Ereignissen des Tages, aber lebendig, überlebend, wie sie es zwanzig Jahre zuvor auch gewesen war.

„Du hast heute etwas getan, das ich nicht erwartet hatte." Vel'Kaddars Stimme kam von hinten, und Corin drehte sich um, um den Hauptmann zu finden, der ohne Helm auf ihn zutrat, sein Gesicht im schwachen Licht der Sterne sichtbar, gezeichnet von der Erschöpfung des Tages.

„Ich habe fast versagt", sagte Corin. „Perrin — ich konnte ihn nicht erreichen. Nicht wirklich."

„Aber du hast es versucht. Und dieser Versuch hat den Gesang unterbrochen, hat einige seiner Anhänger genug erschüttert, um zu zögern, bevor sie sich vollständig dem Ritus hingaben. Das ist nicht nichts, Corin." Vel'Kaddar stellte sich neben ihn, seinen Blick ebenfalls auf die Stadt gerichtet. „Ich habe heute etwas gesehen, das mich an einen anderen Tag erinnert hat, vor zwanzig Jahren, als ich vor einer Wahl stand, die kein Gesetz vorbereitet hatte. Du standest heute vor einer ähnlichen Wahl."

„Ich habe versucht, ihn zu retten, obwohl ich wusste, dass er vielleicht bereits zu weit gegangen war."

„Ja."

„War das die richtige Entscheidung?"

Vel'Kaddar schwieg einen Moment, den Blick noch immer auf die Stadt gerichtet. „Ich weiß es nicht", sagte er schließlich, mit derselben Ehrlichkeit, die er Corin bereits einmal gegeben hatte. „Ich weiß nur, dass du eine Wahl getroffen hast, die aus echtem Verständnis kam, nicht aus reiner Doktrin. Das ist alles, was jeder von uns je tun kann, Corin. Nicht die perfekte Antwort finden — die gibt es selten. Sondern die ehrlichste Antwort finden, die wir in dem Moment finden können, in dem wir sie brauchen."

Sie standen eine Weile schweigend nebeneinander, während unten in der Stadt die Lichter langsam zurückkehrten, Straße für Straße, als würde Skara selbst tief durchatmen nach einem Tag, der beinahe zur Wiederholung ihrer schlimmsten Erinnerung geworden wäre.

„Was wird aus den anderen?", fragte Corin schließlich. „Denen, die mit Perrin waren?"

„Die Militia wird sie befragen. Manche werden vor ein imperiales Tribunal gestellt, für ihre Beteiligung an einem Warp-Ritus, so unwissend sie auch gewesen sein mögen. Andere — jene, die tatsächlich in dem Moment zögerten, als du sprachst — könnten Gnade finden, in dem Maß, wie das Imperium Gnade in solchen Fällen kennt." Vel'Kaddars Stimme trug keine Illusion über die Härte, die noch bevorstand. „Es wird kein sauberes Ende geben, Corin. Das gibt es selten."

„Wie bei meinem Vater."

„Wie bei deinem Vater." Vel'Kaddar sah ihn an, mit einem Ausdruck, der zwischen Respekt und einer Art väterlicher Sorge lag, die für einen Mann, der theoretisch keine eigenen Kinder haben konnte, seltsam authentisch wirkte. „Ich glaube, du hast heute etwas verstanden, das viele Aspiranten nie verstehen, egal wie viele Jahre sie dienen: dass die schwersten Entscheidungen nicht zwischen Gut und Böse getroffen werden, sondern zwischen zwei unvollständigen, unvollkommenen Wahrheiten, von denen keine dich vollständig zufriedenstellen wird."

Die Nacht nach dem Angriff verbrachte Corin nicht in seinem Novizen-Quartier, sondern auf der Wall-Plattform der Kettenfeste, wohin er, ohne wirklich zu wissen, warum, gegangen war, nachdem die Berichte geschrieben, die Verwundeten versorgt und die überlebenden Anhänger Perrins der planetaren Militia übergeben worden waren, für ein Verhör, das, wie Corin wusste, ohne echte Grausamkeit, aber mit der vollen Ernsthaftigkeit geführt werden würde, die ein versuchter Warp-Ritus verlangte.

Er stand allein am Rand der Plattform, den Blick auf die Stadt gerichtet, die unter dem Sternenhimmel lag, immer noch aufgewühlt von den Ereignissen des Tages, aber lebendig, überlebend, wie sie es zwanzig Jahre zuvor auch gewesen war.

