Die SchwebelisteThe Pending Roll

Astra Militarum (Munitorum)Astra Militarum (Munitorum)

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„Das Imperium vergaß seine Toten nicht. Es hatte nur nie gelernt, damit aufzuhören, sie zu versorgen."

„The Imperium did not forget its dead. It had simply never learned to stop supplying them."

Der AbgleichThe Reconciliation

Die Kanzlei kannte keine Nacht, nur Schichten, und Ilsabet Krell hatte gelernt, den Unterschied nicht mehr zu vermissen.

Sechzehn Stunden am Pult. Dann sechs auf einer Pritsche in einer Kammer, die sie mit drei anderen Subadjutrices teilte, von denen sie zwei nie wach gesehen hatte. Dann wieder sechzehn. Das Ordinat Vhess hing seit zweihundert Jahren im hohen Orbit über Belthane und rechnete den Krieg nach, den andere geführt hatten. Es rechnete langsam. Es rechnete gründlich. Es war nie fertig geworden.

Vor ihr, in der zweiten Reihe des Ostflügels, stapelte sich der Zobelmark-Feldzug in siebenundneunzig Bänden.

Ilsabet schlug Band einundvierzig auf und begann.

Es war einfache Arbeit, wenn man den Kniff verstand. Links die Anforderungen: was ein Regiment beim Munitorum abgerufen hatte. Rechts die Verlustmeldungen: wie viele davon noch lebten, um es zu verbrauchen. Dazwischen zog man einen Strich, und wenn die Zahlen sich trugen, setzte man das Siegel und legte den Band auf den Ausgangsstapel. Trugen sie sich nicht, schrieb man einen Vermerk und schickte den Band zwei Stockwerke höher, wo jemand mit einem längeren Titel sich damit beschäftigte.

Ilsabet setzte im Schnitt vierzig Siegel pro Schicht. Sie schrieb selten Vermerke. Vermerke waren ein Eingeständnis, dass man mit den Zahlen nicht fertiggeworden war, und die Zahlen waren das Einzige an diesem Ort, mit dem man fertigwerden konnte.

Um die elfte Stunde stieß sie auf die Einundvierzigsten.

*41. Belthaner Grabenschützen.* Ein Regiment von der Welt unter ihnen, ausgehoben im Jahr 812, verschifft in den Zobelmark, dort eingesetzt gegen — der Band ließ es offen, was im Zobelmark eingesetzt worden war. Das kam vor. Manche Feindnennungen wurden nachträglich getilgt, und man lernte früh, die geschwärzten Stellen nicht anzusehen wie eine Frage, sondern wie eine Wand.

Links: Anforderungen. Rationen, Munition, Filtermasken, Winterausrüstung, wieder Rationen. Eine ordentliche, gleichmäßige Spalte, Quartal für Quartal, bis hinunter zum laufenden Jahr.

Rechts: Verlustmeldungen.

Ilsabet las die rechte Spalte zweimal. Dann legte sie den Federhalter hin.

Zweitausendachthundert Mann waren in den Zobelmark verschifft worden. Zweitausendachthundert waren gefallen. Die letzte Verlustmeldung trug das Datum 819.M41 und die Unterschrift eines Kommissars, dessen Name so gründlich verwischt war, dass nur der Rang stehen geblieben war.

Und darunter, achtundzwanzig Jahre lang, ohne Unterbrechung, ohne einen einzigen fehlenden Quartalsposten: Rationen. Munition. Filtermasken. Winterausrüstung.

Ein Regiment, das seit achtundzwanzig Jahren kein Regiment mehr war, hatte weiter gegessen.

Die Kanzlei kannte keine Nacht, nur Schichten, und Ilsabet Krell hatte gelernt, den Unterschied nicht mehr zu vermissen.

Sechzehn Stunden am Pult. Dann sechs auf einer Pritsche in einer Kammer, die sie mit drei anderen Subadjutrices teilte, von denen sie zwei nie wach gesehen hatte. Dann wieder sechzehn. Das Ordinat Vhess hing seit zweihundert Jahren im hohen Orbit über Belthane und rechnete den Krieg nach, den andere geführt hatten. Es rechnete langsam. Es rechnete gründlich. Es war nie fertig geworden.

Vor ihr, in der zweiten Reihe des Ostflügels, stapelte sich der Zobelmark-Feldzug in siebenundneunzig Bänden.

Ilsabet schlug Band einundvierzig auf und begann.

