Der zweite SchlafThe Second Sleep

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„Ein Schläfer, den man weckt, ist kein Schläfer mehr. Er ist nur noch etwas, das wach ist. — Aus dem Protokoll der Ölhände, Randbemerkung der siebzehnten Generation"

„Ein Schläfer, den man weckt, ist kein Schläfer mehr. Er ist nur noch etwas, das wach ist. — Aus dem Protokoll der Ölhände, Randbemerkung der siebzehnten Generation"

GrauwasserGrauwasser

Das Grauwasser stand seit vierhundert Jahren auf demselben Strich.

Sette prüfte ihn, wie sie ihn jeden achtundzwanzigsten Tag prüfte: die Öllampe erst auf Kniehöhe, dann auf Schulterhöhe, dann dicht an das Schauglas, weil das Auge bei stehender Flüssigkeit lügt und die Dichtung an der oberen Naht am ehesten aufgibt. Der Strich lag, wo er liegen sollte. Ein Fingerbreit über dem geätzten Zeichen ihrer Urgroßmutter.

Sie schrieb es auf. Ihre Hände waren nicht mehr gut. Die Schrift geriet größer als früher, und das ärgerte sie mehr als die Schmerzen, denn Platz im Protokoll war endlich, und was sie an Zeilen verbrauchte, verbrauchte sie Verrik weg.

Hinter dem Schauglas hing Hetair Kandron im Dunkeln.

Man sah nicht viel von ihm. Ein Schulterstück, das die Farbe verloren hatte. Eine Hand, die keine Hand mehr war, an einem Arm, der einmal eine Kheres-Sturmkanone getragen hatte und nun nichts trug. Die Kammer war ein Schacht im Bauch der *Unbeugsam*, sieben Ebenen unter der Reaktorgalerie, und die Legion kam hier nicht her. Das war der ganze Sinn der Sache. Ein Cybot, der ruhte, wurde weggeschlossen, damit niemand auf die Idee kam, ihn zu brauchen.

„Wiege-4", sagte Sette in das Schauglas hinein, wie es die Vorschrift verlangte. „Stand gehalten. Nichts zu berichten."

Es antwortete nie. Das war ebenfalls Vorschrift.

Zweimal in einundzwanzig Generationen hatte es doch geantwortet, und beide Male stand es im Protokoll, und beide Male hatte danach eine Ölhand gefehlt.

Das Grauwasser stand seit vierhundert Jahren auf demselben Strich.

Sette prüfte ihn, wie sie ihn jeden achtundzwanzigsten Tag prüfte: die Öllampe erst auf Kniehöhe, dann auf Schulterhöhe, dann dicht an das Schauglas, weil das Auge bei stehender Flüssigkeit lügt und die Dichtung an der oberen Naht am ehesten aufgibt. Der Strich lag, wo er liegen sollte. Ein Fingerbreit über dem geätzten Zeichen ihrer Urgroßmutter.

Sie schrieb es auf. Ihre Hände waren nicht mehr gut. Die Schrift geriet größer als früher, und das ärgerte sie mehr als die Schmerzen, denn Platz im Protokoll war endlich, und was sie an Zeilen verbrauchte, verbrauchte sie Verrik weg.

Hinter dem Schauglas hing Hetair Kandron im Dunkeln.

Man sah nicht viel von ihm. Ein Schulterstück, das die Farbe verloren hatte. Eine Hand, die keine Hand mehr war, an einem Arm, der einmal eine Kheres-Sturmkanone getragen hatte und nun nichts trug. Die Kammer war ein Schacht im Bauch der *Unbeugsam*, sieben Ebenen unter der Reaktorgalerie, und die Legion kam hier nicht her. Das war der ganze Sinn der Sache. Ein Cybot, der ruhte, wurde weggeschlossen, damit niemand auf die Idee kam, ihn zu brauchen.

„Wiege-4", sagte Sette in das Schauglas hinein, wie es die Vorschrift verlangte. „Stand gehalten. Nichts zu berichten."

Es antwortete nie. Das war ebenfalls Vorschrift.

Zweimal in einundzwanzig Generationen hatte es doch geantwortet, und beide Male stand es im Protokoll, und beide Male hatte danach eine Ölhand gefehlt.

Der KriegsschmiedDer Kriegsschmied

Ossyk Dral kam am dreiunddreißigsten Tag, was bedeutete, dass er gewartet hatte, bis die Prüfung vorüber war. Er tat solche Dinge. Er war kein Mann, der eine Ordnung zertrat, wenn er sie auch abwarten konnte, und Sette hatte in sechzig Jahren gelernt, dass genau das an ihm das Gefährliche war.

