DAS ECHO VON CALIBANDAS ECHO VON CALIBAN
Eine Dark-Angels-NovelleEine Dark-Angels-Novelle
Dark Angels
„Wir sind die Unversöhnten. Nicht, weil man uns nicht vergeben würde. Sondern weil wir uns selbst niemals vergeben dürfen, solange auch nur einer von ihnen noch frei ist."
„Wir sind die Unversöhnten. Nicht, weil man uns nicht vergeben würde. Sondern weil wir uns selbst niemals vergeben dürfen, solange auch nur einer von ihnen noch frei ist."
— Zugeschrieben einem ungenannten Großmeister der Dark Angels
I. DIE ASCHE VON KHALEMOS SIEBENI. DIE ASCHE VON KHALEMOS SIEBEN
Der Bunker hatte gebrannt, bevor sie ihn erreichten, und Interrogator-Ordenspriester Bariel wusste, noch bevor er die geschmolzene Tür durchschritt, dass sie zu spät kamen. Wieder.
Rauch stieg aus den Trümmern des unterirdischen Komplexes auf, der sich unter der Oberfläche von Khalemos Sieben verbarg — ein Agrarwelt am äußeren Rand des Segmentum Obscurus, unbedeutend genug, dass niemand außer den Unversöhnten je einen Grund gehabt hätte, ihre stillen Täler zu durchsuchen. Aber Bariel hatte gelernt, in den zwölf Jahren, seit er das Amt des Interrogator-Ordenspriesters übernommen hatte, dass Bedeutungslosigkeit selbst ein Muster war, das die Gefallenen bevorzugten. Wer sich verstecken wollte, verbarg sich nicht in den hellen, überwachten Kernwelten des Imperiums. Er verbarg sich dort, wo niemand hinsah.
„Der Verbrennungsgrad deutet auf thermitgestützte Zerstörung hin", meldete Bruder-Techmarine Corvael, der mit einem Servo-Skull über die geschwärzten Kontrollpulte des Bunkers glitt. „Sie hatten Vorwarnung, Interrogator-Ordenspriester. Mindestens vierzig Minuten, vielleicht eine Stunde."
„Woher?" Bariels Stimme, gedämpft durch den Helmvox, klang schärfer, als er beabsichtigt hatte.
„Das kann ich nicht sagen." Corvael richtete sich auf, sein Servo-Okular auf die verkohlten Datenkerne gerichtet, die einst das Herz dieser Zelle gewesen waren. „Aber es war kein Zufall. Sie wussten, dass wir kamen, lange bevor unsere Landungsschiffe den Orbit erreichten."
Bariel bewegte sich durch die verbrannten Korridore, seine schwarze Rüstung im schwachen Licht der Notbeleuchtung fast unsichtbar, und dachte an die Worte, die Großmeister Cassiel ihm vor drei Wochen gesagt hatte, als diese Jagd begonnen hatte: *Wir jagen nicht mehr einen einzelnen Gefallenen, Bariel. Wir jagen ein Netzwerk, das sich selbst warnt, sich selbst schützt, sich selbst neu formiert, sobald wir eine Zelle ausheben. Das hat es seit zehntausend Jahren nicht gegeben. Nicht in dieser Größenordnung.*
Seit dem Großen Riss die Galaxie zerrissen hatte, seit der Dämonenfürst Marbas seinen Angriff auf den Fels geführt hatte — einen Angriff, von dem nur eine Handvoll Brüder außerhalb des Inneren Zirkels je die volle Wahrheit erfahren würden —, war etwas geschehen, das die Unversöhnten in ihren zehn Jahrtausenden der Jagd nie erlebt hatten. Luther, der Arch-Verräter, der Mann, der einst der treueste Freund des Löwen gewesen war, bevor er zum ersten und größten aller Gefallenen wurde, war frei.
Bariel hatte die Akten gesehen, in den Wochen nach dem Angriff — begrenzte Auszüge, freigegeben nur für jene, die an der Jagd beteiligt waren, aber genug, um zu verstehen, was auf dem Spiel stand. Zehntausend Jahre lang war Luther in den tiefsten Kerkern des Fels gefangen gewesen, gekettet, bewacht von den Wächtern im Dunkel, sein bloßes Dasein ein Geheimnis, das nur der Oberste Großmeister kannte. Der Angriff auf den Fels, in den chaotischen Tagen nach der Entstehung des Risses, war, wie Cassiel es formuliert hatte, niemals wirklich gegen die Festung selbst gerichtet gewesen. Er war eine Ablenkung gewesen. Ein Vorhang aus Blut und Explosionen, hinter dem Marbas — selbst einst ein Gefallener, jetzt ein Dämonenfürst des Chaos — das eigentliche Ziel erreicht hatte: die Ketten des ältesten Gefangenen der Dark Angels zu lösen.
Und jetzt, während der Löwe selbst nach zehntausend Jahren des Schlafes erwacht war, während Gerüchte durch jede geheime Kommunikationslinie der Unversöhnten liefen, dass Lion El'Jonson tatsächlich lebte, tatsächlich zurückgekehrt war, um seinen Orden in einer Galaxie zu führen, die er kaum wiedererkennen würde — jetzt bewegte sich Luther frei durch den Schatten, sammelte, wie es schien, die verstreuten Gefallenen zu etwas, das über einzelne Zellen und Verstecke hinausging.
Bariel hatte in den letzten Monaten gelernt, die Zeichen einer verlassenen Zelle zu lesen, so wie ein Jäger die Spuren seiner Beute liest — nicht nur, was zurückgelassen wurde, sondern was bewusst mitgenommen worden war, was in Eile vergessen wurde, was die Flucht selbst über die Disziplin und den Zustand jener verriet, die geflohen waren. Diese Zelle erzählte eine Geschichte, die er in den vorherigen vier Razzien der letzten Wochen bereits mehrfach gelesen hatte: keine Panik, keine Hast, die auf bloßes Glück oder eine zufällige Warnung hindeutete, sondern eine geübte, fast routinierte Evakuierung. Datenkerne waren gezielt zerstört worden, nicht wahllos. Persönliche Gegenstände, die Rückschlüsse auf Identitäten hätten zulassen können, fehlten vollständig. Selbst die Asche selbst, bemerkte Bariel, schien an bestimmten Stellen dichter zu liegen, als hätte jemand sie absichtlich über zurückgebliebene Spuren verteilt.
„Sie üben das", sagte er zu Corvael, während er durch die verkohlten Überreste eines ehemaligen Kommunikationszentrums schritt. „Das ist keine improvisierte Flucht. Das ist ein Protokoll, das sie wiederholt einstudiert haben."
„Ein koordiniertes Netzwerk mit standardisierten Fluchtprozeduren." Corvaels Stimme trug die kühle Anerkennung eines Techmarines für ein gut konstruiertes System, selbst wenn dieses System dem Feind gehörte. „Das erfordert Führung, Interrogator-Ordenspriester. Zentrale Führung, mit der Fähigkeit, Protokolle über weite Distanzen zu verbreiten und durchzusetzen. Das haben die Gefallenen in zehntausend Jahren nie gehabt — sie waren immer verstreut, isoliert, jede Zelle für sich allein kämpfend, um zu überleben."
„Bis jetzt", sagte Bariel.
„Interrogator-Ordenspriester." Großmeister Cassiels Stimme kam über den Kompaniekanal, scharf vor Anspannung. „Wir haben etwas gefunden. Du solltest es sehen."
Bariel folgte der Markierung auf seinem Helm-Display zu einer Kammer tief im Bunker, die den Bränden entgangen war — nicht durch Zufall, wie er sofort erkannte, sondern weil sie absichtlich verschont worden war. In ihrer Mitte stand Cassiel, ein Terminator-Rüstungs-Koloss selbst nach den Maßstäben der Deathwing, sein Helm abgenommen, sein Gesicht im schwachen Licht angespannt.
An der Wand hinter ihm, in den nackten Fels geritzt, mit einer Präzision, die keine hastige Flucht verraten hätte, stand ein einziges Symbol — eine stilisierte Darstellung eines zerbrochenen Schwertes, dessen Klinge in zwei Teile geteilt war, umgeben von Schriftzeichen, die Bariel als eine archaische Form des Calibanit-Dialekts erkannte, den nur die ältesten Gelehrten des Ordens noch lesen konnten.
„Was bedeutet es?", fragte Bariel.
„Ich weiß es nicht genau." Cassiel trat zur Seite, damit Bariel die vollständige Inschrift sehen konnte. „Aber ich erkenne genug der Zeichen, um zu wissen, dass es sich um einen Treffpunkt handelt. Eine Koordinate, verschlüsselt in einer Form, die niemand außerhalb des Inneren Zirkels entziffern können sollte." Seine Stimme wurde leiser. „Und ich erkenne das Symbol selbst, Bariel. Ein zerbrochenes Schwert. Ich habe es in den geheimsten Archiven des Fels gesehen, in den Beschreibungen der Waffe, die der Löwe während der Häresie führte, bevor sie in der letzten Schlacht auf Caliban verloren ging."
Bariel starrte auf das geritzte Symbol, spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog — nicht Angst, das war ein Gefühl, das Astartes selten kannten, sondern etwas Verwandtes, kälter und schwerer. „Du glaubst, Luther plant etwas, das mit dem Schwert des Löwen zu tun hat."
„Ich glaube, Luther plant etwas, das mit dem Löwen selbst zu tun hat", sagte Cassiel. „Und ich glaube, wir haben nicht mehr viel Zeit, um herauszufinden, was."
Der Bunker hatte gebrannt, bevor sie ihn erreichten, und Interrogator-Ordenspriester Bariel wusste, noch bevor er die geschmolzene Tür durchschritt, dass sie zu spät kamen. Wieder.
Rauch stieg aus den Trümmern des unterirdischen Komplexes auf, der sich unter der Oberfläche von Khalemos Sieben verbarg — ein Agrarwelt am äußeren Rand des Segmentum Obscurus, unbedeutend genug, dass niemand außer den Unversöhnten je einen Grund gehabt hätte, ihre stillen Täler zu durchsuchen. Aber Bariel hatte gelernt, in den zwölf Jahren, seit er das Amt des Interrogator-Ordenspriesters übernommen hatte, dass Bedeutungslosigkeit selbst ein Muster war, das die Gefallenen bevorzugten. Wer sich verstecken wollte, verbarg sich nicht in den hellen, überwachten Kernwelten des Imperiums. Er verbarg sich dort, wo niemand hinsah.
„Der Verbrennungsgrad deutet auf thermitgestützte Zerstörung hin", meldete Bruder-Techmarine Corvael, der mit einem Servo-Skull über die geschwärzten Kontrollpulte des Bunkers glitt. „Sie hatten Vorwarnung, Interrogator-Ordenspriester. Mindestens vierzig Minuten, vielleicht eine Stunde."
„Woher?" Bariels Stimme, gedämpft durch den Helmvox, klang schärfer, als er beabsichtigt hatte.
„Das kann ich nicht sagen." Corvael richtete sich auf, sein Servo-Okular auf die verkohlten Datenkerne gerichtet, die einst das Herz dieser Zelle gewesen waren. „Aber es war kein Zufall. Sie wussten, dass wir kamen, lange bevor unsere Landungsschiffe den Orbit erreichten."
Bariel bewegte sich durch die verbrannten Korridore, seine schwarze Rüstung im schwachen Licht der Notbeleuchtung fast unsichtbar, und dachte an die Worte, die Großmeister Cassiel ihm vor drei Wochen gesagt hatte, als diese Jagd begonnen hatte: *Wir jagen nicht mehr einen einzelnen Gefallenen, Bariel. Wir jagen ein Netzwerk, das sich selbst warnt, sich selbst schützt, sich selbst neu formiert, sobald wir eine Zelle ausheben. Das hat es seit zehntausend Jahren nicht gegeben. Nicht in dieser Größenordnung.*
Seit dem Großen Riss die Galaxie zerrissen hatte, seit der Dämonenfürst Marbas seinen Angriff auf den Fels geführt hatte — einen Angriff, von dem nur eine Handvoll Brüder außerhalb des Inneren Zirkels je die volle Wahrheit erfahren würden —, war etwas geschehen, das die Unversöhnten in ihren zehn Jahrtausenden der Jagd nie erlebt hatten. Luther, der Arch-Verräter, der Mann, der einst der treueste Freund des Löwen gewesen war, bevor er zum ersten und größten aller Gefallenen wurde, war frei.
Bariel hatte die Akten gesehen, in den Wochen nach dem Angriff — begrenzte Auszüge, freigegeben nur für jene, die an der Jagd beteiligt waren, aber genug, um zu verstehen, was auf dem Spiel stand. Zehntausend Jahre lang war Luther in den tiefsten Kerkern des Fels gefangen gewesen, gekettet, bewacht von den Wächtern im Dunkel, sein bloßes Dasein ein Geheimnis, das nur der Oberste Großmeister kannte. Der Angriff auf den Fels, in den chaotischen Tagen nach der Entstehung des Risses, war, wie Cassiel es formuliert hatte, niemals wirklich gegen die Festung selbst gerichtet gewesen. Er war eine Ablenkung gewesen. Ein Vorhang aus Blut und Explosionen, hinter dem Marbas — selbst einst ein Gefallener, jetzt ein Dämonenfürst des Chaos — das eigentliche Ziel erreicht hatte: die Ketten des ältesten Gefangenen der Dark Angels zu lösen.
Und jetzt, während der Löwe selbst nach zehntausend Jahren des Schlafes erwacht war, während Gerüchte durch jede geheime Kommunikationslinie der Unversöhnten liefen, dass Lion El'Jonson tatsächlich lebte, tatsächlich zurückgekehrt war, um seinen Orden in einer Galaxie zu führen, die er kaum wiedererkennen würde — jetzt bewegte sich Luther frei durch den Schatten, sammelte, wie es schien, die verstreuten Gefallenen zu etwas, das über einzelne Zellen und Verstecke hinausging.
Bariel hatte in den letzten Monaten gelernt, die Zeichen einer verlassenen Zelle zu lesen, so wie ein Jäger die Spuren seiner Beute liest — nicht nur, was zurückgelassen wurde, sondern was bewusst mitgenommen worden war, was in Eile vergessen wurde, was die Flucht selbst über die Disziplin und den Zustand jener verriet, die geflohen waren. Diese Zelle erzählte eine Geschichte, die er in den vorherigen vier Razzien der letzten Wochen bereits mehrfach gelesen hatte: keine Panik, keine Hast, die auf bloßes Glück oder eine zufällige Warnung hindeutete, sondern eine geübte, fast routinierte Evakuierung. Datenkerne waren gezielt zerstört worden, nicht wahllos. Persönliche Gegenstände, die Rückschlüsse auf Identitäten hätten zulassen können, fehlten vollständig. Selbst die Asche selbst, bemerkte Bariel, schien an bestimmten Stellen dichter zu liegen, als hätte jemand sie absichtlich über zurückgebliebene Spuren verteilt.
„Sie üben das", sagte er zu Corvael, während er durch die verkohlten Überreste eines ehemaligen Kommunikationszentrums schritt. „Das ist keine improvisierte Flucht. Das ist ein Protokoll, das sie wiederholt einstudiert haben."
„Ein koordiniertes Netzwerk mit standardisierten Fluchtprozeduren." Corvaels Stimme trug die kühle Anerkennung eines Techmarines für ein gut konstruiertes System, selbst wenn dieses System dem Feind gehörte. „Das erfordert Führung, Interrogator-Ordenspriester. Zentrale Führung, mit der Fähigkeit, Protokolle über weite Distanzen zu verbreiten und durchzusetzen. Das haben die Gefallenen in zehntausend Jahren nie gehabt — sie waren immer verstreut, isoliert, jede Zelle für sich allein kämpfend, um zu überleben."
„Bis jetzt", sagte Bariel.
„Interrogator-Ordenspriester." Großmeister Cassiels Stimme kam über den Kompaniekanal, scharf vor Anspannung. „Wir haben etwas gefunden. Du solltest es sehen."
Bariel folgte der Markierung auf seinem Helm-Display zu einer Kammer tief im Bunker, die den Bränden entgangen war — nicht durch Zufall, wie er sofort erkannte, sondern weil sie absichtlich verschont worden war. In ihrer Mitte stand Cassiel, ein Terminator-Rüstungs-Koloss selbst nach den Maßstäben der Deathwing, sein Helm abgenommen, sein Gesicht im schwachen Licht angespannt.
An der Wand hinter ihm, in den nackten Fels geritzt, mit einer Präzision, die keine hastige Flucht verraten hätte, stand ein einziges Symbol — eine stilisierte Darstellung eines zerbrochenen Schwertes, dessen Klinge in zwei Teile geteilt war, umgeben von Schriftzeichen, die Bariel als eine archaische Form des Calibanit-Dialekts erkannte, den nur die ältesten Gelehrten des Ordens noch lesen konnten.
„Was bedeutet es?", fragte Bariel.
„Ich weiß es nicht genau." Cassiel trat zur Seite, damit Bariel die vollständige Inschrift sehen konnte. „Aber ich erkenne genug der Zeichen, um zu wissen, dass es sich um einen Treffpunkt handelt. Eine Koordinate, verschlüsselt in einer Form, die niemand außerhalb des Inneren Zirkels entziffern können sollte." Seine Stimme wurde leiser. „Und ich erkenne das Symbol selbst, Bariel. Ein zerbrochenes Schwert. Ich habe es in den geheimsten Archiven des Fels gesehen, in den Beschreibungen der Waffe, die der Löwe während der Häresie führte, bevor sie in der letzten Schlacht auf Caliban verloren ging."
Bariel starrte auf das geritzte Symbol, spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog — nicht Angst, das war ein Gefühl, das Astartes selten kannten, sondern etwas Verwandtes, kälter und schwerer. „Du glaubst, Luther plant etwas, das mit dem Schwert des Löwen zu tun hat."
„Ich glaube, Luther plant etwas, das mit dem Löwen selbst zu tun hat", sagte Cassiel. „Und ich glaube, wir haben nicht mehr viel Zeit, um herauszufinden, was."
II. DER GROSSMEISTER UND SEINE LASTII. DER GROSSMEISTER UND SEINE LAST
Bariel war siebzehn Jahre alt gewesen, ein Hirtenjunge von einer Welt namens Undressa, deren Name inzwischen aus jeder Sternkarte gestrichen worden war, aus Gründen, die nur der Innere Zirkel kannte, als ein Rekrutierungstrupp der Dark Angels seine Herde durchquerte und einen Jungen fand, der einem verletzten Predatoren-Tier allein gegenübertrat, ohne zu zögern, ohne Angst, die ein normaler Mensch hätte zeigen müssen. Er hatte nie erfahren, was aus seiner Familie geworden war, nachdem man ihn mitgenommen hatte — eine Leerstelle, die er in den Jahrzehnten seither weder zu füllen noch vollständig zu ignorieren gelernt hatte. Es war eine der ersten Lektionen, die jeder Aspirant der Unversöhnten lernte, lange bevor er die tieferen Geheimnisse des Ordens erfuhr: Dass die Vergangenheit ein Ort war, den man hinter sich ließ, nicht, weil sie bedeutungslos war, sondern weil der Orden selbst auf demselben Prinzip gegründet war — auf dem, was man zurückließ, um dem zu dienen, was größer war.
Er hatte das Amt des Interrogator-Ordenspriesters nicht gesucht. Es war ihm auferlegt worden, nach seiner Bewährung in der Zehnten Kompanie, von einem alternden Ordenspriester namens Sarnuel, der in Bariel etwas erkannt hatte, das er selbst nie ganz in Worte fassen konnte — eine Fähigkeit, Menschen zuzuhören, wirklich zuzuhören, ohne die Härte, die viele seiner Brüder für notwendig hielten, um der Wahrheit näherzukommen. „Du wirst Dinge hören, Bariel", hatte Sarnuel ihm bei seiner Investitur gesagt, in einer Kammer, die nicht unähnlich jener war, in der er jetzt mit Sar Meliel gesprochen hatte, „die dich zwingen werden, an allem zu zweifeln, was du über unseren Orden zu wissen glaubst. Das ist nicht der Fehler des Amtes. Das ist sein Zweck. Ein Interrogator, der nie zweifelt, hört nie wirklich zu."
In den zwölf Jahren seither hatte Bariel diese Worte oft in sich getragen, besonders in Momenten wie diesem, an Bord der Sturmklinge, während die Flotte sich auf einen weiteren Sprung in eine Jagd vorbereitete, deren Ziel sich mit jeder neuen Entdeckung weiter von dem entfernte, was er zu Beginn geglaubt hatte, zu verstehen. Er hatte nie damit gerechnet, den Arch-Verräter selbst zu jagen. Kein Interrogator-Ordenspriester hatte das je erwartet, denn bis vor wenigen Monaten war Luthers bloße Existenz eines der bestgehüteten Geheimnisse des gesamten Ordens gewesen, unbekannt selbst den meisten, die den Rang eines Großmeisters trugen.
Großmeister Kaldor Cassiel hatte einhundertzweiundsiebzig Jahre als Astartes gedient, davon einhundertvierzig im Dienst der Deathwing, bevor er zum Großmeister der Ersten Kompanie erhoben worden war — eine Beförderung, die, wie er Bariel einmal in einem seltenen Moment der Offenheit gestanden hatte, weniger eine Ehre war als eine Bürde, die man nicht ablehnen konnte, ohne den eigenen Eid zu verraten.
Er stand jetzt auf der Kommandobrücke der Sturmklinge, ihres Angriffskreuzers, während sich die Flotte auf den nächsten Sprung vorbereitete, und betrachtete die holographische Projektion der Route, die sie aus den geborgenen Fragmenten des verbrannten Bunkers rekonstruiert hatten.
„Sechs Koordinaten", sagte er, als Bariel die Brücke betrat. „Jede verschlüsselt in derselben archaischen Form. Corvael glaubt, dass sie eine Sequenz bilden — nicht sechs verschiedene Ziele, sondern sechs Stationen auf einem einzigen Weg."
„Zu welchem Endpunkt?"
„Das wissen wir noch nicht." Cassiel deutete auf die letzte Koordinate in der Sequenz, ein System, das auf der Karte als unbedeutend markiert war, ein toter Stern am Rand des kartierten Raums. „Aber ich habe eine Vermutung, die ich nicht gerne ausspreche, bevor wir Gewissheit haben."
Bariel trat neben ihn, seine eigene Rüstung noch immer vom Ruß des Bunkers geschwärzt. „Sprich sie trotzdem aus, Großmeister. Wir haben nicht den Luxus, auf Gewissheit zu warten."
Cassiel schwieg einen Moment, und in diesem Schweigen sah Bariel etwas, das er in zwölf Jahren gemeinsamen Dienstes selten bei ihm beobachtet hatte — nicht Zweifel, denn ein Großmeister der Deathwing zweifelte selten laut, sondern eine Art tiefe, private Erschöpfung, wie sie nur ein Mann tragen konnte, der die vollen Geheimnisse seines Ordens kannte.
„Ich glaube, Luther bewegt sich auf ein Ziel zu, das ihm erlauben würde, den Löwen zu finden", sagte Cassiel schließlich. „Nicht durch Zufall. Nicht durch Gerücht. Sondern durch eine Spur, die nur jemand kennen könnte, der einst selbst zu den Innersten des Ordens gehörte."
„Der Oberste Großmeister weiß davon?"
„Der Oberste Großmeister hat mich mit dieser Jagd betraut, weil er es sich nicht leisten kann, öffentlich zu handeln." Cassiels Stimme trug eine Bitterkeit, die Bariel selten von ihm gehört hatte. „Stell dir vor, Interrogator-Ordenspriester, was es für unseren Orden bedeuten würde, wenn bekannt würde, dass der Arch-Verräter selbst frei durch die Galaxie zieht, während unser Primarch nach zehntausend Jahren des Schlafes zurückgekehrt ist, um uns zu führen. Jedes Erfolgsgeflüster über die Rückkehr des Löwen würde sofort von der Frage übertönt, wie es sein kann, dass die Dark Angels ihr ältestes und gefährlichstes Gefangenes nicht sichern konnten."
Bariel dachte an die Nachrichten, die in den letzten Monaten durch jeden geheimen Kanal der Unversöhnten gelaufen waren — fragmentarisch, widersprüchlich, aber in ihrer Summe unmissverständlich: Lion El'Jonson lebte. Er war auf Camarth erschienen, in den zerrissenen Weiten des Imperium Nihilus, und hatte begonnen, Kräfte um sich zu sammeln, darunter, wie manche Berichte andeuteten, sogar einige der Gefallenen selbst, die er in einer Geste, die viele im Orden noch immer nicht vollständig verstanden hatten, als „die Erhobenen" begnadigt und in seine persönliche Gefolgschaft aufgenommen hatte.
„Wenn der Löwe die Erhobenen begnadigen kann", sagte Bariel langsam, „was bedeutet das für unsere Jagd nach den übrigen Gefallenen? Was bedeutet es für Luther selbst, sollte er ihm gegenübertreten?"
„Das ist die Frage, die ich seit Wochen mit mir trage, und ich habe keine Antwort, die mich zufriedenstellt." Cassiel wandte sich vollständig zu ihm, seine Augen im Licht der Brücke hart. „Aber ich weiß dies: Wenn Luther den Löwen erreicht, bevor wir Luther erreichen, wird das, was auch immer zwischen ihnen geschieht, weit über das hinausgehen, was irgendjemand von uns kontrollieren kann. Ich habe nicht vor, zuzusehen, wie zehntausend Jahre Wachsamkeit in einem einzigen unkontrollierten Wiedersehen enden."
„Und wenn Luther nicht den Löwen sucht, um ihn zu bekämpfen?" Bariel stellte die Frage vorsichtig, wissend, dass sie an den Rand einer Häresie grenzte, die keiner von ihnen laut aussprechen wollte. „Was, wenn er ihn sucht, um endlich das zu vollenden, was vor zehntausend Jahren unvollendet blieb — nicht Rache, sondern Vergebung?"
Cassiel sah ihn lange an, und für einen Moment glaubte Bariel, eine Rüge zu hören, die nie kam.
„Das ist nicht unsere Entscheidung, Interrogator-Ordenspriester", sagte er schließlich, seine Stimme leiser. „Es ist auch nicht unsere Aufgabe, zu urteilen, welche Absicht Luther trägt, bevor wir ihn gefunden haben. Unsere Aufgabe ist es, ihn zu finden, bevor er den Löwen findet — und dann, so hart es auch klingen mag, muss die Entscheidung, was als Nächstes geschieht, bei jenen liegen, die mehr Autorität tragen als wir beide."
Er wandte sich zur Projektion zurück, seine Hand über die letzte Koordinate der Sequenz gleitend.
„Bereite deine Interrogationswerkzeuge vor, Bariel. Wenn wir die nächste Zelle finden, werden wir keine Zeit für Zurückhaltung haben."
Bariel verließ die Brücke mit einer Unruhe, die er nicht sofort in Worte fassen konnte, und die ihn erst während der langen Stunden der Vorbereitung in seinem eigenen Quartier vollständig einholte. Er hatte sein gesamtes erwachsenes Leben — mehr als ein Jahrhundert, gerechnet nach imperialen Standardjahren — im Dienst einer Doktrin verbracht, die auf einer einzigen, unveränderlichen Gewissheit ruhte: Die Gefallenen waren Verräter, ihre Schuld war endgültig, ihre einzige mögliche Erlösung lag in vollständiger Unterwerfung unter ein Urteil, das der Orden selbst in Abwesenheit des Löwen zu fällen befugt war. Diese Gewissheit hatte jede Interrogation geprägt, die er je geführt hatte, jede Entscheidung, jeden Bericht, den er an seine Vorgesetzten weitergegeben hatte.