Es war einfache Arbeit, wenn man den Kniff verstand. Links die Anforderungen: was ein Regiment beim Munitorum abgerufen hatte. Rechts die Verlustmeldungen: wie viele davon noch lebten, um es zu verbrauchen. Dazwischen zog man einen Strich, und wenn die Zahlen sich trugen, setzte man das Siegel und legte den Band auf den Ausgangsstapel. Trugen sie sich nicht, schrieb man einen Vermerk und schickte den Band zwei Stockwerke höher, wo jemand mit einem längeren Titel sich damit beschäftigte.

Ilsabet setzte im Schnitt vierzig Siegel pro Schicht. Sie schrieb selten Vermerke. Vermerke waren ein Eingeständnis, dass man mit den Zahlen nicht fertiggeworden war, und die Zahlen waren das Einzige an diesem Ort, mit dem man fertigwerden konnte.

Um die elfte Stunde stieß sie auf die Einundvierzigsten.

*41. Belthaner Grabenschützen.* Ein Regiment von der Welt unter ihnen, ausgehoben im Jahr 812, verschifft in den Zobelmark, dort eingesetzt gegen — der Band ließ es offen, was im Zobelmark eingesetzt worden war. Das kam vor. Manche Feindnennungen wurden nachträglich getilgt, und man lernte früh, die geschwärzten Stellen nicht anzusehen wie eine Frage, sondern wie eine Wand.

Links: Anforderungen. Rationen, Munition, Filtermasken, Winterausrüstung, wieder Rationen. Eine ordentliche, gleichmäßige Spalte, Quartal für Quartal, bis hinunter zum laufenden Jahr.

Rechts: Verlustmeldungen.

Ilsabet las die rechte Spalte zweimal. Dann legte sie den Federhalter hin.

Zweitausendachthundert Mann waren in den Zobelmark verschifft worden. Zweitausendachthundert waren gefallen. Die letzte Verlustmeldung trug das Datum 819.M41 und die Unterschrift eines Kommissars, dessen Name so gründlich verwischt war, dass nur der Rang stehen geblieben war.

Und darunter, achtundzwanzig Jahre lang, ohne Unterbrechung, ohne einen einzigen fehlenden Quartalsposten: Rationen. Munition. Filtermasken. Winterausrüstung.

Ein Regiment, das seit achtundzwanzig Jahren kein Regiment mehr war, hatte weiter gegessen.

Drei GegenprobenThree Counter-Checks

Sie schrieb den Vermerk nicht sofort.

Zuerst holte sie den Band aus dem Jahr 819 und prüfte, ob jemand die Verlustmeldung falsch abgelegt hatte — es kam vor, dass Meldungen in den falschen Feldzug rutschten, und dann fehlte an einer Stelle, was an einer anderen doppelt lag. Die Meldung lag richtig. Sie prüfte, ob ein Ersatzkontingent aufgestellt worden war, das die alte Regimentsnummer weitergeführt hätte. Es war keines aufgestellt worden. Sie prüfte, ob die Anforderungen vielleicht von einer Nachbareinheit unter falscher Nummer gestellt worden waren, und dafür ging sie in den Westflügel und ließ sich von einem Servitor drei Bände heben, die niemand seit vierzehn Jahren angefasst hatte. Der Staub darauf lag gleichmäßig.

Es gab keine Nachbareinheit. Der Zobelmark hatte die Einundvierzigsten verschluckt und sonst nichts, weil sonst nichts dort gewesen war.

Als sie zurück an ihr Pult kam, war ihre Lampe von jemandem gelöscht und wieder angezündet worden, und der Band lag zwei Fingerbreit weiter links, als sie ihn verlassen hatte.

Ilsabet setzte sich sehr langsam.

Dann nahm sie den Federhalter und schrieb den Vermerk.

Sie schrieb den Vermerk nicht sofort.

Zuerst holte sie den Band aus dem Jahr 819 und prüfte, ob jemand die Verlustmeldung falsch abgelegt hatte — es kam vor, dass Meldungen in den falschen Feldzug rutschten, und dann fehlte an einer Stelle, was an einer anderen doppelt lag. Die Meldung lag richtig. Sie prüfte, ob ein Ersatzkontingent aufgestellt worden war, das die alte Regimentsnummer weitergeführt hätte. Es war keines aufgestellt worden. Sie prüfte, ob die Anforderungen vielleicht von einer Nachbareinheit unter falscher Nummer gestellt worden waren, und dafür ging sie in den Westflügel und ließ sich von einem Servitor drei Bände heben, die niemand seit vierzehn Jahren angefasst hatte. Der Staub darauf lag gleichmäßig.