„Du hast heute etwas getan, das ich nicht erwartet hatte." Vel'Kaddars Stimme kam von hinten, und Corin drehte sich um, um den Hauptmann zu finden, der ohne Helm auf ihn zutrat, sein Gesicht im schwachen Licht der Sterne sichtbar, gezeichnet von der Erschöpfung des Tages.

„Ich habe fast versagt", sagte Corin. „Perrin — ich konnte ihn nicht erreichen. Nicht wirklich."

„Aber du hast es versucht. Und dieser Versuch hat den Gesang unterbrochen, hat einige seiner Anhänger genug erschüttert, um zu zögern, bevor sie sich vollständig dem Ritus hingaben. Das ist nicht nichts, Corin." Vel'Kaddar stellte sich neben ihn, seinen Blick ebenfalls auf die Stadt gerichtet. „Ich habe heute etwas gesehen, das mich an einen anderen Tag erinnert hat, vor zwanzig Jahren, als ich vor einer Wahl stand, die kein Gesetz vorbereitet hatte. Du standest heute vor einer ähnlichen Wahl."

„Ich habe versucht, ihn zu retten, obwohl ich wusste, dass er vielleicht bereits zu weit gegangen war."

„Ja."

„War das die richtige Entscheidung?"

Vel'Kaddar schwieg einen Moment, den Blick noch immer auf die Stadt gerichtet. „Ich weiß es nicht", sagte er schließlich, mit derselben Ehrlichkeit, die er Corin bereits einmal gegeben hatte. „Ich weiß nur, dass du eine Wahl getroffen hast, die aus echtem Verständnis kam, nicht aus reiner Doktrin. Das ist alles, was jeder von uns je tun kann, Corin. Nicht die perfekte Antwort finden — die gibt es selten. Sondern die ehrlichste Antwort finden, die wir in dem Moment finden können, in dem wir sie brauchen."

Sie standen eine Weile schweigend nebeneinander, während unten in der Stadt die Lichter langsam zurückkehrten, Straße für Straße, als würde Skara selbst tief durchatmen nach einem Tag, der beinahe zur Wiederholung ihrer schlimmsten Erinnerung geworden wäre.

„Was wird aus den anderen?", fragte Corin schließlich. „Denen, die mit Perrin waren?"

„Die Militia wird sie befragen. Manche werden vor ein imperiales Tribunal gestellt, für ihre Beteiligung an einem Warp-Ritus, so unwissend sie auch gewesen sein mögen. Andere — jene, die tatsächlich in dem Moment zögerten, als du sprachst — könnten Gnade finden, in dem Maß, wie das Imperium Gnade in solchen Fällen kennt." Vel'Kaddars Stimme trug keine Illusion über die Härte, die noch bevorstand. „Es wird kein sauberes Ende geben, Corin. Das gibt es selten."

„Wie bei meinem Vater."

„Wie bei deinem Vater." Vel'Kaddar sah ihn an, mit einem Ausdruck, der zwischen Respekt und einer Art väterlicher Sorge lag, die für einen Mann, der theoretisch keine eigenen Kinder haben konnte, seltsam authentisch wirkte. „Ich glaube, du hast heute etwas verstanden, das viele Aspiranten nie verstehen, egal wie viele Jahre sie dienen: dass die schwersten Entscheidungen nicht zwischen Gut und Böse getroffen werden, sondern zwischen zwei unvollständigen, unvollkommenen Wahrheiten, von denen keine dich vollständig zufriedenstellen wird."

XXVI. DIE ZWEITE MAUERXXVI. DIE ZWEITE MAUER

Drei Tage später, in einer kleinen, formellen Zeremonie in der Siegelkammer der Kettenfeste, wurde Corin Vale offiziell als Scout-Novize der Goldenen Mauer aufgenommen, sein Name in das Buch der Schwüre eingetragen von Ordenspriester Vel'Schwurs eigener Hand, unter Zeugenschaft von Hauptmann Vel'Kaddar und, auf Corins ausdrücklichen Wunsch, in Anwesenheit von Mira Kest, die als seine einzige lebende Familie in Skara galt.

„Du trägst jetzt einen Schwur, der dich binden wird, solange du dieser Festung dienst", sagte Vel'Schwur, seine Stimme feierlich, aber warm auf eine Weise, die Corin bei der Beobachtung anderer Zeremonien nie bemerkt hatte. „Aber du trittst diesem Schwur bei mit einem Wissen, das die meisten Novizen nicht besitzen — dass Gesetze, so notwendig sie sind, manchmal an die Grenze ihrer eigenen Absicht stoßen, und dass die wahre Prüfung eines Kriegers der Goldenen Mauer nicht darin liegt, niemals zu zweifeln, sondern darin, trotz des Zweifels zu handeln, mit der vollen Verantwortung für die eigene Wahl."

