Was unverbucht bleibtWhat Remains Unentered
Adeptus Mechanicus, Karsis-VorAdeptus Mechanicus, Karsis-Vor
„Ein Verlust wird nicht betrauert. Er wird gebucht."
„A loss is not mourned. It is entered."
Der VerlustabgleichThe Reconciliation of Losses
Ein Verlust wird nicht betrauert. Er wird gebucht.
Ich hatte das siebenhundertmal gelesen, bevor ich zum ersten Mal verstand, was es kostet. Es steht über dem Eingang der Bilanzhalle von Karsis-Vor, in Ceramit gegossen, und darunter sitzen die Schreiber der Dritten Weihe und tun genau das: buchen. Kein Gebet für die Toten. Ein Eintrag.
Der Bilanzarchon hieß Vey-Tanis. Er hatte drei Augen, von denen zwei aus Glas waren, und die Angewohnheit, vor jedem Satz eine halbe Sekunde zu warten — nicht aus Höflichkeit, sondern weil sein Kehlkopfmodul die Silbenlänge vorausberechnete.
«Technoadeptin Rehk. Sie führen einen Gegenstand, der in keinem Verzeichnis steht.»
Es war keine Frage, also antwortete ich nicht.
«Ein Notfallwafer. Ausgabe der Vierten Kaste, Charge unbekannt, Inhalt unbekannt.» Pause. «Und ein Zahnrad.»
Das Zahnrad lag in meiner linken Handfläche, wo es seit hundertneun Tagen lag. Es war nicht heilig. Es war das Ritzel einer Zugangsschleuse, verzogen von einer Hitze, die Plaststahl nicht aushält, und es hatte Brakk-4-Ondes gehört in dem Sinn, in dem einem Skitarii etwas gehören kann: Er hatte es in der Hand gehabt, als der Zugangsdom brannte, und danach hatte es niemand mehr aus seiner Hand genommen außer mir.
«Der Gegenstand ist kein Gegenstand», sagte ich. «Er ist ein Beleg.»
Vey-Tanis wartete seine halbe Sekunde ab.
«Dann legen Sie ihn vor.»
Darum ging es. Es ging immer darum.
Der Opfergang des Elektro-Priesters Zeta-Milos hatte einhundertvier Minuten gedauert. In diesen einhundertvier Minuten war die Hauptleitung des Zugangsdoms offen geblieben, und weil sie offen geblieben war, hatten zweihundert Menschen den unteren Ring verlassen können. Das war die Zahl, die man später nannte. Zweihundert.
Die Zahl, die man nicht nannte, war drei. Brakk-4-Ondes. Dekk-2-Lom. Zeta-Milos selbst.
Sie waren nicht gefallen. Gefallen ist ein Zustand, den ein Verzeichnis kennt. Sie waren **unverbucht** — und das ist kein Zustand, sondern eine Lücke, und Lücken werden auf Karsis-Vor nicht geduldet, weil eine Lücke bedeutet, dass irgendwo eine Zuweisung offen steht, ein Rationsanspruch, eine Wartungsschicht, die niemand übernimmt.
Der Grund für die Lücke war schlicht: In diesen einhundertvier Minuten hatte kein Sensorium aufgezeichnet. Der Kantor hatte die Kanäle stillgelegt, wie er es tut, wenn er rechnet. Was in dieser Zeit geschah, existiert an genau einer Stelle — auf einem Notfallwafer, den ein Skitarii-Alpha in seinen Panzer geschoben hatte, bevor man ihm die Erinnerung nahm.
Ich hatte ihn seither. Ich hatte ihn nie gelesen.
Man muss verstehen, was ein Eintrag auf einer Schmiedewelt bedeutet, sonst hält man das alles für Papierkram. Ein Skitarii der Maniple Theta hat eine Registriernummer, und an dieser Nummer hängen elf Zuweisungen: Rationsanspruch, Wartungsschicht, Werkstattfenster, Munitionskontingent, zwei Wartungsintervalle für die Beinaktuatorik, ein Platz in der Rangfolge, drei Anteile an der Maniple-Instandhaltung und ein Bettplatz im unteren Ring. Solange die Nummer nicht geschlossen ist, laufen diese elf Zuweisungen weiter.