Es gab keine Nachbareinheit. Der Zobelmark hatte die Einundvierzigsten verschluckt und sonst nichts, weil sonst nichts dort gewesen war.

Als sie zurück an ihr Pult kam, war ihre Lampe von jemandem gelöscht und wieder angezündet worden, und der Band lag zwei Fingerbreit weiter links, als sie ihn verlassen hatte.

Ilsabet setzte sich sehr langsam.

Dann nahm sie den Federhalter und schrieb den Vermerk.

Erster Ordinator MeerFirst Ordinator Meer

Erster Ordinator Callax Meer ließ sie einen halben Tag warten, was, wie sie später begriff, freundlich gemeint war.

Sein Büro lag im Kern der Station, wo die Wände nicht schwitzten. Er war alt auf die Art, wie Verwaltungsleute alt wurden — nicht verbraucht, sondern eingelagert. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag ihr Band, aufgeschlagen an genau der Stelle.

»Subadjutrix Krell.« Er sah nicht auf. »Sie haben sauber gearbeitet.«

»Ordinator.«

»Das ist kein Kompliment. Es ist eine Feststellung.« Er drehte den Band um, so dass sie die eigene Handschrift kopfüber vor sich sah. »Sie haben drei Gegenproben gemacht, bevor Sie geschrieben haben. Die meisten machen keine. Die meisten sehen die Lücke und schreiben, und dann kommt der Band zu mir, und ich schicke ihn zurück, weil in Wahrheit nur eine Meldung falsch abgelegt war. Ihrer kommt nicht zurück.«

Etwas in Ilsabets Brust löste sich, und einen Atemzug lang war sie stolz.

»Und deshalb«, sagte Meer, »muss ich Ihnen jetzt erklären, was Sie getan haben.«

Er stand auf und ging zum Sichtfenster. Belthane lag darunter, braun und geädert, eine Welt, die ihre Söhne seit neun Jahrhunderten aushob und sie in Bände wie diesen zurückbekam.

»Was passiert, wenn ich Ihren Vermerk weiterreiche? Sagen Sie es mir. Sie kennen den Dienstweg.«

Sie kannte ihn. »Die Einundvierzigsten werden von der Schwebeliste gestrichen. Das Regiment gilt als erloschen. Die Anforderungen der letzten achtundzwanzig Jahre werden als unrechtmäßig bezogen ausgewiesen.«

»Und dann?«

»Dann sucht jemand, wer sie bezogen hat.«

»Nein.« Meer sagte es ohne Schärfe. »Das ist der Fehler, den Sie machen, und es ist ein anständiger Fehler, deshalb rechne ich ihn Ihnen nicht an. Sie denken, es gäbe einen Dieb. Ein Quartiermeister, der achtundzwanzig Jahre lang Rationen für ein totes Regiment abgerufen und weiterverkauft hat. Das wäre eine Geschichte mit einem Schuldigen darin, und Geschichten mit Schuldigen sind erträglich.«

Er wandte sich um.

»Es gibt keinen Dieb. Die Rationen sind wirklich verladen worden. Sie sind wirklich in den Zobelmark geflogen. Sie sind dort wirklich abgesetzt worden, Quartal für Quartal, achtundzwanzig Jahre lang, auf einer Welt, auf der kein imperialer Soldat mehr steht.«

Ilsabet öffnete den Mund und fand nichts darin.

»Wir nennen es einen Totlauf«, sagte Meer. »Eine Versorgungslinie, die weiterläuft, nachdem das, was an ihrem Ende hing, aufgehört hat zu existieren. Sie entstehen nicht durch Bosheit. Sie entstehen dadurch, dass niemand befugt ist, sie anzuhalten.«

»Aber die Verlustmeldung —«

»Ist eingegangen. Ist abgelegt. Ist nie *verarbeitet* worden.« Er kam zurück zum Schreibtisch und tippte auf den Band. »Um die Einundvierzigsten zu streichen, braucht es einen Fortbestandsvermerk mit Negativbescheid. Den zeichnet der Abgleichausschuss des Sektors. Der Ausschuss tagt, wenn der Sektorlordkommandant ihn einberuft. Der Sektorlordkommandant beruft ihn ein, wenn ihm ein Feldzug zur abschließenden Bewertung vorgelegt wird. Der Zobelmark-Feldzug ist nie zur abschließenden Bewertung vorgelegt worden.«

»Warum nicht?«

Meer sah sie an, und zum ersten Mal wirkte er müde statt eingelagert.