Jetzt, während die Sturmklinge durch den Warp glitt, einer Wahrheit entgegen, die er noch nicht vollständig kannte, spürte er, wie diese Gewissheit zum ersten Mal in seinem Leben ins Wanken geriet — nicht durch einen einzelnen Beweis, nicht durch ein einzelnes Argument, sondern durch die bloße Tatsache, dass der Löwe selbst, dessen abwesendes Urteil zehntausend Jahre lang die gesamte Existenz seines Ordens gerechtfertigt hatte, nun lebte, atmete, handelte — und dass niemand von ihnen, nicht einmal der Oberste Großmeister, tatsächlich wusste, was dieses lebende Urteil bedeuten würde, wenn es endlich gesprochen wurde.
Bariel war siebzehn Jahre alt gewesen, ein Hirtenjunge von einer Welt namens Undressa, deren Name inzwischen aus jeder Sternkarte gestrichen worden war, aus Gründen, die nur der Innere Zirkel kannte, als ein Rekrutierungstrupp der Dark Angels seine Herde durchquerte und einen Jungen fand, der einem verletzten Predatoren-Tier allein gegenübertrat, ohne zu zögern, ohne Angst, die ein normaler Mensch hätte zeigen müssen. Er hatte nie erfahren, was aus seiner Familie geworden war, nachdem man ihn mitgenommen hatte — eine Leerstelle, die er in den Jahrzehnten seither weder zu füllen noch vollständig zu ignorieren gelernt hatte. Es war eine der ersten Lektionen, die jeder Aspirant der Unversöhnten lernte, lange bevor er die tieferen Geheimnisse des Ordens erfuhr: Dass die Vergangenheit ein Ort war, den man hinter sich ließ, nicht, weil sie bedeutungslos war, sondern weil der Orden selbst auf demselben Prinzip gegründet war — auf dem, was man zurückließ, um dem zu dienen, was größer war.
Er hatte das Amt des Interrogator-Ordenspriesters nicht gesucht. Es war ihm auferlegt worden, nach seiner Bewährung in der Zehnten Kompanie, von einem alternden Ordenspriester namens Sarnuel, der in Bariel etwas erkannt hatte, das er selbst nie ganz in Worte fassen konnte — eine Fähigkeit, Menschen zuzuhören, wirklich zuzuhören, ohne die Härte, die viele seiner Brüder für notwendig hielten, um der Wahrheit näherzukommen. „Du wirst Dinge hören, Bariel", hatte Sarnuel ihm bei seiner Investitur gesagt, in einer Kammer, die nicht unähnlich jener war, in der er jetzt mit Sar Meliel gesprochen hatte, „die dich zwingen werden, an allem zu zweifeln, was du über unseren Orden zu wissen glaubst. Das ist nicht der Fehler des Amtes. Das ist sein Zweck. Ein Interrogator, der nie zweifelt, hört nie wirklich zu."
In den zwölf Jahren seither hatte Bariel diese Worte oft in sich getragen, besonders in Momenten wie diesem, an Bord der Sturmklinge, während die Flotte sich auf einen weiteren Sprung in eine Jagd vorbereitete, deren Ziel sich mit jeder neuen Entdeckung weiter von dem entfernte, was er zu Beginn geglaubt hatte, zu verstehen. Er hatte nie damit gerechnet, den Arch-Verräter selbst zu jagen. Kein Interrogator-Ordenspriester hatte das je erwartet, denn bis vor wenigen Monaten war Luthers bloße Existenz eines der bestgehüteten Geheimnisse des gesamten Ordens gewesen, unbekannt selbst den meisten, die den Rang eines Großmeisters trugen.
Großmeister Kaldor Cassiel hatte einhundertzweiundsiebzig Jahre als Astartes gedient, davon einhundertvierzig im Dienst der Deathwing, bevor er zum Großmeister der Ersten Kompanie erhoben worden war — eine Beförderung, die, wie er Bariel einmal in einem seltenen Moment der Offenheit gestanden hatte, weniger eine Ehre war als eine Bürde, die man nicht ablehnen konnte, ohne den eigenen Eid zu verraten.
Er stand jetzt auf der Kommandobrücke der Sturmklinge, ihres Angriffskreuzers, während sich die Flotte auf den nächsten Sprung vorbereitete, und betrachtete die holographische Projektion der Route, die sie aus den geborgenen Fragmenten des verbrannten Bunkers rekonstruiert hatten.
„Sechs Koordinaten", sagte er, als Bariel die Brücke betrat. „Jede verschlüsselt in derselben archaischen Form. Corvael glaubt, dass sie eine Sequenz bilden — nicht sechs verschiedene Ziele, sondern sechs Stationen auf einem einzigen Weg."
„Zu welchem Endpunkt?"
„Das wissen wir noch nicht." Cassiel deutete auf die letzte Koordinate in der Sequenz, ein System, das auf der Karte als unbedeutend markiert war, ein toter Stern am Rand des kartierten Raums. „Aber ich habe eine Vermutung, die ich nicht gerne ausspreche, bevor wir Gewissheit haben."
Bariel trat neben ihn, seine eigene Rüstung noch immer vom Ruß des Bunkers geschwärzt. „Sprich sie trotzdem aus, Großmeister. Wir haben nicht den Luxus, auf Gewissheit zu warten."
Cassiel schwieg einen Moment, und in diesem Schweigen sah Bariel etwas, das er in zwölf Jahren gemeinsamen Dienstes selten bei ihm beobachtet hatte — nicht Zweifel, denn ein Großmeister der Deathwing zweifelte selten laut, sondern eine Art tiefe, private Erschöpfung, wie sie nur ein Mann tragen konnte, der die vollen Geheimnisse seines Ordens kannte.
„Ich glaube, Luther bewegt sich auf ein Ziel zu, das ihm erlauben würde, den Löwen zu finden", sagte Cassiel schließlich. „Nicht durch Zufall. Nicht durch Gerücht. Sondern durch eine Spur, die nur jemand kennen könnte, der einst selbst zu den Innersten des Ordens gehörte."
„Der Oberste Großmeister weiß davon?"
„Der Oberste Großmeister hat mich mit dieser Jagd betraut, weil er es sich nicht leisten kann, öffentlich zu handeln." Cassiels Stimme trug eine Bitterkeit, die Bariel selten von ihm gehört hatte. „Stell dir vor, Interrogator-Ordenspriester, was es für unseren Orden bedeuten würde, wenn bekannt würde, dass der Arch-Verräter selbst frei durch die Galaxie zieht, während unser Primarch nach zehntausend Jahren des Schlafes zurückgekehrt ist, um uns zu führen. Jedes Erfolgsgeflüster über die Rückkehr des Löwen würde sofort von der Frage übertönt, wie es sein kann, dass die Dark Angels ihr ältestes und gefährlichstes Gefangenes nicht sichern konnten."
Bariel dachte an die Nachrichten, die in den letzten Monaten durch jeden geheimen Kanal der Unversöhnten gelaufen waren — fragmentarisch, widersprüchlich, aber in ihrer Summe unmissverständlich: Lion El'Jonson lebte. Er war auf Camarth erschienen, in den zerrissenen Weiten des Imperium Nihilus, und hatte begonnen, Kräfte um sich zu sammeln, darunter, wie manche Berichte andeuteten, sogar einige der Gefallenen selbst, die er in einer Geste, die viele im Orden noch immer nicht vollständig verstanden hatten, als „die Erhobenen" begnadigt und in seine persönliche Gefolgschaft aufgenommen hatte.
„Wenn der Löwe die Erhobenen begnadigen kann", sagte Bariel langsam, „was bedeutet das für unsere Jagd nach den übrigen Gefallenen? Was bedeutet es für Luther selbst, sollte er ihm gegenübertreten?"
„Das ist die Frage, die ich seit Wochen mit mir trage, und ich habe keine Antwort, die mich zufriedenstellt." Cassiel wandte sich vollständig zu ihm, seine Augen im Licht der Brücke hart. „Aber ich weiß dies: Wenn Luther den Löwen erreicht, bevor wir Luther erreichen, wird das, was auch immer zwischen ihnen geschieht, weit über das hinausgehen, was irgendjemand von uns kontrollieren kann. Ich habe nicht vor, zuzusehen, wie zehntausend Jahre Wachsamkeit in einem einzigen unkontrollierten Wiedersehen enden."
„Und wenn Luther nicht den Löwen sucht, um ihn zu bekämpfen?" Bariel stellte die Frage vorsichtig, wissend, dass sie an den Rand einer Häresie grenzte, die keiner von ihnen laut aussprechen wollte. „Was, wenn er ihn sucht, um endlich das zu vollenden, was vor zehntausend Jahren unvollendet blieb — nicht Rache, sondern Vergebung?"
Cassiel sah ihn lange an, und für einen Moment glaubte Bariel, eine Rüge zu hören, die nie kam.
„Das ist nicht unsere Entscheidung, Interrogator-Ordenspriester", sagte er schließlich, seine Stimme leiser. „Es ist auch nicht unsere Aufgabe, zu urteilen, welche Absicht Luther trägt, bevor wir ihn gefunden haben. Unsere Aufgabe ist es, ihn zu finden, bevor er den Löwen findet — und dann, so hart es auch klingen mag, muss die Entscheidung, was als Nächstes geschieht, bei jenen liegen, die mehr Autorität tragen als wir beide."
Er wandte sich zur Projektion zurück, seine Hand über die letzte Koordinate der Sequenz gleitend.
„Bereite deine Interrogationswerkzeuge vor, Bariel. Wenn wir die nächste Zelle finden, werden wir keine Zeit für Zurückhaltung haben."
Bariel verließ die Brücke mit einer Unruhe, die er nicht sofort in Worte fassen konnte, und die ihn erst während der langen Stunden der Vorbereitung in seinem eigenen Quartier vollständig einholte. Er hatte sein gesamtes erwachsenes Leben — mehr als ein Jahrhundert, gerechnet nach imperialen Standardjahren — im Dienst einer Doktrin verbracht, die auf einer einzigen, unveränderlichen Gewissheit ruhte: Die Gefallenen waren Verräter, ihre Schuld war endgültig, ihre einzige mögliche Erlösung lag in vollständiger Unterwerfung unter ein Urteil, das der Orden selbst in Abwesenheit des Löwen zu fällen befugt war. Diese Gewissheit hatte jede Interrogation geprägt, die er je geführt hatte, jede Entscheidung, jeden Bericht, den er an seine Vorgesetzten weitergegeben hatte.
Jetzt, während die Sturmklinge durch den Warp glitt, einer Wahrheit entgegen, die er noch nicht vollständig kannte, spürte er, wie diese Gewissheit zum ersten Mal in seinem Leben ins Wanken geriet — nicht durch einen einzelnen Beweis, nicht durch ein einzelnes Argument, sondern durch die bloße Tatsache, dass der Löwe selbst, dessen abwesendes Urteil zehntausend Jahre lang die gesamte Existenz seines Ordens gerechtfertigt hatte, nun lebte, atmete, handelte — und dass niemand von ihnen, nicht einmal der Oberste Großmeister, tatsächlich wusste, was dieses lebende Urteil bedeuten würde, wenn es endlich gesprochen wurde.
III. SAR MELIELIII. SAR MELIEL
Sie fanden die zweite Zelle nicht ausgebrannt, sondern besetzt — ein verlassenes Bergwerk auf einem Mond namens Thessari, dessen tote Stollen sich als perfektes Versteck für eine Gruppe von fünfzehn Gefallenen erwiesen hatten, die glaubten, tief genug unter der Oberfläche zu sein, um vor jeder Ortung sicher zu sein.
Sie irrten sich. Corvaels psionische Ortungstechniken, kombiniert mit den fragmentarischen Hinweisen aus der Symbolsequenz, hatten die Zelle innerhalb von sechsunddreißig Stunden lokalisiert, und der darauffolgende Angriff — geführt von Cassiels Deathwing-Trupp, unterstützt von zwei Kompanien Ravenwing-Bikern, die den Fluchtweg an der Oberfläche abriegelten — war kurz, brutal und, aus taktischer Sicht, nahezu vollständig erfolgreich.
Bariel erlebte den Angriff aus der zweiten Welle, seine Bolt-Pistole in der einen Hand, sein Krosius in der anderen, während er durch einen engen Stollen vorrückte, der von Notlicht in flackerndes Rot getaucht wurde. Vor ihm hörte er das Donnern von Cassiels Sturmbolter, das Kreischen von Kettenschwertern, die auf uralte Rüstung trafen, die Schreie von Männern, die seit zehntausend Jahren geglaubt hatten, sicher zu sein, und in diesem einen Moment erkannten, wie falsch diese Gewissheit gewesen war.
Ein Gefallener stürzte aus einer Seitenkammer, seine Rüstung ein Flickwerk aus calibanitischem Ursprung und späteren, dunkleren Modifikationen, ein rostiges Kettenschwert erhoben. Bariel parierte den Schlag mit seinem Krosius, spürte den Aufprall durch seine gesamte Rüstung hindurch, und erwiderte mit einer Wucht, die den Gefallenen gegen die Stollenwand schleuderte. Der Mann rappelte sich auf, sein Gesicht unter dem beschädigten Helm blutverschmiert, und für einen Herzschlag sahen sich die beiden Krieger direkt in die Augen — nicht Hass, dachte Bariel später, als er sich an diesen Moment erinnerte, sondern etwas Kälteres. Erkennung. Der Gefallene wusste, was als Nächstes geschehen würde, so gut wie Bariel es wusste.
Bariel tötete ihn mit einem einzigen, präzisen Stoß, und bewegte sich weiter, ohne innezuhalten, denn Innehalten war ein Luxus, den die Interrogation-Doktrin ihm nicht erlaubte, solange der Kampf tobte.
An der Kreuzung des Hauptstollens fand er Cassiel, der drei Gefallene gleichzeitig band, sein Terminator-Panzer nahezu unversehrt trotz der konzentrierten Feuerkraft, die gegen ihn gerichtet worden war. Ein weiterer Gefallener, älter und offensichtlich ranghöher als die anderen, versuchte einen letzten, verzweifelten Vorstoß mit einer archaischen Plasmapistole, deren Ladung instabil aufflackerte, als er abdrückte. Cassiel wich der Entladung mit einer Geschwindigkeit aus, die seine massive Gestalt Lügen strafte, und erwiderte mit einem einzigen Schlag seines Kettenschwerts, der den Kampf an dieser Front endgültig entschied.
„Rückzugswege abgeriegelt", meldete ein Ravenwing-Sergeant über den Vox, seine Stimme durchsetzt vom Dröhnen seines Bikes irgendwo an der Oberfläche. „Niemand entkommt diesem Stollensystem, Großmeister."
Der Kampf, der in der offiziellen Chronik der Mission später als „kurz" beschrieben werden würde, dauerte in Wirklichkeit siebzehn Minuten — siebzehn Minuten, in denen Bariel drei weitere Gefallene tötete, jeden mit derselben kalten Präzision, die sein Amt von ihm verlangte, während in seinem Inneren, unbemerkt von seinen Brüdern, eine leise, unwillkommene Frage zu wachsen begann: Wie viele dieser Männer, die hier in einem vergessenen Bergwerk auf einem namenlosen Mond starben, hatten, wie Sar Meliel es später ausdrücken würde, in fünfzig Jahren mehr Ruhm erworben, als irgendjemand in dieser Kammer je erfahren würde, bevor der Schatten eines einzigen Namens sie für immer in die Geschichte der Gefallenen stieß?
Vierzehn der fünfzehn Gefallenen starben im Kampf, ihre uralten, aber noch immer tödlichen Rüstungen keine Verteidigung gegen die geballte Feuerkraft einer Deathwing-Sturmgruppe. Der fünfzehnte — ein Mann, der sich als Sar Meliel vorstellte, mit einem Titel, der auf Caliban selbst zurückging, aus einer Zeit, die zehntausend Jahre in der Vergangenheit lag — ergab sich, nachdem seine rechte Hand von einem Kettenschwert abgetrennt worden war und er, ohne die Fähigkeit, weiterzukämpfen, erkannte, dass Kapitulation der einzige verbleibende Weg war.
Bariel führte die Interrogation in einer improvisierten Kammer tief im Bergwerk selbst, in Anwesenheit von Cassiel, während Sar Meliel, gefesselt an einen stählernen Stuhl, sein blutendes Handgelenk von einem Servitor notdürftig versorgt, mit dem Ausdruck eines Mannes betrachtete, der bereits akzeptiert hatte, dass er nie wieder frei sein würde.
„Du warst auf Caliban", begann Bariel, seine Stimme ruhig, ohne die Härte, die manche Interrogator-Ordenspriesters bevorzugten, weil er in zwölf Jahren des Dienstes gelernt hatte, dass Härte selten mehr Wahrheit hervorbrachte als Geduld. „Vor der Zerstörung. Du hast Luther gekannt, bevor er zum Verräter wurde."
„Ich habe Luther gekannt, als er noch der größte Held war, den Caliban je hervorgebracht hatte." Sar Meliels Stimme trug einen Akzent, den Bariel noch nie gehört hatte — ein Echo einer Sprache, die mit ihrer Heimatwelt gestorben war. „Bevor der Löwe kam. Bevor jeder Ruhm, den Luther sich in fünfzig Jahren erarbeitet hatte, im Schatten eines Kindes verblasste, das er selbst aus dem Wald gerettet hatte."
„Du sprichst mit Mitgefühl von ihm."
„Ich spreche mit Verständnis von ihm, Interrogator-Ordenspriester, was nicht dasselbe ist wie Vergebung." Sar Meliel sah zu ihm auf, seine Augen trotz zehntausend Jahren Existenz jenseits normaler menschlicher Grenzen von einer erschöpften, alten Klarheit. „Ich habe zehntausend Jahre gehabt, um über meine eigene Wahl nachzudenken, an jenem Tag, als ich mich entschied, ihm zu folgen, statt gegen ihn zu kämpfen. Ich habe keine Ausrede dafür gefunden, die mich zufriedenstellt. Aber ich habe verstanden, was ihn antrieb, und dieses Verständnis ist etwas, das ich dir nicht verweigern werde, wenn es hilft, weiteres Blutvergießen zu verhindern."
„Dann erzähl mir, was du weißt. Warum sammelt Luther die Gefallenen? Wohin führt er sie?"
Sar Meliel schwieg lange, sein Blick auf einen Punkt jenseits der Kammer gerichtet, jenseits, wie Bariel vermutete, jenseits selbst dieses Bergwerks, dieses Mondes, dieser gesamten fernen Ecke der Galaxie.
„Er hat von dem Löwen gehört", sagte Sar Meliel schließlich. „Wie wir alle. Das Gerücht bewegt sich durch die verstreuten Zellen der Gefallenen wie ein Lauffeuer, seit Monaten. Manche von uns hoffen, dass es Erlösung bedeutet — dass, wenn der Löwe wirklich zurückgekehrt ist, wenn er wirklich einige der Erhobenen begnadigt hat, dann könnte es für den Rest von uns eine ähnliche Hoffnung geben. Andere fürchten es, denn eine Rückkehr des Löwen könnte auch das endgültige Urteil bedeuten, das zehntausend Jahre lang aufgeschoben wurde."
„Und Luther? Was hofft oder fürchtet er?"
„Luther —" Sar Meliel zögerte, und in diesem Zögern sah Bariel etwas, das über bloße taktische Vorsicht hinausging, etwas, das wie echte Unsicherheit aussah. „Ich glaube nicht, dass Luther hofft oder fürchtet, in der Art, wie wir es tun. Ich glaube, Luther trägt eine Last, die zehntausend Jahre Gefangenschaft nicht gelindert, sondern verdichtet haben, bis sie zu etwas geworden ist, das kein einfaches Wort mehr fassen kann. Er hat mit mir gesprochen, einmal, in den ersten Wochen nach seiner Befreiung, bevor er weiterzog, um andere Zellen zu sammeln. Er sagte —" Sar Meliel schluckte, ein seltsam menschliches Zögern für einen Mann, der seit Jahrtausenden mehr als menschlich war. „Er sagte, dass er zehntausend Jahre gehabt hatte, um sich vorzustellen, was er dem Löwen sagen würde, sollte er ihm je wieder gegenüberstehen, und dass er in all diesen Jahren nie eine Antwort gefunden hatte, die ausreichend war. Er sagte, dass er nicht mehr sicher war, ob er Vergebung suchte oder etwas anderes — vielleicht nur die Gewissheit, dass sein Freund, sein Bruder, tatsächlich lebte, unabhängig davon, was danach geschah."
Bariel stand still, während die Worte in der Kammer nachhallten, und spürte, wie sich seine eigene Gewissheit über die Natur dessen, was sie jagten, weiter verschob.
„Wo führt er die Gefallenen hin, Sar Meliel? Ich brauche einen Ort, keine Philosophie."
„Ich weiß nur, was ich in den verschlüsselten Botschaften gesehen habe, bevor ich hierher kam." Sar Meliel sah auf, direkt in Bariels Augen. „Ein Name, der mir nichts bedeutet — ein System, das ich nie besucht habe. Sie nennen es Sethrak Vier. Er hat gesagt, dass dort etwas liegt, das ihm gehört hat, bevor er es verlor. Etwas, das er zurückholen will, bevor er dem Löwen gegenübertritt — ob als Bittsteller oder als Feind, das hat er selbst nicht entschieden, als er zu mir sprach."
„Was geschieht mit dir jetzt, Sar Meliel?", fragte Bariel, bevor sie die Kammer verließen, eine Frage, die außerhalb des eigentlichen Protokolls einer Interrogation lag, aber die er dennoch stellen musste.
Sar Meliel sah ihn mit einem Ausdruck an, der eine Art müde Ironie trug. „Das wirst du mir sagen müssen, Interrogator-Ordenspriester. In zehntausend Jahren wurde jeder gefangene Gefallene entweder zur Umerziehung in die tiefsten Kerker des Fels gebracht, oder — wenn seine Widerständigkeit als zu groß erachtet wurde — hingerichtet, mit einer Zeremonie, die mehr Erleichterung als Trauer trug. Ich habe keine Erwartung, dass sich das für mich ändern wird, nur weil ich heute kooperativ war."
„Und wenn sich die Doktrin ändert?", fragte Bariel. „Wenn der Löwe selbst entscheidet, wie mit den Gefallenen umgegangen werden soll?"
Etwas in Sar Meliels Gesicht regte sich, ein Flackern von etwas, das er seit Jahrtausenden nicht mehr zu fühlen gewagt hatte. „Dann wäre das der erste wirkliche Wandel, den ich in dieser gesamten Existenz erlebt hätte", sagte er leise. „Ich habe nicht gelernt, auf einen solchen Wandel zu hoffen, Interrogator-Ordenspriester. Hoffnung ist ein Luxus, den ein Gefallener sich selten erlauben kann, ohne dafür bestraft zu werden, wenn sie sich als falsch erweist. Aber ich werde nicht lügen und behaupten, dass ich sie nicht insgeheim trage, seit ich zum ersten Mal von der Rückkehr des Löwen hörte."
Cassiel, der bisher schweigend zugehört hatte, trat vor, seine Stimme jetzt scharf. „Sethrak Vier. Bariel, das ist innerhalb der letzten Koordinate unserer Sequenz. Das ist unser Endpunkt."
Sie fanden die zweite Zelle nicht ausgebrannt, sondern besetzt — ein verlassenes Bergwerk auf einem Mond namens Thessari, dessen tote Stollen sich als perfektes Versteck für eine Gruppe von fünfzehn Gefallenen erwiesen hatten, die glaubten, tief genug unter der Oberfläche zu sein, um vor jeder Ortung sicher zu sein.
Sie irrten sich. Corvaels psionische Ortungstechniken, kombiniert mit den fragmentarischen Hinweisen aus der Symbolsequenz, hatten die Zelle innerhalb von sechsunddreißig Stunden lokalisiert, und der darauffolgende Angriff — geführt von Cassiels Deathwing-Trupp, unterstützt von zwei Kompanien Ravenwing-Bikern, die den Fluchtweg an der Oberfläche abriegelten — war kurz, brutal und, aus taktischer Sicht, nahezu vollständig erfolgreich.
Bariel erlebte den Angriff aus der zweiten Welle, seine Bolt-Pistole in der einen Hand, sein Krosius in der anderen, während er durch einen engen Stollen vorrückte, der von Notlicht in flackerndes Rot getaucht wurde. Vor ihm hörte er das Donnern von Cassiels Sturmbolter, das Kreischen von Kettenschwertern, die auf uralte Rüstung trafen, die Schreie von Männern, die seit zehntausend Jahren geglaubt hatten, sicher zu sein, und in diesem einen Moment erkannten, wie falsch diese Gewissheit gewesen war.
Ein Gefallener stürzte aus einer Seitenkammer, seine Rüstung ein Flickwerk aus calibanitischem Ursprung und späteren, dunkleren Modifikationen, ein rostiges Kettenschwert erhoben. Bariel parierte den Schlag mit seinem Krosius, spürte den Aufprall durch seine gesamte Rüstung hindurch, und erwiderte mit einer Wucht, die den Gefallenen gegen die Stollenwand schleuderte. Der Mann rappelte sich auf, sein Gesicht unter dem beschädigten Helm blutverschmiert, und für einen Herzschlag sahen sich die beiden Krieger direkt in die Augen — nicht Hass, dachte Bariel später, als er sich an diesen Moment erinnerte, sondern etwas Kälteres. Erkennung. Der Gefallene wusste, was als Nächstes geschehen würde, so gut wie Bariel es wusste.
Bariel tötete ihn mit einem einzigen, präzisen Stoß, und bewegte sich weiter, ohne innezuhalten, denn Innehalten war ein Luxus, den die Interrogation-Doktrin ihm nicht erlaubte, solange der Kampf tobte.
An der Kreuzung des Hauptstollens fand er Cassiel, der drei Gefallene gleichzeitig band, sein Terminator-Panzer nahezu unversehrt trotz der konzentrierten Feuerkraft, die gegen ihn gerichtet worden war. Ein weiterer Gefallener, älter und offensichtlich ranghöher als die anderen, versuchte einen letzten, verzweifelten Vorstoß mit einer archaischen Plasmapistole, deren Ladung instabil aufflackerte, als er abdrückte. Cassiel wich der Entladung mit einer Geschwindigkeit aus, die seine massive Gestalt Lügen strafte, und erwiderte mit einem einzigen Schlag seines Kettenschwerts, der den Kampf an dieser Front endgültig entschied.
„Rückzugswege abgeriegelt", meldete ein Ravenwing-Sergeant über den Vox, seine Stimme durchsetzt vom Dröhnen seines Bikes irgendwo an der Oberfläche. „Niemand entkommt diesem Stollensystem, Großmeister."
Der Kampf, der in der offiziellen Chronik der Mission später als „kurz" beschrieben werden würde, dauerte in Wirklichkeit siebzehn Minuten — siebzehn Minuten, in denen Bariel drei weitere Gefallene tötete, jeden mit derselben kalten Präzision, die sein Amt von ihm verlangte, während in seinem Inneren, unbemerkt von seinen Brüdern, eine leise, unwillkommene Frage zu wachsen begann: Wie viele dieser Männer, die hier in einem vergessenen Bergwerk auf einem namenlosen Mond starben, hatten, wie Sar Meliel es später ausdrücken würde, in fünfzig Jahren mehr Ruhm erworben, als irgendjemand in dieser Kammer je erfahren würde, bevor der Schatten eines einzigen Namens sie für immer in die Geschichte der Gefallenen stieß?