Das klingt nach Verschwendung. Es ist schlimmer. Es bedeutet, dass jeden Tag eine Ration ausgegeben wird, die niemand holt, und dass jede Schicht eine Lücke hat, die jemand anders mitträgt, ohne dass es irgendwo steht. Die Maniple Theta ging seit hundertneun Tagen mit drei Löchern in der Aufstellung, und weil die Löcher nicht verbucht waren, bekam sie keinen Ersatz.
Vey-Tanis führte das aus, ohne eine Silbe Mitleid, und er hatte damit vollkommen recht. Genau das ist der Grund, warum ich es hier so wiedergebe, wie er es sagte.
«Der Verlustabgleich kennt drei Belegarten», sagte er. «Sensoriumsaufzeichnung. Zeugnis zweier Anwesender. Körperlicher Nachweis.»
«Es gibt keine Aufzeichnung.»
«Nein.»
«Es gibt keine zwei Anwesenden. Von den Anwesenden leben zwei, und einem wurde die Erinnerung genommen.»
«Auch nein.»
«Und einen körperlichen Nachweis», sagte ich, «gibt es bei einem Brandschatten nicht.»
Vey-Tanis wartete seine halbe Sekunde ab.
«Deshalb sitzen Sie hier.»
«Technoadeptin.» Vey-Tanis' Glasaugen bewegten sich nicht, aber das dritte tat es. «Sie wissen, was ein Auslesevorgang mit einem Wafer dieser Charge macht.»
«Ich weiß es.»
«Sagen Sie es trotzdem. Für das Protokoll.»
«Der Wafer trägt keine Kopie. Er trägt den Vorgang selbst. Wer ihn liest, hebt ihn auf.» Ich hörte meine eigene Stimme dabei, flach und korrekt, die Stimme einer Dritten Weihe, die einem Archon einen Sachverhalt zuträgt. «Einmal. Danach ist er leer.»
«Danke.» Er machte einen Vermerk, den ich nicht sehen konnte. «Dann liegt Ihnen die Sache ja klar vor Augen.»
Sie lag mir nicht klar vor Augen. Sie lag mir vor Augen wie eine Rechnung, bei der beide Summen stimmen und trotzdem eine falsch ist.
Ein Verlust wird nicht betrauert. Er wird gebucht.
Ich hatte das siebenhundertmal gelesen, bevor ich zum ersten Mal verstand, was es kostet. Es steht über dem Eingang der Bilanzhalle von Karsis-Vor, in Ceramit gegossen, und darunter sitzen die Schreiber der Dritten Weihe und tun genau das: buchen. Kein Gebet für die Toten. Ein Eintrag.
Der Bilanzarchon hieß Vey-Tanis. Er hatte drei Augen, von denen zwei aus Glas waren, und die Angewohnheit, vor jedem Satz eine halbe Sekunde zu warten — nicht aus Höflichkeit, sondern weil sein Kehlkopfmodul die Silbenlänge vorausberechnete.
«Technoadeptin Rehk. Sie führen einen Gegenstand, der in keinem Verzeichnis steht.»
Es war keine Frage, also antwortete ich nicht.
«Ein Notfallwafer. Ausgabe der Vierten Kaste, Charge unbekannt, Inhalt unbekannt.» Pause. «Und ein Zahnrad.»
Das Zahnrad lag in meiner linken Handfläche, wo es seit hundertneun Tagen lag. Es war nicht heilig. Es war das Ritzel einer Zugangsschleuse, verzogen von einer Hitze, die Plaststahl nicht aushält, und es hatte Brakk-4-Ondes gehört in dem Sinn, in dem einem Skitarii etwas gehören kann: Er hatte es in der Hand gehabt, als der Zugangsdom brannte, und danach hatte es niemand mehr aus seiner Hand genommen außer mir.
«Der Gegenstand ist kein Gegenstand», sagte ich. «Er ist ein Beleg.»
Vey-Tanis wartete seine halbe Sekunde ab.
«Dann legen Sie ihn vor.»
Darum ging es. Es ging immer darum.
Der Opfergang des Elektro-Priesters Zeta-Milos hatte einhundertvier Minuten gedauert. In diesen einhundertvier Minuten war die Hauptleitung des Zugangsdoms offen geblieben, und weil sie offen geblieben war, hatten zweihundert Menschen den unteren Ring verlassen können. Das war die Zahl, die man später nannte. Zweihundert.