Er musste sich bücken, um in den Schacht zu kommen. Sein Servoarm streifte die Decke und riss eine Ölspur mit, und Verrik, der neben der Leiter stand, sah zu Boden, wie man es tat.

„Ölhand", sagte Dral.

„Kriegsschmied."

„Wie viel Zeit hat er noch?"

Es war die falsche Frage, und sie war es mit Absicht. Sette antwortete trotzdem wahrheitsgemäß, weil eine Lüge im Protokoll stehen würde und das Protokoll länger lebte als sie.

„Der Kern trägt. Die Gelenke nicht. Wenn er geht, geht er einmal."

Dral nickte, als hätte er die Zahl bekommen, die er wollte. „Wir setzen bei Corpus an. Der Bruch in der zweiten Kaverne hält nicht ohne Gewicht. Ich brauche etwas, das im Schacht steht und nicht weicht."

„Dafür gibt es Höllenbruten."

„Höllenbruten weichen nicht. Sie gehorchen nur nicht." Er sagte es ohne Bitterkeit, wie ein Mann, der ein Werkzeug beschreibt, das ihm zu teuer ist. „Ich brauche etwas, das versteht, wovon ich rede, und danach stehen bleibt. Davon gibt es an Bord genau eines."

Sette legte die Hand auf das Protokoll. Es war eine alte Bewegung, eine, die ihre Mutter Marev gemacht hatte und deren Mutter vor ihr, und sie tat es, ohne es zu bemerken.

„Es gibt Bedingungen", sagte sie.

„Ich kenne die Bedingungen."

„Dann kennt der Kriegsschmied auch die dritte."

Drals Gesicht bewegte sich nicht. Bei ihm bewegte sich selten etwas; die Umbauten hatten ihm über die Jahrhunderte genommen, was ein Gesicht braucht. Aber der Servoarm hielt an, mitten in der Bewegung, und blieb einen Herzschlag zu lange stehen.

„Die dritte Bedingung", sagte er, „ist eine Sitte, keine Regel."

„Sie steht geschrieben."

„Vieles steht geschrieben. Olympia stand geschrieben." Er richtete sich auf, so weit der Schacht es zuließ. „In neun Tagen. Wecke ihn, oder ich hole jemanden, der es ohne dein Buch tut."

Ossyk Dral kam am dreiunddreißigsten Tag, was bedeutete, dass er gewartet hatte, bis die Prüfung vorüber war. Er tat solche Dinge. Er war kein Mann, der eine Ordnung zertrat, wenn er sie auch abwarten konnte, und Sette hatte in sechzig Jahren gelernt, dass genau das an ihm das Gefährliche war.

Er musste sich bücken, um in den Schacht zu kommen. Sein Servoarm streifte die Decke und riss eine Ölspur mit, und Verrik, der neben der Leiter stand, sah zu Boden, wie man es tat.

„Ölhand", sagte Dral.

„Kriegsschmied."

„Wie viel Zeit hat er noch?"

Es war die falsche Frage, und sie war es mit Absicht. Sette antwortete trotzdem wahrheitsgemäß, weil eine Lüge im Protokoll stehen würde und das Protokoll länger lebte als sie.

„Der Kern trägt. Die Gelenke nicht. Wenn er geht, geht er einmal."

Dral nickte, als hätte er die Zahl bekommen, die er wollte. „Wir setzen bei Corpus an. Der Bruch in der zweiten Kaverne hält nicht ohne Gewicht. Ich brauche etwas, das im Schacht steht und nicht weicht."

„Dafür gibt es Höllenbruten."

„Höllenbruten weichen nicht. Sie gehorchen nur nicht." Er sagte es ohne Bitterkeit, wie ein Mann, der ein Werkzeug beschreibt, das ihm zu teuer ist. „Ich brauche etwas, das versteht, wovon ich rede, und danach stehen bleibt. Davon gibt es an Bord genau eines."

Sette legte die Hand auf das Protokoll. Es war eine alte Bewegung, eine, die ihre Mutter Marev gemacht hatte und deren Mutter vor ihr, und sie tat es, ohne es zu bemerken.

„Es gibt Bedingungen", sagte sie.

„Ich kenne die Bedingungen."

„Dann kennt der Kriegsschmied auch die dritte."