Vierzehn der fünfzehn Gefallenen starben im Kampf, ihre uralten, aber noch immer tödlichen Rüstungen keine Verteidigung gegen die geballte Feuerkraft einer Deathwing-Sturmgruppe. Der fünfzehnte — ein Mann, der sich als Sar Meliel vorstellte, mit einem Titel, der auf Caliban selbst zurückging, aus einer Zeit, die zehntausend Jahre in der Vergangenheit lag — ergab sich, nachdem seine rechte Hand von einem Kettenschwert abgetrennt worden war und er, ohne die Fähigkeit, weiterzukämpfen, erkannte, dass Kapitulation der einzige verbleibende Weg war.
Bariel führte die Interrogation in einer improvisierten Kammer tief im Bergwerk selbst, in Anwesenheit von Cassiel, während Sar Meliel, gefesselt an einen stählernen Stuhl, sein blutendes Handgelenk von einem Servitor notdürftig versorgt, mit dem Ausdruck eines Mannes betrachtete, der bereits akzeptiert hatte, dass er nie wieder frei sein würde.
„Du warst auf Caliban", begann Bariel, seine Stimme ruhig, ohne die Härte, die manche Interrogator-Ordenspriesters bevorzugten, weil er in zwölf Jahren des Dienstes gelernt hatte, dass Härte selten mehr Wahrheit hervorbrachte als Geduld. „Vor der Zerstörung. Du hast Luther gekannt, bevor er zum Verräter wurde."
„Ich habe Luther gekannt, als er noch der größte Held war, den Caliban je hervorgebracht hatte." Sar Meliels Stimme trug einen Akzent, den Bariel noch nie gehört hatte — ein Echo einer Sprache, die mit ihrer Heimatwelt gestorben war. „Bevor der Löwe kam. Bevor jeder Ruhm, den Luther sich in fünfzig Jahren erarbeitet hatte, im Schatten eines Kindes verblasste, das er selbst aus dem Wald gerettet hatte."
„Du sprichst mit Mitgefühl von ihm."
„Ich spreche mit Verständnis von ihm, Interrogator-Ordenspriester, was nicht dasselbe ist wie Vergebung." Sar Meliel sah zu ihm auf, seine Augen trotz zehntausend Jahren Existenz jenseits normaler menschlicher Grenzen von einer erschöpften, alten Klarheit. „Ich habe zehntausend Jahre gehabt, um über meine eigene Wahl nachzudenken, an jenem Tag, als ich mich entschied, ihm zu folgen, statt gegen ihn zu kämpfen. Ich habe keine Ausrede dafür gefunden, die mich zufriedenstellt. Aber ich habe verstanden, was ihn antrieb, und dieses Verständnis ist etwas, das ich dir nicht verweigern werde, wenn es hilft, weiteres Blutvergießen zu verhindern."
„Dann erzähl mir, was du weißt. Warum sammelt Luther die Gefallenen? Wohin führt er sie?"
Sar Meliel schwieg lange, sein Blick auf einen Punkt jenseits der Kammer gerichtet, jenseits, wie Bariel vermutete, jenseits selbst dieses Bergwerks, dieses Mondes, dieser gesamten fernen Ecke der Galaxie.
„Er hat von dem Löwen gehört", sagte Sar Meliel schließlich. „Wie wir alle. Das Gerücht bewegt sich durch die verstreuten Zellen der Gefallenen wie ein Lauffeuer, seit Monaten. Manche von uns hoffen, dass es Erlösung bedeutet — dass, wenn der Löwe wirklich zurückgekehrt ist, wenn er wirklich einige der Erhobenen begnadigt hat, dann könnte es für den Rest von uns eine ähnliche Hoffnung geben. Andere fürchten es, denn eine Rückkehr des Löwen könnte auch das endgültige Urteil bedeuten, das zehntausend Jahre lang aufgeschoben wurde."
„Und Luther? Was hofft oder fürchtet er?"
„Luther —" Sar Meliel zögerte, und in diesem Zögern sah Bariel etwas, das über bloße taktische Vorsicht hinausging, etwas, das wie echte Unsicherheit aussah. „Ich glaube nicht, dass Luther hofft oder fürchtet, in der Art, wie wir es tun. Ich glaube, Luther trägt eine Last, die zehntausend Jahre Gefangenschaft nicht gelindert, sondern verdichtet haben, bis sie zu etwas geworden ist, das kein einfaches Wort mehr fassen kann. Er hat mit mir gesprochen, einmal, in den ersten Wochen nach seiner Befreiung, bevor er weiterzog, um andere Zellen zu sammeln. Er sagte —" Sar Meliel schluckte, ein seltsam menschliches Zögern für einen Mann, der seit Jahrtausenden mehr als menschlich war. „Er sagte, dass er zehntausend Jahre gehabt hatte, um sich vorzustellen, was er dem Löwen sagen würde, sollte er ihm je wieder gegenüberstehen, und dass er in all diesen Jahren nie eine Antwort gefunden hatte, die ausreichend war. Er sagte, dass er nicht mehr sicher war, ob er Vergebung suchte oder etwas anderes — vielleicht nur die Gewissheit, dass sein Freund, sein Bruder, tatsächlich lebte, unabhängig davon, was danach geschah."
Bariel stand still, während die Worte in der Kammer nachhallten, und spürte, wie sich seine eigene Gewissheit über die Natur dessen, was sie jagten, weiter verschob.
„Wo führt er die Gefallenen hin, Sar Meliel? Ich brauche einen Ort, keine Philosophie."
„Ich weiß nur, was ich in den verschlüsselten Botschaften gesehen habe, bevor ich hierher kam." Sar Meliel sah auf, direkt in Bariels Augen. „Ein Name, der mir nichts bedeutet — ein System, das ich nie besucht habe. Sie nennen es Sethrak Vier. Er hat gesagt, dass dort etwas liegt, das ihm gehört hat, bevor er es verlor. Etwas, das er zurückholen will, bevor er dem Löwen gegenübertritt — ob als Bittsteller oder als Feind, das hat er selbst nicht entschieden, als er zu mir sprach."
„Was geschieht mit dir jetzt, Sar Meliel?", fragte Bariel, bevor sie die Kammer verließen, eine Frage, die außerhalb des eigentlichen Protokolls einer Interrogation lag, aber die er dennoch stellen musste.
Sar Meliel sah ihn mit einem Ausdruck an, der eine Art müde Ironie trug. „Das wirst du mir sagen müssen, Interrogator-Ordenspriester. In zehntausend Jahren wurde jeder gefangene Gefallene entweder zur Umerziehung in die tiefsten Kerker des Fels gebracht, oder — wenn seine Widerständigkeit als zu groß erachtet wurde — hingerichtet, mit einer Zeremonie, die mehr Erleichterung als Trauer trug. Ich habe keine Erwartung, dass sich das für mich ändern wird, nur weil ich heute kooperativ war."
„Und wenn sich die Doktrin ändert?", fragte Bariel. „Wenn der Löwe selbst entscheidet, wie mit den Gefallenen umgegangen werden soll?"
Etwas in Sar Meliels Gesicht regte sich, ein Flackern von etwas, das er seit Jahrtausenden nicht mehr zu fühlen gewagt hatte. „Dann wäre das der erste wirkliche Wandel, den ich in dieser gesamten Existenz erlebt hätte", sagte er leise. „Ich habe nicht gelernt, auf einen solchen Wandel zu hoffen, Interrogator-Ordenspriester. Hoffnung ist ein Luxus, den ein Gefallener sich selten erlauben kann, ohne dafür bestraft zu werden, wenn sie sich als falsch erweist. Aber ich werde nicht lügen und behaupten, dass ich sie nicht insgeheim trage, seit ich zum ersten Mal von der Rückkehr des Löwen hörte."
Cassiel, der bisher schweigend zugehört hatte, trat vor, seine Stimme jetzt scharf. „Sethrak Vier. Bariel, das ist innerhalb der letzten Koordinate unserer Sequenz. Das ist unser Endpunkt."
IV. WAS AUF SETHRAK VIER LIEGTIV. WAS AUF SETHRAK VIER LIEGT
Sethrak Vier war ein toter Planet, umkreist von den Trümmerfeldern zweier Monde, die vor Jahrtausenden kollidiert waren, und auf den ersten Blick verstand Bariel nicht, warum irgendetwas von Bedeutung an diesem verlassenen Ort existieren sollte.
Dann sahen sie die Ruinen.
Sie lagen unter einer dünnen Staubschicht, halb begraben von zehntausend Jahren geologischer Erosion, aber ihre Architektur war unverkennbar — schwere, funktionale Steinformationen, verstärkt mit uralten, jetzt korrodierten Ceramit-Verstrebungen, deren Stil Bariel sofort wiedererkannte, weil er ihn in den ältesten Archiven des Fels selbst gesehen hatte.
„Das ist calibanitisch", sagte er, als der Landungstrupp durch die Ruinen vorrückte, ihre Rüstungssensoren die tote Struktur abtastend. „Vorimperiale calibanitische Architektur. Aber das ist unmöglich — Caliban wurde zerstört, jedes Fragment davon wurde entweder Teil des Fels oder verlor sich für immer in den Trümmern."
„Nicht jedes Fragment." Corvael, der sich zu einem der intakteren Gebäude bewegt hatte, hielt inne, sein Servo-Okular auf eine tief eingravierte Inschrift gerichtet. „Interrogator-Ordenspriester, ich glaube, dies war eine Außenstation. Eine der ersten Kolonien, die die Menschen von Caliban außerhalb ihrer Heimatwelt errichteten, lange bevor der Löwe geboren wurde, lange bevor der Orden existierte. Ein vergessener Vorposten, verlassen, als die Ressourcen ausgingen, aber nie vollständig zerstört."
„Und Luther kennt diesen Ort", sagte Cassiel, seine Stimme gedämpft, während er die Ruinen musterte. „Woher?"
Sie durchsuchten die äußeren Ruinen fast zwei Stunden lang, bevor sie die zentrale Kammer fanden, und in dieser Zeit sammelte Bariel Eindrücke, die ihn tiefer beunruhigten, als er zunächst zugeben wollte. Es waren keine gewöhnlichen Kolonialruinen. Jedes Gebäude, jede verwitterte Statue, jedes Fragment einer Inschrift trug dieselbe Handschrift — nicht die Handschrift eines Volkes, das über Generationen hinweg baute und wuchs, sondern die Handschrift einzelner Menschen, deren Namen wiederholt auftauchten, eingraviert unter jedem größeren Bauwerk, als hätten sie ihre gesamte Existenz diesem einen, vergessenen Vorposten gewidmet.
„Sieh dir das an." Corvael hatte eine besonders gut erhaltene Wandtafel freigelegt, ihre Oberfläche mit einer Reihe von Namen bedeckt, die in absteigender Größe angeordnet waren — eine Art Ehrentafel, wie sie Bariel aus den ältesten Hallen des Fels selbst kannte. „Das sind die Gründer dieser Kolonie, Interrogator-Ordenspriester. Ritter des Ordens, lange vor dem Löwen. Und hier —" Er deutete auf einen Namen, kleiner als die anderen, fast am Rand der Tafel, als wäre er später hinzugefügt worden. „Luther selbst. Nicht als Anführer verzeichnet. Als Lehrling."
„Ein Lehrling?" Bariel trat näher, seine Sensoren die verwitterte Gravur verstärkend. „Ich dachte, Luther wäre der größte Held seiner Generation gewesen."
„Das wurde er später." Cassiel, der die Tafel ebenfalls studierte, sprach langsam, als würde er die Implikationen selbst erst während des Sprechens vollständig erfassen. „Aber jeder Held beginnt irgendwo, Bariel. Diese Kolonie, so scheint es, war der Ort, an dem der junge Luther seine ersten Prüfungen bestand, lange bevor er zum Regenten von Caliban wurde, lange bevor irgendjemand ahnte, was aus ihm werden würde — sowohl im Guten als auch im Schlechten."
Die Erkenntnis veränderte etwas in der Art, wie Bariel die Ruinen betrachtete, während sie tiefer vordrangen. Dies war kein zufälliges Versteck, kein taktisch gewählter Treffpunkt. Es war ein Ort der Erinnerung — vielleicht der einzige Ort in der gesamten Galaxie, an dem etwas von Luthers Vergangenheit überlebt hatte, das nicht von den Ereignissen auf Caliban überschattet oder von zehntausend Jahren Ordenspropaganda umgeschrieben worden war.
Die Antwort fanden sie eine Stunde später, in der Tiefe der größten intakten Struktur — einer Kammer, die einst, nach den verwitterten Symbolen an ihren Wänden zu urteilen, ein Schrein gewesen war, gewidmet den frühesten Helden des Ordens von Caliban, jenen legendären Rittern, die gegen die Bestien der Todeswelt kämpften, lange bevor irgendjemand von Primarchen oder einem Imperium der Menschheit wusste.
In der Mitte der Kammer, auf einem steinernen Podest, das die Jahrtausende erstaunlich gut überstanden hatte, lag eine leere Halterung — geformt, wie Bariel sofort erkannte, um eine Klinge zu tragen, deren genaue Kontur er nicht kannte, aber deren Bedeutung er erahnte, noch bevor Corvael die Inschrift am Fuß des Podests entzifferte.
„*Hier ruhte einst die erste Klinge des Jägers*", las Corvael langsam, seine Stimme durch den Übersetzungsalgorithmus leicht verzerrt. „*Geschmiedet aus dem Herzen eines gefallenen Sterns, bevor er zum Löwen wurde, bevor er zum Primarchen wurde, als er noch nur der Junge war, den Luther aus dem Wald rettete.*"
Bariel stand vor der leeren Halterung, und ein kalter Schauer — kein physisches Gefühl, sondern etwas Tieferes, etwas, das in zwölf Jahren Interrogation-Dienst nur selten aufgetreten war — lief durch ihn hindurch.
„Das ist nicht das Schwert der Häresie", sagte er langsam. „Das ist etwas älteres. Etwas, das vor dem Löwen selbst existierte, das ihm gehörte, bevor er der Löwe wurde, den wir kennen."
„Luther war es, der ihn benannte." Cassiels Stimme war leise, fast ehrfürchtig, in einer Kammer, die zehntausend Jahre lang vergessen gewesen war. „*Der Löwe, Sohn des Waldes*, in der alten calibanitischen Zunge. Bevor Luther ihn dem Orden präsentierte, bevor die Legion existierte, war er nur ein Kind, das Luther in den Wäldern gefunden hatte, bewaffnet mit einer Klinge, die er selbst geschmiedet oder gefunden hatte — die Aufzeichnungen widersprechen sich hier."
„Und Luther sucht diese Klinge jetzt", sagte Bariel, die Bruchstücke zusammensetzend. „Nicht das zerbrochene Schwert der Häresie, das er auf Caliban gegen den Löwen führte. Sondern etwas älteres. Etwas Persönlicheres."
„Ein Geschenk", sagte Cassiel, und in seiner Stimme lag eine Erkenntnis, die schwerer wog als jede taktische Schlussfolgerung. „Er sucht nicht nach einer Waffe, Bariel. Er sucht nach der ersten Sache, die er dem Jungen gab, den er liebte, bevor dieser Junge zu etwas wurde, das größer war, als Luther je hätte sein können. Er will sie zurückholen — nicht als Trophäe. Als Wiedergutmachung."
Bariel stand still, die Implikationen dieser Erkenntnis in sich abwägend, während draußen der Wind über die toten Ruinen von Sethrak Vier strich, ein Geräusch, das seit Jahrtausenden niemand mehr gehört hatte.
Er dachte an die eigenen Berichte, die er in zwölf Jahren als Interrogator-Ordenspriester verfasst hatte — nüchterne, sachliche Dokumente, die jeden Gefallenen auf eine Handvoll Fakten reduzierten: Name, Rang zur Zeit des Verrats, Ort der Gefangennahme, Grad der Kooperation. Nirgendwo in diesen Berichten, das erkannte er jetzt mit wachsendem Unbehagen, hatte je Raum für das bestanden, was diese Kammer über Luther offenbarte — dass er, lange bevor er zum Arch-Verräter wurde, ein Mann mit einer eigenen Geschichte gewesen war, einer Geschichte, die begann, lange bevor der Löwe überhaupt existierte, einer Geschichte von Heldentum und Verlust, die im Schatten eines einzigen, katastrophalen Fehlers vollständig ausgelöscht worden war. Es änderte nichts an dem, was Luther getan hatte. Aber es veränderte, wie Bariel begann, über die Frage nachzudenken, was Gerechtigkeit gegenüber einem solchen Mann tatsächlich bedeuten sollte.
„Wenn er sie hier findet", sagte er schließlich, „wohin geht er dann?"
Die Antwort auf diese Frage kam nicht von Corvael, nicht von Cassiel, sondern von einer Stimme, die aus dem Schatten der Kammer selbst zu kommen schien — eine Stimme, tief und rau, gebrochen von zehntausend Jahren Leid, aber dennoch unverkennbar, unauslöschlich vertraut aus jeder Aufzeichnung, die Bariel je im geheimsten Archiv des Fels studiert hatte.
„Er geht dorthin, wo sein Herz ihn seit zehntausend Jahren hinzieht", sagte Luther, während er aus der Dunkelheit hinter dem Podest trat, seine massive, von Jahrtausenden der Gefangenschaft gezeichnete Gestalt sich in das schwache Licht der Kammer schiebend. „Er geht, um seinem Sohn zu sagen, dass er es bereut. Aber es scheint, ihr seid mir zuvorgekommen, bevor ich das tun konnte, was ich vorhatte."
Sethrak Vier war ein toter Planet, umkreist von den Trümmerfeldern zweier Monde, die vor Jahrtausenden kollidiert waren, und auf den ersten Blick verstand Bariel nicht, warum irgendetwas von Bedeutung an diesem verlassenen Ort existieren sollte.
Dann sahen sie die Ruinen.
Sie lagen unter einer dünnen Staubschicht, halb begraben von zehntausend Jahren geologischer Erosion, aber ihre Architektur war unverkennbar — schwere, funktionale Steinformationen, verstärkt mit uralten, jetzt korrodierten Ceramit-Verstrebungen, deren Stil Bariel sofort wiedererkannte, weil er ihn in den ältesten Archiven des Fels selbst gesehen hatte.
„Das ist calibanitisch", sagte er, als der Landungstrupp durch die Ruinen vorrückte, ihre Rüstungssensoren die tote Struktur abtastend. „Vorimperiale calibanitische Architektur. Aber das ist unmöglich — Caliban wurde zerstört, jedes Fragment davon wurde entweder Teil des Fels oder verlor sich für immer in den Trümmern."
„Nicht jedes Fragment." Corvael, der sich zu einem der intakteren Gebäude bewegt hatte, hielt inne, sein Servo-Okular auf eine tief eingravierte Inschrift gerichtet. „Interrogator-Ordenspriester, ich glaube, dies war eine Außenstation. Eine der ersten Kolonien, die die Menschen von Caliban außerhalb ihrer Heimatwelt errichteten, lange bevor der Löwe geboren wurde, lange bevor der Orden existierte. Ein vergessener Vorposten, verlassen, als die Ressourcen ausgingen, aber nie vollständig zerstört."
„Und Luther kennt diesen Ort", sagte Cassiel, seine Stimme gedämpft, während er die Ruinen musterte. „Woher?"
Sie durchsuchten die äußeren Ruinen fast zwei Stunden lang, bevor sie die zentrale Kammer fanden, und in dieser Zeit sammelte Bariel Eindrücke, die ihn tiefer beunruhigten, als er zunächst zugeben wollte. Es waren keine gewöhnlichen Kolonialruinen. Jedes Gebäude, jede verwitterte Statue, jedes Fragment einer Inschrift trug dieselbe Handschrift — nicht die Handschrift eines Volkes, das über Generationen hinweg baute und wuchs, sondern die Handschrift einzelner Menschen, deren Namen wiederholt auftauchten, eingraviert unter jedem größeren Bauwerk, als hätten sie ihre gesamte Existenz diesem einen, vergessenen Vorposten gewidmet.
„Sieh dir das an." Corvael hatte eine besonders gut erhaltene Wandtafel freigelegt, ihre Oberfläche mit einer Reihe von Namen bedeckt, die in absteigender Größe angeordnet waren — eine Art Ehrentafel, wie sie Bariel aus den ältesten Hallen des Fels selbst kannte. „Das sind die Gründer dieser Kolonie, Interrogator-Ordenspriester. Ritter des Ordens, lange vor dem Löwen. Und hier —" Er deutete auf einen Namen, kleiner als die anderen, fast am Rand der Tafel, als wäre er später hinzugefügt worden. „Luther selbst. Nicht als Anführer verzeichnet. Als Lehrling."
„Ein Lehrling?" Bariel trat näher, seine Sensoren die verwitterte Gravur verstärkend. „Ich dachte, Luther wäre der größte Held seiner Generation gewesen."
„Das wurde er später." Cassiel, der die Tafel ebenfalls studierte, sprach langsam, als würde er die Implikationen selbst erst während des Sprechens vollständig erfassen. „Aber jeder Held beginnt irgendwo, Bariel. Diese Kolonie, so scheint es, war der Ort, an dem der junge Luther seine ersten Prüfungen bestand, lange bevor er zum Regenten von Caliban wurde, lange bevor irgendjemand ahnte, was aus ihm werden würde — sowohl im Guten als auch im Schlechten."
Die Erkenntnis veränderte etwas in der Art, wie Bariel die Ruinen betrachtete, während sie tiefer vordrangen. Dies war kein zufälliges Versteck, kein taktisch gewählter Treffpunkt. Es war ein Ort der Erinnerung — vielleicht der einzige Ort in der gesamten Galaxie, an dem etwas von Luthers Vergangenheit überlebt hatte, das nicht von den Ereignissen auf Caliban überschattet oder von zehntausend Jahren Ordenspropaganda umgeschrieben worden war.
Die Antwort fanden sie eine Stunde später, in der Tiefe der größten intakten Struktur — einer Kammer, die einst, nach den verwitterten Symbolen an ihren Wänden zu urteilen, ein Schrein gewesen war, gewidmet den frühesten Helden des Ordens von Caliban, jenen legendären Rittern, die gegen die Bestien der Todeswelt kämpften, lange bevor irgendjemand von Primarchen oder einem Imperium der Menschheit wusste.
In der Mitte der Kammer, auf einem steinernen Podest, das die Jahrtausende erstaunlich gut überstanden hatte, lag eine leere Halterung — geformt, wie Bariel sofort erkannte, um eine Klinge zu tragen, deren genaue Kontur er nicht kannte, aber deren Bedeutung er erahnte, noch bevor Corvael die Inschrift am Fuß des Podests entzifferte.
„*Hier ruhte einst die erste Klinge des Jägers*", las Corvael langsam, seine Stimme durch den Übersetzungsalgorithmus leicht verzerrt. „*Geschmiedet aus dem Herzen eines gefallenen Sterns, bevor er zum Löwen wurde, bevor er zum Primarchen wurde, als er noch nur der Junge war, den Luther aus dem Wald rettete.*"
Bariel stand vor der leeren Halterung, und ein kalter Schauer — kein physisches Gefühl, sondern etwas Tieferes, etwas, das in zwölf Jahren Interrogation-Dienst nur selten aufgetreten war — lief durch ihn hindurch.
„Das ist nicht das Schwert der Häresie", sagte er langsam. „Das ist etwas älteres. Etwas, das vor dem Löwen selbst existierte, das ihm gehörte, bevor er der Löwe wurde, den wir kennen."
„Luther war es, der ihn benannte." Cassiels Stimme war leise, fast ehrfürchtig, in einer Kammer, die zehntausend Jahre lang vergessen gewesen war. „*Der Löwe, Sohn des Waldes*, in der alten calibanitischen Zunge. Bevor Luther ihn dem Orden präsentierte, bevor die Legion existierte, war er nur ein Kind, das Luther in den Wäldern gefunden hatte, bewaffnet mit einer Klinge, die er selbst geschmiedet oder gefunden hatte — die Aufzeichnungen widersprechen sich hier."
„Und Luther sucht diese Klinge jetzt", sagte Bariel, die Bruchstücke zusammensetzend. „Nicht das zerbrochene Schwert der Häresie, das er auf Caliban gegen den Löwen führte. Sondern etwas älteres. Etwas Persönlicheres."
„Ein Geschenk", sagte Cassiel, und in seiner Stimme lag eine Erkenntnis, die schwerer wog als jede taktische Schlussfolgerung. „Er sucht nicht nach einer Waffe, Bariel. Er sucht nach der ersten Sache, die er dem Jungen gab, den er liebte, bevor dieser Junge zu etwas wurde, das größer war, als Luther je hätte sein können. Er will sie zurückholen — nicht als Trophäe. Als Wiedergutmachung."
Bariel stand still, die Implikationen dieser Erkenntnis in sich abwägend, während draußen der Wind über die toten Ruinen von Sethrak Vier strich, ein Geräusch, das seit Jahrtausenden niemand mehr gehört hatte.
Er dachte an die eigenen Berichte, die er in zwölf Jahren als Interrogator-Ordenspriester verfasst hatte — nüchterne, sachliche Dokumente, die jeden Gefallenen auf eine Handvoll Fakten reduzierten: Name, Rang zur Zeit des Verrats, Ort der Gefangennahme, Grad der Kooperation. Nirgendwo in diesen Berichten, das erkannte er jetzt mit wachsendem Unbehagen, hatte je Raum für das bestanden, was diese Kammer über Luther offenbarte — dass er, lange bevor er zum Arch-Verräter wurde, ein Mann mit einer eigenen Geschichte gewesen war, einer Geschichte, die begann, lange bevor der Löwe überhaupt existierte, einer Geschichte von Heldentum und Verlust, die im Schatten eines einzigen, katastrophalen Fehlers vollständig ausgelöscht worden war. Es änderte nichts an dem, was Luther getan hatte. Aber es veränderte, wie Bariel begann, über die Frage nachzudenken, was Gerechtigkeit gegenüber einem solchen Mann tatsächlich bedeuten sollte.
„Wenn er sie hier findet", sagte er schließlich, „wohin geht er dann?"
Die Antwort auf diese Frage kam nicht von Corvael, nicht von Cassiel, sondern von einer Stimme, die aus dem Schatten der Kammer selbst zu kommen schien — eine Stimme, tief und rau, gebrochen von zehntausend Jahren Leid, aber dennoch unverkennbar, unauslöschlich vertraut aus jeder Aufzeichnung, die Bariel je im geheimsten Archiv des Fels studiert hatte.
„Er geht dorthin, wo sein Herz ihn seit zehntausend Jahren hinzieht", sagte Luther, während er aus der Dunkelheit hinter dem Podest trat, seine massive, von Jahrtausenden der Gefangenschaft gezeichnete Gestalt sich in das schwache Licht der Kammer schiebend. „Er geht, um seinem Sohn zu sagen, dass er es bereut. Aber es scheint, ihr seid mir zuvorgekommen, bevor ich das tun konnte, was ich vorhatte."
V. DIE STIMME AUS DER DUNKELHEITV. DIE STIMME AUS DER DUNKELHEIT
Für einen Herzschlag lang bewegte sich niemand in der Kammer.