Die Zahl, die man nicht nannte, war drei. Brakk-4-Ondes. Dekk-2-Lom. Zeta-Milos selbst.
Sie waren nicht gefallen. Gefallen ist ein Zustand, den ein Verzeichnis kennt. Sie waren **unverbucht** — und das ist kein Zustand, sondern eine Lücke, und Lücken werden auf Karsis-Vor nicht geduldet, weil eine Lücke bedeutet, dass irgendwo eine Zuweisung offen steht, ein Rationsanspruch, eine Wartungsschicht, die niemand übernimmt.
Der Grund für die Lücke war schlicht: In diesen einhundertvier Minuten hatte kein Sensorium aufgezeichnet. Der Kantor hatte die Kanäle stillgelegt, wie er es tut, wenn er rechnet. Was in dieser Zeit geschah, existiert an genau einer Stelle — auf einem Notfallwafer, den ein Skitarii-Alpha in seinen Panzer geschoben hatte, bevor man ihm die Erinnerung nahm.
Ich hatte ihn seither. Ich hatte ihn nie gelesen.
Man muss verstehen, was ein Eintrag auf einer Schmiedewelt bedeutet, sonst hält man das alles für Papierkram. Ein Skitarii der Maniple Theta hat eine Registriernummer, und an dieser Nummer hängen elf Zuweisungen: Rationsanspruch, Wartungsschicht, Werkstattfenster, Munitionskontingent, zwei Wartungsintervalle für die Beinaktuatorik, ein Platz in der Rangfolge, drei Anteile an der Maniple-Instandhaltung und ein Bettplatz im unteren Ring. Solange die Nummer nicht geschlossen ist, laufen diese elf Zuweisungen weiter.
Das klingt nach Verschwendung. Es ist schlimmer. Es bedeutet, dass jeden Tag eine Ration ausgegeben wird, die niemand holt, und dass jede Schicht eine Lücke hat, die jemand anders mitträgt, ohne dass es irgendwo steht. Die Maniple Theta ging seit hundertneun Tagen mit drei Löchern in der Aufstellung, und weil die Löcher nicht verbucht waren, bekam sie keinen Ersatz.
Vey-Tanis führte das aus, ohne eine Silbe Mitleid, und er hatte damit vollkommen recht. Genau das ist der Grund, warum ich es hier so wiedergebe, wie er es sagte.
«Der Verlustabgleich kennt drei Belegarten», sagte er. «Sensoriumsaufzeichnung. Zeugnis zweier Anwesender. Körperlicher Nachweis.»
«Es gibt keine Aufzeichnung.»
«Nein.»
«Es gibt keine zwei Anwesenden. Von den Anwesenden leben zwei, und einem wurde die Erinnerung genommen.»
«Auch nein.»
«Und einen körperlichen Nachweis», sagte ich, «gibt es bei einem Brandschatten nicht.»
Vey-Tanis wartete seine halbe Sekunde ab.
«Deshalb sitzen Sie hier.»
«Technoadeptin.» Vey-Tanis' Glasaugen bewegten sich nicht, aber das dritte tat es. «Sie wissen, was ein Auslesevorgang mit einem Wafer dieser Charge macht.»
«Ich weiß es.»
«Sagen Sie es trotzdem. Für das Protokoll.»
«Der Wafer trägt keine Kopie. Er trägt den Vorgang selbst. Wer ihn liest, hebt ihn auf.» Ich hörte meine eigene Stimme dabei, flach und korrekt, die Stimme einer Dritten Weihe, die einem Archon einen Sachverhalt zuträgt. «Einmal. Danach ist er leer.»
«Danke.» Er machte einen Vermerk, den ich nicht sehen konnte. «Dann liegt Ihnen die Sache ja klar vor Augen.»
Sie lag mir nicht klar vor Augen. Sie lag mir vor Augen wie eine Rechnung, bei der beide Summen stimmen und trotzdem eine falsch ist.
Die IterationsschuldThe Iteration Debt
Techpriester Dolvai-Sech hatte mir beigebracht, wie man eine Maschine anspricht, die älter ist als der eigene Orden. Man beginnt nicht mit einer Bitte. Man beginnt mit einer Bestandsaufnahme: Das bin ich, das kann ich, das fehlt mir. Erst danach fragt man.