Drals Gesicht bewegte sich nicht. Bei ihm bewegte sich selten etwas; die Umbauten hatten ihm über die Jahrhunderte genommen, was ein Gesicht braucht. Aber der Servoarm hielt an, mitten in der Bewegung, und blieb einen Herzschlag zu lange stehen.

„Die dritte Bedingung", sagte er, „ist eine Sitte, keine Regel."

„Sie steht geschrieben."

„Vieles steht geschrieben. Olympia stand geschrieben." Er richtete sich auf, so weit der Schacht es zuließ. „In neun Tagen. Wecke ihn, oder ich hole jemanden, der es ohne dein Buch tut."

Die dritte BedingungDie dritte Bedingung

„Was steht in der dritten?", fragte Verrik in der Nacht.

Er war zweiundzwanzig, was ihn für die zweiundzwanzigste Generation gerade jung genug machte, dass es wie ein Witz klang, den niemand mehr lustig fand. Er hatte gute Hände. Er hatte auch die Angewohnheit, Fragen zu stellen, deren Antwort ihn belastete, und Sette wusste noch nicht, ob das eine Eignung war oder ein Fehler.

Sie schlug das Protokoll auf. Nicht vorn, wo die Prüfungen standen, sondern weit hinten, wo die Seiten dünner waren und die Tinte von drei verschiedenen Händen stammte.

*Der Schläfer wird nicht geweckt, um ein Loch zu füllen. Er wird geweckt, wenn er der Einzige ist, und wenn er gefragt worden ist.*

Verrik las es zweimal. „Gefragt", sagte er. „Er schläft. Wie fragt man jemanden, der schläft?"

„Man öffnet den unteren Kanal. Nur den. Er hört, er antwortet nicht. Dann wartet man." Sette schloss das Buch. „Wenn er nicht will, steigt das Grauwasser. Er drückt gegen den Kern. Es ist die einzige Sprache, die ihm geblieben ist, und die einzige, die man ihm nicht nehmen konnte."

„Und wenn er will?"

„Dann steht es still."

Verrik schwieg lange. Draußen im Schiff arbeitete etwas Großes, in der Frequenz, die man in den Zähnen spürte statt im Ohr.

„Die siebzehnte Generation hat einmal gefragt", sagte er schließlich. „Es steht am Rand. Ich habe es gelesen."

„Ich weiß, dass du es gelesen hast."

„Das Wasser ist gestiegen."

„Ja."

„Und sie haben ihn trotzdem geweckt."

Sette sah ihren Sohn an und überlegte, ob sie ihm die Wahrheit schuldig war oder ob das Protokoll sie ihm schuldig war, und ob das nicht ohnehin dasselbe war.

„Sie haben ihn geweckt", sagte sie. „Und danach hat er vierzig Jahre lang niemanden mehr erkannt. Nicht die Wärterin, nicht seine Zenturie, nicht seinen eigenen Namen. Er hat gekämpft. Er hat gut gekämpft. Man kann gut kämpfen und trotzdem nicht mehr da sein." Sie strich mit dem Daumen über den Buchrücken. „Es hat sich zurückgeholt. Über vierzig Jahre. Deshalb steht die Bedingung da, wo sie steht — sie ist nicht für ihn geschrieben. Sie ist für uns geschrieben. Damit wir wissen, was wir kaufen."

„Was steht in der dritten?", fragte Verrik in der Nacht.

Er war zweiundzwanzig, was ihn für die zweiundzwanzigste Generation gerade jung genug machte, dass es wie ein Witz klang, den niemand mehr lustig fand. Er hatte gute Hände. Er hatte auch die Angewohnheit, Fragen zu stellen, deren Antwort ihn belastete, und Sette wusste noch nicht, ob das eine Eignung war oder ein Fehler.

Sie schlug das Protokoll auf. Nicht vorn, wo die Prüfungen standen, sondern weit hinten, wo die Seiten dünner waren und die Tinte von drei verschiedenen Händen stammte.

*Der Schläfer wird nicht geweckt, um ein Loch zu füllen. Er wird geweckt, wenn er der Einzige ist, und wenn er gefragt worden ist.*

Verrik las es zweimal. „Gefragt", sagte er. „Er schläft. Wie fragt man jemanden, der schläft?"

„Man öffnet den unteren Kanal. Nur den. Er hört, er antwortet nicht. Dann wartet man." Sette schloss das Buch. „Wenn er nicht will, steigt das Grauwasser. Er drückt gegen den Kern. Es ist die einzige Sprache, die ihm geblieben ist, und die einzige, die man ihm nicht nehmen konnte."