Corin sprach die Worte des Schwurs, dieselben Worte, die er in der Siegelkammer an den Wänden verzeichnet gesehen hatte, dieselben Worte, die Vel'Kaddar vor vierzig Jahren gesprochen hatte, bevor er selbst zum Hauptmann wurde, der ein Gesetz brechen und gleichzeitig erfüllen würde.

*Diese Position wird nicht aufgegeben. Nicht durch Erschöpfung. Nicht durch Verlust. Nicht durch Zweifel.*

Als er die letzten Worte sprach, dachte er an seinen Vater, an eine Schlange von Menschen in einem sterbenden Schacht, an eine Entscheidung, die weder ganz richtig noch ganz falsch gewesen war, und an einen Mann namens Perrin Auck, dessen eigene Trauer, ungeleitet und unverstanden, zu etwas geworden war, das fast eine zweite Katastrophe über Skara gebracht hätte.

Er verstand jetzt, mit einer Klarheit, die er sich mit sechzehn Jahren nicht hätte vorstellen können, dass es zwei Arten gab, mit einem Verlust wie seinem umzugehen — eine, die zu Perrin Auck führte, zu einer Trauer, die sich selbst verzehrte und andere mit sich riss, und eine andere, die zu diesem Moment führte, zu einem Schwur, der Verantwortung statt Rache suchte, Verständnis statt Verzweiflung.

Nach der Zeremonie, als die anderen den Raum verlassen hatten, blieb Corin einen Moment allein mit Mira zurück, in der Siegelkammer, umgeben von den Namen von vierzig Brüdern, die vor zwanzig Jahren ihr Leben gegeben hatten, um einen einzigen Verankerungspunkt zu halten.

„Dein Vater wäre stolz gewesen", sagte Mira leise.

„Ich weiß es nicht." Corin sah auf die Wand, auf die Namen, die er inzwischen fast auswendig kannte. „Ich weiß nur, dass ich versuche, etwas aus seinem Tod zu machen, das ihn ehrt, statt ihn zu verraten. Ob das genug ist — das kann ich nicht wissen."

„Das ist alles, was jeder von uns tun kann." Mira legte eine Hand auf seine Schulter, eine Geste, die zwischen einem Menschen und einem Astartes-Novizen selten war, aber in diesem Moment richtig wirkte. „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass Trauer keine Antwort verlangt, um weiterzugehen. Sie verlangt nur, dass wir sie tragen, ohne von ihr zerbrochen zu werden."

Corin nickte, und für einen Moment sahen sie beide gemeinsam auf die Wand der Namen, zwei Überlebende einer Katastrophe, die keiner von ihnen vollständig hinter sich lassen würde, aber die beide, auf ihre eigene Weise, gelernt hatten zu tragen.

Später an diesem Abend, allein auf der Wall-Plattform, wo er zwanzig Tage zuvor zum ersten Mal einen Blick auf Hauptmann Vel'Kaddar erhascht hatte, stand Corin und sah zu, wie die Sterne über Ossilar erschienen, eins nach dem anderen, während unter ihm die Stadt, die seinen Vater gekostet und ihn selbst geformt hatte, in stiller, überlebender Ruhe lag.

Er dachte an die Schande-Kammer auf Castellum Primum, von der Vel'Schwur ihm erzählt hatte — den leeren Raum, der seit zweihundert Jahren wartete, nicht mehr aus Gewissheit, sondern aus einer Entscheidung, die ein Mann getroffen hatte, um sie leer zu lassen. Er dachte daran, dass es vielleicht in jedem Menschen, in jedem Krieger, eine solche Kammer gab — einen Raum, den man für den Tag vorbereitete, an dem man versagen könnte, nicht aus Erwartung des Versagens, sondern aus der Demut, zu wissen, dass man es könnte.

Seine eigene Kammer, dachte er, würde nicht leer bleiben aus Zufall. Sie würde leer bleiben, weil er, wie Vel'Kaddar vor ihm, jeden Tag die Entscheidung treffen würde, sie leer zu halten — nicht durch blinde Gesetzestreue, sondern durch das ständige, bewusste Ringen mit der Frage, was es bedeutete, eine Mauer zu sein, die für Menschen stand, nicht nur für sich selbst.

Er war neunzehn Jahre alt, ein Novize von wenigen Tagen, und er hatte gerade seinen ersten wirklichen Kampf überlebt, gegen eine Bedrohung, die aus dem Schmerz seiner eigenen Stadt geboren worden war. Er wusste, dass die Jahre vor ihm mehr solcher Kämpfe bringen würden — manche gegen Feinde von außen, manche, wie dieser, gegen die dunkleren Möglichkeiten des menschlichen Herzens selbst.