»Weil er verloren gegangen ist. Nicht der Feldzug — der Feldzug ist verloren *worden*, das ist etwas anderes und kommt oft vor. Der Feldzug selbst ist verloren gegangen. Er steht in keinem Verzeichnis, das der Ausschuss führt. Er steht in siebenundneunzig Bänden in unserem Ostflügel und in keinem einzigen Dokument, das ein Mensch mit Befugnis jemals zu Gesicht bekommt. Und solange er nicht abschließend bewertet ist, bleiben die Einundvierzigsten auf der Schwebeliste. Und solange sie auf der Schwebeliste stehen, sind sie versorgungsberechtigt. Das ist kein Betrug, Subadjutrix. Das ist die Vorschrift, die genau so arbeitet, wie sie geschrieben wurde.«

Die Kanzlei summte um sie herum, zehntausend Federhalter auf zehntausend Bänden.

»Dann korrigiert man die Vorschrift«, sagte Ilsabet.

»Ja«, sagte Meer. »Das ist der Punkt, an dem alle ankommen. Deshalb setze ich mich jetzt hin und erzähle Ihnen, was danach kommt, und Sie hören zu, bis ich fertig bin.«

Erster Ordinator Callax Meer ließ sie einen halben Tag warten, was, wie sie später begriff, freundlich gemeint war.

Sein Büro lag im Kern der Station, wo die Wände nicht schwitzten. Er war alt auf die Art, wie Verwaltungsleute alt wurden — nicht verbraucht, sondern eingelagert. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag ihr Band, aufgeschlagen an genau der Stelle.

»Subadjutrix Krell.« Er sah nicht auf. »Sie haben sauber gearbeitet.«

»Ordinator.«

»Das ist kein Kompliment. Es ist eine Feststellung.« Er drehte den Band um, so dass sie die eigene Handschrift kopfüber vor sich sah. »Sie haben drei Gegenproben gemacht, bevor Sie geschrieben haben. Die meisten machen keine. Die meisten sehen die Lücke und schreiben, und dann kommt der Band zu mir, und ich schicke ihn zurück, weil in Wahrheit nur eine Meldung falsch abgelegt war. Ihrer kommt nicht zurück.«

Etwas in Ilsabets Brust löste sich, und einen Atemzug lang war sie stolz.

»Und deshalb«, sagte Meer, »muss ich Ihnen jetzt erklären, was Sie getan haben.«

Er stand auf und ging zum Sichtfenster. Belthane lag darunter, braun und geädert, eine Welt, die ihre Söhne seit neun Jahrhunderten aushob und sie in Bände wie diesen zurückbekam.

»Was passiert, wenn ich Ihren Vermerk weiterreiche? Sagen Sie es mir. Sie kennen den Dienstweg.«

Sie kannte ihn. »Die Einundvierzigsten werden von der Schwebeliste gestrichen. Das Regiment gilt als erloschen. Die Anforderungen der letzten achtundzwanzig Jahre werden als unrechtmäßig bezogen ausgewiesen.«

»Und dann?«

»Dann sucht jemand, wer sie bezogen hat.«

»Nein.« Meer sagte es ohne Schärfe. »Das ist der Fehler, den Sie machen, und es ist ein anständiger Fehler, deshalb rechne ich ihn Ihnen nicht an. Sie denken, es gäbe einen Dieb. Ein Quartiermeister, der achtundzwanzig Jahre lang Rationen für ein totes Regiment abgerufen und weiterverkauft hat. Das wäre eine Geschichte mit einem Schuldigen darin, und Geschichten mit Schuldigen sind erträglich.«

Er wandte sich um.

»Es gibt keinen Dieb. Die Rationen sind wirklich verladen worden. Sie sind wirklich in den Zobelmark geflogen. Sie sind dort wirklich abgesetzt worden, Quartal für Quartal, achtundzwanzig Jahre lang, auf einer Welt, auf der kein imperialer Soldat mehr steht.«

Ilsabet öffnete den Mund und fand nichts darin.