„Und wenn er will?"

„Dann steht es still."

Verrik schwieg lange. Draußen im Schiff arbeitete etwas Großes, in der Frequenz, die man in den Zähnen spürte statt im Ohr.

„Die siebzehnte Generation hat einmal gefragt", sagte er schließlich. „Es steht am Rand. Ich habe es gelesen."

„Ich weiß, dass du es gelesen hast."

„Das Wasser ist gestiegen."

„Ja."

„Und sie haben ihn trotzdem geweckt."

Sette sah ihren Sohn an und überlegte, ob sie ihm die Wahrheit schuldig war oder ob das Protokoll sie ihm schuldig war, und ob das nicht ohnehin dasselbe war.

„Sie haben ihn geweckt", sagte sie. „Und danach hat er vierzig Jahre lang niemanden mehr erkannt. Nicht die Wärterin, nicht seine Zenturie, nicht seinen eigenen Namen. Er hat gekämpft. Er hat gut gekämpft. Man kann gut kämpfen und trotzdem nicht mehr da sein." Sie strich mit dem Daumen über den Buchrücken. „Es hat sich zurückgeholt. Über vierzig Jahre. Deshalb steht die Bedingung da, wo sie steht — sie ist nicht für ihn geschrieben. Sie ist für uns geschrieben. Damit wir wissen, was wir kaufen."

Der untere KanalDer untere Kanal

Sie öffneten ihn am achten Tag.

Es war kein Ritual. Die Ölhände hatten nie Riten gehabt; Riten waren etwas für die, die etwas glaubten, und die sterbliche Dienerschaft der Eisernen Zehnten glaubte seit langem nichts mehr, was über einen Wartungsplan hinausging. Es war ein Hahn an der unteren Naht, zwei Handbreit über dem Boden, und man drehte ihn mit einem Schlüssel, den seit vierhundert Jahren dieselbe Familie trug.

Sette kniete. Das ging schlechter als früher. Verrik streckte die Hand aus, und sie nahm sie nicht.

Der Hahn gab nach.

Es roch nach kaltem Öl und nach etwas darunter, etwas Sauerem, das nicht Maschine war und auch nicht Fleisch, sondern das, was aus beidem wird, wenn man es lange genug ineinander lässt.

„Hetair Kandron", sagte Sette. Sie benutzte den Namen, nicht die Nummer. Es stand nicht im Protokoll, dass man das durfte. Es stand aber auch nicht, dass man es nicht durfte, und in einundzwanzig Generationen hatte jede Ölhand irgendwo eine Lücke gefunden, in die sie etwas Eigenes legen konnte.

„Der Kriegsschmied Ossyk Dral verlangt dich für Corpus. Zweite Kaverne. Ein Bruch, der Gewicht braucht. Er sagt, du bist der Einzige. Ich sage dir, dass er recht hat."

Sie hielt inne.

„Ich sage dir auch, dass deine Gelenke einmal gehen. Nicht zweimal. Wenn du hinuntergehst, kommst du nicht zurück in diese Kammer. Es gibt keine Wiege für dich danach."

Verrik atmete flach neben ihr.

„Das ist die Frage", sagte Sette. „Sie ist gestellt."

Dann sahen sie auf das Schauglas.

Der Strich lag, wo er lag. Ein Fingerbreit über dem geätzten Zeichen.

Er blieb.

Eine Minute. Zwei. Verrik begann zu zählen, hörte auf, begann wieder. Irgendwo über ihnen fuhr eine Ladeluke, und der ganze Schacht zitterte, und der Strich zitterte mit und stand danach wieder still.

Nach neun Minuten stieg er.

Nicht viel. Die Breite eines Nagels, vielleicht weniger. Dann wieder herunter. Dann wieder hinauf, weiter diesmal, und dann fiel er ganz zurück, und dann stand er, und dann stieg er ein letztes Mal und blieb oben.

Verrik sagte: „Er hat sich —"

„Ja."

„Er hat es sich überlegt. Er hat —"

„Ja", sagte Sette. „Er hat nein gesagt. Und dann hat er versucht, ja zu sagen. Und dann hat er es nicht gekonnt."

Sie schloss den Hahn.

Ihre Hände zitterten so stark, dass sie den Schlüssel zweimal ansetzen musste, und sie war dankbar, dass Verrik so tat, als sähe er es nicht.