Bariel hatte in zwölf Jahren als Interrogator-Ordenspriester Dutzende Gefallene interrogiert, gejagt, manchmal getötet, wenn Kapitulation unmöglich war. Er hatte geglaubt, auf jede mögliche Konfrontation vorbereitet zu sein, die sein Amt ihm auferlegen könnte. Nichts hatte ihn auf das Gefühl vorbereitet, tatsächlich vor Luther zu stehen — dem Arch-Verräter, dem Mann, dessen Name in jeder Chronik des Ordens mit einer Mischung aus Hass, Furcht und einer verbotenen, nie ausgesprochenen Traurigkeit belegt war.
Er war größer, als Bariel erwartet hatte, obwohl er wusste, dass Luther, anders als vollständig augmentierte Astartes, ursprünglich ein Mensch mit begrenzten Verbesserungen gewesen war — Verbesserungen, die im Laufe von zehntausend Jahren, verstärkt durch Chaos-Korruption und dann wieder durch die reine Kraft seines eigenen überlebenden Willens, zu etwas geworden waren, das weder ganz menschlich noch ganz Astartes war. Seine Rüstung, uralt und von Rost und Jahrtausenden gezeichnet, trug noch immer Fragmente eines Wappens, das Bariel als vorimperial-calibanitisch erkannte, überlagert von dunkleren, unruhigeren Mustern, die von seinem langen Fall in die Korruption zeugten.
Seine Augen jedoch — das war es, was Bariel am meisten überraschte — waren nicht die Augen eines Monsters. Sie waren die Augen eines Mannes, der eine Last trug, die er selbst nicht mehr vollständig verstand.
Cassiel bewegte sich als Erster, sein Kettenschwert in einer fließenden Bewegung erhoben, die Jahrzehnte der Deathwing-Ausbildung offenbarte, während zwei weitere Terminatoren aus dem Korridor hinter ihnen in die Kammer strömten, ihre Sturmbolter auf Luthers massive Gestalt gerichtet. Bariel spürte, wie sein eigener Körper in den Kampfmodus überging, der ihm seit seiner Aspirantenzeit antrainiert worden war, seine Hand sich um den Griff seines Krosius schließend, während ein Teil seines Bewusstseins — der Teil, der zwölf Jahre als Interrogator-Ordenspriester geschult worden war, jede Nuance einer Begegnung zu lesen — bereits registrierte, dass Luther sich nicht auf einen Kampf vorbereitete. Seine Hände blieben sichtbar, leer, an seinen Seiten. Seine Haltung, so massiv sie auch war, trug keine Spannung, die einen bevorstehenden Angriff angekündigt hätte.
„Interrogator-Ordenspriester", sagte Luther, und in der Art, wie er den Titel aussprach, lag etwas, das fast wie Respekt klang, gemischt mit einer tiefen, alten Bitterkeit. „Ich habe zehntausend Jahre mit Männern deines Amtes verbracht. Ihr fragt immer dieselben Fragen. Ich habe immer dieselben Antworten gegeben, und keine von ihnen hat je genügt."
„Du bist umzingelt, Luther." Cassiel trat vor, sein Kettenschwert bereits gezogen, seine Stimme hart mit der Autorität eines Großmeisters. „Ergib dich, und diese Konfrontation muss nicht in weiterem Blutvergießen enden."
„Umzingelt." Luther lachte, ein tiefes, gebrochenes Geräusch, das eher Trauer als Belustigung trug. „Ich bin seit zehntausend Jahren umzingelt, Großmeister. Von Ketten. Von Schuld. Von jedem Gedanken, den ich je hatte, seit dem Moment, in dem ich meine sorcerous Klinge in die Brust meines eigenen Sohnes stieß." Seine Augen wanderten zu Bariel, dann zurück zu Cassiel. „Glaubt ihr wirklich, dass ich in dieser Kammer Angst vor euren Klingen habe? Ich bin nicht hierhergekommen, um zu kämpfen."
„Warum bist du dann hier?"
„Um das zu holen, was mir gehörte, bevor ich alles verlor, was ich je liebte." Luthers Blick fiel auf die leere Halterung auf dem Podest, und für einen Moment sah Bariel etwas in seinem Gesicht, das über jede Beschreibung von Verrat und Bosheit hinausging — etwas, das nur als reine, unverfälschte Trauer beschrieben werden konnte. „Aber es scheint, jemand ist mir zuvorgekommen. Vor Jahrhunderten, nach dem Zerfall dieser Kolonie. Die Klinge ist längst fort, verstreut wie so vieles andere, das einst wichtig war."
„Du wusstest nicht, dass sie fort war?" Bariels Stimme trug eine unwillkürliche Note von Verwirrung.
„Wie hätte ich es wissen sollen?" Luthers Stimme brach fast, ein Riss in der ansonsten kontrollierten Fassade eines Mannes, der zehntausend Jahre gelernt hatte, seine tiefsten Emotionen zu verbergen. „Ich war gefangen, Interrogator-Ordenspriester. Zehntausend Jahre lang, in einer Zelle, in der die einzige Gesellschaft, die ich hatte, meine eigenen Erinnerungen waren, wiederholt, verzerrt, bis ich nicht mehr sicher war, welche real waren und welche der Wahnsinn erfunden hatte. Ich träumte von dieser Kammer, von dieser Klinge, seit Jahrhunderten, ohne zu wissen, ob sie noch existierte, ohne zu wissen, ob mein Gedächtnis mich trog. Ich kam hierher, weil es der einzige Ort war, den ich mir vorstellen konnte, an dem ich vielleicht etwas Reines finden würde, bevor ich —" Er hielt inne, seine massive Gestalt für einen Moment vollkommen still.
„Bevor du was?", fragte Bariel.
Luther sah ihn direkt an, und in diesem Blick lag eine Ehrlichkeit, die Bariel nicht erwartet hatte, die er sich selbst nicht erlaubt hatte zu erwarten, in all den Wochen der Jagd.
„Bevor ich ihm gegenübertrete", sagte Luther. „Meinem Sohn. Dem Löwen. Ich habe gehört, was jeder in der Galaxie zu hören glaubt — dass er zurückgekehrt ist, dass er lebt, dass er einige von uns, die ich einst in den Verrat führte, sogar begnadigt hat. Ich wollte etwas mitbringen, wenn ich ihm gegenüberstehe — nicht als Waffe, sondern als Beweis, dass der Mann, der ihn einst aus dem Wald rettete, noch immer existiert, irgendwo unter all den Jahrtausenden der Schuld."
Er sank langsam auf die unterste Stufe des Podests, seine massive Gestalt für einen Moment wie die eines erschöpften alten Mannes wirkend, nicht wie die eines Wesens, das zehntausend Jahre überdauert hatte. „Weißt du, was das Schlimmste an der Gefangenschaft war, Interrogator-Ordenspriester? Nicht die Ketten selbst. Nicht die Dunkelheit, nicht die wiederkehrenden Interrogationen, bei denen jeder neue Ordenspriester dieselben Fragen mit derselben Erwartungshaltung stellte. Es war die Stille dazwischen. Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte, in denen niemand kam, niemand fragte, niemand sich auch nur die Mühe machte, mich daran zu erinnern, dass ich noch existierte. In dieser Stille begann ich, mir Gespräche vorzustellen, die ich mit ihm führen würde, sollte er je zurückkehren. Ich habe Tausende solcher Gespräche geführt, in meinem eigenen Kopf, jedes anders, jedes endend mit einem anderen Urteil. Manchmal vergab er mir. Manchmal tötete er mich auf der Stelle. Meistens sagte er einfach gar nichts, drehte sich um und ging, und das war schlimmer als jedes Urteil, das er hätte sprechen können."
Bariel stand still, während diese Worte durch die Kammer hallten, und erkannte, mit einer Klarheit, die ihn selbst überraschte, dass er hier nicht das ausgeklügelte Manöver eines abgebrühten Verräters hörte, sondern etwas, das gefährlich nahe an aufrichtiger, ungefilterter Verzweiflung lag.
Für einen Herzschlag lang bewegte sich niemand in der Kammer.
Bariel hatte in zwölf Jahren als Interrogator-Ordenspriester Dutzende Gefallene interrogiert, gejagt, manchmal getötet, wenn Kapitulation unmöglich war. Er hatte geglaubt, auf jede mögliche Konfrontation vorbereitet zu sein, die sein Amt ihm auferlegen könnte. Nichts hatte ihn auf das Gefühl vorbereitet, tatsächlich vor Luther zu stehen — dem Arch-Verräter, dem Mann, dessen Name in jeder Chronik des Ordens mit einer Mischung aus Hass, Furcht und einer verbotenen, nie ausgesprochenen Traurigkeit belegt war.
Er war größer, als Bariel erwartet hatte, obwohl er wusste, dass Luther, anders als vollständig augmentierte Astartes, ursprünglich ein Mensch mit begrenzten Verbesserungen gewesen war — Verbesserungen, die im Laufe von zehntausend Jahren, verstärkt durch Chaos-Korruption und dann wieder durch die reine Kraft seines eigenen überlebenden Willens, zu etwas geworden waren, das weder ganz menschlich noch ganz Astartes war. Seine Rüstung, uralt und von Rost und Jahrtausenden gezeichnet, trug noch immer Fragmente eines Wappens, das Bariel als vorimperial-calibanitisch erkannte, überlagert von dunkleren, unruhigeren Mustern, die von seinem langen Fall in die Korruption zeugten.
Seine Augen jedoch — das war es, was Bariel am meisten überraschte — waren nicht die Augen eines Monsters. Sie waren die Augen eines Mannes, der eine Last trug, die er selbst nicht mehr vollständig verstand.
Cassiel bewegte sich als Erster, sein Kettenschwert in einer fließenden Bewegung erhoben, die Jahrzehnte der Deathwing-Ausbildung offenbarte, während zwei weitere Terminatoren aus dem Korridor hinter ihnen in die Kammer strömten, ihre Sturmbolter auf Luthers massive Gestalt gerichtet. Bariel spürte, wie sein eigener Körper in den Kampfmodus überging, der ihm seit seiner Aspirantenzeit antrainiert worden war, seine Hand sich um den Griff seines Krosius schließend, während ein Teil seines Bewusstseins — der Teil, der zwölf Jahre als Interrogator-Ordenspriester geschult worden war, jede Nuance einer Begegnung zu lesen — bereits registrierte, dass Luther sich nicht auf einen Kampf vorbereitete. Seine Hände blieben sichtbar, leer, an seinen Seiten. Seine Haltung, so massiv sie auch war, trug keine Spannung, die einen bevorstehenden Angriff angekündigt hätte.
„Interrogator-Ordenspriester", sagte Luther, und in der Art, wie er den Titel aussprach, lag etwas, das fast wie Respekt klang, gemischt mit einer tiefen, alten Bitterkeit. „Ich habe zehntausend Jahre mit Männern deines Amtes verbracht. Ihr fragt immer dieselben Fragen. Ich habe immer dieselben Antworten gegeben, und keine von ihnen hat je genügt."
„Du bist umzingelt, Luther." Cassiel trat vor, sein Kettenschwert bereits gezogen, seine Stimme hart mit der Autorität eines Großmeisters. „Ergib dich, und diese Konfrontation muss nicht in weiterem Blutvergießen enden."
„Umzingelt." Luther lachte, ein tiefes, gebrochenes Geräusch, das eher Trauer als Belustigung trug. „Ich bin seit zehntausend Jahren umzingelt, Großmeister. Von Ketten. Von Schuld. Von jedem Gedanken, den ich je hatte, seit dem Moment, in dem ich meine sorcerous Klinge in die Brust meines eigenen Sohnes stieß." Seine Augen wanderten zu Bariel, dann zurück zu Cassiel. „Glaubt ihr wirklich, dass ich in dieser Kammer Angst vor euren Klingen habe? Ich bin nicht hierhergekommen, um zu kämpfen."
„Warum bist du dann hier?"
„Um das zu holen, was mir gehörte, bevor ich alles verlor, was ich je liebte." Luthers Blick fiel auf die leere Halterung auf dem Podest, und für einen Moment sah Bariel etwas in seinem Gesicht, das über jede Beschreibung von Verrat und Bosheit hinausging — etwas, das nur als reine, unverfälschte Trauer beschrieben werden konnte. „Aber es scheint, jemand ist mir zuvorgekommen. Vor Jahrhunderten, nach dem Zerfall dieser Kolonie. Die Klinge ist längst fort, verstreut wie so vieles andere, das einst wichtig war."
„Du wusstest nicht, dass sie fort war?" Bariels Stimme trug eine unwillkürliche Note von Verwirrung.
„Wie hätte ich es wissen sollen?" Luthers Stimme brach fast, ein Riss in der ansonsten kontrollierten Fassade eines Mannes, der zehntausend Jahre gelernt hatte, seine tiefsten Emotionen zu verbergen. „Ich war gefangen, Interrogator-Ordenspriester. Zehntausend Jahre lang, in einer Zelle, in der die einzige Gesellschaft, die ich hatte, meine eigenen Erinnerungen waren, wiederholt, verzerrt, bis ich nicht mehr sicher war, welche real waren und welche der Wahnsinn erfunden hatte. Ich träumte von dieser Kammer, von dieser Klinge, seit Jahrhunderten, ohne zu wissen, ob sie noch existierte, ohne zu wissen, ob mein Gedächtnis mich trog. Ich kam hierher, weil es der einzige Ort war, den ich mir vorstellen konnte, an dem ich vielleicht etwas Reines finden würde, bevor ich —" Er hielt inne, seine massive Gestalt für einen Moment vollkommen still.
„Bevor du was?", fragte Bariel.
Luther sah ihn direkt an, und in diesem Blick lag eine Ehrlichkeit, die Bariel nicht erwartet hatte, die er sich selbst nicht erlaubt hatte zu erwarten, in all den Wochen der Jagd.
„Bevor ich ihm gegenübertrete", sagte Luther. „Meinem Sohn. Dem Löwen. Ich habe gehört, was jeder in der Galaxie zu hören glaubt — dass er zurückgekehrt ist, dass er lebt, dass er einige von uns, die ich einst in den Verrat führte, sogar begnadigt hat. Ich wollte etwas mitbringen, wenn ich ihm gegenüberstehe — nicht als Waffe, sondern als Beweis, dass der Mann, der ihn einst aus dem Wald rettete, noch immer existiert, irgendwo unter all den Jahrtausenden der Schuld."
Er sank langsam auf die unterste Stufe des Podests, seine massive Gestalt für einen Moment wie die eines erschöpften alten Mannes wirkend, nicht wie die eines Wesens, das zehntausend Jahre überdauert hatte. „Weißt du, was das Schlimmste an der Gefangenschaft war, Interrogator-Ordenspriester? Nicht die Ketten selbst. Nicht die Dunkelheit, nicht die wiederkehrenden Interrogationen, bei denen jeder neue Ordenspriester dieselben Fragen mit derselben Erwartungshaltung stellte. Es war die Stille dazwischen. Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte, in denen niemand kam, niemand fragte, niemand sich auch nur die Mühe machte, mich daran zu erinnern, dass ich noch existierte. In dieser Stille begann ich, mir Gespräche vorzustellen, die ich mit ihm führen würde, sollte er je zurückkehren. Ich habe Tausende solcher Gespräche geführt, in meinem eigenen Kopf, jedes anders, jedes endend mit einem anderen Urteil. Manchmal vergab er mir. Manchmal tötete er mich auf der Stelle. Meistens sagte er einfach gar nichts, drehte sich um und ging, und das war schlimmer als jedes Urteil, das er hätte sprechen können."
Bariel stand still, während diese Worte durch die Kammer hallten, und erkannte, mit einer Klarheit, die ihn selbst überraschte, dass er hier nicht das ausgeklügelte Manöver eines abgebrühten Verräters hörte, sondern etwas, das gefährlich nahe an aufrichtiger, ungefilterter Verzweiflung lag.
VI. WAS GLAUBEN NICHT BEWEISTVI. WAS GLAUBEN NICHT BEWEIST
„Das ist eine Geschichte", sagte Cassiel, sein Kettenschwert noch immer erhoben, seine Stimme jedoch weniger sicher, als sie es Momente zuvor gewesen war. „Eine gute Geschichte, Luther, aber nichts weiter. Du hast zehntausend Jahre gehabt, um deine Lügen zu perfektionieren."
„Habe ich das?" Luthers Stimme trug jetzt eine Schärfe, die schnell in etwas anderes umschlug — nicht Wut, sondern eine tiefe, erschöpfte Verzweiflung. „Dann sag mir, Großmeister, welche Lüge würde mir mehr nützen als die Wahrheit? Wenn ich lügen wollte, hätte ich eine Geschichte erfunden, die euch von mir fernhält, nicht eine, die euch geradewegs zu mir führte. Ich wusste, dass ihr kommen würdet — eure Spurensucher sind gut, das habe ich in den letzten Monaten gelernt. Ich hätte fliehen können, sobald ich eure Ankunft spürte. Stattdessen bin ich geblieben, weil ich müde bin, Cassiel. Zehntausend Jahre müde."
Cassiel trat einen Schritt zurück, sein Kettenschwert noch immer erhoben, aber seine Haltung verriet, für jene, die ihn lange genug kannten, um solche Nuancen zu lesen, eine wachsende innere Zerrissenheit. Bariel hatte den Großmeister in zwölf Jahren gemeinsamen Dienstes nie so unsicher gesehen — nicht in der Hitze der Schlacht, wo Cassiel stets mit der Präzision eines Mannes handelte, der jede Möglichkeit bereits durchdacht hatte, sondern hier, in dieser stillen, von Jahrtausenden vergessenen Kammer, konfrontiert mit einer Wahrheit, die keine seiner militärischen Fähigkeiten ihn gelehrt hatten zu bewältigen.
Bariel beobachtete diese Konfrontation mit einer wachsenden Unruhe, die tiefer ging als bloße taktische Sorge. In zwölf Jahren als Interrogator-Ordenspriester hatte er gelernt, die Zeichen der Täuschung bei Gefallenen zu erkennen — die kleinen Inkonsistenzen, die verräterischen Pausen, die Art, wie ein Lügner seine Geschichte an den Reaktionen seines Zuhörers anpasste. Nichts davon war in Luthers Worten oder Verhalten präsent.
„Warum sammelst du die anderen Gefallenen?", fragte Bariel, seine Stimme jetzt ruhiger, ein Versuch, die Interrogation zurück zu ihrem eigentlichen Zweck zu lenken, bevor die Situation vollständig außer Kontrolle geriet. „Wenn du wirklich nur Reue suchst, warum ein Netzwerk aufbauen, das stark genug ist, um unseren Jagdtrupps auszuweichen?"
Luthers Blick verschob sich zu ihm, und für einen Moment sah Bariel etwas, das er nicht erwartet hatte — eine Art Anerkennung, fast Respekt, für die Präzision der Frage.
„Weil ich nicht der Einzige bin, der eine Last trägt", sagte Luther. „Zehntausend Jahre lang wurden meine Brüder — jene, die mir in den Verrat folgten, aus welchen Gründen auch immer, Jugend, Loyalität, Angst, Ehrgeiz — durch die Galaxie verstreut, gejagt, isoliert, gezwungen, in ewiger Verborgenheit zu leben, ohne je die Chance auf das zu haben, was jeder Mensch, selbst der schlimmste, verdient: die Möglichkeit, seine Fehler zu konfrontieren und, wenn möglich, sie wiedergutzumachen. Ich sammle sie nicht, um eine Armee gegen euch aufzubauen, Großmeister. Ich sammle sie, weil ich glaube, dass, wenn der Löwe wirklich zurückgekehrt ist, wenn er wirklich bereit ist, die Erhobenen zu begnadigen, dann verdient jeder von uns die Chance, ihm gegenüberzutreten und sein Urteil zu hören — nicht das Urteil eines Kerkers, das seit zehntausend Jahren ohne seine eigene Stimme gefällt wurde."
„Du willst ein Tribunal", sagte Cassiel langsam, die Implikation der Worte in sich verarbeitend. „Du willst, dass der Löwe selbst über die Gefallenen urteilt."
„Ich will, dass die Wahrheit endlich gesprochen wird, von der einzigen Stimme, die tatsächlich das Recht dazu hat." Luthers Stimme wurde leiser, fast ein Flüstern, das dennoch die gesamte Kammer zu füllen schien. „Ihr Interrogator-Ordenspriesters, ihr Großmeister, ihr Oberster Großmeister — ihr alle habt zehntausend Jahre lang über meine Schuld geurteilt, über die Schuld jedes Gefallenen, den ihr gejagt habt, ohne je die Autorität dazu zu besitzen, die nur einer besitzt. Ich habe genug davon, ein Gerücht zu sein, das durch die Schatten eures Ordens wandert, während meine Brüder in einzelnen Zellen sterben, ohne je die Chance zu haben, ihre Geschichte zu erzählen."
Bariel stand still, die Worte in sich abwägend, während ein Teil von ihm — der Teil, der zwölf Jahre lang in der Doktrin trainiert worden war, dass die Gefallenen ohne Ausnahme Verräter waren, deren einzige mögliche Zukunft Gefangenschaft oder Tod sein konnte — gegen jede Sympathie ankämpfte, die diese Worte in ihm zu wecken begannen.
„Selbst wenn ich dir glaube", sagte er schließlich, „selbst wenn deine Absicht wirklich so ist, wie du sie beschreibst — glaubst du wirklich, dass der Löwe bereit ist, das zu hören, was du zu sagen hast? Nach dem, was du ihm auf Caliban antatest?"
Luthers Gesicht verzog sich, eine Welle von Schmerz, die zu echt war, um vorgetäuscht zu sein.
„Ich weiß es nicht", sagte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Das ist die Wahrheit, die ich zehntausend Jahre nicht auszusprechen wagte, nicht einmal in der Einsamkeit meiner eigenen Zelle. Ich weiß nicht, ob er mich hören wird, bevor er mich tötet. Ich weiß nur, dass ich es versuchen muss, weil die Alternative — für immer in Ungewissheit zu leben, ohne je zu wissen, ob Vergebung überhaupt möglich gewesen wäre — schlimmer ist als jede Strafe, die er mir auferlegen könnte."
Cassiel trat einen Schritt zurück, sein Kettenschwert noch immer erhoben, aber sein Blick jetzt auf Bariel gerichtet, eine stumme Frage, die zwölf Jahre gemeinsamen Dienstes ohne Worte übermitteln konnte. *Was denkst du?*
„Selbst wenn alles, was du sagst, wahr ist", sagte Bariel, sich wieder an Luther wendend, „bleibt eine Frage offen, die du nicht beantwortet hast. Du sprichst von Vergebung, von Wahrheit, von einem Tribunal, das nur der Löwe selbst führen kann. Aber du hast auf Caliban nicht nur gegen deinen eigenen Primarchen gekämpft. Du hast sorcerous Kräfte beschworen. Du hast dich dem Chaos geöffnet, wissentlich, in einem Moment, in dem du hättest zurückweichen können, wie du es einst bei der Bombe auf dem Sarosh-Feldzug getan hast. Wie erklärst du das? Nicht die Jahrzehnte der Eifersucht, nicht die Last, im Schatten eines Kindes zu stehen, das du selbst großgezogen hast — sondern den einen Moment, in dem du dich entschiedst, deine Seele zu verkaufen, um zu gewinnen, was du nicht gewinnen konntest."
Luthers Gesicht verzog sich, und zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs sah Bariel etwas, das echte Scham war, ungefiltert, ungeschönt.
„Ich habe keine Erklärung, die diesen Moment rechtfertigt", sagte Luther leise. „Ich habe zehntausend Jahre gehabt, um eine zu finden, und ich habe keine gefunden, die mich selbst überzeugt, geschweige denn dich. Ich kann dir nur sagen, was ich in jenem Moment fühlte — nicht Berechnung, nicht Verrat im eigentlichen Sinne, sondern eine Art Ertrinken. Ich sah meine gesamte Existenz, mein gesamtes Leben, reduziert auf eine Fußnote in der Geschichte eines Jungen, den ich aus dem Wald gerettet hatte, und in diesem Moment des Ertrinkens griff ich nach dem Erstbesten, das mir versprach, wieder an die Oberfläche zu kommen. Es war Schwäche, Interrogator-Ordenspriester. Nicht Berechnung. Nicht Bosheit im eigentlichen Sinne des Wortes, wie ihr es versteht, wenn ihr von Chaos-Anbetern sprecht, die ihre Seelen bewusst und mit vollem Wissen verkaufen. Es war die Schwäche eines Mannes, der nicht ertragen konnte, weniger zu sein, als er einst gewesen war."
„Das macht es nicht weniger verabscheuungswürdig", sagte Cassiel scharf.
„Nein", stimmte Luther zu, ohne zu zögern. „Das tut es nicht. Ich bitte auch nicht darum, dass ihr es weniger verabscheuungswürdig findet. Ich bitte nur darum, dass die Entscheidung, was mit dieser Schwäche geschehen soll, von jemandem getroffen wird, der tatsächlich das Recht dazu hat — nicht von einer Doktrin, die vor zehntausend Jahren von Männern geschrieben wurde, die glaubten, sie würden diesen Tag nie erleben."
„Das ist eine Geschichte", sagte Cassiel, sein Kettenschwert noch immer erhoben, seine Stimme jedoch weniger sicher, als sie es Momente zuvor gewesen war. „Eine gute Geschichte, Luther, aber nichts weiter. Du hast zehntausend Jahre gehabt, um deine Lügen zu perfektionieren."
„Habe ich das?" Luthers Stimme trug jetzt eine Schärfe, die schnell in etwas anderes umschlug — nicht Wut, sondern eine tiefe, erschöpfte Verzweiflung. „Dann sag mir, Großmeister, welche Lüge würde mir mehr nützen als die Wahrheit? Wenn ich lügen wollte, hätte ich eine Geschichte erfunden, die euch von mir fernhält, nicht eine, die euch geradewegs zu mir führte. Ich wusste, dass ihr kommen würdet — eure Spurensucher sind gut, das habe ich in den letzten Monaten gelernt. Ich hätte fliehen können, sobald ich eure Ankunft spürte. Stattdessen bin ich geblieben, weil ich müde bin, Cassiel. Zehntausend Jahre müde."
Cassiel trat einen Schritt zurück, sein Kettenschwert noch immer erhoben, aber seine Haltung verriet, für jene, die ihn lange genug kannten, um solche Nuancen zu lesen, eine wachsende innere Zerrissenheit. Bariel hatte den Großmeister in zwölf Jahren gemeinsamen Dienstes nie so unsicher gesehen — nicht in der Hitze der Schlacht, wo Cassiel stets mit der Präzision eines Mannes handelte, der jede Möglichkeit bereits durchdacht hatte, sondern hier, in dieser stillen, von Jahrtausenden vergessenen Kammer, konfrontiert mit einer Wahrheit, die keine seiner militärischen Fähigkeiten ihn gelehrt hatten zu bewältigen.
Bariel beobachtete diese Konfrontation mit einer wachsenden Unruhe, die tiefer ging als bloße taktische Sorge. In zwölf Jahren als Interrogator-Ordenspriester hatte er gelernt, die Zeichen der Täuschung bei Gefallenen zu erkennen — die kleinen Inkonsistenzen, die verräterischen Pausen, die Art, wie ein Lügner seine Geschichte an den Reaktionen seines Zuhörers anpasste. Nichts davon war in Luthers Worten oder Verhalten präsent.
„Warum sammelst du die anderen Gefallenen?", fragte Bariel, seine Stimme jetzt ruhiger, ein Versuch, die Interrogation zurück zu ihrem eigentlichen Zweck zu lenken, bevor die Situation vollständig außer Kontrolle geriet. „Wenn du wirklich nur Reue suchst, warum ein Netzwerk aufbauen, das stark genug ist, um unseren Jagdtrupps auszuweichen?"