Ich versuchte es bei ihm selbst.
«Ich bin Rehk, Dritte Weihe. Ich verwahre einen Beleg, der zwei Dinge belegen kann. Nur eins davon überlebt das Auslesen. Und mir fehlt eine Regel, nach der ich wähle.»
Dolvai-Sech saß in der Werkstatt zwischen zwei ausgeweideten Servitoren und sah nicht auf. Er ist einer der wenigen, die noch ein Gesicht haben, mit dem man etwas anfangen kann.
«Es gibt eine Regel», sagte er. «Sie gefällt dir nur nicht.»
«Nenne sie.»
«Der Wafer gehört nicht dir. Er gehört dem, der ihn geschrieben hat.»
Thal-9-Kyrr, Skitarii-Ranger-Alpha, Maniple Theta, Iteration fünf.
Man sagt Iteration, weil man nicht Mensch sagen will und nicht Maschine sagen kann. Die Vier vor ihm hatten dieselben Beine, dieselbe Registriernummer und denselben Auftrag. Was sie unterscheidet, ist gelöscht worden, jedes Mal — nach dem Dom, nach dem Ring, nach zwei Einsätzen davor, an die sich niemand erinnert, weil erinnern zum Auftrag nicht gehört.
Bürgerlich hieß er einmal Tavo Kyrr. Das steht in keinem Verzeichnis. Es steht in seinem Carapax, von innen eingeritzt, mit einem Werkzeug, das er dafür beschädigt hat — sieben Zeichen, spiegelverkehrt, damit er sie beim Anlegen der Panzerung selbst lesen kann.
Ich habe ihn einmal gefragt, warum spiegelverkehrt.
«Damit es keiner für mich liest», hatte er gesagt.
Er kam in die Bilanzhalle, weil man ihn gerufen hatte, und er stand, wie Skitarii stehen: als sei Stehen eine Tätigkeit, die man ordentlich ausführen kann. Ossia-7-Rin kam mit ihm, obwohl niemand sie gerufen hatte. Sie ist Veteranin. Veteraninnen kommen ungerufen.
Vey-Tanis legte die Sache vor, wie man eine Sache vorlegt: vollständig, korrekt und ohne einen einzigen überflüssigen Ton.
«Der Wafer trägt den Vorgang der einhundertvier Minuten. Wird er ausgelesen, sind drei Verluste belegt und werden verbucht. Ihre Maniple erhält den Eintrag, ihre Rationsansprüche schließen, ihre Wartungsschichten gehen auf die Verteilung über. Die Lücke schließt sich.»
Er wartete seine halbe Sekunde.
«Der Wafer trägt außerdem den Zustand des Alpha vor der vierten Löschung. Wird er dafür ausgelesen, erhält Iteration fünf die Sequenz zurück. Die drei Verluste bleiben unverbucht. Auf unbestimmte Zeit.»
«Auf immer», sagte Ossia-7-Rin.
«Auf unbestimmte Zeit», wiederholte Vey-Tanis, und es war das erste Mal, dass ich ihn etwas sagen hörte, das nicht ganz stimmte und trotzdem nicht gelogen war.
Dann kam Sarquil-Vohm.
Ich hätte gern geschrieben, dass er zu spät kam, um zu stören. Er kam zur richtigen Zeit, und er störte nicht. Ein Magos Dominus stört nie. Er ordnet.
«Die Wahl ist bereits getroffen», sagte er.
«Von wem?»
«Von der Arithmetik.» Er trat an das Pult, ohne Vey-Tanis anzusehen. «Drei Verbuchungen gegen eine Sequenz. Drei Ansprüche, die erlöschen, gegen eine Erinnerung, die keinen Anspruch begründet. Technoadeptin, ich stelle Ihnen keine Frage. Ich lese Ihnen eine Bilanz vor.»
«Es gibt einen dritten Weg», sagte Ossia-7-Rin.
Vey-Tanis sah sie an. Ungerufene reden nicht in einer Bilanzhalle; dass er sie ansah, statt sie hinauszuschicken, war bereits ein Zugeständnis.
«Nennen Sie ihn.»
«Der Kantor hat gerechnet, während die Kanäle still lagen. Was gerechnet wird, wird abgelegt. Fragt ihn.»