»Wir nennen es einen Totlauf«, sagte Meer. »Eine Versorgungslinie, die weiterläuft, nachdem das, was an ihrem Ende hing, aufgehört hat zu existieren. Sie entstehen nicht durch Bosheit. Sie entstehen dadurch, dass niemand befugt ist, sie anzuhalten.«

»Aber die Verlustmeldung —«

»Ist eingegangen. Ist abgelegt. Ist nie *verarbeitet* worden.« Er kam zurück zum Schreibtisch und tippte auf den Band. »Um die Einundvierzigsten zu streichen, braucht es einen Fortbestandsvermerk mit Negativbescheid. Den zeichnet der Abgleichausschuss des Sektors. Der Ausschuss tagt, wenn der Sektorlordkommandant ihn einberuft. Der Sektorlordkommandant beruft ihn ein, wenn ihm ein Feldzug zur abschließenden Bewertung vorgelegt wird. Der Zobelmark-Feldzug ist nie zur abschließenden Bewertung vorgelegt worden.«

»Warum nicht?«

Meer sah sie an, und zum ersten Mal wirkte er müde statt eingelagert.

»Weil er verloren gegangen ist. Nicht der Feldzug — der Feldzug ist verloren *worden*, das ist etwas anderes und kommt oft vor. Der Feldzug selbst ist verloren gegangen. Er steht in keinem Verzeichnis, das der Ausschuss führt. Er steht in siebenundneunzig Bänden in unserem Ostflügel und in keinem einzigen Dokument, das ein Mensch mit Befugnis jemals zu Gesicht bekommt. Und solange er nicht abschließend bewertet ist, bleiben die Einundvierzigsten auf der Schwebeliste. Und solange sie auf der Schwebeliste stehen, sind sie versorgungsberechtigt. Das ist kein Betrug, Subadjutrix. Das ist die Vorschrift, die genau so arbeitet, wie sie geschrieben wurde.«

Die Kanzlei summte um sie herum, zehntausend Federhalter auf zehntausend Bänden.

»Dann korrigiert man die Vorschrift«, sagte Ilsabet.

»Ja«, sagte Meer. »Das ist der Punkt, an dem alle ankommen. Deshalb setze ich mich jetzt hin und erzähle Ihnen, was danach kommt, und Sie hören zu, bis ich fertig bin.«

Adjutrix Sekunda SarnAdjutrix Secunda Sarn

Er erzählte ihr von Adjutrix Sekunda Haleth Sarn, die dreiundvierzig Jahre vor ihr an einem Pult im Ostflügel gesessen und dieselbe Sorte Lücke gefunden hatte. Nicht die Einundvierzigsten — die Neunzehnten, eine Panzerabteilung, elftausend Tonnen Treibstoff pro Quartal an einen Ort, an dem nichts mehr fuhr.

Sarn hatte den Vermerk geschrieben. Sarn hatte, als der Vermerk versandete, einen zweiten geschrieben. Sarn hatte, als auch der versandete, den Dienstweg verlassen und eine Eingabe an das Sektorkommissariat gerichtet.

»Was ist mit ihr passiert?«, fragte Ilsabet.

»Nichts.« Meer hielt ihrem Blick stand. »Das ist die Antwort, und ich weiß, dass Sie eine andere erwartet haben. Niemand hat sie geholt. Niemand hat sie erschossen. Die Eingabe wurde entgegengenommen, geprüft und mit dem Bescheid beantwortet, dass der geschilderte Sachverhalt keinen Verstoß erkennen lasse. Was zutrifft. Es *war* kein Verstoß.«

»Und dann?«

»Und dann hat sie weitergearbeitet. Sechsundzwanzig Jahre. Sie hat vierzig Siegel pro Schicht gesetzt, wie Sie, und sie hat nie wieder einen Vermerk geschrieben, weil sie erfahren hatte, dass das Schreiben nichts kostet und nichts bewirkt, und das ist schlimmer als beides einzeln. Sie ist vor siebzehn Jahren gestorben. In ihrer Kammer. Im Schlaf.«

Er schob den Band einen Fingerbreit auf sie zu.

»Ihre Neunzehnten stehen immer noch auf der Schwebeliste. Es fährt immer noch Treibstoff hinaus.«

Er erzählte ihr von Adjutrix Sekunda Haleth Sarn, die dreiundvierzig Jahre vor ihr an einem Pult im Ostflügel gesessen und dieselbe Sorte Lücke gefunden hatte. Nicht die Einundvierzigsten — die Neunzehnten, eine Panzerabteilung, elftausend Tonnen Treibstoff pro Quartal an einen Ort, an dem nichts mehr fuhr.