Sie öffneten ihn am achten Tag.

Es war kein Ritual. Die Ölhände hatten nie Riten gehabt; Riten waren etwas für die, die etwas glaubten, und die sterbliche Dienerschaft der Eisernen Zehnten glaubte seit langem nichts mehr, was über einen Wartungsplan hinausging. Es war ein Hahn an der unteren Naht, zwei Handbreit über dem Boden, und man drehte ihn mit einem Schlüssel, den seit vierhundert Jahren dieselbe Familie trug.

Sette kniete. Das ging schlechter als früher. Verrik streckte die Hand aus, und sie nahm sie nicht.

Der Hahn gab nach.

Es roch nach kaltem Öl und nach etwas darunter, etwas Sauerem, das nicht Maschine war und auch nicht Fleisch, sondern das, was aus beidem wird, wenn man es lange genug ineinander lässt.

„Hetair Kandron", sagte Sette. Sie benutzte den Namen, nicht die Nummer. Es stand nicht im Protokoll, dass man das durfte. Es stand aber auch nicht, dass man es nicht durfte, und in einundzwanzig Generationen hatte jede Ölhand irgendwo eine Lücke gefunden, in die sie etwas Eigenes legen konnte.

„Der Kriegsschmied Ossyk Dral verlangt dich für Corpus. Zweite Kaverne. Ein Bruch, der Gewicht braucht. Er sagt, du bist der Einzige. Ich sage dir, dass er recht hat."

Sie hielt inne.

„Ich sage dir auch, dass deine Gelenke einmal gehen. Nicht zweimal. Wenn du hinuntergehst, kommst du nicht zurück in diese Kammer. Es gibt keine Wiege für dich danach."

Verrik atmete flach neben ihr.

„Das ist die Frage", sagte Sette. „Sie ist gestellt."

Dann sahen sie auf das Schauglas.

Der Strich lag, wo er lag. Ein Fingerbreit über dem geätzten Zeichen.

Er blieb.

Eine Minute. Zwei. Verrik begann zu zählen, hörte auf, begann wieder. Irgendwo über ihnen fuhr eine Ladeluke, und der ganze Schacht zitterte, und der Strich zitterte mit und stand danach wieder still.

Nach neun Minuten stieg er.

Nicht viel. Die Breite eines Nagels, vielleicht weniger. Dann wieder herunter. Dann wieder hinauf, weiter diesmal, und dann fiel er ganz zurück, und dann stand er, und dann stieg er ein letztes Mal und blieb oben.

Verrik sagte: „Er hat sich —"

„Ja."

„Er hat es sich überlegt. Er hat —"

„Ja", sagte Sette. „Er hat nein gesagt. Und dann hat er versucht, ja zu sagen. Und dann hat er es nicht gekonnt."

Sie schloss den Hahn.

Ihre Hände zitterten so stark, dass sie den Schlüssel zweimal ansetzen musste, und sie war dankbar, dass Verrik so tat, als sähe er es nicht.

Was man kaufen kannWas man kaufen kann

Verrik brachte es drei Tage lang nicht zur Sprache. Dann brachte er es falsch zur Sprache, wie man Dinge zur Sprache bringt, die man zu lange getragen hat.

„Er hat es versucht", sagte er über die Werkbank hinweg. „Am Ende. Er wollte ja sagen."

Sette schliff weiter. Die Dichtungsringe mussten von Hand nachgezogen werden, weil die Legion für Wiege-4 seit dreihundert Jahren keine Ersatzteile mehr führte und niemand in der Verwaltung ein Interesse daran hatte, dass sich das änderte. Ein Cybot, für den es keine Teile gab, war ein Cybot, den man abschreiben konnte, und abgeschriebene Dinge blieben, wo sie waren.

„Er hat es versucht", sagte Verrik noch einmal. „Und wir haben den Hahn zugedreht."

„Ja."

„Wenn wir gewartet hätten —"

„Dann hätte er es noch dreimal versucht, und beim vierten Mal wäre das Wasser gestiegen und nicht mehr gefallen, und wir hätten es Zustimmung genannt." Sette hielt den Ring gegen die Lampe. Ein Grat, feiner als ein Haar. Sie nahm ihn weg. „Und dann wäre er nach Corpus gegangen, und dann wäre er dort geblieben, und irgendwann hätte deine Enkelin an dieser Bank gesessen und gesagt: Damals hat einer ja gesagt. So fängt es an. Nicht mit einem Befehl. Mit einem Satz, den jemand hinterher zurechtlegt."