Es war der Vorschlag, auf den alle gewartet hatten und den niemand hatte machen wollen, und ich sah Dolvai-Sech in der zweiten Reihe die Schultern heben, drei Grad, wie ein Skitarii nickt.
«Der Kantor ist befragt worden», sagte Sarquil-Vohm. «Am elften Tag, am dreißigsten und am neunzigsten. Ich habe die Protokolle. Er antwortet auf jede Frage, die man ihm stellt, vollständig und wahrheitsgemäß.»
«Und?»
«Und er hat die einhundertvier Minuten nicht abgelegt. Er hat sie **gehört**.» Sarquil-Vohm ließ das stehen, als sei es eine technische Angabe. «Er sagt, eine Kantiklen-Schleife sei kein Datum. Er sagt, er habe zugehört, wie man einem Gebet zuhört, und ein Gebet werde nicht archiviert, sondern beantwortet.»
«Das ist keine Antwort», sagte Ossia-7-Rin.
«Es ist seine.»
Und hier ist das Unerträgliche: Er hatte recht.
Nicht ein bisschen recht, nicht auf die Art, auf die Vorgesetzte recht haben. Er hatte vollständig recht. Drei gegen eins. Ein Verzeichnis, das sich schließt, gegen einen Mann, der erfährt, wie er einmal hieß, und der davon keinen Gramm Ceramit mehr trägt als vorher.
Ich sah zu Thal-9-Kyrr.
Er hatte sich nicht bewegt. Er bewegt sich nie, wenn über ihn geredet wird — das ist keine Disziplin, das ist die vierte Löschung, die ihm beigebracht hat, dass Gespräche über ihn keine Gespräche mit ihm sind.
«Alpha», sagte ich. «Es ist dein Wafer.»
Zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, brauchte er lange für eine Antwort.
Techpriester Dolvai-Sech hatte mir beigebracht, wie man eine Maschine anspricht, die älter ist als der eigene Orden. Man beginnt nicht mit einer Bitte. Man beginnt mit einer Bestandsaufnahme: Das bin ich, das kann ich, das fehlt mir. Erst danach fragt man.
Ich versuchte es bei ihm selbst.
«Ich bin Rehk, Dritte Weihe. Ich verwahre einen Beleg, der zwei Dinge belegen kann. Nur eins davon überlebt das Auslesen. Und mir fehlt eine Regel, nach der ich wähle.»
Dolvai-Sech saß in der Werkstatt zwischen zwei ausgeweideten Servitoren und sah nicht auf. Er ist einer der wenigen, die noch ein Gesicht haben, mit dem man etwas anfangen kann.
«Es gibt eine Regel», sagte er. «Sie gefällt dir nur nicht.»
«Nenne sie.»
«Der Wafer gehört nicht dir. Er gehört dem, der ihn geschrieben hat.»
Thal-9-Kyrr, Skitarii-Ranger-Alpha, Maniple Theta, Iteration fünf.
Man sagt Iteration, weil man nicht Mensch sagen will und nicht Maschine sagen kann. Die Vier vor ihm hatten dieselben Beine, dieselbe Registriernummer und denselben Auftrag. Was sie unterscheidet, ist gelöscht worden, jedes Mal — nach dem Dom, nach dem Ring, nach zwei Einsätzen davor, an die sich niemand erinnert, weil erinnern zum Auftrag nicht gehört.
Bürgerlich hieß er einmal Tavo Kyrr. Das steht in keinem Verzeichnis. Es steht in seinem Carapax, von innen eingeritzt, mit einem Werkzeug, das er dafür beschädigt hat — sieben Zeichen, spiegelverkehrt, damit er sie beim Anlegen der Panzerung selbst lesen kann.
Ich habe ihn einmal gefragt, warum spiegelverkehrt.
«Damit es keiner für mich liest», hatte er gesagt.
Er kam in die Bilanzhalle, weil man ihn gerufen hatte, und er stand, wie Skitarii stehen: als sei Stehen eine Tätigkeit, die man ordentlich ausführen kann. Ossia-7-Rin kam mit ihm, obwohl niemand sie gerufen hatte. Sie ist Veteranin. Veteraninnen kommen ungerufen.
Vey-Tanis legte die Sache vor, wie man eine Sache vorlegt: vollständig, korrekt und ohne einen einzigen überflüssigen Ton.