Aber zum ersten Mal in sieben Jahren des Fragens, des Suchens, des stillen Zorns, fühlte er sich bereit, ihnen zu begegnen.

Die Kettenfeste stand hinter ihm, golden im letzten Licht des Tages, unversehrt und doch für immer verändert durch das, was sie zweimal überlebt hatte. Und Corin Vale, Sohn eines Mannes, der drei Familien vorgelassen hatte, bevor die Zeit für ihn selbst ausging, stand auf ihrer Mauer, bereit, sie zu tragen, wie sein Vater die letzten Momente seines Lebens getragen hatte — mit vollem Wissen um den Preis, und mit der stillen Entschlossenheit, ihn dennoch wert zu machen.

**ENDE VON TEIL II**

*Nachwort: Wo Teil I die Frage stellte, was geschieht, wenn zwei unvereinbare Ehrenkodizes aufeinandertreffen, stellt Teil II die Frage, was aus den Überlebenden einer solchen Nacht wird — wie Trauer, ungeleitet, zu etwas Dunklem werden kann, und wie dieselbe Trauer, verstanden und getragen, zu etwas werden kann, das eine neue Generation von Wächtern formt. Auch hier gibt es kein sauberes Ende. Perrin Aucks Schicksal, die Zukunft der überlebenden „Kinder des Risses", die Frage, ob Corin Vale seinem eigenen Vater je vollständig vergeben oder ihn vollständig verstehen wird — all das bleibt offen, so wie es im Leben, und in Warhammer 40.000, meistens bleibt.*

Drei Tage später, in einer kleinen, formellen Zeremonie in der Siegelkammer der Kettenfeste, wurde Corin Vale offiziell als Scout-Novize der Goldenen Mauer aufgenommen, sein Name in das Buch der Schwüre eingetragen von Ordenspriester Vel'Schwurs eigener Hand, unter Zeugenschaft von Hauptmann Vel'Kaddar und, auf Corins ausdrücklichen Wunsch, in Anwesenheit von Mira Kest, die als seine einzige lebende Familie in Skara galt.

„Du trägst jetzt einen Schwur, der dich binden wird, solange du dieser Festung dienst", sagte Vel'Schwur, seine Stimme feierlich, aber warm auf eine Weise, die Corin bei der Beobachtung anderer Zeremonien nie bemerkt hatte. „Aber du trittst diesem Schwur bei mit einem Wissen, das die meisten Novizen nicht besitzen — dass Gesetze, so notwendig sie sind, manchmal an die Grenze ihrer eigenen Absicht stoßen, und dass die wahre Prüfung eines Kriegers der Goldenen Mauer nicht darin liegt, niemals zu zweifeln, sondern darin, trotz des Zweifels zu handeln, mit der vollen Verantwortung für die eigene Wahl."

Corin sprach die Worte des Schwurs, dieselben Worte, die er in der Siegelkammer an den Wänden verzeichnet gesehen hatte, dieselben Worte, die Vel'Kaddar vor vierzig Jahren gesprochen hatte, bevor er selbst zum Hauptmann wurde, der ein Gesetz brechen und gleichzeitig erfüllen würde.

*Diese Position wird nicht aufgegeben. Nicht durch Erschöpfung. Nicht durch Verlust. Nicht durch Zweifel.*

Als er die letzten Worte sprach, dachte er an seinen Vater, an eine Schlange von Menschen in einem sterbenden Schacht, an eine Entscheidung, die weder ganz richtig noch ganz falsch gewesen war, und an einen Mann namens Perrin Auck, dessen eigene Trauer, ungeleitet und unverstanden, zu etwas geworden war, das fast eine zweite Katastrophe über Skara gebracht hätte.

Er verstand jetzt, mit einer Klarheit, die er sich mit sechzehn Jahren nicht hätte vorstellen können, dass es zwei Arten gab, mit einem Verlust wie seinem umzugehen — eine, die zu Perrin Auck führte, zu einer Trauer, die sich selbst verzehrte und andere mit sich riss, und eine andere, die zu diesem Moment führte, zu einem Schwur, der Verantwortung statt Rache suchte, Verständnis statt Verzweiflung.

Nach der Zeremonie, als die anderen den Raum verlassen hatten, blieb Corin einen Moment allein mit Mira zurück, in der Siegelkammer, umgeben von den Namen von vierzig Brüdern, die vor zwanzig Jahren ihr Leben gegeben hatten, um einen einzigen Verankerungspunkt zu halten.