Verrik schwieg.

„Du denkst, ich habe ihn geschützt", sagte Sette.

„Hast du nicht?"

„Ich habe das Buch geschützt." Sie legte den Ring hin. „Er ist ein Krieger der Vierten Legion, mein Sohn. Er hat mehr Menschen umgebracht, als auf diesem Schiff je gelebt haben. Wenn morgen jemand käme, der ihn richtig fragt, und er sagte ja, dann ginge er, und ich könnte es nicht verhindern und dürfte es nicht. Das ist nicht meine Aufgabe."

„Was ist deine Aufgabe?"

„Dass die Frage eine Frage bleibt." Sie sah ihn an. „Solange sie das ist, ist er jemand. In der Stunde, in der wir sie zur Form machen, ist er Gerät. Und Gerät wird verbraucht. Das ist keine Grausamkeit, das ist nur, wofür es da ist."

Sie schob ihm den nächsten Ring hin.

„Die siebzehnte Generation hat das Buch beinahe verbrannt", sagte sie. „Danach. Nach den vierzig Jahren. Sie hat es nicht getan, und ich habe lange gedacht, das sei aus Feigheit gewesen." Sie nahm die Feile wieder auf. „Es war keine. Es ist leichter, ein Buch zu verbrennen, als jeden achtundzwanzigsten Tag hinunterzusteigen und nichts zu berichten zu haben."

Verrik brachte es drei Tage lang nicht zur Sprache. Dann brachte er es falsch zur Sprache, wie man Dinge zur Sprache bringt, die man zu lange getragen hat.

„Er hat es versucht", sagte er über die Werkbank hinweg. „Am Ende. Er wollte ja sagen."

Sette schliff weiter. Die Dichtungsringe mussten von Hand nachgezogen werden, weil die Legion für Wiege-4 seit dreihundert Jahren keine Ersatzteile mehr führte und niemand in der Verwaltung ein Interesse daran hatte, dass sich das änderte. Ein Cybot, für den es keine Teile gab, war ein Cybot, den man abschreiben konnte, und abgeschriebene Dinge blieben, wo sie waren.

„Er hat es versucht", sagte Verrik noch einmal. „Und wir haben den Hahn zugedreht."

„Ja."

„Wenn wir gewartet hätten —"

„Dann hätte er es noch dreimal versucht, und beim vierten Mal wäre das Wasser gestiegen und nicht mehr gefallen, und wir hätten es Zustimmung genannt." Sette hielt den Ring gegen die Lampe. Ein Grat, feiner als ein Haar. Sie nahm ihn weg. „Und dann wäre er nach Corpus gegangen, und dann wäre er dort geblieben, und irgendwann hätte deine Enkelin an dieser Bank gesessen und gesagt: Damals hat einer ja gesagt. So fängt es an. Nicht mit einem Befehl. Mit einem Satz, den jemand hinterher zurechtlegt."

Verrik schwieg.

„Du denkst, ich habe ihn geschützt", sagte Sette.

„Hast du nicht?"

„Ich habe das Buch geschützt." Sie legte den Ring hin. „Er ist ein Krieger der Vierten Legion, mein Sohn. Er hat mehr Menschen umgebracht, als auf diesem Schiff je gelebt haben. Wenn morgen jemand käme, der ihn richtig fragt, und er sagte ja, dann ginge er, und ich könnte es nicht verhindern und dürfte es nicht. Das ist nicht meine Aufgabe."

„Was ist deine Aufgabe?"

„Dass die Frage eine Frage bleibt." Sie sah ihn an. „Solange sie das ist, ist er jemand. In der Stunde, in der wir sie zur Form machen, ist er Gerät. Und Gerät wird verbraucht. Das ist keine Grausamkeit, das ist nur, wofür es da ist."

Sie schob ihm den nächsten Ring hin.

„Die siebzehnte Generation hat das Buch beinahe verbrannt", sagte sie. „Danach. Nach den vierzig Jahren. Sie hat es nicht getan, und ich habe lange gedacht, das sei aus Feigheit gewesen." Sie nahm die Feile wieder auf. „Es war keine. Es ist leichter, ein Buch zu verbrennen, als jeden achtundzwanzigsten Tag hinunterzusteigen und nichts zu berichten zu haben."