Luthers Blick verschob sich zu ihm, und für einen Moment sah Bariel etwas, das er nicht erwartet hatte — eine Art Anerkennung, fast Respekt, für die Präzision der Frage.
„Weil ich nicht der Einzige bin, der eine Last trägt", sagte Luther. „Zehntausend Jahre lang wurden meine Brüder — jene, die mir in den Verrat folgten, aus welchen Gründen auch immer, Jugend, Loyalität, Angst, Ehrgeiz — durch die Galaxie verstreut, gejagt, isoliert, gezwungen, in ewiger Verborgenheit zu leben, ohne je die Chance auf das zu haben, was jeder Mensch, selbst der schlimmste, verdient: die Möglichkeit, seine Fehler zu konfrontieren und, wenn möglich, sie wiedergutzumachen. Ich sammle sie nicht, um eine Armee gegen euch aufzubauen, Großmeister. Ich sammle sie, weil ich glaube, dass, wenn der Löwe wirklich zurückgekehrt ist, wenn er wirklich bereit ist, die Erhobenen zu begnadigen, dann verdient jeder von uns die Chance, ihm gegenüberzutreten und sein Urteil zu hören — nicht das Urteil eines Kerkers, das seit zehntausend Jahren ohne seine eigene Stimme gefällt wurde."
„Du willst ein Tribunal", sagte Cassiel langsam, die Implikation der Worte in sich verarbeitend. „Du willst, dass der Löwe selbst über die Gefallenen urteilt."
„Ich will, dass die Wahrheit endlich gesprochen wird, von der einzigen Stimme, die tatsächlich das Recht dazu hat." Luthers Stimme wurde leiser, fast ein Flüstern, das dennoch die gesamte Kammer zu füllen schien. „Ihr Interrogator-Ordenspriesters, ihr Großmeister, ihr Oberster Großmeister — ihr alle habt zehntausend Jahre lang über meine Schuld geurteilt, über die Schuld jedes Gefallenen, den ihr gejagt habt, ohne je die Autorität dazu zu besitzen, die nur einer besitzt. Ich habe genug davon, ein Gerücht zu sein, das durch die Schatten eures Ordens wandert, während meine Brüder in einzelnen Zellen sterben, ohne je die Chance zu haben, ihre Geschichte zu erzählen."
Bariel stand still, die Worte in sich abwägend, während ein Teil von ihm — der Teil, der zwölf Jahre lang in der Doktrin trainiert worden war, dass die Gefallenen ohne Ausnahme Verräter waren, deren einzige mögliche Zukunft Gefangenschaft oder Tod sein konnte — gegen jede Sympathie ankämpfte, die diese Worte in ihm zu wecken begannen.
„Selbst wenn ich dir glaube", sagte er schließlich, „selbst wenn deine Absicht wirklich so ist, wie du sie beschreibst — glaubst du wirklich, dass der Löwe bereit ist, das zu hören, was du zu sagen hast? Nach dem, was du ihm auf Caliban antatest?"
Luthers Gesicht verzog sich, eine Welle von Schmerz, die zu echt war, um vorgetäuscht zu sein.
„Ich weiß es nicht", sagte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Das ist die Wahrheit, die ich zehntausend Jahre nicht auszusprechen wagte, nicht einmal in der Einsamkeit meiner eigenen Zelle. Ich weiß nicht, ob er mich hören wird, bevor er mich tötet. Ich weiß nur, dass ich es versuchen muss, weil die Alternative — für immer in Ungewissheit zu leben, ohne je zu wissen, ob Vergebung überhaupt möglich gewesen wäre — schlimmer ist als jede Strafe, die er mir auferlegen könnte."
Cassiel trat einen Schritt zurück, sein Kettenschwert noch immer erhoben, aber sein Blick jetzt auf Bariel gerichtet, eine stumme Frage, die zwölf Jahre gemeinsamen Dienstes ohne Worte übermitteln konnte. *Was denkst du?*
„Selbst wenn alles, was du sagst, wahr ist", sagte Bariel, sich wieder an Luther wendend, „bleibt eine Frage offen, die du nicht beantwortet hast. Du sprichst von Vergebung, von Wahrheit, von einem Tribunal, das nur der Löwe selbst führen kann. Aber du hast auf Caliban nicht nur gegen deinen eigenen Primarchen gekämpft. Du hast sorcerous Kräfte beschworen. Du hast dich dem Chaos geöffnet, wissentlich, in einem Moment, in dem du hättest zurückweichen können, wie du es einst bei der Bombe auf dem Sarosh-Feldzug getan hast. Wie erklärst du das? Nicht die Jahrzehnte der Eifersucht, nicht die Last, im Schatten eines Kindes zu stehen, das du selbst großgezogen hast — sondern den einen Moment, in dem du dich entschiedst, deine Seele zu verkaufen, um zu gewinnen, was du nicht gewinnen konntest."
Luthers Gesicht verzog sich, und zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs sah Bariel etwas, das echte Scham war, ungefiltert, ungeschönt.
„Ich habe keine Erklärung, die diesen Moment rechtfertigt", sagte Luther leise. „Ich habe zehntausend Jahre gehabt, um eine zu finden, und ich habe keine gefunden, die mich selbst überzeugt, geschweige denn dich. Ich kann dir nur sagen, was ich in jenem Moment fühlte — nicht Berechnung, nicht Verrat im eigentlichen Sinne, sondern eine Art Ertrinken. Ich sah meine gesamte Existenz, mein gesamtes Leben, reduziert auf eine Fußnote in der Geschichte eines Jungen, den ich aus dem Wald gerettet hatte, und in diesem Moment des Ertrinkens griff ich nach dem Erstbesten, das mir versprach, wieder an die Oberfläche zu kommen. Es war Schwäche, Interrogator-Ordenspriester. Nicht Berechnung. Nicht Bosheit im eigentlichen Sinne des Wortes, wie ihr es versteht, wenn ihr von Chaos-Anbetern sprecht, die ihre Seelen bewusst und mit vollem Wissen verkaufen. Es war die Schwäche eines Mannes, der nicht ertragen konnte, weniger zu sein, als er einst gewesen war."
„Das macht es nicht weniger verabscheuungswürdig", sagte Cassiel scharf.
„Nein", stimmte Luther zu, ohne zu zögern. „Das tut es nicht. Ich bitte auch nicht darum, dass ihr es weniger verabscheuungswürdig findet. Ich bitte nur darum, dass die Entscheidung, was mit dieser Schwäche geschehen soll, von jemandem getroffen wird, der tatsächlich das Recht dazu hat — nicht von einer Doktrin, die vor zehntausend Jahren von Männern geschrieben wurde, die glaubten, sie würden diesen Tag nie erleben."
VII. DIE ENTSCHEIDUNG DES GROSSMEISTERSVII. DIE ENTSCHEIDUNG DES GROSSMEISTERS
Cassiel senkte sein Kettenschwert nicht, aber Bariel sah, wie sich die Anspannung in der Haltung des Großmeisters langsam veränderte — nicht Vertrauen, das wäre zu viel gewesen für einen Mann, der sein gesamtes Leben der Jagd auf genau diese Art von Täuschung gewidmet hatte, aber etwas Verwandtes, eine Bereitschaft, zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Situation komplexer war, als jede vorherige Interrogation angedeutet hatte.
„Selbst wenn ich dir glaube", sagte Cassiel schließlich, „was du hier sagst, ändert das nichts an meinem Auftrag, Luther. Meine Aufgabe ist es, dich zurück zum Fels zu bringen — nicht zu einem Tribunal vor dem Löwen, sondern zu deiner Zelle, wo du seit zehntausend Jahren gehalten wurdest."
„Und was, glaubst du, wird geschehen, wenn du mich zurückbringst?" Luthers Stimme trug jetzt eine Härte, die zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs an die Beschreibungen erinnerte, die Bariel in den Archiven des Ordens gelesen hatte — die Beschreibungen eines Mannes, dessen Charisma und Willenskraft einst ganze Legionen mobilisieren konnte. „Glaubst du, ich werde mich einfach wieder in Ketten legen lassen, nachdem ich zum ersten Mal seit zehntausend Jahren gesehen habe, was Freiheit bedeutet? Glaubst du, meine Brüder, die ich gesammelt habe, werden untätig zusehen, wie ich zurück in den Kerker geführt werde?"
„Drohst du uns?"
„Ich stelle eine Frage." Luthers Stimme wurde wieder ruhiger, kontrollierter, aber die Kraft dahinter war nicht verschwunden. „Ich habe hundertsiebzig Gefallene gesammelt, Großmeister — nicht die Handvoll Zellen, die ihr in den letzten Monaten ausgehoben habt, sondern eine weit größere Zahl, verstreut über ein Dutzend Systeme, wartend auf mein Signal. Wenn ich heute nicht zu ihnen zurückkehre, werden sie ihre eigenen Schlüsse ziehen. Manche werden fliehen, tiefer in den Schatten verschwinden, als je zuvor. Andere —" Er hielt inne, seine Augen dunkler werdend. „Andere werden glauben, dass Verhandlung unmöglich ist, dass die einzige verbleibende Option Gewalt ist. Ich habe versucht, sie von diesem Weg abzubringen, seit ich sie zusammenrief. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich noch Erfolg damit haben werde."
Bariel sah, wie Cassiel mit dieser Information rang, die Last einer Entscheidung, die weit über die Grenzen ihrer ursprünglichen Mission hinausging. Ein Großmeister der Deathwing war nicht befugt, über das Schicksal des Arch-Verräters zu entscheiden — diese Autorität lag beim Obersten Großmeister allein, vielleicht, in letzter Konsequenz, beim Löwen selbst. Aber sie standen hier, in einer vergessenen Ruine am Rand der Galaxie, ohne die Möglichkeit, in den nächsten Minuten Kontakt zu höherer Autorität aufzunehmen, konfrontiert mit einer Entscheidung, die keine der Doktrinen, die Cassiel je studiert hatte, vollständig vorbereitet hatte.
„Was schlägst du vor?", fragte Cassiel schließlich, seine Stimme angespannt mit dem Gewicht der Frage.
„Lass mich gehen." Luthers Worte fielen einfach, direkt, ohne Umschweife. „Nicht um zu fliehen — ich bin müde vom Fliehen, Großmeister, das sage ich dir ohne jede Täuschung. Lass mich zu meinen Brüdern zurückkehren, ihnen sagen, dass es einen anderen Weg gibt als weitere zehntausend Jahre Verborgenheit. Und dann, wenn ich sie überzeugt habe, werde ich selbst den Kontakt zu deinem Obersten Großmeister suchen, um einen Weg zu finden, der uns allen — Gefallenen wie Unversöhnten — erlaubt, diese Frage endlich vor jenem zu klären, der die einzige wahre Autorität darüber besitzt."
„Und wenn ich das nicht kann?", fragte Cassiel. „Wenn meine Pflicht mir gebietet, dich hier und jetzt zu ergreifen, egal welche Konsequenzen das für deine gesammelten Gefallenen haben mag?"
Luther sah ihn lange an, und in diesem Blick lag keine Drohung mehr, sondern etwas, das fast wie Mitgefühl aussah.
„Dann wirst du tun, was du tun musst, Großmeister, und ich werde nicht gegen dich kämpfen." Luthers Stimme wurde leiser, fast resigniert. „Ich bin zu müde, um noch einmal ein Blutbad zu verursachen, das ich nicht überleben will. Aber ich bitte dich, bevor du diese Entscheidung triffst, dir eine Frage zu stellen, die keiner deiner Vorgesetzten dir je gestellt hat: Wem dient eure Jagd, nach zehntausend Jahren? Dem Löwen, der jetzt lebt und selbst entscheiden könnte, was mit mir geschehen soll? Oder nur der Gewohnheit einer Doktrin, die geschaffen wurde, als niemand glaubte, dass er je zurückkehren würde?"
Cassiel wandte sich für einen Moment ab, seine Hand über den Vox-Kanal gelegt, während er die Situation an die außerhalb der Kammer wartenden Trupps übermittelte — eine kurze, angespannte Zusammenfassung, die sofort Reaktionen auslöste, die Bariel selbst über die geteilte Frequenz mithören konnte.
„Großmeister, mit Verlaub —" Die Stimme eines Deathwing-Sergeants, Brannok, durchschnitt den Kanal, scharf vor Missbilligung. „Wir haben den Arch-Verräter selbst in unserer Reichweite, unbewacht, und Sie erwägen, ihn ziehen zu lassen? Zehntausend Jahre hat unser Orden auf diesen Moment gewartet."
„Ich erwäge nichts, Sergeant, das ich nicht mit vollem Bewusstsein der Konsequenzen erwäge." Cassiels Stimme trug eine Autorität, die keinen weiteren Widerspruch duldete, aber Bariel hörte auch die Anspannung darunter, die Erkenntnis, dass selbst seine eigenen Brüder ihm in diesem Moment nicht vollständig folgten. „Haltet eure Positionen. Wenn ich einen anderen Befehl erteile, werdet ihr ihn sofort erhalten."
Er schaltete den Kanal ab und sah zu Bariel, seine Erschöpfung jetzt unverhohlen sichtbar in den Linien seines Gesichts. „Sie haben recht, weißt du. Nach jeder Doktrin, die ich je studiert habe, nach jedem Eid, den ich je geschworen habe, sollten wir Luther in diesem Moment angreifen, ihn binden, ihn zurück in eine Zelle bringen, aus der er nie wieder entkommt. Das wäre die sichere Entscheidung. Die Entscheidung, die jeder Großmeister vor mir getroffen hätte, wäre er je in dieser Position gewesen."
„Aber du triffst sie nicht", sagte Bariel.
„Nein." Cassiel sah zurück zu Luther, seine Stimme jetzt leiser, fast an sich selbst gerichtet. „Weil ich glaube, dass die sichere Entscheidung heute nicht dieselbe ist wie vor zehntausend Jahren, als der Löwe noch schlief und niemand von uns die Möglichkeit hatte, ihn zu fragen, was er wirklich will. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht werde ich diese Entscheidung mit dem Leben jedes Bruders bezahlen, der heute unter meinem Kommando steht. Aber ich werde sie nicht treffen, ohne zumindest die Möglichkeit erwogen zu haben, dass es einen Weg gibt, der nicht nur weitere zehntausend Jahre derselben Jagd bedeutet."
Cassiel senkte sein Kettenschwert nicht, aber Bariel sah, wie sich die Anspannung in der Haltung des Großmeisters langsam veränderte — nicht Vertrauen, das wäre zu viel gewesen für einen Mann, der sein gesamtes Leben der Jagd auf genau diese Art von Täuschung gewidmet hatte, aber etwas Verwandtes, eine Bereitschaft, zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Situation komplexer war, als jede vorherige Interrogation angedeutet hatte.
„Selbst wenn ich dir glaube", sagte Cassiel schließlich, „was du hier sagst, ändert das nichts an meinem Auftrag, Luther. Meine Aufgabe ist es, dich zurück zum Fels zu bringen — nicht zu einem Tribunal vor dem Löwen, sondern zu deiner Zelle, wo du seit zehntausend Jahren gehalten wurdest."
„Und was, glaubst du, wird geschehen, wenn du mich zurückbringst?" Luthers Stimme trug jetzt eine Härte, die zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs an die Beschreibungen erinnerte, die Bariel in den Archiven des Ordens gelesen hatte — die Beschreibungen eines Mannes, dessen Charisma und Willenskraft einst ganze Legionen mobilisieren konnte. „Glaubst du, ich werde mich einfach wieder in Ketten legen lassen, nachdem ich zum ersten Mal seit zehntausend Jahren gesehen habe, was Freiheit bedeutet? Glaubst du, meine Brüder, die ich gesammelt habe, werden untätig zusehen, wie ich zurück in den Kerker geführt werde?"
„Drohst du uns?"
„Ich stelle eine Frage." Luthers Stimme wurde wieder ruhiger, kontrollierter, aber die Kraft dahinter war nicht verschwunden. „Ich habe hundertsiebzig Gefallene gesammelt, Großmeister — nicht die Handvoll Zellen, die ihr in den letzten Monaten ausgehoben habt, sondern eine weit größere Zahl, verstreut über ein Dutzend Systeme, wartend auf mein Signal. Wenn ich heute nicht zu ihnen zurückkehre, werden sie ihre eigenen Schlüsse ziehen. Manche werden fliehen, tiefer in den Schatten verschwinden, als je zuvor. Andere —" Er hielt inne, seine Augen dunkler werdend. „Andere werden glauben, dass Verhandlung unmöglich ist, dass die einzige verbleibende Option Gewalt ist. Ich habe versucht, sie von diesem Weg abzubringen, seit ich sie zusammenrief. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich noch Erfolg damit haben werde."
Bariel sah, wie Cassiel mit dieser Information rang, die Last einer Entscheidung, die weit über die Grenzen ihrer ursprünglichen Mission hinausging. Ein Großmeister der Deathwing war nicht befugt, über das Schicksal des Arch-Verräters zu entscheiden — diese Autorität lag beim Obersten Großmeister allein, vielleicht, in letzter Konsequenz, beim Löwen selbst. Aber sie standen hier, in einer vergessenen Ruine am Rand der Galaxie, ohne die Möglichkeit, in den nächsten Minuten Kontakt zu höherer Autorität aufzunehmen, konfrontiert mit einer Entscheidung, die keine der Doktrinen, die Cassiel je studiert hatte, vollständig vorbereitet hatte.
„Was schlägst du vor?", fragte Cassiel schließlich, seine Stimme angespannt mit dem Gewicht der Frage.
„Lass mich gehen." Luthers Worte fielen einfach, direkt, ohne Umschweife. „Nicht um zu fliehen — ich bin müde vom Fliehen, Großmeister, das sage ich dir ohne jede Täuschung. Lass mich zu meinen Brüdern zurückkehren, ihnen sagen, dass es einen anderen Weg gibt als weitere zehntausend Jahre Verborgenheit. Und dann, wenn ich sie überzeugt habe, werde ich selbst den Kontakt zu deinem Obersten Großmeister suchen, um einen Weg zu finden, der uns allen — Gefallenen wie Unversöhnten — erlaubt, diese Frage endlich vor jenem zu klären, der die einzige wahre Autorität darüber besitzt."
„Und wenn ich das nicht kann?", fragte Cassiel. „Wenn meine Pflicht mir gebietet, dich hier und jetzt zu ergreifen, egal welche Konsequenzen das für deine gesammelten Gefallenen haben mag?"
Luther sah ihn lange an, und in diesem Blick lag keine Drohung mehr, sondern etwas, das fast wie Mitgefühl aussah.
„Dann wirst du tun, was du tun musst, Großmeister, und ich werde nicht gegen dich kämpfen." Luthers Stimme wurde leiser, fast resigniert. „Ich bin zu müde, um noch einmal ein Blutbad zu verursachen, das ich nicht überleben will. Aber ich bitte dich, bevor du diese Entscheidung triffst, dir eine Frage zu stellen, die keiner deiner Vorgesetzten dir je gestellt hat: Wem dient eure Jagd, nach zehntausend Jahren? Dem Löwen, der jetzt lebt und selbst entscheiden könnte, was mit mir geschehen soll? Oder nur der Gewohnheit einer Doktrin, die geschaffen wurde, als niemand glaubte, dass er je zurückkehren würde?"
Cassiel wandte sich für einen Moment ab, seine Hand über den Vox-Kanal gelegt, während er die Situation an die außerhalb der Kammer wartenden Trupps übermittelte — eine kurze, angespannte Zusammenfassung, die sofort Reaktionen auslöste, die Bariel selbst über die geteilte Frequenz mithören konnte.
„Großmeister, mit Verlaub —" Die Stimme eines Deathwing-Sergeants, Brannok, durchschnitt den Kanal, scharf vor Missbilligung. „Wir haben den Arch-Verräter selbst in unserer Reichweite, unbewacht, und Sie erwägen, ihn ziehen zu lassen? Zehntausend Jahre hat unser Orden auf diesen Moment gewartet."
„Ich erwäge nichts, Sergeant, das ich nicht mit vollem Bewusstsein der Konsequenzen erwäge." Cassiels Stimme trug eine Autorität, die keinen weiteren Widerspruch duldete, aber Bariel hörte auch die Anspannung darunter, die Erkenntnis, dass selbst seine eigenen Brüder ihm in diesem Moment nicht vollständig folgten. „Haltet eure Positionen. Wenn ich einen anderen Befehl erteile, werdet ihr ihn sofort erhalten."
Er schaltete den Kanal ab und sah zu Bariel, seine Erschöpfung jetzt unverhohlen sichtbar in den Linien seines Gesichts. „Sie haben recht, weißt du. Nach jeder Doktrin, die ich je studiert habe, nach jedem Eid, den ich je geschworen habe, sollten wir Luther in diesem Moment angreifen, ihn binden, ihn zurück in eine Zelle bringen, aus der er nie wieder entkommt. Das wäre die sichere Entscheidung. Die Entscheidung, die jeder Großmeister vor mir getroffen hätte, wäre er je in dieser Position gewesen."
„Aber du triffst sie nicht", sagte Bariel.
„Nein." Cassiel sah zurück zu Luther, seine Stimme jetzt leiser, fast an sich selbst gerichtet. „Weil ich glaube, dass die sichere Entscheidung heute nicht dieselbe ist wie vor zehntausend Jahren, als der Löwe noch schlief und niemand von uns die Möglichkeit hatte, ihn zu fragen, was er wirklich will. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht werde ich diese Entscheidung mit dem Leben jedes Bruders bezahlen, der heute unter meinem Kommando steht. Aber ich werde sie nicht treffen, ohne zumindest die Möglichkeit erwogen zu haben, dass es einen Weg gibt, der nicht nur weitere zehntausend Jahre derselben Jagd bedeutet."
VIII. DIE KLINGE, DIE NICHT MEHR DA WARVIII. DIE KLINGE, DIE NICHT MEHR DA WAR
Das Kettenschwert in Cassiels Hand senkte sich, langsam, während der Großmeister mit einer Entscheidung rang, die Bariel selbst nicht hätte treffen wollen.
„Ich kann dich nicht einfach gehen lassen", sagte Cassiel schließlich, seine Stimme belastet mit dem Gewicht von zehntausend Jahren Doktrin, die sich gegen jede Regung von Mitgefühl stemmte, die er in diesem Moment vielleicht empfand. „Aber ich kann dich auch nicht hier und jetzt in Ketten legen, ohne zu wissen, was das für die hundertsiebzig anderen bedeuten würde, die auf dein Signal warten. Das ist eine Entscheidung, die über meine Autorität hinausgeht."
„Dann triff eine andere Entscheidung", sagte Luther. „Begleite mich. Nicht als Gefangenen, sondern als Zeugen. Sieh mit eigenen Augen, was ich meinen Brüdern zu sagen habe, und triff dann deine Entscheidung, mit vollständigem Wissen, statt mit bloßer Vermutung."
Bariel sah, wie Cassiel diesen Vorschlag erwog, und spürte selbst die Verlockung — die Möglichkeit, Antworten zu finden, die zehntausend Jahre Interrogation nicht liefern konnten, wenn er nur bereit war, das Risiko einzugehen, das Luthers Angebot barg.
Es war in diesem Moment, während die Kammer in angespanntem Schweigen verharrte, dass Corvael, der die Ruinen weiter außerhalb der zentralen Kammer untersucht hatte, über den Vox-Kanal meldete, mit einer Dringlichkeit, die alle drei sofort aufmerken ließ.
„Großmeister! Wir haben Kontakt — mehrere Signaturen, die sich der Ruine nähern, aus dem Orbit. Nicht unsere Kräfte."
„Wer?", fragte Cassiel scharf.
„Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber die Signatur —" Corvaels Stimme trug eine Note von Verwirrung, die für einen Techmarine ungewöhnlich war. „Es ist eine einzelne Landungskapsel, Großmeister. Kein Kriegsschiff. Kein Angriffsverband. Nur eine einzige Kapsel, die direkt auf unsere Position zusteuert."
Luthers Gesicht veränderte sich bei dieser Nachricht, eine Mischung aus Erwartung und etwas, das wie Angst aussah.
„Das ist nicht einer meiner Brüder", sagte er leise. „Sie wüssten nicht, wo ich bin. Nur —" Er hielt inne, seine Augen sich verengend.
„Nur wer?", fragte Bariel.
„Es gibt nur einen, der solche Wege kennt, die keinem von uns bekannt sind", sagte Luther, seine Stimme jetzt gespannt mit einer alten, komplizierten Erinnerung. „Einen, der seit zehntausend Jahren zwischen unseren beiden Seiten wandert, ohne je einer von ihnen wirklich zu gehören. Wenn er hier ist, dann nicht durch Zufall."
„Sein Name", verlangte Cassiel.
Bariel spürte, wie die Kammer sich um sie herum zu verengen schien, während draußen, jenseits der massiven Steinmauern, das ferne Dröhnen der Landungskapsel langsam verstummte. Er hatte die Akten über Cypher studiert, wie jeder Interrogator-Ordenspriester es tat, in den ersten Jahren seiner Ausbildung — dünne, widersprüchliche Dossiers, gefüllt mit Sichtungen, die sich über Jahrtausende erstreckten, über Dutzende Systeme, ohne dass je ein klares Muster erkennbar gewesen wäre. Manche Berichte beschrieben ihn als Verbündeten unerwarteter imperialer Siege. Andere beschrieben Massaker, deren Ursprung sich bis zu seinem Erscheinen zurückverfolgen ließ. Keine zwei Dossiers, die Bariel je gelesen hatte, stimmten vollständig überein, als hätte jeder, der ihm je begegnet war, eine andere Version desselben Rätsels gesehen.
Luther sah zu der leeren Halterung auf dem Podest, dann zurück zu den beiden Dark-Angels-Offizieren, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, das dennoch von der Wucht einer zehntausendjährigen Geschichte getragen wurde.
„Ihr kennt ihn als Cypher."
Das Kettenschwert in Cassiels Hand senkte sich, langsam, während der Großmeister mit einer Entscheidung rang, die Bariel selbst nicht hätte treffen wollen.
„Ich kann dich nicht einfach gehen lassen", sagte Cassiel schließlich, seine Stimme belastet mit dem Gewicht von zehntausend Jahren Doktrin, die sich gegen jede Regung von Mitgefühl stemmte, die er in diesem Moment vielleicht empfand. „Aber ich kann dich auch nicht hier und jetzt in Ketten legen, ohne zu wissen, was das für die hundertsiebzig anderen bedeuten würde, die auf dein Signal warten. Das ist eine Entscheidung, die über meine Autorität hinausgeht."
„Dann triff eine andere Entscheidung", sagte Luther. „Begleite mich. Nicht als Gefangenen, sondern als Zeugen. Sieh mit eigenen Augen, was ich meinen Brüdern zu sagen habe, und triff dann deine Entscheidung, mit vollständigem Wissen, statt mit bloßer Vermutung."
Bariel sah, wie Cassiel diesen Vorschlag erwog, und spürte selbst die Verlockung — die Möglichkeit, Antworten zu finden, die zehntausend Jahre Interrogation nicht liefern konnten, wenn er nur bereit war, das Risiko einzugehen, das Luthers Angebot barg.
Es war in diesem Moment, während die Kammer in angespanntem Schweigen verharrte, dass Corvael, der die Ruinen weiter außerhalb der zentralen Kammer untersucht hatte, über den Vox-Kanal meldete, mit einer Dringlichkeit, die alle drei sofort aufmerken ließ.