«Der Wafer trägt den Vorgang der einhundertvier Minuten. Wird er ausgelesen, sind drei Verluste belegt und werden verbucht. Ihre Maniple erhält den Eintrag, ihre Rationsansprüche schließen, ihre Wartungsschichten gehen auf die Verteilung über. Die Lücke schließt sich.»
Er wartete seine halbe Sekunde.
«Der Wafer trägt außerdem den Zustand des Alpha vor der vierten Löschung. Wird er dafür ausgelesen, erhält Iteration fünf die Sequenz zurück. Die drei Verluste bleiben unverbucht. Auf unbestimmte Zeit.»
«Auf immer», sagte Ossia-7-Rin.
«Auf unbestimmte Zeit», wiederholte Vey-Tanis, und es war das erste Mal, dass ich ihn etwas sagen hörte, das nicht ganz stimmte und trotzdem nicht gelogen war.
Dann kam Sarquil-Vohm.
Ich hätte gern geschrieben, dass er zu spät kam, um zu stören. Er kam zur richtigen Zeit, und er störte nicht. Ein Magos Dominus stört nie. Er ordnet.
«Die Wahl ist bereits getroffen», sagte er.
«Von wem?»
«Von der Arithmetik.» Er trat an das Pult, ohne Vey-Tanis anzusehen. «Drei Verbuchungen gegen eine Sequenz. Drei Ansprüche, die erlöschen, gegen eine Erinnerung, die keinen Anspruch begründet. Technoadeptin, ich stelle Ihnen keine Frage. Ich lese Ihnen eine Bilanz vor.»
«Es gibt einen dritten Weg», sagte Ossia-7-Rin.
Vey-Tanis sah sie an. Ungerufene reden nicht in einer Bilanzhalle; dass er sie ansah, statt sie hinauszuschicken, war bereits ein Zugeständnis.
«Nennen Sie ihn.»
«Der Kantor hat gerechnet, während die Kanäle still lagen. Was gerechnet wird, wird abgelegt. Fragt ihn.»
Es war der Vorschlag, auf den alle gewartet hatten und den niemand hatte machen wollen, und ich sah Dolvai-Sech in der zweiten Reihe die Schultern heben, drei Grad, wie ein Skitarii nickt.
«Der Kantor ist befragt worden», sagte Sarquil-Vohm. «Am elften Tag, am dreißigsten und am neunzigsten. Ich habe die Protokolle. Er antwortet auf jede Frage, die man ihm stellt, vollständig und wahrheitsgemäß.»
«Und?»
«Und er hat die einhundertvier Minuten nicht abgelegt. Er hat sie **gehört**.» Sarquil-Vohm ließ das stehen, als sei es eine technische Angabe. «Er sagt, eine Kantiklen-Schleife sei kein Datum. Er sagt, er habe zugehört, wie man einem Gebet zuhört, und ein Gebet werde nicht archiviert, sondern beantwortet.»
«Das ist keine Antwort», sagte Ossia-7-Rin.
«Es ist seine.»
Und hier ist das Unerträgliche: Er hatte recht.
Nicht ein bisschen recht, nicht auf die Art, auf die Vorgesetzte recht haben. Er hatte vollständig recht. Drei gegen eins. Ein Verzeichnis, das sich schließt, gegen einen Mann, der erfährt, wie er einmal hieß, und der davon keinen Gramm Ceramit mehr trägt als vorher.
Ich sah zu Thal-9-Kyrr.
Er hatte sich nicht bewegt. Er bewegt sich nie, wenn über ihn geredet wird — das ist keine Disziplin, das ist die vierte Löschung, die ihm beigebracht hat, dass Gespräche über ihn keine Gespräche mit ihm sind.
«Alpha», sagte ich. «Es ist dein Wafer.»
Zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, brauchte er lange für eine Antwort.
Was gebucht wirdWhat Is Entered
«Was steht darauf?», fragte er.
«Ich weiß es nicht. Ich habe ihn nie gelesen.»
«Warum nicht?»
«Weil er nicht mir gehört.»
Er nickte, ein Skitarii-Nicken, drei Grad. Dann sagte er den Satz, an den ich seither jeden Tag denke, wenn ich durch die Bilanzhalle gehe und die Zeile in Ceramit über dem Eingang sehe.