Sarn hatte den Vermerk geschrieben. Sarn hatte, als der Vermerk versandete, einen zweiten geschrieben. Sarn hatte, als auch der versandete, den Dienstweg verlassen und eine Eingabe an das Sektorkommissariat gerichtet.

»Was ist mit ihr passiert?«, fragte Ilsabet.

»Nichts.« Meer hielt ihrem Blick stand. »Das ist die Antwort, und ich weiß, dass Sie eine andere erwartet haben. Niemand hat sie geholt. Niemand hat sie erschossen. Die Eingabe wurde entgegengenommen, geprüft und mit dem Bescheid beantwortet, dass der geschilderte Sachverhalt keinen Verstoß erkennen lasse. Was zutrifft. Es *war* kein Verstoß.«

»Und dann?«

»Und dann hat sie weitergearbeitet. Sechsundzwanzig Jahre. Sie hat vierzig Siegel pro Schicht gesetzt, wie Sie, und sie hat nie wieder einen Vermerk geschrieben, weil sie erfahren hatte, dass das Schreiben nichts kostet und nichts bewirkt, und das ist schlimmer als beides einzeln. Sie ist vor siebzehn Jahren gestorben. In ihrer Kammer. Im Schlaf.«

Er schob den Band einen Fingerbreit auf sie zu.

»Ihre Neunzehnten stehen immer noch auf der Schwebeliste. Es fährt immer noch Treibstoff hinaus.«

Die StammrollenThe Muster Rolls

Sie ging nicht schlafen.

Im untersten Geschoss des Ostflügels lagerten die Stammrollen, und weil Stammrollen niemanden interessierten — sie enthielten keine Zahlen, die sich abgleichen ließen —, brannte dort nur jede vierte Lampe. Ilsabet trug ihre eigene.

Die Rolle der Einundvierzigsten füllte zwei Kästen. Sie hob den ersten auf den Boden, setzte sich daneben und schlug ihn auf.

Namen.

Sie hatte gewusst, dass es Namen sein würden. Sie hatte in acht Dienstjahren nie einen gelesen.

*Belthaner Aushebung 812, Bezirk Ostwall-Neun. Vergen, Tobas, Sohn des Vergen, Tobas. Alter neunzehn. Beruf: Tiefpumpenwart. Kein Schreiben, kein Lesen.*

*Salt, Meriel. Alter siebzehn. Beruf: keiner angegeben. Vermerk des Aushebers: bringt eine Schwester mit, will nicht ohne. Schwester abgewiesen.*

*Kolb, Anselm. Alter vierundvierzig. Beruf: Bandagenweber. Vermerk des Aushebers: über Aushebealter, meldet sich freiwillig, gibt an, seine drei Söhne seien 809 ausgehoben worden und er wolle sie suchen.*

Ilsabet las eine Stunde. Dann zwei. Die Handschrift wechselte alle paar Seiten, weil das Ausheben schneller ging, als ein Schreiber schreiben konnte, und irgendwo bei Seite vierhundert hörte einer der Schreiber auf, die Berufe zu vermerken, und danach standen nur noch Namen und Alter, Namen und Alter, bis zum Ende des zweiten Kastens.

Sie schlug den Kasten zu und blieb sitzen.

Meer hatte recht gehabt, und das war das Unerträgliche daran. Es gab keinen Dieb. Es gab keinen Verrat, keine Verschwörung, kein Gesicht, dem man etwas hätte vorwerfen können. Es gab eine Vorschrift, die genau so arbeitete, wie sie geschrieben worden war, und an ihrem einen Ende hatte ein Ausheber im Bezirk Ostwall-Neun einem siebzehnjährigen Mädchen die Schwester abgewiesen, und an ihrem anderen Ende landete achtundzwanzig Jahre später ein Frachter auf einer leeren Welt.

Dazwischen lag nichts. Kein Bösewicht. Nur Verfahren.

Sie hatte immer geglaubt, das Imperium sei grausam. Auf dem Boden zwischen zwei Kästen, um die zweiundzwanzigste Stunde, verstand sie, dass es das nicht war. Grausamkeit setzte voraus, dass irgendwo jemand hinsah. Das hier sah nicht hin. Das hier hatte nie hingesehen, und es war zweitausendachthundert Mann tief.