„Dein Vater wäre stolz gewesen", sagte Mira leise.

„Ich weiß es nicht." Corin sah auf die Wand, auf die Namen, die er inzwischen fast auswendig kannte. „Ich weiß nur, dass ich versuche, etwas aus seinem Tod zu machen, das ihn ehrt, statt ihn zu verraten. Ob das genug ist — das kann ich nicht wissen."

„Das ist alles, was jeder von uns tun kann." Mira legte eine Hand auf seine Schulter, eine Geste, die zwischen einem Menschen und einem Astartes-Novizen selten war, aber in diesem Moment richtig wirkte. „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass Trauer keine Antwort verlangt, um weiterzugehen. Sie verlangt nur, dass wir sie tragen, ohne von ihr zerbrochen zu werden."

Corin nickte, und für einen Moment sahen sie beide gemeinsam auf die Wand der Namen, zwei Überlebende einer Katastrophe, die keiner von ihnen vollständig hinter sich lassen würde, aber die beide, auf ihre eigene Weise, gelernt hatten zu tragen.

Später an diesem Abend, allein auf der Wall-Plattform, wo er zwanzig Tage zuvor zum ersten Mal einen Blick auf Hauptmann Vel'Kaddar erhascht hatte, stand Corin und sah zu, wie die Sterne über Ossilar erschienen, eins nach dem anderen, während unter ihm die Stadt, die seinen Vater gekostet und ihn selbst geformt hatte, in stiller, überlebender Ruhe lag.

Er dachte an die Schande-Kammer auf Castellum Primum, von der Vel'Schwur ihm erzählt hatte — den leeren Raum, der seit zweihundert Jahren wartete, nicht mehr aus Gewissheit, sondern aus einer Entscheidung, die ein Mann getroffen hatte, um sie leer zu lassen. Er dachte daran, dass es vielleicht in jedem Menschen, in jedem Krieger, eine solche Kammer gab — einen Raum, den man für den Tag vorbereitete, an dem man versagen könnte, nicht aus Erwartung des Versagens, sondern aus der Demut, zu wissen, dass man es könnte.

Seine eigene Kammer, dachte er, würde nicht leer bleiben aus Zufall. Sie würde leer bleiben, weil er, wie Vel'Kaddar vor ihm, jeden Tag die Entscheidung treffen würde, sie leer zu halten — nicht durch blinde Gesetzestreue, sondern durch das ständige, bewusste Ringen mit der Frage, was es bedeutete, eine Mauer zu sein, die für Menschen stand, nicht nur für sich selbst.

Er war neunzehn Jahre alt, ein Novize von wenigen Tagen, und er hatte gerade seinen ersten wirklichen Kampf überlebt, gegen eine Bedrohung, die aus dem Schmerz seiner eigenen Stadt geboren worden war. Er wusste, dass die Jahre vor ihm mehr solcher Kämpfe bringen würden — manche gegen Feinde von außen, manche, wie dieser, gegen die dunkleren Möglichkeiten des menschlichen Herzens selbst.

Aber zum ersten Mal in sieben Jahren des Fragens, des Suchens, des stillen Zorns, fühlte er sich bereit, ihnen zu begegnen.

Die Kettenfeste stand hinter ihm, golden im letzten Licht des Tages, unversehrt und doch für immer verändert durch das, was sie zweimal überlebt hatte. Und Corin Vale, Sohn eines Mannes, der drei Familien vorgelassen hatte, bevor die Zeit für ihn selbst ausging, stand auf ihrer Mauer, bereit, sie zu tragen, wie sein Vater die letzten Momente seines Lebens getragen hatte — mit vollem Wissen um den Preis, und mit der stillen Entschlossenheit, ihn dennoch wert zu machen.

**ENDE VON TEIL II**

*Nachwort: Wo Teil I die Frage stellte, was geschieht, wenn zwei unvereinbare Ehrenkodizes aufeinandertreffen, stellt Teil II die Frage, was aus den Überlebenden einer solchen Nacht wird — wie Trauer, ungeleitet, zu etwas Dunklem werden kann, und wie dieselbe Trauer, verstanden und getragen, zu etwas werden kann, das eine neue Generation von Wächtern formt. Auch hier gibt es kein sauberes Ende. Perrin Aucks Schicksal, die Zukunft der überlebenden „Kinder des Risses", die Frage, ob Corin Vale seinem eigenen Vater je vollständig vergeben oder ihn vollständig verstehen wird — all das bleibt offen, so wie es im Leben, und in Warhammer 40.000, meistens bleibt.*

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