„Großmeister! Wir haben Kontakt — mehrere Signaturen, die sich der Ruine nähern, aus dem Orbit. Nicht unsere Kräfte."
„Wer?", fragte Cassiel scharf.
„Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber die Signatur —" Corvaels Stimme trug eine Note von Verwirrung, die für einen Techmarine ungewöhnlich war. „Es ist eine einzelne Landungskapsel, Großmeister. Kein Kriegsschiff. Kein Angriffsverband. Nur eine einzige Kapsel, die direkt auf unsere Position zusteuert."
Luthers Gesicht veränderte sich bei dieser Nachricht, eine Mischung aus Erwartung und etwas, das wie Angst aussah.
„Das ist nicht einer meiner Brüder", sagte er leise. „Sie wüssten nicht, wo ich bin. Nur —" Er hielt inne, seine Augen sich verengend.
„Nur wer?", fragte Bariel.
„Es gibt nur einen, der solche Wege kennt, die keinem von uns bekannt sind", sagte Luther, seine Stimme jetzt gespannt mit einer alten, komplizierten Erinnerung. „Einen, der seit zehntausend Jahren zwischen unseren beiden Seiten wandert, ohne je einer von ihnen wirklich zu gehören. Wenn er hier ist, dann nicht durch Zufall."
„Sein Name", verlangte Cassiel.
Bariel spürte, wie die Kammer sich um sie herum zu verengen schien, während draußen, jenseits der massiven Steinmauern, das ferne Dröhnen der Landungskapsel langsam verstummte. Er hatte die Akten über Cypher studiert, wie jeder Interrogator-Ordenspriester es tat, in den ersten Jahren seiner Ausbildung — dünne, widersprüchliche Dossiers, gefüllt mit Sichtungen, die sich über Jahrtausende erstreckten, über Dutzende Systeme, ohne dass je ein klares Muster erkennbar gewesen wäre. Manche Berichte beschrieben ihn als Verbündeten unerwarteter imperialer Siege. Andere beschrieben Massaker, deren Ursprung sich bis zu seinem Erscheinen zurückverfolgen ließ. Keine zwei Dossiers, die Bariel je gelesen hatte, stimmten vollständig überein, als hätte jeder, der ihm je begegnet war, eine andere Version desselben Rätsels gesehen.
Luther sah zu der leeren Halterung auf dem Podest, dann zurück zu den beiden Dark-Angels-Offizieren, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, das dennoch von der Wucht einer zehntausendjährigen Geschichte getragen wurde.
„Ihr kennt ihn als Cypher."
IX. DIE LANDUNGIX. DIE LANDUNG
Bariel spürte, wie sich die Situation in der Kammer schlagartig veränderte, als der Name ausgesprochen wurde — nicht in offene Panik, dafür war die Disziplin der Astartes zu tief verwurzelt, aber in eine neue, schärfere Art von Wachsamkeit, die selbst Luthers massive Präsenz für einen Moment in den Hintergrund treten ließ.
„Cypher." Cassiels Stimme trug eine Mischung aus Unglauben und einer alten, tief verwurzelten Jagdinstinkt, der in jedem Dark Angel seit Jahrtausenden eingepflanzt worden war. „Er ist der Zweitgefährlichste unter allen Gefallenen, nach dir selbst, Luther. Was will er hier?"
„Das", sagte Luther, „ist eine Frage, die ich selbst seit zehntausend Jahren zu beantworten versuche, ohne je eine zufriedenstellende Antwort zu finden. Er war da, an dem Tag, als Caliban fiel. Er kämpfte weder für mich noch vollständig gegen mich. Er verschwand, als die Warpstürme kamen, und seither taucht er auf, wo immer die Geschichte unseres Ordens sich neu zu schreiben droht — als hätte er ein eigenes Interesse daran, wie diese Geschichte endet, das keiner von uns je vollständig verstanden hat."
Corvaels Stimme kam erneut über den Vox, jetzt mit unverkennbarer Dringlichkeit. „Die Kapsel ist gelandet, Großmeister. Zweihundert Meter nordöstlich unserer Position, am Rand der Ruinen. Ein einzelner Kontakt hat sie verlassen. Er bewegt sich auf uns zu — nicht verborgen, nicht versteckt. Direkt."
„Er kommt, um zu reden", sagte Luther, und in seiner Stimme lag eine seltsame Gewissheit, die Jahrtausende der Beobachtung dieses rätselhaften Mannes offenbarte. „Das war schon immer seine Art. Er verbirgt sich nie vor jenen, mit denen er sprechen will. Nur vor jenen, die ihn jagen wollen, ohne zuzuhören."
Cassiel wandte sich zu Bariel, seine Stimme jetzt eine leise, dringliche Beratung, während draußen die Schritte des Ankömmlings näher kamen. „Interrogator-Ordenspriester, unsere Mission war es, Luther zu finden. Wir haben ihn gefunden, und die Situation ist bereits komplizierter, als jede Doktrin es vorbereitet hat. Wenn Cypher tatsächlich hier ist — wenn wir die Gelegenheit haben, zum ersten Mal in zehntausend Jahren mit ihm zu sprechen, statt ihn nur zu jagen —"
„Dann könnte diese eine Begegnung mehr Antworten liefern als jede Jagd, die unser Orden je geführt hat", vollendete Bariel den Gedanken.
„Oder sie könnte eine Falle sein, die wir nicht überleben." Cassiels Hand schloss sich fester um sein Kettenschwert. „Bereite dich vor, Bariel. Was auch immer als Nächstes durch diese Tür tritt, wir müssen bereit sein für jede Möglichkeit."
Die Schritte erreichten den Eingang der Kammer, und für einen Herzschlag lang stand alles still — Luther, gefesselt zwischen der Last seiner eigenen zehntausendjährigen Geschichte und der Ungewissheit dessen, was als Nächstes geschehen würde; Cassiel, das Kettenschwert erhoben, aber nicht angreifend; Bariel, seine Interrogationswerkzeuge vergessen angesichts einer Begegnung, die kein Werkzeug je hätte vorbereiten können.
Dann trat die Gestalt in das schwache Licht der Kammer, und Bariel sah zum ersten Mal in seinem Leben den Mann, dessen Name seit zehntausend Jahren durch jede geheime Chronik der Unversöhnten wanderte, ohne dass irgendjemand außerhalb des innersten Zirkels je seine wahre Geschichte kannte.
Er trug weiße, verwitterte Robenrüstung über einer uralten Form von Kraftrüstung, deren Herkunft selbst für Bariels geübtes Auge nicht sofort zu bestimmen war. An seinem Gürtel hingen zwei Pistolen — eine Bolt-, eine Plasmapistole, beide von einer Präzision der Verarbeitung gefertigt, die selbst nach Jahrtausenden keinen Rost, keine Abnutzung zeigte. Sein Gesicht war unter einer Kapuze verborgen, aber die Augen, die darunter hervorblickten, trafen Bariels Blick mit einer Klarheit, die keine Spur von Wahnsinn oder Verwirrung trug — nur eine tiefe, uralte Müdigkeit, gepaart mit etwas, das Bariel nicht sofort benennen konnte.
Bariel bemerkte, mit einer Präzision, die sein Amt ihm antrainiert hatte, die kleinen Details, die selbst in diesem außergewöhnlichen Moment nicht verborgen blieben: die Art, wie der Fremde sich bewegte, mit einer Ökonomie, die keine Kraft verschwendete, jeden Schritt so berechnet, dass er nie in Reichweite eines überraschenden Angriffs geriet, ohne dabei den Anschein bewusster Vorsicht zu erwecken. Die Art, wie seine Hände, obwohl sie nahe an den beiden Pistolen an seinem Gürtel ruhten, keinerlei Absicht signalisierten, sie zu benutzen. Die Art, wie sein Blick, kurz, aber unmissverständlich, jeden Ausgang der Kammer erfasste, bevor er sich endgültig auf Luther richtete — nicht die Vorsicht eines Angreifers, sondern die eines Mannes, der zehntausend Jahre gelernt hatte, dass Überleben mehr von Aufmerksamkeit abhing als von reiner Kampfkraft.
„Luther." Die Stimme des Ankömmlings war ruhig, fast sanft, ohne jede Feindseligkeit. „Es ist lange her."
„Cypher." Luther trat einen Schritt vor, seine massive Gestalt vor dem kleineren, aber nicht minder eindrucksvollen Fremden fast klein wirkend. „Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu finden."
„Das solltest du inzwischen wissen." Cyphers Blick wanderte durch die Kammer, über die leere Halterung, über Cassiel und Bariel, ohne dabei jede Spur von Furcht oder Feindseligkeit zu zeigen. „Ich finde mich immer dort, wo die Geschichte unseres Ordens sich zu wiederholen droht. Und diese Geschichte, Luther — sie hat sich zu oft wiederholt, findest du nicht?"
Bariel spürte, wie sich die Situation in der Kammer schlagartig veränderte, als der Name ausgesprochen wurde — nicht in offene Panik, dafür war die Disziplin der Astartes zu tief verwurzelt, aber in eine neue, schärfere Art von Wachsamkeit, die selbst Luthers massive Präsenz für einen Moment in den Hintergrund treten ließ.
„Cypher." Cassiels Stimme trug eine Mischung aus Unglauben und einer alten, tief verwurzelten Jagdinstinkt, der in jedem Dark Angel seit Jahrtausenden eingepflanzt worden war. „Er ist der Zweitgefährlichste unter allen Gefallenen, nach dir selbst, Luther. Was will er hier?"
„Das", sagte Luther, „ist eine Frage, die ich selbst seit zehntausend Jahren zu beantworten versuche, ohne je eine zufriedenstellende Antwort zu finden. Er war da, an dem Tag, als Caliban fiel. Er kämpfte weder für mich noch vollständig gegen mich. Er verschwand, als die Warpstürme kamen, und seither taucht er auf, wo immer die Geschichte unseres Ordens sich neu zu schreiben droht — als hätte er ein eigenes Interesse daran, wie diese Geschichte endet, das keiner von uns je vollständig verstanden hat."
Corvaels Stimme kam erneut über den Vox, jetzt mit unverkennbarer Dringlichkeit. „Die Kapsel ist gelandet, Großmeister. Zweihundert Meter nordöstlich unserer Position, am Rand der Ruinen. Ein einzelner Kontakt hat sie verlassen. Er bewegt sich auf uns zu — nicht verborgen, nicht versteckt. Direkt."
„Er kommt, um zu reden", sagte Luther, und in seiner Stimme lag eine seltsame Gewissheit, die Jahrtausende der Beobachtung dieses rätselhaften Mannes offenbarte. „Das war schon immer seine Art. Er verbirgt sich nie vor jenen, mit denen er sprechen will. Nur vor jenen, die ihn jagen wollen, ohne zuzuhören."
Cassiel wandte sich zu Bariel, seine Stimme jetzt eine leise, dringliche Beratung, während draußen die Schritte des Ankömmlings näher kamen. „Interrogator-Ordenspriester, unsere Mission war es, Luther zu finden. Wir haben ihn gefunden, und die Situation ist bereits komplizierter, als jede Doktrin es vorbereitet hat. Wenn Cypher tatsächlich hier ist — wenn wir die Gelegenheit haben, zum ersten Mal in zehntausend Jahren mit ihm zu sprechen, statt ihn nur zu jagen —"
„Dann könnte diese eine Begegnung mehr Antworten liefern als jede Jagd, die unser Orden je geführt hat", vollendete Bariel den Gedanken.
„Oder sie könnte eine Falle sein, die wir nicht überleben." Cassiels Hand schloss sich fester um sein Kettenschwert. „Bereite dich vor, Bariel. Was auch immer als Nächstes durch diese Tür tritt, wir müssen bereit sein für jede Möglichkeit."
Die Schritte erreichten den Eingang der Kammer, und für einen Herzschlag lang stand alles still — Luther, gefesselt zwischen der Last seiner eigenen zehntausendjährigen Geschichte und der Ungewissheit dessen, was als Nächstes geschehen würde; Cassiel, das Kettenschwert erhoben, aber nicht angreifend; Bariel, seine Interrogationswerkzeuge vergessen angesichts einer Begegnung, die kein Werkzeug je hätte vorbereiten können.
Dann trat die Gestalt in das schwache Licht der Kammer, und Bariel sah zum ersten Mal in seinem Leben den Mann, dessen Name seit zehntausend Jahren durch jede geheime Chronik der Unversöhnten wanderte, ohne dass irgendjemand außerhalb des innersten Zirkels je seine wahre Geschichte kannte.
Er trug weiße, verwitterte Robenrüstung über einer uralten Form von Kraftrüstung, deren Herkunft selbst für Bariels geübtes Auge nicht sofort zu bestimmen war. An seinem Gürtel hingen zwei Pistolen — eine Bolt-, eine Plasmapistole, beide von einer Präzision der Verarbeitung gefertigt, die selbst nach Jahrtausenden keinen Rost, keine Abnutzung zeigte. Sein Gesicht war unter einer Kapuze verborgen, aber die Augen, die darunter hervorblickten, trafen Bariels Blick mit einer Klarheit, die keine Spur von Wahnsinn oder Verwirrung trug — nur eine tiefe, uralte Müdigkeit, gepaart mit etwas, das Bariel nicht sofort benennen konnte.
Bariel bemerkte, mit einer Präzision, die sein Amt ihm antrainiert hatte, die kleinen Details, die selbst in diesem außergewöhnlichen Moment nicht verborgen blieben: die Art, wie der Fremde sich bewegte, mit einer Ökonomie, die keine Kraft verschwendete, jeden Schritt so berechnet, dass er nie in Reichweite eines überraschenden Angriffs geriet, ohne dabei den Anschein bewusster Vorsicht zu erwecken. Die Art, wie seine Hände, obwohl sie nahe an den beiden Pistolen an seinem Gürtel ruhten, keinerlei Absicht signalisierten, sie zu benutzen. Die Art, wie sein Blick, kurz, aber unmissverständlich, jeden Ausgang der Kammer erfasste, bevor er sich endgültig auf Luther richtete — nicht die Vorsicht eines Angreifers, sondern die eines Mannes, der zehntausend Jahre gelernt hatte, dass Überleben mehr von Aufmerksamkeit abhing als von reiner Kampfkraft.
„Luther." Die Stimme des Ankömmlings war ruhig, fast sanft, ohne jede Feindseligkeit. „Es ist lange her."
„Cypher." Luther trat einen Schritt vor, seine massive Gestalt vor dem kleineren, aber nicht minder eindrucksvollen Fremden fast klein wirkend. „Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu finden."
„Das solltest du inzwischen wissen." Cyphers Blick wanderte durch die Kammer, über die leere Halterung, über Cassiel und Bariel, ohne dabei jede Spur von Furcht oder Feindseligkeit zu zeigen. „Ich finde mich immer dort, wo die Geschichte unseres Ordens sich zu wiederholen droht. Und diese Geschichte, Luther — sie hat sich zu oft wiederholt, findest du nicht?"
X. WAS CYPHER TRUGX. WAS CYPHER TRUG
Bariel beobachtete, wie sich der Raum zwischen den beiden Männern — dem Arch-Verräter und dem Mann, dessen Loyalität seit zehntausend Jahren unmöglich zu bestimmen war — mit einer Spannung füllte, die weit über bloße taktische Bedrohung hinausging. Es war die Spannung von zehntausend Jahren gemeinsamer, ungeklärter Geschichte, kondensiert in einen einzigen Moment.
„Warum bist du hier, Cypher?", fragte Luther, seine Stimme jetzt vorsichtiger, als sie es während des gesamten Gesprächs mit den Dark Angels gewesen war. „Wenn du gekommen bist, um mich aufzuhalten —"
„Ich bin nicht gekommen, um dich aufzuhalten." Cypher trat weiter in die Kammer, seine Bewegungen mit einer Präzision, die selbst die Deathwing-Sturmgruppe außerhalb der Kammer nicht bemerkt hatte, bis er bereits im Zentrum stand. „Ich bin gekommen, um dir etwas zu bringen, das ich seit sehr langer Zeit trage, und das, glaube ich, dir gehört, mehr als es mir je gehört hat."
Er löste etwas von seinem Rücken — ein Gegenstand, in altes, calibanitisches Tuch gewickelt, dessen Kontur unter dem Stoff eine Form andeutete, die Bariel sofort erkannte, obwohl er nie das Original gesehen hatte.
„Das ist —" Luthers Stimme brach, seine Augen auf den verhüllten Gegenstand gerichtet, mit einer Intensität, die Jahrtausende von Sehnsucht in einem einzigen Blick zu tragen schien.
„Die Klinge, die du hier zu finden hofftest." Cypher hielt den verhüllten Gegenstand aus, weder ganz Luther anbietend noch ganz zurückhaltend. „Ich fand sie vor Jahrhunderten, verstreut unter den Trümmern dieser Kolonie, lange bevor du überhaupt wusstest, dass sie hier verborgen lag. Ich habe sie all diese Zeit getragen, ohne genau zu wissen, warum — vielleicht, weil ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem sie gebraucht würde, mehr als ich sie je brauchte."
„Warum jetzt?" Cassiels Stimme unterbrach den Moment, scharf mit dem Argwohn eines Mannes, der zehntausend Jahre Doktrin nicht in einem einzigen Gespräch ablegen konnte. „Warum diesen Moment wählen, um zu erscheinen, wenn du seit Jahrhunderten diese Klinge trägst?"
Cyphers Blick wandte sich zu ihm, und in diesem Blick sah Bariel etwas, das er bei keinem der Gefallenen, die er je interrogiert hatte, gesehen hatte — nicht Trotz, nicht Angst, sondern eine Art tiefe, unerschütterliche Gewissheit, die aus einer Perspektive zu stammen schien, die weit über die Sorgen eines einzelnen Ordens hinausging.
„Weil der Löwe zurückgekehrt ist", sagte Cypher einfach. „Und weil es Zeit ist, dass die Geschichte, die vor zehntausend Jahren auf Caliban begann, endlich zu ihrem eigentlichen Ende findet — nicht durch weitere Jagd, weitere Verborgenheit, weitere Lügen, die sich selbst erhalten, weil niemand den Mut hat, sie zu beenden."
„Du sprichst, als würdest du selbst nicht zu den Gefallenen gehören", sagte Bariel, seine Interrogator-Ordenspriester-Instinkte trotz der Fremdheit der Situation wieder erwachend. „Was bist du wirklich, Cypher? Freund oder Feind unseres Ordens?"
Cypher sah ihn lange an, und für einen Moment glaubte Bariel, tatsächlich eine Antwort zu erhalten — eine echte, ungeschminkte Wahrheit, nach der sein Orden seit zehntausend Jahren suchte.
„Ich bin beides und keines", sagte Cypher schließlich, seine Stimme leiser, fast bedauernd. „Und diese Antwort wird dich nicht zufriedenstellen, Interrogator-Ordenspriester, das weiß ich. Aber es ist die einzige ehrliche Antwort, die ich geben kann, nach zehntausend Jahren, in denen ich selbst nicht mehr sicher bin, wo die Grenze zwischen meiner Loyalität und meinem Verrat verläuft."
„Das ist keine Antwort. Das ist eine Ausflucht." Cassiels Stimme trug jetzt die geballte Frustration eines Mannes, der sein gesamtes Leben der Jagd nach Gewissheit gewidmet hatte, nur um in einer einzigen Kammer mit zwei der größten Rätsel seines Ordens konfrontiert zu werden, ohne dass eines von beiden bereit war, sich vollständig zu offenbaren. „Zehntausend Jahre lang hat unser Orden dich gejagt, Cypher. Zehntausend Jahre lang bist du jeder Falle entkommen, jedem Verhör, jeder Gelegenheit, endlich Klarheit zu schaffen. Und jetzt, wo du freiwillig vor uns stehst, bietest du uns nichts als weitere Schatten."
„Ich biete euch das, was ich immer geboten habe, Großmeister — nicht Antworten, sondern Gelegenheiten." Cyphers Stimme blieb ruhig, ungerührt von Cassiels Schärfe. „Ich hätte diese Klinge auch einfach an einem verlassenen Ort zurücklassen können, wo Luther sie irgendwann gefunden hätte, ohne dass ich mich je zeigen musste. Stattdessen bin ich hierhergekommen, in eine Kammer voller Astartes, die mich seit Jahrtausenden zu fangen versuchen, weil ich glaube, dass dieser Moment — dieses eine Gespräch — wichtiger ist als meine eigene Sicherheit."
„Warum?", fragte Bariel. „Was gewinnst du dadurch?"
Cypher wandte sich ihm zu, und für einen langen Moment sagte er nichts, als würde er die Frage selbst zum ersten Mal wirklich erwägen. „Vielleicht nichts", sagte er schließlich. „Vielleicht nur die Möglichkeit, dass eine Geschichte, die seit zehntausend Jahren in dieselbe Richtung läuft — Jagd, Verborgenheit, Wiederholung — endlich eine andere Richtung einschlägt. Ich habe viele Dinge in meinem langen Leben gesehen, Interrogator-Ordenspriester, mehr als du dir vorstellen kannst. Ich habe gesehen, wie Imperien fielen, weil niemand bereit war, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen, bevor es zu spät war. Ich habe keine Lust, zuzusehen, wie dasselbe mit dem letzten Familienerbe deines Primarchen geschieht."
„Du sprichst von ihm, als würdest du ihn kennen." Luthers Stimme, die während des gesamten Austauschs zwischen Cypher und den Dark Angels geschwiegen hatte, klang jetzt gespannt vor einer Neugier, die zehntausend Jahre nicht gelindert hatten. „Hast du ihn gesehen? Seit seiner Rückkehr?"
Cyphers Ausdruck veränderte sich, etwas, das fast wie Bedauern aussah, huschte über die sichtbaren Teile seines Gesichts. „Das ist eine Frage, deren Antwort ich dir nicht heute geben werde, Luther. Nicht, weil ich sie dir verweigern will, sondern weil manche Wahrheiten am besten von Angesicht zu Angesicht gesprochen werden, nicht durch einen Boten wie mich weitergegeben." Er wandte sich zurück zu Luther, den verhüllten Gegenstand noch immer ausgestreckt. „Nimm sie, Luther. Bring sie zu deinem Sohn. Und wenn du ihm gegenüberstehst, sag ihm, dass nicht jeder, der die Wahrheit über jene Nacht auf Caliban kennt, sie so erzählt, wie die Chroniken deines Ordens es tun."
Bariel beobachtete, wie sich der Raum zwischen den beiden Männern — dem Arch-Verräter und dem Mann, dessen Loyalität seit zehntausend Jahren unmöglich zu bestimmen war — mit einer Spannung füllte, die weit über bloße taktische Bedrohung hinausging. Es war die Spannung von zehntausend Jahren gemeinsamer, ungeklärter Geschichte, kondensiert in einen einzigen Moment.
„Warum bist du hier, Cypher?", fragte Luther, seine Stimme jetzt vorsichtiger, als sie es während des gesamten Gesprächs mit den Dark Angels gewesen war. „Wenn du gekommen bist, um mich aufzuhalten —"
„Ich bin nicht gekommen, um dich aufzuhalten." Cypher trat weiter in die Kammer, seine Bewegungen mit einer Präzision, die selbst die Deathwing-Sturmgruppe außerhalb der Kammer nicht bemerkt hatte, bis er bereits im Zentrum stand. „Ich bin gekommen, um dir etwas zu bringen, das ich seit sehr langer Zeit trage, und das, glaube ich, dir gehört, mehr als es mir je gehört hat."
Er löste etwas von seinem Rücken — ein Gegenstand, in altes, calibanitisches Tuch gewickelt, dessen Kontur unter dem Stoff eine Form andeutete, die Bariel sofort erkannte, obwohl er nie das Original gesehen hatte.
„Das ist —" Luthers Stimme brach, seine Augen auf den verhüllten Gegenstand gerichtet, mit einer Intensität, die Jahrtausende von Sehnsucht in einem einzigen Blick zu tragen schien.
„Die Klinge, die du hier zu finden hofftest." Cypher hielt den verhüllten Gegenstand aus, weder ganz Luther anbietend noch ganz zurückhaltend. „Ich fand sie vor Jahrhunderten, verstreut unter den Trümmern dieser Kolonie, lange bevor du überhaupt wusstest, dass sie hier verborgen lag. Ich habe sie all diese Zeit getragen, ohne genau zu wissen, warum — vielleicht, weil ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem sie gebraucht würde, mehr als ich sie je brauchte."
„Warum jetzt?" Cassiels Stimme unterbrach den Moment, scharf mit dem Argwohn eines Mannes, der zehntausend Jahre Doktrin nicht in einem einzigen Gespräch ablegen konnte. „Warum diesen Moment wählen, um zu erscheinen, wenn du seit Jahrhunderten diese Klinge trägst?"
Cyphers Blick wandte sich zu ihm, und in diesem Blick sah Bariel etwas, das er bei keinem der Gefallenen, die er je interrogiert hatte, gesehen hatte — nicht Trotz, nicht Angst, sondern eine Art tiefe, unerschütterliche Gewissheit, die aus einer Perspektive zu stammen schien, die weit über die Sorgen eines einzelnen Ordens hinausging.
„Weil der Löwe zurückgekehrt ist", sagte Cypher einfach. „Und weil es Zeit ist, dass die Geschichte, die vor zehntausend Jahren auf Caliban begann, endlich zu ihrem eigentlichen Ende findet — nicht durch weitere Jagd, weitere Verborgenheit, weitere Lügen, die sich selbst erhalten, weil niemand den Mut hat, sie zu beenden."
„Du sprichst, als würdest du selbst nicht zu den Gefallenen gehören", sagte Bariel, seine Interrogator-Ordenspriester-Instinkte trotz der Fremdheit der Situation wieder erwachend. „Was bist du wirklich, Cypher? Freund oder Feind unseres Ordens?"
Cypher sah ihn lange an, und für einen Moment glaubte Bariel, tatsächlich eine Antwort zu erhalten — eine echte, ungeschminkte Wahrheit, nach der sein Orden seit zehntausend Jahren suchte.
„Ich bin beides und keines", sagte Cypher schließlich, seine Stimme leiser, fast bedauernd. „Und diese Antwort wird dich nicht zufriedenstellen, Interrogator-Ordenspriester, das weiß ich. Aber es ist die einzige ehrliche Antwort, die ich geben kann, nach zehntausend Jahren, in denen ich selbst nicht mehr sicher bin, wo die Grenze zwischen meiner Loyalität und meinem Verrat verläuft."
„Das ist keine Antwort. Das ist eine Ausflucht." Cassiels Stimme trug jetzt die geballte Frustration eines Mannes, der sein gesamtes Leben der Jagd nach Gewissheit gewidmet hatte, nur um in einer einzigen Kammer mit zwei der größten Rätsel seines Ordens konfrontiert zu werden, ohne dass eines von beiden bereit war, sich vollständig zu offenbaren. „Zehntausend Jahre lang hat unser Orden dich gejagt, Cypher. Zehntausend Jahre lang bist du jeder Falle entkommen, jedem Verhör, jeder Gelegenheit, endlich Klarheit zu schaffen. Und jetzt, wo du freiwillig vor uns stehst, bietest du uns nichts als weitere Schatten."