Neun TageNeun Tage

Ossyk Dral kam nicht am neunten Tag. Er kam am Abend des achten, was bedeutete, dass er es schon wusste, und Sette begriff erst, als sie ihn im Schacht stehen sah, dass ein Kriegsschmied natürlich einen Sensor an einer Wiege hat und das Protokoll nur die Höflichkeit ist, mit der man ihn davon abhält, ihn zu benutzen.

„Er hat verweigert", sagte Dral.

„Er hat geantwortet."

„Das ist dasselbe."

„Nein." Sette stand auf. Es dauerte. „Wenn es dasselbe wäre, hätten Sie neun Tage gespart."

Der Servoarm bewegte sich. Nicht auf sie zu — an ihr vorbei, zum Schauglas, und legte sich flach dagegen, wie man eine Hand gegen eine Wand legt, hinter der man etwas gehört zu haben glaubt.

„Ich habe unter ihm gedient", sagte Dral. „Bei Tallarn nicht, davor. Ich war Vierter im Schild seiner Zenturie. Er hat mir den Arm gerichtet, den ich jetzt nicht mehr habe." Der Arm blieb liegen. „Ich habe ihn dreimal wecken lassen. Zweimal war er da. Beim dritten Mal hat er meinen Namen gesagt und dann den Namen eines Mannes, der seit sechstausend Jahren tot ist, und beide Male mit derselben Stimme."

Sette sagte nichts.

„Die Legion hat kein Wort dafür", sagte Dral. „Wir haben ein Wort für Verrat, wir haben elf für Belagerung, und für das da haben wir keines." Er nahm den Arm vom Glas. „Corpus wird gehalten oder nicht. Es ist eine Kaverne. Es gibt viele Kavernen."

Er ging.

An der Leiter blieb er stehen, ohne sich umzudrehen.

„Trag ein, dass der Kriegsschmied die Anfrage zurückgezogen hat. Nicht, dass der Schläfer verweigert hat."

„Warum?"

„Weil nach mir jemand anderes das Buch liest", sagte Ossyk Dral, „und weil ein Nein, das einmal geschrieben steht, jemanden auf die Idee bringt, es ein zweites Mal zu versuchen."

Ossyk Dral kam nicht am neunten Tag. Er kam am Abend des achten, was bedeutete, dass er es schon wusste, und Sette begriff erst, als sie ihn im Schacht stehen sah, dass ein Kriegsschmied natürlich einen Sensor an einer Wiege hat und das Protokoll nur die Höflichkeit ist, mit der man ihn davon abhält, ihn zu benutzen.

„Er hat verweigert", sagte Dral.

„Er hat geantwortet."

„Das ist dasselbe."

„Nein." Sette stand auf. Es dauerte. „Wenn es dasselbe wäre, hätten Sie neun Tage gespart."

Der Servoarm bewegte sich. Nicht auf sie zu — an ihr vorbei, zum Schauglas, und legte sich flach dagegen, wie man eine Hand gegen eine Wand legt, hinter der man etwas gehört zu haben glaubt.

„Ich habe unter ihm gedient", sagte Dral. „Bei Tallarn nicht, davor. Ich war Vierter im Schild seiner Zenturie. Er hat mir den Arm gerichtet, den ich jetzt nicht mehr habe." Der Arm blieb liegen. „Ich habe ihn dreimal wecken lassen. Zweimal war er da. Beim dritten Mal hat er meinen Namen gesagt und dann den Namen eines Mannes, der seit sechstausend Jahren tot ist, und beide Male mit derselben Stimme."

Sette sagte nichts.

„Die Legion hat kein Wort dafür", sagte Dral. „Wir haben ein Wort für Verrat, wir haben elf für Belagerung, und für das da haben wir keines." Er nahm den Arm vom Glas. „Corpus wird gehalten oder nicht. Es ist eine Kaverne. Es gibt viele Kavernen."

Er ging.

An der Leiter blieb er stehen, ohne sich umzudrehen.

„Trag ein, dass der Kriegsschmied die Anfrage zurückgezogen hat. Nicht, dass der Schläfer verweigert hat."

„Warum?"

„Weil nach mir jemand anderes das Buch liest", sagte Ossyk Dral, „und weil ein Nein, das einmal geschrieben steht, jemanden auf die Idee bringt, es ein zweites Mal zu versuchen."

Die zweiundzwanzigste GenerationDie zweiundzwanzigste Generation

Sette starb im Winter des folgenden Jahres, wobei Winter an Bord der *Unbeugsam* nur bedeutete, dass die Backbordschleifen abgeschaltet waren und man in den unteren Ebenen den Atem sah.