«Dann weiß ich es auch nicht. Und ich habe hundertneun Tage ohne es ausgekommen.»
«Das ist kein Argument», sagte Sarquil-Vohm.
«Nein», sagte Thal-9-Kyrr. «Es ist eine Messung.»
Er trat an das Pult und legte den Handrücken auf die Auslesefläche, wie es die Vorschrift verlangt, wenn ein Träger einen Beleg freigibt. Er sah mich dabei nicht an. Ich glaube, das war Freundlichkeit.
«Buchen Sie die drei», sagte er.
Vey-Tanis wartete seine halbe Sekunde ab. Dann tat er, wofür man ihn gebaut hatte.
Der Auslesevorgang dauert elf Sekunden. Ich hatte erwartet, dass er länger dauert. Man erwartet immer, dass so etwas länger dauert.
Was auf dem Wafer stand, war kein Bericht. Es war ein Kanal — Zeta-Milos' Stimme, einhundertvier Minuten lang, in einer Kantiklen-Schleife, die er nicht abbrach, weil das Abbrechen die Leitung geschlossen hätte. Er hat einhundertvier Minuten lang gesungen, damit eine Tür offen blieb. In Minute achtzig hört man Brakk-4-Ondes' Registriernummer, einmal, sehr ruhig. In Minute vierundneunzig hört man nichts mehr außer der Schleife.
Dann war der Wafer leer, und drei Zeilen im Verzeichnis waren voll.
Was danach geschah, geschah schnell und ohne jede Feierlichkeit, und ich glaube, das ist der ehrlichste Teil dieser ganzen Geschichte. Elf Zuweisungen schlossen sich, dreimal. Ein Rationsanspruch erlosch, während wir noch in der Halle standen. Zwei Wartungsintervalle für Beinaktuatorik gingen auf die Verteilung über, und irgendwo im unteren Ring wurde ein Bettplatz frei, den bis zum Abend jemand hatte.
Die Maniple Theta bekam am nächsten Morgen ihren Ersatz zugeteilt: drei Rekruten aus der Vierten Kaste, deren Namen ich nicht kenne, weil man Namen bei Skitarii nicht lernt, sondern Nummern.
Es hat funktioniert. Es hat genau das getan, wofür es gebaut ist. Ich habe seither niemanden getroffen, der behauptet hätte, es sei falsch gewesen.
Ich habe das Zahnrad behalten. Vey-Tanis hat es nicht verlangt — ein Beleg, dessen Sachverhalt gebucht ist, ist kein Beleg mehr, sondern Metall.
Thal-9-Kyrr trägt weiter sieben spiegelverkehrte Zeichen in seinem Carapax und weiß weiter nicht, was sie bedeuten. Er hat nicht gefragt, was auf dem Wafer war. Ossia-7-Rin hat es ihm auch nicht gesagt, und sie ist Veteranin, sie hätte gedurft.
Sarquil-Vohm hatte recht, und die Bilanz stimmt, und die Lücke ist geschlossen.
Ich habe trotzdem etwas getan, das in keinem Verzeichnis steht.
In der Nacht nach dem Abgleich bin ich in die Werkstatt gegangen und habe das Ritzel in eine Halterung gespannt, und ich habe sieben Zeichen hineingeritzt. Nicht seinen bürgerlichen Namen — den kenne ich nicht, ich habe den Wafer nie gelesen. Ich habe die Registriernummer von Brakk-4-Ondes hineingeritzt, so wie sie in Minute achtzig klingt, wenn ein Sterbender sie ausspricht: ruhig, und ein wenig zu langsam.
Es ist keine Buchung. Es begründet keinen Anspruch. Es schließt keine Lücke.
Dolvai-Sech hat es gesehen und nichts gesagt, und am nächsten Morgen lag ein zweites verzogenes Ritzel neben meinem Werkzeug, ungefragt, mit einer zweiten Nummer darauf.
Ein Verlust wird nicht betrauert. Er wird gebucht.
Wir buchen ihn. Wir betrauern ihn auch. Es steht nur nirgends.
«Was steht darauf?», fragte er.
«Ich weiß es nicht. Ich habe ihn nie gelesen.»
«Warum nicht?»
«Weil er nicht mir gehört.»