Ihr wurde klar, dass sie den Vermerk aus dem falschen Grund geschrieben hatte. Sie hatte ihn geschrieben, weil die Spalten nicht aufgingen.

Sie ging nicht schlafen.

Im untersten Geschoss des Ostflügels lagerten die Stammrollen, und weil Stammrollen niemanden interessierten — sie enthielten keine Zahlen, die sich abgleichen ließen —, brannte dort nur jede vierte Lampe. Ilsabet trug ihre eigene.

Die Rolle der Einundvierzigsten füllte zwei Kästen. Sie hob den ersten auf den Boden, setzte sich daneben und schlug ihn auf.

Namen.

Sie hatte gewusst, dass es Namen sein würden. Sie hatte in acht Dienstjahren nie einen gelesen.

*Belthaner Aushebung 812, Bezirk Ostwall-Neun. Vergen, Tobas, Sohn des Vergen, Tobas. Alter neunzehn. Beruf: Tiefpumpenwart. Kein Schreiben, kein Lesen.*

*Salt, Meriel. Alter siebzehn. Beruf: keiner angegeben. Vermerk des Aushebers: bringt eine Schwester mit, will nicht ohne. Schwester abgewiesen.*

*Kolb, Anselm. Alter vierundvierzig. Beruf: Bandagenweber. Vermerk des Aushebers: über Aushebealter, meldet sich freiwillig, gibt an, seine drei Söhne seien 809 ausgehoben worden und er wolle sie suchen.*

Ilsabet las eine Stunde. Dann zwei. Die Handschrift wechselte alle paar Seiten, weil das Ausheben schneller ging, als ein Schreiber schreiben konnte, und irgendwo bei Seite vierhundert hörte einer der Schreiber auf, die Berufe zu vermerken, und danach standen nur noch Namen und Alter, Namen und Alter, bis zum Ende des zweiten Kastens.

Sie schlug den Kasten zu und blieb sitzen.

Meer hatte recht gehabt, und das war das Unerträgliche daran. Es gab keinen Dieb. Es gab keinen Verrat, keine Verschwörung, kein Gesicht, dem man etwas hätte vorwerfen können. Es gab eine Vorschrift, die genau so arbeitete, wie sie geschrieben worden war, und an ihrem einen Ende hatte ein Ausheber im Bezirk Ostwall-Neun einem siebzehnjährigen Mädchen die Schwester abgewiesen, und an ihrem anderen Ende landete achtundzwanzig Jahre später ein Frachter auf einer leeren Welt.

Dazwischen lag nichts. Kein Bösewicht. Nur Verfahren.

Sie hatte immer geglaubt, das Imperium sei grausam. Auf dem Boden zwischen zwei Kästen, um die zweiundzwanzigste Stunde, verstand sie, dass es das nicht war. Grausamkeit setzte voraus, dass irgendwo jemand hinsah. Das hier sah nicht hin. Das hier hatte nie hingesehen, und es war zweitausendachthundert Mann tief.

Ihr wurde klar, dass sie den Vermerk aus dem falschen Grund geschrieben hatte. Sie hatte ihn geschrieben, weil die Spalten nicht aufgingen.

Elf NamenEleven Names

Ilsabet Krell kam am folgenden Morgen um die vierte Stunde in den Ostflügel zurück, weil ihre Schicht um die vierte Stunde begann und weil sie nirgendwo sonst hinkonnte.

Band einundvierzig lag an ihrem Pult. Ihr Vermerk lag daneben, mit einem sauberen Strich versehen und einer Randbemerkung in Meers Handschrift: *Zur erneuten Vorlage bei Wiedereinberufung des Ausschusses.* Der Ausschuss war seit einhundertdreißig Jahren nicht einberufen worden.

Sie saß lange davor.

Dann tat sie das Einzige, was ihr geblieben war, und es war so klein, dass sie sich dafür schämte, während sie es tat.

Sie nahm ein leeres Blatt.

Sie schrieb nicht *41. Belthaner Grabenschützen*. Sie schrieb nicht die Zahl zweitausendachthundert. Zahlen hatte dieser Ort genug, und Zahlen waren genau das, was die Einundvierzigsten am Leben hielt.