„Ich biete euch das, was ich immer geboten habe, Großmeister — nicht Antworten, sondern Gelegenheiten." Cyphers Stimme blieb ruhig, ungerührt von Cassiels Schärfe. „Ich hätte diese Klinge auch einfach an einem verlassenen Ort zurücklassen können, wo Luther sie irgendwann gefunden hätte, ohne dass ich mich je zeigen musste. Stattdessen bin ich hierhergekommen, in eine Kammer voller Astartes, die mich seit Jahrtausenden zu fangen versuchen, weil ich glaube, dass dieser Moment — dieses eine Gespräch — wichtiger ist als meine eigene Sicherheit."
„Warum?", fragte Bariel. „Was gewinnst du dadurch?"
Cypher wandte sich ihm zu, und für einen langen Moment sagte er nichts, als würde er die Frage selbst zum ersten Mal wirklich erwägen. „Vielleicht nichts", sagte er schließlich. „Vielleicht nur die Möglichkeit, dass eine Geschichte, die seit zehntausend Jahren in dieselbe Richtung läuft — Jagd, Verborgenheit, Wiederholung — endlich eine andere Richtung einschlägt. Ich habe viele Dinge in meinem langen Leben gesehen, Interrogator-Ordenspriester, mehr als du dir vorstellen kannst. Ich habe gesehen, wie Imperien fielen, weil niemand bereit war, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen, bevor es zu spät war. Ich habe keine Lust, zuzusehen, wie dasselbe mit dem letzten Familienerbe deines Primarchen geschieht."
„Du sprichst von ihm, als würdest du ihn kennen." Luthers Stimme, die während des gesamten Austauschs zwischen Cypher und den Dark Angels geschwiegen hatte, klang jetzt gespannt vor einer Neugier, die zehntausend Jahre nicht gelindert hatten. „Hast du ihn gesehen? Seit seiner Rückkehr?"
Cyphers Ausdruck veränderte sich, etwas, das fast wie Bedauern aussah, huschte über die sichtbaren Teile seines Gesichts. „Das ist eine Frage, deren Antwort ich dir nicht heute geben werde, Luther. Nicht, weil ich sie dir verweigern will, sondern weil manche Wahrheiten am besten von Angesicht zu Angesicht gesprochen werden, nicht durch einen Boten wie mich weitergegeben." Er wandte sich zurück zu Luther, den verhüllten Gegenstand noch immer ausgestreckt. „Nimm sie, Luther. Bring sie zu deinem Sohn. Und wenn du ihm gegenüberstehst, sag ihm, dass nicht jeder, der die Wahrheit über jene Nacht auf Caliban kennt, sie so erzählt, wie die Chroniken deines Ordens es tun."
XI. DAS ECHOXI. DAS ECHO
Luther nahm den verhüllten Gegenstand mit Händen, die, wie Bariel bemerkte, tatsächlich zitterten — ein erstaunlich menschliches Detail bei einem Wesen, das seit zehntausend Jahren zwischen Mensch und etwas Größerem existierte.
Er entfernte das Tuch langsam, und darunter lag eine Klinge, kürzer und einfacher, als Bariel es sich vorgestellt hatte, ihr Metall von Jahrtausenden gezeichnet, aber dennoch, auf eine Weise, die keine physische Erklärung hatte, lebendig wirkend im schwachen Licht der Kammer.
„Sie ist es", flüsterte Luther, seine Stimme brechend unter dem Gewicht von zehntausend Jahren Sehnsucht. „Ich hatte vergessen — nein, ich hatte mir nicht erlaubt, mich zu erinnern, wie klein sie wirklich war. Ein Kinderschwert, geschmiedet für einen Jungen, der noch nicht wusste, was er einmal werden würde."
„Er trägt sie nicht mehr", sagte Cypher leise. „Der Löwe, den ich zuletzt sah, führte eine andere Klinge — geschmiedet für den Mann, der er geworden ist, nicht für den Jungen, den du in den Wäldern fandst. Aber vielleicht ist es genau deshalb wichtig, dass er sieht, was du bewahrt hast, während du selbst verloren warst."
Cassiel, der die gesamte Interaktion mit wachsender, unbehaglicher Wachsamkeit beobachtet hatte, trat schließlich vor, seine Stimme jetzt mit der vollen Autorität eines Großmeisters, der eine Entscheidung treffen musste, die weit über seine übliche Befehlsgewalt hinausging.
„Ich kann euch beide nicht einfach gehen lassen", sagte er. „Aber ich kann auch nicht ignorieren, was ich hier gesehen und gehört habe. Luther — ich werde nach Sicherheit für dein sicheres Geleit zu einem Ort suchen, an dem der Oberste Großmeister selbst über deine Bitte entscheiden kann, dem Löwen gegenüberzutreten. Das ist alles, was ich anbieten kann, und selbst das übersteigt meine eigentliche Autorität."
„Was ist mit den Hundertsiebzig?", fragte Bariel. „Wenn du nicht zu ihnen zurückkehrst, wenn sie glauben, dass du gefangen genommen wurdest —"
„Dann werden manche von ihnen genau das tun, was ich seit Wochen zu verhindern versuchte." Luthers Gesicht verdüsterte sich bei dem Gedanken. „Aber ich sehe keinen Weg, dieses Risiko vollständig zu vermeiden, wenn ich diesem Großmeister vertrauen soll, dass er tatsächlich einen Kanal zum Löwen selbst öffnet, statt mich einfach zurück in eine Zelle zu werfen." Er wandte sich zu Cassiel. „Erlaube mir wenigstens, eine Botschaft zu senden. Verschlüsselt, in einer Form, die deine eigenen Codebrecher überwachen und verifizieren können, damit ihr wisst, dass ich nichts verberge. Nur genug, um meine Brüder davon abzuhalten, überstürzt zu handeln, während wir auf eine Antwort von höherer Stelle warten."
Cassiel erwog die Bitte lange, sein Blick zwischen Luther und der kleinen, uralten Klinge wandernd, die dieser noch immer hielt, als wäre sie das Einzige, was ihn in diesem Moment aufrecht hielt. „Eine einzige Botschaft", sagte er schließlich. „Überwacht, verifiziert, und ohne jede Koordinate, die uns nicht bereits bekannt ist. Wenn ich auch nur den geringsten Hinweis auf Täuschung finde, ist diese Vereinbarung beendet, und du wirst behandelt, wie es die Doktrin seit zehntausend Jahren vorschreibt."
„Das ist fair", sagte Luther, und in seiner Stimme lag eine Erleichterung, die Bariel als echt einstufte, nach all den Stunden, die er damit verbracht hatte, jede Nuance seiner Reaktionen zu studieren.
„Das ist mehr, als ich erwartet hatte", sagte Luther, die kleine Klinge fest in seinen Händen haltend. „Ich nehme dein Angebot an, Großmeister, mit dem Wissen, dass es kein Versprechen der Gnade ist, sondern nur der Wahrheit."
Cypher trat einen Schritt zurück, seine Aufgabe, wie es schien, erfüllt. „Ich werde nicht mit euch reisen", sagte er zu Cassiel und Bariel. „Meine eigene Reise führt woandershin, und sie ist noch nicht beendet." Er sah zu Bariel, direkt, mit einer Intensität, die den Interrogator-Ordenspriester überraschte. „Aber ich glaube, unsere Wege werden sich wieder kreuzen, Interrogator-Ordenspriester, bevor diese Geschichte vollständig geschrieben ist. Wenn das geschieht, hoffe ich, dass du bereit bist, mehr zu hören, als deine Doktrin dich gelehrt hat zu erwarten."
Bevor Bariel antworten konnte, bevor irgendjemand in der Kammer reagieren konnte, war Cypher bereits zur Tür geschritten, seine Bewegungen mit einer Geschwindigkeit und Lautlosigkeit, die selbst für einen Astartes bemerkenswert war. Als Cassiel Corvael über den Vox anwies, die Ruinen zu durchsuchen, war die weiße Gestalt bereits verschwunden — kein Kontakt auf den Sensoren, keine Spur seiner Landungskapsel, als hätte er nie existiert, außer in der kleinen, uralten Klinge, die nun in Luthers zitternden Händen lag.
Bariel stand in der Stille der Kammer, während draußen der Wind über die vergessenen Ruinen von Sethrak Vier strich, und dachte an die Worte, die Cypher ihm zuletzt gesagt hatte — ein Versprechen, oder vielleicht eine Warnung, dass diese Begegnung erst der Anfang einer Geschichte war, die sein Orden seit zehntausend Jahren zu verstehen versuchte, ohne je vollständig Erfolg zu haben.
Er dachte auch an Sarnuel, den alten Ordenspriester, der ihn in dieses Amt eingeführt hatte, an dessen Worte über Zweifel als Zweck statt als Fehler. Er hatte diese Worte all die Jahre als eine Art philosophischen Trost verstanden, eine Rechtfertigung für die Unbehaglichkeit, die sein Amt manchmal in ihm auslöste. Erst jetzt, in dieser Kammer, mit einer uralten Klinge, die den Namen eines Kindes trug, das zu einem Primarchen wurde, und einem Mann in weißer Robe, der wie Rauch verschwunden war, begann er zu verstehen, was Sarnuel wirklich gemeint hatte. Zweifel war nicht das Gegenteil von Glauben an seinen Orden. Zweifel war die einzige ehrliche Form, in der ein Mann seines Amtes diesen Glauben überhaupt tragen konnte, nach zehntausend Jahren voller Geheimnisse, die sich als komplizierter erwiesen, als jede vereinfachte Doktrin es je zugegeben hätte.
Er wusste, in diesem Moment, mit einer Gewissheit, die tiefer ging als jede taktische Berechnung, dass seine nächste Mission nicht enden würde, bevor er selbst dem weißgekleideten Rätsel gegenüberstand, das gerade ihre Kammer verlassen hatte — nicht als Jäger, der eine Beute verfolgte, sondern als ein Mann, der endlich bereit war, Fragen zu stellen, die sein Orden seit Jahrtausenden zu fürchten gelehrt hatte.
Corvael, der die Ruinen ein letztes Mal durchsuchte, kehrte mit einem Bericht zurück, der die Unwirklichkeit des gesamten Vorfalls nur noch verstärkte: keine Spur einer Landungskapsel, keine thermische Signatur, keine Fußabdrücke im Staub außerhalb der Kammer selbst, als wäre der weißgekleidete Fremde nie durch einen physischen Raum gegangen, sondern einfach zwischen einem Moment und dem nächsten erschienen und wieder verschwunden. „Ich habe keine Erklärung dafür, Interrogator-Ordenspriester", gestand der Techmarine, eine seltene Eingeständnis für einen Mann, dessen gesamte Existenz der Erklärung physischer Phänomene gewidmet war. „Nach jedem Sensor, den ich zur Verfügung habe, hätte dieser Mann nie hier sein dürfen."
„Wir müssen zum Fels zurückkehren", sagte Cassiel schließlich, seine Stimme schwer mit den Ereignissen der letzten Stunde. „Der Oberste Großmeister muss erfahren, was hier geschehen ist — alles davon, ohne Beschönigung, egal, wie sehr es unsere eigene Doktrin infrage stellt."
„Und Cypher?", fragte Bariel.
Cassiel sah zu ihm, und in seinem Blick lag eine Anerkennung dessen, was als Nächstes kommen musste. „Wenn er sagt, dass sich eure Wege wieder kreuzen werden, Interrogator-Ordenspriester, dann glaube ich, dass es deine Aufgabe sein wird, herauszufinden, was er wirklich vorhat — bevor es zu spät ist, um die Antwort noch zu ändern."
Bariel sah ein letztes Mal zur leeren Halterung auf dem Podest, zur kleinen, uralten Klinge in Luthers Händen, und wusste, dass die wahre Jagd — die Jagd nach der Wahrheit hinter zehntausend Jahren Geheimnis — gerade erst begonnen hatte.
Luther nahm den verhüllten Gegenstand mit Händen, die, wie Bariel bemerkte, tatsächlich zitterten — ein erstaunlich menschliches Detail bei einem Wesen, das seit zehntausend Jahren zwischen Mensch und etwas Größerem existierte.
Er entfernte das Tuch langsam, und darunter lag eine Klinge, kürzer und einfacher, als Bariel es sich vorgestellt hatte, ihr Metall von Jahrtausenden gezeichnet, aber dennoch, auf eine Weise, die keine physische Erklärung hatte, lebendig wirkend im schwachen Licht der Kammer.
„Sie ist es", flüsterte Luther, seine Stimme brechend unter dem Gewicht von zehntausend Jahren Sehnsucht. „Ich hatte vergessen — nein, ich hatte mir nicht erlaubt, mich zu erinnern, wie klein sie wirklich war. Ein Kinderschwert, geschmiedet für einen Jungen, der noch nicht wusste, was er einmal werden würde."
„Er trägt sie nicht mehr", sagte Cypher leise. „Der Löwe, den ich zuletzt sah, führte eine andere Klinge — geschmiedet für den Mann, der er geworden ist, nicht für den Jungen, den du in den Wäldern fandst. Aber vielleicht ist es genau deshalb wichtig, dass er sieht, was du bewahrt hast, während du selbst verloren warst."
Cassiel, der die gesamte Interaktion mit wachsender, unbehaglicher Wachsamkeit beobachtet hatte, trat schließlich vor, seine Stimme jetzt mit der vollen Autorität eines Großmeisters, der eine Entscheidung treffen musste, die weit über seine übliche Befehlsgewalt hinausging.
„Ich kann euch beide nicht einfach gehen lassen", sagte er. „Aber ich kann auch nicht ignorieren, was ich hier gesehen und gehört habe. Luther — ich werde nach Sicherheit für dein sicheres Geleit zu einem Ort suchen, an dem der Oberste Großmeister selbst über deine Bitte entscheiden kann, dem Löwen gegenüberzutreten. Das ist alles, was ich anbieten kann, und selbst das übersteigt meine eigentliche Autorität."
„Was ist mit den Hundertsiebzig?", fragte Bariel. „Wenn du nicht zu ihnen zurückkehrst, wenn sie glauben, dass du gefangen genommen wurdest —"
„Dann werden manche von ihnen genau das tun, was ich seit Wochen zu verhindern versuchte." Luthers Gesicht verdüsterte sich bei dem Gedanken. „Aber ich sehe keinen Weg, dieses Risiko vollständig zu vermeiden, wenn ich diesem Großmeister vertrauen soll, dass er tatsächlich einen Kanal zum Löwen selbst öffnet, statt mich einfach zurück in eine Zelle zu werfen." Er wandte sich zu Cassiel. „Erlaube mir wenigstens, eine Botschaft zu senden. Verschlüsselt, in einer Form, die deine eigenen Codebrecher überwachen und verifizieren können, damit ihr wisst, dass ich nichts verberge. Nur genug, um meine Brüder davon abzuhalten, überstürzt zu handeln, während wir auf eine Antwort von höherer Stelle warten."
Cassiel erwog die Bitte lange, sein Blick zwischen Luther und der kleinen, uralten Klinge wandernd, die dieser noch immer hielt, als wäre sie das Einzige, was ihn in diesem Moment aufrecht hielt. „Eine einzige Botschaft", sagte er schließlich. „Überwacht, verifiziert, und ohne jede Koordinate, die uns nicht bereits bekannt ist. Wenn ich auch nur den geringsten Hinweis auf Täuschung finde, ist diese Vereinbarung beendet, und du wirst behandelt, wie es die Doktrin seit zehntausend Jahren vorschreibt."
„Das ist fair", sagte Luther, und in seiner Stimme lag eine Erleichterung, die Bariel als echt einstufte, nach all den Stunden, die er damit verbracht hatte, jede Nuance seiner Reaktionen zu studieren.
„Das ist mehr, als ich erwartet hatte", sagte Luther, die kleine Klinge fest in seinen Händen haltend. „Ich nehme dein Angebot an, Großmeister, mit dem Wissen, dass es kein Versprechen der Gnade ist, sondern nur der Wahrheit."
Cypher trat einen Schritt zurück, seine Aufgabe, wie es schien, erfüllt. „Ich werde nicht mit euch reisen", sagte er zu Cassiel und Bariel. „Meine eigene Reise führt woandershin, und sie ist noch nicht beendet." Er sah zu Bariel, direkt, mit einer Intensität, die den Interrogator-Ordenspriester überraschte. „Aber ich glaube, unsere Wege werden sich wieder kreuzen, Interrogator-Ordenspriester, bevor diese Geschichte vollständig geschrieben ist. Wenn das geschieht, hoffe ich, dass du bereit bist, mehr zu hören, als deine Doktrin dich gelehrt hat zu erwarten."
Bevor Bariel antworten konnte, bevor irgendjemand in der Kammer reagieren konnte, war Cypher bereits zur Tür geschritten, seine Bewegungen mit einer Geschwindigkeit und Lautlosigkeit, die selbst für einen Astartes bemerkenswert war. Als Cassiel Corvael über den Vox anwies, die Ruinen zu durchsuchen, war die weiße Gestalt bereits verschwunden — kein Kontakt auf den Sensoren, keine Spur seiner Landungskapsel, als hätte er nie existiert, außer in der kleinen, uralten Klinge, die nun in Luthers zitternden Händen lag.
Bariel stand in der Stille der Kammer, während draußen der Wind über die vergessenen Ruinen von Sethrak Vier strich, und dachte an die Worte, die Cypher ihm zuletzt gesagt hatte — ein Versprechen, oder vielleicht eine Warnung, dass diese Begegnung erst der Anfang einer Geschichte war, die sein Orden seit zehntausend Jahren zu verstehen versuchte, ohne je vollständig Erfolg zu haben.
Er dachte auch an Sarnuel, den alten Ordenspriester, der ihn in dieses Amt eingeführt hatte, an dessen Worte über Zweifel als Zweck statt als Fehler. Er hatte diese Worte all die Jahre als eine Art philosophischen Trost verstanden, eine Rechtfertigung für die Unbehaglichkeit, die sein Amt manchmal in ihm auslöste. Erst jetzt, in dieser Kammer, mit einer uralten Klinge, die den Namen eines Kindes trug, das zu einem Primarchen wurde, und einem Mann in weißer Robe, der wie Rauch verschwunden war, begann er zu verstehen, was Sarnuel wirklich gemeint hatte. Zweifel war nicht das Gegenteil von Glauben an seinen Orden. Zweifel war die einzige ehrliche Form, in der ein Mann seines Amtes diesen Glauben überhaupt tragen konnte, nach zehntausend Jahren voller Geheimnisse, die sich als komplizierter erwiesen, als jede vereinfachte Doktrin es je zugegeben hätte.
Er wusste, in diesem Moment, mit einer Gewissheit, die tiefer ging als jede taktische Berechnung, dass seine nächste Mission nicht enden würde, bevor er selbst dem weißgekleideten Rätsel gegenüberstand, das gerade ihre Kammer verlassen hatte — nicht als Jäger, der eine Beute verfolgte, sondern als ein Mann, der endlich bereit war, Fragen zu stellen, die sein Orden seit Jahrtausenden zu fürchten gelehrt hatte.
Corvael, der die Ruinen ein letztes Mal durchsuchte, kehrte mit einem Bericht zurück, der die Unwirklichkeit des gesamten Vorfalls nur noch verstärkte: keine Spur einer Landungskapsel, keine thermische Signatur, keine Fußabdrücke im Staub außerhalb der Kammer selbst, als wäre der weißgekleidete Fremde nie durch einen physischen Raum gegangen, sondern einfach zwischen einem Moment und dem nächsten erschienen und wieder verschwunden. „Ich habe keine Erklärung dafür, Interrogator-Ordenspriester", gestand der Techmarine, eine seltene Eingeständnis für einen Mann, dessen gesamte Existenz der Erklärung physischer Phänomene gewidmet war. „Nach jedem Sensor, den ich zur Verfügung habe, hätte dieser Mann nie hier sein dürfen."
„Wir müssen zum Fels zurückkehren", sagte Cassiel schließlich, seine Stimme schwer mit den Ereignissen der letzten Stunde. „Der Oberste Großmeister muss erfahren, was hier geschehen ist — alles davon, ohne Beschönigung, egal, wie sehr es unsere eigene Doktrin infrage stellt."
„Und Cypher?", fragte Bariel.
Cassiel sah zu ihm, und in seinem Blick lag eine Anerkennung dessen, was als Nächstes kommen musste. „Wenn er sagt, dass sich eure Wege wieder kreuzen werden, Interrogator-Ordenspriester, dann glaube ich, dass es deine Aufgabe sein wird, herauszufinden, was er wirklich vorhat — bevor es zu spät ist, um die Antwort noch zu ändern."
Bariel sah ein letztes Mal zur leeren Halterung auf dem Podest, zur kleinen, uralten Klinge in Luthers Händen, und wusste, dass die wahre Jagd — die Jagd nach der Wahrheit hinter zehntausend Jahren Geheimnis — gerade erst begonnen hatte.
XII. DER WEG ZURÜCKXII. DER WEG ZURÜCK
Die Reise zurück durch den Warp dauerte elf Tage, und in dieser Zeit lernte Bariel mehr über Luther, als zehntausend Jahre Ordenschronik ihm je vermittelt hatten.
Sie hatten ihn nicht gefesselt — ein Kompromiss, den Cassiel nach langem inneren Ringen akzeptiert hatte, unter der Bedingung, dass Luther in einer gesicherten, aber nicht gekerkerten Kammer der Sturmklinge reiste, unter ständiger Bewachung, aber ohne die Ketten, die zehntausend Jahre seiner Existenz definiert hatten. Es war eine Entscheidung, die Cassiel gegenüber seinen eigenen Offizieren mehrmals rechtfertigen musste, und die, wie Bariel in den stillen Momenten zwischen den Wachen bemerkte, den Großmeister selbst mehr kostete, als er zugeben wollte.
„Du fragst dich, ob ich einen Fehler mache", sagte Cassiel am vierten Tag, als er und Bariel gemeinsam vor Luthers Kammer Wache hielten, während der Arch-Verräter im Inneren in einer Art Meditation verharrte, die kein bekanntes Ritual des Ordens zu sein schien.
„Ich frage mich, ob es überhaupt eine Möglichkeit gab, keinen Fehler zu machen", antwortete Bariel ehrlich. „Jede Entscheidung, die wir auf Sethrak Vier hätten treffen können, hätte etwas riskiert, das wir nicht vollständig kontrollieren konnten."
„Das ist die Wahrheit, mit der ich mich seit vier Tagen zu versöhnen versuche." Cassiel sah durch das kleine Sichtfenster der Kammer, wo Luther, reglos, in einer Haltung saß, die eher an einen betenden Mönch als an den gefürchtetsten Verräter der Ordensgeschichte erinnerte. „Weißt du, was mich am meisten beunruhigt, Bariel? Nicht die Möglichkeit, dass er lügt. Ich habe zehntausend Jahre Doktrin studiert, die mich darauf vorbereitet hat, mit Lügnern umzugehen. Was mich beunruhigt, ist die Möglichkeit, dass er die Wahrheit sagt — und dass wir, die Unversöhnten, in zehntausend Jahren nie einen Weg gefunden haben, mit dieser Wahrheit umzugehen, weil unsere gesamte Existenz auf der Gewissheit aufgebaut war, dass es keine gab."
Am siebten Tag bat Luther um ein Gespräch mit Bariel allein, eine Bitte, die Cassiel nur widerwillig genehmigte, unter der Bedingung, dass zwei Deathwing-Terminatoren unmittelbar außerhalb der Kammer postiert blieben.
„Du bist der Erste, der mir wirklich zugehört hat, seit ich frei bin", sagte Luther, als Bariel die Kammer betrat, die kleine, uralte Klinge noch immer in einem Tuch gewickelt neben ihm liegend, als wäre sie eine Reliquie, die er nicht wagte, zu weit von sich zu legen. „Jeder andere Interrogator, dem ich in zehntausend Jahren begegnet bin, kam mit einer Frage, deren Antwort er bereits zu kennen glaubte. Du kamst mit einer Frage, auf die du wirklich eine Antwort wolltest."
„Das ist mein Amt", sagte Bariel, obwohl er wusste, dass es mehr war als das, und dass Luther es ebenfalls wusste.
„Ist es das? Oder ist es etwas, das du selbst gewählt hast, in einer Weise, die dein Amt dir nicht vorgeschrieben hat?" Luthers Blick war scharf, trotz der Müdigkeit, die seine Züge zeichnete. „Ich frage, weil ich glaube, dass du eine der wenigen Personen in deinem gesamten Orden bist, die bereit sein könnten, eine Wahrheit zu hören, die selbst der Löwe vielleicht nicht mehr hören will, wenn ich ihm gegenübertrete."
„Welche Wahrheit?"
Luther schwieg lange, seine Hand über die verhüllte Klinge gleitend. „Dass ich nicht der Einzige war, der an jenem Tag auf Caliban etwas verlor, das nie wiederhergestellt werden konnte", sagte er schließlich. „Der Löwe verlor seinen Vater — nicht den Emperor, sondern mich, den Mann, der ihn tatsächlich großzog, der ihn fütterte, der ihn lehrte, bevor irgendjemand von Primarchen wusste. Und ich glaube, dass diese Wahrheit, so unbequem sie auch ist, wichtiger sein könnte für das, was als Nächstes zwischen uns geschieht, als jede Frage von Schuld oder Vergebung, die eure Doktrin für relevant hält."
Bariel trug diese Worte mit sich, während die Reise weiterging, unfähig, sie vollständig in das Raster seiner eigenen Ausbildung einzuordnen, und wusste, mit wachsender Gewissheit, dass er, was auch immer als Nächstes geschah, nie wieder mit derselben Klarheit über die Gefallenen denken würde, mit der er diese Jagd begonnen hatte.
Am neunten Tag der Reise geschah etwas, das Bariel später als den eigentlichen Wendepunkt seines eigenen Verständnisses betrachten würde. Ein Alarm durchlief die Sturmklinge — keine äußere Bedrohung, sondern eine interne: drei Brüder der Wache, unter ihnen der Sergeant Brannok, der Cassiels Entscheidung von Anfang an offen infrage gestellt hatte, hatten versucht, eigenmächtig in Luthers Kammer einzudringen, bewaffnet, mit der erklärten Absicht, die „Doktrin wiederherzustellen", die sie in Cassiels Zögern verraten sahen.
Bariel erreichte die Kammer, gemeinsam mit Cassiel, gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass die Situation in offene Gewalt umschlug. Luther selbst hatte sich nicht verteidigt, nicht einmal, als Brannoks Klinge bereits gegen seine Kehle gerichtet war — eine Tatsache, die Bariel mehr überzeugte als jedes Wort, das der Arch-Verräter in den vorangegangenen Tagen gesprochen hatte.
„Sergeant Brannok." Cassiels Stimme war eisig, mit einer Autorität, die keinen Zweifel an den Konsequenzen des Ungehorsams ließ. „Sie stehen kurz davor, einen direkten Befehl Ihres Großmeisters zu missachten, in einer Angelegenheit, die vom Obersten Großmeister selbst sanktioniert wurde."
„Mit Verlaub, Großmeister —" Brannoks Stimme zitterte, nicht aus Angst, sondern aus einer Überzeugung, die tief genug saß, um selbst die Androhung von Disziplinarmaßnahmen zu überstehen. „Ich habe geschworen, die Gefallenen zu jagen, bis nicht einer mehr frei ist. Dieser Mann ist der Erste unter ihnen. Wie kann ich diesen Schwur ehren, während ich untätig zusehe, wie er wie ein geehrter Gast durch unser eigenes Schiff reist?"