Sie starb nicht bei der Prüfung. Verrik war dankbar dafür, auf eine Art, für die er sich schämte. Sie starb in ihrer Koje, zwei Ebenen höher, und sie hatte am Tag zuvor noch den achtundzwanzigsten Strich eingetragen, sehr groß, sehr schief, und darunter, in derselben zitternden Schrift: *Nichts zu berichten.*

Verrik ging allein hinunter.

Er machte es richtig. Öllampe auf Kniehöhe, auf Schulterhöhe, dicht ans Glas. Obere Naht. Der Strich lag, wo er liegen sollte.

Dann tat er, was nicht im Protokoll stand.

„Sie ist tot", sagte er in das Schauglas. „Marevs Tochter. Sette. Sie war einundsiebzig."

Es kam nichts. Es kam nie etwas; das war die Vorschrift, und die Vorschrift war zweimal in einundzwanzig Generationen gebrochen worden, und beide Male hatte danach eine Ölhand gefehlt.

Verrik wartete trotzdem. Er hätte nicht sagen können, worauf.

Der Strich stand still.

Nach einer Weile begriff er, dass genau das die Antwort war — dass ein Ding, das nur steigen und fallen konnte, mit dem Stillstehen alles gesagt hatte, was ihm möglich war, und dass seine Mutter das gewusst und ihm nie erklärt hatte, weil man es nicht erklären konnte, sondern nur einmal danebenstehen musste.

Er schrieb es auf.

*Stand gehalten. Nichts zu berichten.*

Dann setzte er, weil er zweiundzwanzig war und die Seiten hinten noch leer, eine Zeile an den Rand, wie es die siebzehnte Generation getan hatte und die neunzehnte:

*Er hört. Man muss nur aufhören zu fragen, ob er antwortet.*

Er löschte die Lampe und stieg die Leiter hinauf, und hinter ihm, im Dunkeln, hing Hetair Kandron in vierhundert Jahren stehendem Grauwasser und schlief den zweiten Schlaf, der kein Schlaf war, sondern eine Entscheidung, die jeden Tag aufs Neue getroffen werden musste.

Sette starb im Winter des folgenden Jahres, wobei Winter an Bord der *Unbeugsam* nur bedeutete, dass die Backbordschleifen abgeschaltet waren und man in den unteren Ebenen den Atem sah.

Sie starb nicht bei der Prüfung. Verrik war dankbar dafür, auf eine Art, für die er sich schämte. Sie starb in ihrer Koje, zwei Ebenen höher, und sie hatte am Tag zuvor noch den achtundzwanzigsten Strich eingetragen, sehr groß, sehr schief, und darunter, in derselben zitternden Schrift: *Nichts zu berichten.*

Verrik ging allein hinunter.

Er machte es richtig. Öllampe auf Kniehöhe, auf Schulterhöhe, dicht ans Glas. Obere Naht. Der Strich lag, wo er liegen sollte.

Dann tat er, was nicht im Protokoll stand.

„Sie ist tot", sagte er in das Schauglas. „Marevs Tochter. Sette. Sie war einundsiebzig."

Es kam nichts. Es kam nie etwas; das war die Vorschrift, und die Vorschrift war zweimal in einundzwanzig Generationen gebrochen worden, und beide Male hatte danach eine Ölhand gefehlt.

Verrik wartete trotzdem. Er hätte nicht sagen können, worauf.

Der Strich stand still.

Nach einer Weile begriff er, dass genau das die Antwort war — dass ein Ding, das nur steigen und fallen konnte, mit dem Stillstehen alles gesagt hatte, was ihm möglich war, und dass seine Mutter das gewusst und ihm nie erklärt hatte, weil man es nicht erklären konnte, sondern nur einmal danebenstehen musste.

Er schrieb es auf.

*Stand gehalten. Nichts zu berichten.*

Dann setzte er, weil er zweiundzwanzig war und die Seiten hinten noch leer, eine Zeile an den Rand, wie es die siebzehnte Generation getan hatte und die neunzehnte:

*Er hört. Man muss nur aufhören zu fragen, ob er antwortet.*

Er löschte die Lampe und stieg die Leiter hinauf, und hinter ihm, im Dunkeln, hing Hetair Kandron in vierhundert Jahren stehendem Grauwasser und schlief den zweiten Schlaf, der kein Schlaf war, sondern eine Entscheidung, die jeden Tag aufs Neue getroffen werden musste.

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