Er nickte, ein Skitarii-Nicken, drei Grad. Dann sagte er den Satz, an den ich seither jeden Tag denke, wenn ich durch die Bilanzhalle gehe und die Zeile in Ceramit über dem Eingang sehe.
«Dann weiß ich es auch nicht. Und ich habe hundertneun Tage ohne es ausgekommen.»
«Das ist kein Argument», sagte Sarquil-Vohm.
«Nein», sagte Thal-9-Kyrr. «Es ist eine Messung.»
Er trat an das Pult und legte den Handrücken auf die Auslesefläche, wie es die Vorschrift verlangt, wenn ein Träger einen Beleg freigibt. Er sah mich dabei nicht an. Ich glaube, das war Freundlichkeit.
«Buchen Sie die drei», sagte er.
Vey-Tanis wartete seine halbe Sekunde ab. Dann tat er, wofür man ihn gebaut hatte.
Der Auslesevorgang dauert elf Sekunden. Ich hatte erwartet, dass er länger dauert. Man erwartet immer, dass so etwas länger dauert.
Was auf dem Wafer stand, war kein Bericht. Es war ein Kanal — Zeta-Milos' Stimme, einhundertvier Minuten lang, in einer Kantiklen-Schleife, die er nicht abbrach, weil das Abbrechen die Leitung geschlossen hätte. Er hat einhundertvier Minuten lang gesungen, damit eine Tür offen blieb. In Minute achtzig hört man Brakk-4-Ondes' Registriernummer, einmal, sehr ruhig. In Minute vierundneunzig hört man nichts mehr außer der Schleife.
Dann war der Wafer leer, und drei Zeilen im Verzeichnis waren voll.
Was danach geschah, geschah schnell und ohne jede Feierlichkeit, und ich glaube, das ist der ehrlichste Teil dieser ganzen Geschichte. Elf Zuweisungen schlossen sich, dreimal. Ein Rationsanspruch erlosch, während wir noch in der Halle standen. Zwei Wartungsintervalle für Beinaktuatorik gingen auf die Verteilung über, und irgendwo im unteren Ring wurde ein Bettplatz frei, den bis zum Abend jemand hatte.
Die Maniple Theta bekam am nächsten Morgen ihren Ersatz zugeteilt: drei Rekruten aus der Vierten Kaste, deren Namen ich nicht kenne, weil man Namen bei Skitarii nicht lernt, sondern Nummern.
Es hat funktioniert. Es hat genau das getan, wofür es gebaut ist. Ich habe seither niemanden getroffen, der behauptet hätte, es sei falsch gewesen.
Ich habe das Zahnrad behalten. Vey-Tanis hat es nicht verlangt — ein Beleg, dessen Sachverhalt gebucht ist, ist kein Beleg mehr, sondern Metall.
Thal-9-Kyrr trägt weiter sieben spiegelverkehrte Zeichen in seinem Carapax und weiß weiter nicht, was sie bedeuten. Er hat nicht gefragt, was auf dem Wafer war. Ossia-7-Rin hat es ihm auch nicht gesagt, und sie ist Veteranin, sie hätte gedurft.
Sarquil-Vohm hatte recht, und die Bilanz stimmt, und die Lücke ist geschlossen.
Ich habe trotzdem etwas getan, das in keinem Verzeichnis steht.
In der Nacht nach dem Abgleich bin ich in die Werkstatt gegangen und habe das Ritzel in eine Halterung gespannt, und ich habe sieben Zeichen hineingeritzt. Nicht seinen bürgerlichen Namen — den kenne ich nicht, ich habe den Wafer nie gelesen. Ich habe die Registriernummer von Brakk-4-Ondes hineingeritzt, so wie sie in Minute achtzig klingt, wenn ein Sterbender sie ausspricht: ruhig, und ein wenig zu langsam.
Es ist keine Buchung. Es begründet keinen Anspruch. Es schließt keine Lücke.
Dolvai-Sech hat es gesehen und nichts gesagt, und am nächsten Morgen lag ein zweites verzogenes Ritzel neben meinem Werkzeug, ungefragt, mit einer zweiten Nummer darauf.
Ein Verlust wird nicht betrauert. Er wird gebucht.
Wir buchen ihn. Wir betrauern ihn auch. Es steht nur nirgends.
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