Sie schrieb: *Vergen, Tobas. Neunzehn. Tiefpumpenwart.*

Darunter: *Salt, Meriel. Siebzehn. Wollte nicht ohne ihre Schwester.*

Darunter: *Kolb, Anselm. Vierundvierzig. Suchte seine Söhne.*

Sie schrieb elf Namen, so viele, wie sie aus dem Gedächtnis noch zusammenbrachte, und beim zwölften merkte sie, dass sie ihn erfand, und hörte auf. Es war kein Vermerk, keine Eingabe, kein Antrag. Es war kein Dokument. Ein Dokument hätte eine Nummer gebraucht und eine Spalte, in die es passte.

Es war eine Liste, und sie ging niemanden etwas an.

Dann ging sie in den Westflügel, zu den drei Bänden mit dem gleichmäßigen Staub, und legte das Blatt hinein, wo jemand es finden würde, der ebenfalls drei Gegenproben machte, bevor er schrieb.

Und dann setzte sie sich an ihr Pult und begann mit Band zweiundvierzig, weil die Schicht sechzehn Stunden hatte und weil elf Namen auf einem Blatt, das kein Dokument war, mehr waren als keine.

Um die elfte Stunde setzte sie ihr vierzigstes Siegel.

Unter ihr drehte sich Belthane und hob seine Söhne aus, und irgendwo im Zobelmark, auf einer Welt ohne Namen in einem Verzeichnis ohne Leser, landete pünktlich zum Quartalswechsel ein Frachter und setzte Rationen für zweitausendachthundert Mann ab, und niemand kam, um sie zu holen, und der Frachter wendete und flog zurück, um im nächsten Quartal wiederzukommen.

Das Imperium vergaß seine Toten nicht.

Es hatte nur nie gelernt, damit aufzuhören, sie zu versorgen.

Ilsabet Krell kam am folgenden Morgen um die vierte Stunde in den Ostflügel zurück, weil ihre Schicht um die vierte Stunde begann und weil sie nirgendwo sonst hinkonnte.

Band einundvierzig lag an ihrem Pult. Ihr Vermerk lag daneben, mit einem sauberen Strich versehen und einer Randbemerkung in Meers Handschrift: *Zur erneuten Vorlage bei Wiedereinberufung des Ausschusses.* Der Ausschuss war seit einhundertdreißig Jahren nicht einberufen worden.

Sie saß lange davor.

Dann tat sie das Einzige, was ihr geblieben war, und es war so klein, dass sie sich dafür schämte, während sie es tat.

Sie nahm ein leeres Blatt.

Sie schrieb nicht *41. Belthaner Grabenschützen*. Sie schrieb nicht die Zahl zweitausendachthundert. Zahlen hatte dieser Ort genug, und Zahlen waren genau das, was die Einundvierzigsten am Leben hielt.

Sie schrieb: *Vergen, Tobas. Neunzehn. Tiefpumpenwart.*

Darunter: *Salt, Meriel. Siebzehn. Wollte nicht ohne ihre Schwester.*

Darunter: *Kolb, Anselm. Vierundvierzig. Suchte seine Söhne.*

Sie schrieb elf Namen, so viele, wie sie aus dem Gedächtnis noch zusammenbrachte, und beim zwölften merkte sie, dass sie ihn erfand, und hörte auf. Es war kein Vermerk, keine Eingabe, kein Antrag. Es war kein Dokument. Ein Dokument hätte eine Nummer gebraucht und eine Spalte, in die es passte.

Es war eine Liste, und sie ging niemanden etwas an.

Dann ging sie in den Westflügel, zu den drei Bänden mit dem gleichmäßigen Staub, und legte das Blatt hinein, wo jemand es finden würde, der ebenfalls drei Gegenproben machte, bevor er schrieb.

Und dann setzte sie sich an ihr Pult und begann mit Band zweiundvierzig, weil die Schicht sechzehn Stunden hatte und weil elf Namen auf einem Blatt, das kein Dokument war, mehr waren als keine.

Um die elfte Stunde setzte sie ihr vierzigstes Siegel.

Unter ihr drehte sich Belthane und hob seine Söhne aus, und irgendwo im Zobelmark, auf einer Welt ohne Namen in einem Verzeichnis ohne Leser, landete pünktlich zum Quartalswechsel ein Frachter und setzte Rationen für zweitausendachthundert Mann ab, und niemand kam, um sie zu holen, und der Frachter wendete und flog zurück, um im nächsten Quartal wiederzukommen.

Das Imperium vergaß seine Toten nicht.

Es hatte nur nie gelernt, damit aufzuhören, sie zu versorgen.

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