Es war Luther selbst, der die Situation schließlich entschärfte, seine Stimme ruhig, fast sanft, während er den Sergeant direkt ansah, die Klinge noch immer an seiner Kehle. „Er hat recht, Großmeister", sagte er. „Sein Schwur ist gültig. Meine Existenz widerspricht ihm. Ich werde nicht gegen ihn kämpfen, wenn er sich entscheidet, ihn zu erfüllen." Er schloss die Augen, eine Geste vollständiger Kapitulation, die Bariel eine Gänsehaut über seine gesamte Rüstung laufen ließ.
Cassiel trat vor, seine Hand auf Brannoks Klingenarm, nicht mit Gewalt, sondern mit der ruhigen Festigkeit eines Mannes, der die volle Last seines Ranges trug. „Kein Bruder unter meinem Kommando tötet einen ungefesselten, kapitulierenden Gefangenen ohne meinen ausdrücklichen Befehl, Sergeant, unabhängig davon, welchen Namen dieser Gefangene trägt. Senken Sie Ihre Klinge. Das ist ein Befehl, kein Vorschlag."
Brannok gehorchte, schließlich, seine Hand zitternd, während er zurücktrat, sein Gesicht eine Maske aus Scham und ungelöster Überzeugung zugleich. Bariel sah, wie Cassiel später mit ihm sprach, privat, außerhalb von Bariels Hörweite, und wusste, dass diese eine Nacht, dieser eine Beinaheunfall, mehr über die Zerrissenheit ihres Ordens offenbart hatte als jede philosophische Debatte, die sie in der Kammer von Sethrak Vier geführt hatten. Zehntausend Jahre Doktrin ließen sich nicht in elf Tagen einer Reise ändern, ganz gleich, welche Entscheidung ein einzelner Großmeister traf.
Die Reise zurück durch den Warp dauerte elf Tage, und in dieser Zeit lernte Bariel mehr über Luther, als zehntausend Jahre Ordenschronik ihm je vermittelt hatten.
Sie hatten ihn nicht gefesselt — ein Kompromiss, den Cassiel nach langem inneren Ringen akzeptiert hatte, unter der Bedingung, dass Luther in einer gesicherten, aber nicht gekerkerten Kammer der Sturmklinge reiste, unter ständiger Bewachung, aber ohne die Ketten, die zehntausend Jahre seiner Existenz definiert hatten. Es war eine Entscheidung, die Cassiel gegenüber seinen eigenen Offizieren mehrmals rechtfertigen musste, und die, wie Bariel in den stillen Momenten zwischen den Wachen bemerkte, den Großmeister selbst mehr kostete, als er zugeben wollte.
„Du fragst dich, ob ich einen Fehler mache", sagte Cassiel am vierten Tag, als er und Bariel gemeinsam vor Luthers Kammer Wache hielten, während der Arch-Verräter im Inneren in einer Art Meditation verharrte, die kein bekanntes Ritual des Ordens zu sein schien.
„Ich frage mich, ob es überhaupt eine Möglichkeit gab, keinen Fehler zu machen", antwortete Bariel ehrlich. „Jede Entscheidung, die wir auf Sethrak Vier hätten treffen können, hätte etwas riskiert, das wir nicht vollständig kontrollieren konnten."
„Das ist die Wahrheit, mit der ich mich seit vier Tagen zu versöhnen versuche." Cassiel sah durch das kleine Sichtfenster der Kammer, wo Luther, reglos, in einer Haltung saß, die eher an einen betenden Mönch als an den gefürchtetsten Verräter der Ordensgeschichte erinnerte. „Weißt du, was mich am meisten beunruhigt, Bariel? Nicht die Möglichkeit, dass er lügt. Ich habe zehntausend Jahre Doktrin studiert, die mich darauf vorbereitet hat, mit Lügnern umzugehen. Was mich beunruhigt, ist die Möglichkeit, dass er die Wahrheit sagt — und dass wir, die Unversöhnten, in zehntausend Jahren nie einen Weg gefunden haben, mit dieser Wahrheit umzugehen, weil unsere gesamte Existenz auf der Gewissheit aufgebaut war, dass es keine gab."
Am siebten Tag bat Luther um ein Gespräch mit Bariel allein, eine Bitte, die Cassiel nur widerwillig genehmigte, unter der Bedingung, dass zwei Deathwing-Terminatoren unmittelbar außerhalb der Kammer postiert blieben.
„Du bist der Erste, der mir wirklich zugehört hat, seit ich frei bin", sagte Luther, als Bariel die Kammer betrat, die kleine, uralte Klinge noch immer in einem Tuch gewickelt neben ihm liegend, als wäre sie eine Reliquie, die er nicht wagte, zu weit von sich zu legen. „Jeder andere Interrogator, dem ich in zehntausend Jahren begegnet bin, kam mit einer Frage, deren Antwort er bereits zu kennen glaubte. Du kamst mit einer Frage, auf die du wirklich eine Antwort wolltest."
„Das ist mein Amt", sagte Bariel, obwohl er wusste, dass es mehr war als das, und dass Luther es ebenfalls wusste.
„Ist es das? Oder ist es etwas, das du selbst gewählt hast, in einer Weise, die dein Amt dir nicht vorgeschrieben hat?" Luthers Blick war scharf, trotz der Müdigkeit, die seine Züge zeichnete. „Ich frage, weil ich glaube, dass du eine der wenigen Personen in deinem gesamten Orden bist, die bereit sein könnten, eine Wahrheit zu hören, die selbst der Löwe vielleicht nicht mehr hören will, wenn ich ihm gegenübertrete."
„Welche Wahrheit?"
Luther schwieg lange, seine Hand über die verhüllte Klinge gleitend. „Dass ich nicht der Einzige war, der an jenem Tag auf Caliban etwas verlor, das nie wiederhergestellt werden konnte", sagte er schließlich. „Der Löwe verlor seinen Vater — nicht den Emperor, sondern mich, den Mann, der ihn tatsächlich großzog, der ihn fütterte, der ihn lehrte, bevor irgendjemand von Primarchen wusste. Und ich glaube, dass diese Wahrheit, so unbequem sie auch ist, wichtiger sein könnte für das, was als Nächstes zwischen uns geschieht, als jede Frage von Schuld oder Vergebung, die eure Doktrin für relevant hält."
Bariel trug diese Worte mit sich, während die Reise weiterging, unfähig, sie vollständig in das Raster seiner eigenen Ausbildung einzuordnen, und wusste, mit wachsender Gewissheit, dass er, was auch immer als Nächstes geschah, nie wieder mit derselben Klarheit über die Gefallenen denken würde, mit der er diese Jagd begonnen hatte.
Am neunten Tag der Reise geschah etwas, das Bariel später als den eigentlichen Wendepunkt seines eigenen Verständnisses betrachten würde. Ein Alarm durchlief die Sturmklinge — keine äußere Bedrohung, sondern eine interne: drei Brüder der Wache, unter ihnen der Sergeant Brannok, der Cassiels Entscheidung von Anfang an offen infrage gestellt hatte, hatten versucht, eigenmächtig in Luthers Kammer einzudringen, bewaffnet, mit der erklärten Absicht, die „Doktrin wiederherzustellen", die sie in Cassiels Zögern verraten sahen.
Bariel erreichte die Kammer, gemeinsam mit Cassiel, gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass die Situation in offene Gewalt umschlug. Luther selbst hatte sich nicht verteidigt, nicht einmal, als Brannoks Klinge bereits gegen seine Kehle gerichtet war — eine Tatsache, die Bariel mehr überzeugte als jedes Wort, das der Arch-Verräter in den vorangegangenen Tagen gesprochen hatte.
„Sergeant Brannok." Cassiels Stimme war eisig, mit einer Autorität, die keinen Zweifel an den Konsequenzen des Ungehorsams ließ. „Sie stehen kurz davor, einen direkten Befehl Ihres Großmeisters zu missachten, in einer Angelegenheit, die vom Obersten Großmeister selbst sanktioniert wurde."
„Mit Verlaub, Großmeister —" Brannoks Stimme zitterte, nicht aus Angst, sondern aus einer Überzeugung, die tief genug saß, um selbst die Androhung von Disziplinarmaßnahmen zu überstehen. „Ich habe geschworen, die Gefallenen zu jagen, bis nicht einer mehr frei ist. Dieser Mann ist der Erste unter ihnen. Wie kann ich diesen Schwur ehren, während ich untätig zusehe, wie er wie ein geehrter Gast durch unser eigenes Schiff reist?"
Es war Luther selbst, der die Situation schließlich entschärfte, seine Stimme ruhig, fast sanft, während er den Sergeant direkt ansah, die Klinge noch immer an seiner Kehle. „Er hat recht, Großmeister", sagte er. „Sein Schwur ist gültig. Meine Existenz widerspricht ihm. Ich werde nicht gegen ihn kämpfen, wenn er sich entscheidet, ihn zu erfüllen." Er schloss die Augen, eine Geste vollständiger Kapitulation, die Bariel eine Gänsehaut über seine gesamte Rüstung laufen ließ.
Cassiel trat vor, seine Hand auf Brannoks Klingenarm, nicht mit Gewalt, sondern mit der ruhigen Festigkeit eines Mannes, der die volle Last seines Ranges trug. „Kein Bruder unter meinem Kommando tötet einen ungefesselten, kapitulierenden Gefangenen ohne meinen ausdrücklichen Befehl, Sergeant, unabhängig davon, welchen Namen dieser Gefangene trägt. Senken Sie Ihre Klinge. Das ist ein Befehl, kein Vorschlag."
Brannok gehorchte, schließlich, seine Hand zitternd, während er zurücktrat, sein Gesicht eine Maske aus Scham und ungelöster Überzeugung zugleich. Bariel sah, wie Cassiel später mit ihm sprach, privat, außerhalb von Bariels Hörweite, und wusste, dass diese eine Nacht, dieser eine Beinaheunfall, mehr über die Zerrissenheit ihres Ordens offenbart hatte als jede philosophische Debatte, die sie in der Kammer von Sethrak Vier geführt hatten. Zehntausend Jahre Doktrin ließen sich nicht in elf Tagen einer Reise ändern, ganz gleich, welche Entscheidung ein einzelner Großmeister traf.
XIII. DIE ENTSCHEIDUNG DES OBERSTEN GROSSMEISTERSXIII. DIE ENTSCHEIDUNG DES OBERSTEN GROSSMEISTERS
Sie erreichten den vereinbarten Treffpunkt am elften Tag — nicht den Fels selbst, den Cassiel aus Gründen, die er nicht vollständig erklärte, zu meiden beschlossen hatte, sondern eine kleine, unbewaffnete Beobachtungsstation am Rand eines toten Systems, bekannt nur einer Handvoll höchster Offiziere des Ordens.
Der Oberste Großmeister selbst erschien nicht persönlich — eine Abwesenheit, die Bariel zunächst als Zurückweisung interpretierte, bis Cassiel ihm erklärte, dass die bloße physische Anwesenheit des Obersten Großmeisters an einem Ort, der mit Luthers Freilassung in Verbindung stand, ein Risiko darstellte, das selbst in dieser außergewöhnlichen Situation nicht gerechtfertigt werden konnte. Stattdessen erschien eine kleine, verhüllte Gestalt — einer der Wächter im Dunkel, jene rätselhaften, nichtmenschlichen Diener, die seit den Tagen von Caliban selbst im Dienst des Ordens standen, ihre Loyalität älter und tiefer verwurzelt als jede Doktrin, die je niedergeschrieben worden war.
Die Kommunikation, die folgte, verlief nicht in Worten, wie Bariel sie verstand, sondern in einer Art übermittelter Gewissheit, die er später nicht vollständig in Sprache übersetzen konnte, als er versuchte, den Moment in seinem eigenen Interrogationsbericht festzuhalten. Der Wächter betrachtete Luther lange, ohne sichtbare Reaktion, dann wandte er sich zu Cassiel, und irgendwie — Bariel würde nie verstehen, wie genau — wusste jeder Anwesende, dass eine Entscheidung getroffen worden war.
„Luther wird nicht zurück zum Fels gebracht", verkündete Cassiel schließlich, seine Stimme schwer mit der Last dessen, was er soeben empfangen hatte. „Der Oberste Großmeister hat entschieden, dass die Frage seines Schicksals nicht länger allein in der Autorität eines einzelnen Ordens liegen kann, nicht während der Löwe selbst lebt und regiert. Luther wird unter Bewachung zu einem neutralen Ort gebracht — einem, den nur der Innere Zirkel kennt —, um dort zu warten, bis eine direkte Kommunikation mit dem Löwen selbst hergestellt werden kann."
„Und die hundertsiebzig Gefallenen, die er gesammelt hat?", fragte Bariel.
„Werden vorerst nicht weiter gejagt, sofern sie sich nicht aktiv gegen das Imperium wenden." Cassiels Stimme trug eine unverkennbare Fassungslosigkeit über die Worte, die er selbst aussprach — eine so radikale Abweichung von zehntausend Jahren ununterbrochener Doktrin, dass selbst er, ein Großmeister der Deathwing, Mühe hatte, sie vollständig zu begreifen. „Das ist eine vorläufige Entscheidung, keine endgültige Begnadigung. Aber es ist mehr, als irgendjemand in unserem Orden seit der Fall von Caliban für möglich gehalten hätte."
Luther, der die gesamte Kommunikation schweigend beobachtet hatte, senkte den Kopf — eine Geste, die Bariel in diesem Moment nicht als Unterwerfung, sondern als etwas Nahes an Dankbarkeit las.
„Ich werde warten", sagte er einfach. „Ich habe zehntausend Jahre gewartet. Ein wenig länger wird mich nicht brechen, jetzt, da ich weiß, dass es tatsächlich einen Weg gibt, der nicht in weiterem Blutvergießen endet."
Als der Wächter im Dunkel sich zum Gehen wandte, hielt er inne und wandte sich, zum ersten Mal seit Beginn der Begegnung, direkt an Bariel — eine Geste, die selbst Cassiel überraschte, denn die Wächter kommunizierten selten direkt mit jemandem unterhalb des Ranges eines Großmeisters.
Was Bariel in diesem Moment empfing, war keine Stimme, sondern etwas Direkteres — eine Gewissheit, die sich in seinem Bewusstsein festsetzte, so klar, als wäre sie immer dort gewesen: *Der Weiße Wanderer bewegt sich auf ein Ziel zu, das noch niemand von uns vollständig versteht. Du hast ihm zugehört, als andere nur jagten. Der Oberste Großmeister erwartet, dass du diese Fähigkeit noch einmal einsetzt, bevor diese Geschichte ihr Ende findet.*
„Ich soll Cypher finden", sagte Bariel laut, mehr zu sich selbst als zu den anderen in der Kammer.
„Das ist der Auftrag, den der Oberste Großmeister dir erteilt, ja." Cassiel sah ihn an, mit einem Ausdruck, der zwischen Besorgnis und einer Art widerwilligem Respekt lag. „Von allen Aufträgen, die ein Interrogator-Ordenspriester je erhalten hat, Bariel, ist dies vielleicht der gefährlichste — und der wichtigste. Zehntausend Jahre lang hat unser Orden Cypher gejagt, ohne ihn je zu fassen, ohne je zu verstehen, was er wirklich will. Wenn irgendjemand eine Chance hat, das zu ändern, dann, glaube ich, bist du es — nicht, weil du der beste Jäger bist, den wir haben, sondern weil du der Erste bist, der bereit war, wirklich zuzuhören."
Bariel sah ein letztes Mal zu Luther, der in seiner gesicherten Kammer zurückblieb, die kleine Klinge noch immer fest an sich gepresst, ein Mann, der zehntausend Jahre auf diesen einen Moment der Hoffnung gewartet hatte. Dann wandte er sich zur Bereitstellung seines eigenen Shuttles, wissend, dass die nächste Etappe seiner Jagd ihn tiefer in die Geheimnisse seines Ordens führen würde, als er es sich je hätte vorstellen können.
Bevor er die Beobachtungsstation verließ, suchte er noch einmal Cassiel auf, der allein auf einer schmalen Aussichtsplattform stand, seinen Blick auf das tote System gerichtet, das sie für diesen historischen, geheim gehaltenen Austausch gewählt hatten.
„Wirst du für deine Entscheidung zur Rechenschaft gezogen werden?", fragte Bariel.
„Wahrscheinlich, irgendwann." Cassiel wandte sich nicht um, seine Stimme ruhig mit der Akzeptanz eines Mannes, der die möglichen Konsequenzen bereits lange bedacht hatte. „Es gibt Brüder in dieser Flotte — Brannok ist nicht der Einzige —, die glauben, dass ich unseren gesamten Orden in Gefahr gebracht habe, indem ich Luther nicht sofort in Ketten legte. Vielleicht haben sie recht. Ich werde es erst wissen, wenn diese Geschichte ihr Ende gefunden hat, und ich bin nicht sicher, ob ich diesen Tag erleben werde."
„Bereust du es?"
Cassiel schwieg lange, während die fernen, toten Sterne des Systems ihr schwaches Licht durch das Sichtfenster warfen. „Nein", sagte er schließlich. „Nicht, weil ich sicher bin, dass ich richtig gehandelt habe. Sondern weil ich zum ersten Mal seit meiner Erhebung zum Großmeister das Gefühl habe, tatsächlich eine Entscheidung getroffen zu haben, statt nur eine Doktrin auszuführen, die andere vor zehntausend Jahren für mich getroffen haben. Das ist vielleicht der einzige Trost, den ich aus dieser ganzen Angelegenheit ziehen kann, Bariel — und er wird nicht ausreichen, sollte sich herausstellen, dass ich mich geirrt habe."
Er wandte sich schließlich zu Bariel, seine Hand kurz auf die Schulter des Interrogator-Ordenspriesters gelegt, eine Geste der Kameradschaft, die zwischen ihnen selten war. „Finde Cypher, Bariel. Und wenn du ihn findest, höre ihm zu, so wie du Luther zugehört hast — nicht, weil deine Doktrin es verlangt, sondern weil du, wie ich in den letzten elf Tagen gelernt habe, tatsächlich einer der wenigen unter uns bist, die es können, ohne sich selbst dabei zu verlieren."
**ENDE VON TEIL I**
*Nachwort: Diese Novelle lässt bewusst offen, ob Luthers Absichten wirklich so aufrichtig sind, wie er sie darstellt, oder ob zehntausend Jahre Gefangenschaft und Chaos-Korruption eine Täuschung geschaffen haben, die selbst er nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden kann. Ebenso bleibt Cyphers wahre Natur — Verbündeter, Verräter, oder etwas, das sich keiner dieser Kategorien fügt — bewusst ungelöst. Das ist Absicht: Manche Geheimnisse des Warhammer-40.000-Universums sind mächtiger, weil sie nie vollständig aufgelöst werden. Teil II, „Das zerbrochene Schwert", folgt Interrogator-Ordenspriester Bariel auf seiner eigenen Jagd nach Cypher — einer Jagd, die ihn tiefer in die Widersprüche seines eigenen Ordens führen wird, als er es sich je hätte vorstellen können.*
Sie erreichten den vereinbarten Treffpunkt am elften Tag — nicht den Fels selbst, den Cassiel aus Gründen, die er nicht vollständig erklärte, zu meiden beschlossen hatte, sondern eine kleine, unbewaffnete Beobachtungsstation am Rand eines toten Systems, bekannt nur einer Handvoll höchster Offiziere des Ordens.
Der Oberste Großmeister selbst erschien nicht persönlich — eine Abwesenheit, die Bariel zunächst als Zurückweisung interpretierte, bis Cassiel ihm erklärte, dass die bloße physische Anwesenheit des Obersten Großmeisters an einem Ort, der mit Luthers Freilassung in Verbindung stand, ein Risiko darstellte, das selbst in dieser außergewöhnlichen Situation nicht gerechtfertigt werden konnte. Stattdessen erschien eine kleine, verhüllte Gestalt — einer der Wächter im Dunkel, jene rätselhaften, nichtmenschlichen Diener, die seit den Tagen von Caliban selbst im Dienst des Ordens standen, ihre Loyalität älter und tiefer verwurzelt als jede Doktrin, die je niedergeschrieben worden war.
Die Kommunikation, die folgte, verlief nicht in Worten, wie Bariel sie verstand, sondern in einer Art übermittelter Gewissheit, die er später nicht vollständig in Sprache übersetzen konnte, als er versuchte, den Moment in seinem eigenen Interrogationsbericht festzuhalten. Der Wächter betrachtete Luther lange, ohne sichtbare Reaktion, dann wandte er sich zu Cassiel, und irgendwie — Bariel würde nie verstehen, wie genau — wusste jeder Anwesende, dass eine Entscheidung getroffen worden war.
„Luther wird nicht zurück zum Fels gebracht", verkündete Cassiel schließlich, seine Stimme schwer mit der Last dessen, was er soeben empfangen hatte. „Der Oberste Großmeister hat entschieden, dass die Frage seines Schicksals nicht länger allein in der Autorität eines einzelnen Ordens liegen kann, nicht während der Löwe selbst lebt und regiert. Luther wird unter Bewachung zu einem neutralen Ort gebracht — einem, den nur der Innere Zirkel kennt —, um dort zu warten, bis eine direkte Kommunikation mit dem Löwen selbst hergestellt werden kann."
„Und die hundertsiebzig Gefallenen, die er gesammelt hat?", fragte Bariel.
„Werden vorerst nicht weiter gejagt, sofern sie sich nicht aktiv gegen das Imperium wenden." Cassiels Stimme trug eine unverkennbare Fassungslosigkeit über die Worte, die er selbst aussprach — eine so radikale Abweichung von zehntausend Jahren ununterbrochener Doktrin, dass selbst er, ein Großmeister der Deathwing, Mühe hatte, sie vollständig zu begreifen. „Das ist eine vorläufige Entscheidung, keine endgültige Begnadigung. Aber es ist mehr, als irgendjemand in unserem Orden seit der Fall von Caliban für möglich gehalten hätte."
Luther, der die gesamte Kommunikation schweigend beobachtet hatte, senkte den Kopf — eine Geste, die Bariel in diesem Moment nicht als Unterwerfung, sondern als etwas Nahes an Dankbarkeit las.
„Ich werde warten", sagte er einfach. „Ich habe zehntausend Jahre gewartet. Ein wenig länger wird mich nicht brechen, jetzt, da ich weiß, dass es tatsächlich einen Weg gibt, der nicht in weiterem Blutvergießen endet."
Als der Wächter im Dunkel sich zum Gehen wandte, hielt er inne und wandte sich, zum ersten Mal seit Beginn der Begegnung, direkt an Bariel — eine Geste, die selbst Cassiel überraschte, denn die Wächter kommunizierten selten direkt mit jemandem unterhalb des Ranges eines Großmeisters.
Was Bariel in diesem Moment empfing, war keine Stimme, sondern etwas Direkteres — eine Gewissheit, die sich in seinem Bewusstsein festsetzte, so klar, als wäre sie immer dort gewesen: *Der Weiße Wanderer bewegt sich auf ein Ziel zu, das noch niemand von uns vollständig versteht. Du hast ihm zugehört, als andere nur jagten. Der Oberste Großmeister erwartet, dass du diese Fähigkeit noch einmal einsetzt, bevor diese Geschichte ihr Ende findet.*
„Ich soll Cypher finden", sagte Bariel laut, mehr zu sich selbst als zu den anderen in der Kammer.
„Das ist der Auftrag, den der Oberste Großmeister dir erteilt, ja." Cassiel sah ihn an, mit einem Ausdruck, der zwischen Besorgnis und einer Art widerwilligem Respekt lag. „Von allen Aufträgen, die ein Interrogator-Ordenspriester je erhalten hat, Bariel, ist dies vielleicht der gefährlichste — und der wichtigste. Zehntausend Jahre lang hat unser Orden Cypher gejagt, ohne ihn je zu fassen, ohne je zu verstehen, was er wirklich will. Wenn irgendjemand eine Chance hat, das zu ändern, dann, glaube ich, bist du es — nicht, weil du der beste Jäger bist, den wir haben, sondern weil du der Erste bist, der bereit war, wirklich zuzuhören."
Bariel sah ein letztes Mal zu Luther, der in seiner gesicherten Kammer zurückblieb, die kleine Klinge noch immer fest an sich gepresst, ein Mann, der zehntausend Jahre auf diesen einen Moment der Hoffnung gewartet hatte. Dann wandte er sich zur Bereitstellung seines eigenen Shuttles, wissend, dass die nächste Etappe seiner Jagd ihn tiefer in die Geheimnisse seines Ordens führen würde, als er es sich je hätte vorstellen können.
Bevor er die Beobachtungsstation verließ, suchte er noch einmal Cassiel auf, der allein auf einer schmalen Aussichtsplattform stand, seinen Blick auf das tote System gerichtet, das sie für diesen historischen, geheim gehaltenen Austausch gewählt hatten.
„Wirst du für deine Entscheidung zur Rechenschaft gezogen werden?", fragte Bariel.
„Wahrscheinlich, irgendwann." Cassiel wandte sich nicht um, seine Stimme ruhig mit der Akzeptanz eines Mannes, der die möglichen Konsequenzen bereits lange bedacht hatte. „Es gibt Brüder in dieser Flotte — Brannok ist nicht der Einzige —, die glauben, dass ich unseren gesamten Orden in Gefahr gebracht habe, indem ich Luther nicht sofort in Ketten legte. Vielleicht haben sie recht. Ich werde es erst wissen, wenn diese Geschichte ihr Ende gefunden hat, und ich bin nicht sicher, ob ich diesen Tag erleben werde."
„Bereust du es?"
Cassiel schwieg lange, während die fernen, toten Sterne des Systems ihr schwaches Licht durch das Sichtfenster warfen. „Nein", sagte er schließlich. „Nicht, weil ich sicher bin, dass ich richtig gehandelt habe. Sondern weil ich zum ersten Mal seit meiner Erhebung zum Großmeister das Gefühl habe, tatsächlich eine Entscheidung getroffen zu haben, statt nur eine Doktrin auszuführen, die andere vor zehntausend Jahren für mich getroffen haben. Das ist vielleicht der einzige Trost, den ich aus dieser ganzen Angelegenheit ziehen kann, Bariel — und er wird nicht ausreichen, sollte sich herausstellen, dass ich mich geirrt habe."
Er wandte sich schließlich zu Bariel, seine Hand kurz auf die Schulter des Interrogator-Ordenspriesters gelegt, eine Geste der Kameradschaft, die zwischen ihnen selten war. „Finde Cypher, Bariel. Und wenn du ihn findest, höre ihm zu, so wie du Luther zugehört hast — nicht, weil deine Doktrin es verlangt, sondern weil du, wie ich in den letzten elf Tagen gelernt habe, tatsächlich einer der wenigen unter uns bist, die es können, ohne sich selbst dabei zu verlieren."
**ENDE VON TEIL I**
*Nachwort: Diese Novelle lässt bewusst offen, ob Luthers Absichten wirklich so aufrichtig sind, wie er sie darstellt, oder ob zehntausend Jahre Gefangenschaft und Chaos-Korruption eine Täuschung geschaffen haben, die selbst er nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden kann. Ebenso bleibt Cyphers wahre Natur — Verbündeter, Verräter, oder etwas, das sich keiner dieser Kategorien fügt — bewusst ungelöst. Das ist Absicht: Manche Geheimnisse des Warhammer-40.000-Universums sind mächtiger, weil sie nie vollständig aufgelöst werden. Teil II, „Das zerbrochene Schwert", folgt Interrogator-Ordenspriester Bariel auf seiner eigenen Jagd nach Cypher — einer Jagd, die ihn tiefer in die Widersprüche seines eigenen Ordens führen wird, als er es sich je hätte vorstellen können.*
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