Was zwei Ebenen trenntWhat Two Levels Separate

Adeptus Mechanicus, Kel-VantorAdeptus Mechanicus, Kel-Vantor

17 Min. Lesezeit17 min read

„Was der Körper nicht mehr tragen kann, das trage die Pflicht weiter."

„Was der Körper nicht mehr tragen kann, das trage die Pflicht weiter."

I. Der AntragThe Petition

Ilse Marn hustete seit ihrem zwölften Jahr im Rhythmus der Schmiedeglocken. Mit sechzehn war der Husten ein zweiter Herzschlag geworden, mit zweiundzwanzig ein drittes Lungenpaar aus Schleim und Metallstaub, das ihr eigenes zunehmend verdrängte. Sie kniete vor dem Antragsschalter der Aussonderungsverwaltung, dritte Ebene unter der Schmelzkathedrale, und hielt das Formular so, dass ihre zitternden Hände es nicht zerknitterten, bevor der Adept es entgegennahm. Die Schlange hinter ihr war lang genug, dass ihr Ende irgendwo im Dämmerlicht des Korridors verschwand, ein stummer Zug aus Männern und Frauen, deren Atem in unterschiedlichen, gebrochenen Takten ging, als spielte irgendwo eine Orgel, deren Pfeifen alle undicht waren.

„Antrag auf den Letzten Dienst", sagte sie, und ihre Stimme brach in der Mitte des Wortes *Dienst* entzwei, wie sie es seit Monaten immer tat.

Der Adept – ein Mann mittleren Alters mit einem mechanischen Auge, das sie taxierte wie eine Materialprobe – nahm das Formular, ohne aufzusehen. „Name. Kohorte. Dienstjahre."

„Ilse Marn. Schmelzkohorte Vier. Fünfzehn Jahre, seit meinem siebten."

Er tippte die Angaben in ein Lesegerät, dessen Licht grün auf sein Gesicht fiel, und für einen Moment war sein Profil in diesem Grün so reglos, dass Ilse sich fragte, ob unter der Robe überhaupt noch etwas Warmes schlug. „Diagnose."

„Schmiedelunge. Stufe drei." Sie hatte die Worte tausendmal geübt, in der Nacht, wenn der Husten sie wachhielt und die Wand neben ihrer Pritsche kalt blieb, seit ihre Mutter nicht mehr da war, um sie mit ihrer eigenen Wärme zu teilen. „Ich kann noch acht Stunden Schicht machen. Aber danach nicht mehr lange. Das sagt der Medicae-Servitor auch."

„Stufe drei erfüllt die Aufnahmekriterien nicht." Der Adept sprach die Formel, ohne dass sich ein einziger Muskel in seinem Gesicht dabei bewegte, so geübt, dass Ilse begriff: Er hatte diesen Satz heute schon gesagt, vielleicht mehrfach, vielleicht ihn selbst so oft gesagt, dass er aufgehört hatte, ihn als Ablehnung zu hören und nur noch als Verfahrensschritt. „Der Letzte Dienst ist für erschöpfte Diener vorgesehen, deren Nützlichkeit im gegenwärtigen Zustand das kritische Minimum unterschreitet. Sie leisten noch volle Schicht."

„Ich werde es nicht mehr lange." Sie hörte selbst, wie das klang – wie ein Kind, das um etwas bettelt, das es nicht verdient hat, weil es noch nicht genug gelitten hat, um es zu verdienen. Genau das war es auch, und sie hasste sich dafür, dass sie es trotzdem sagte. „Meine Mutter hatte Stufe vier, als sie aufgenommen wurde. Ich habe sie besucht, in den ersten Monaten, bevor die Schicht mir die Zeit dafür nahm. Ich will nicht warten, bis ich so schlecht bin wie sie war, wenn sie den Stuhl bestieg. Ich will es *jetzt*, solange noch etwas von mir übrig ist, das die Maschine formen kann, ohne dass es Verschwendung ist."

„Das ist nicht, wie das Verfahren funktioniert." Der Adept stempelte das Formular mit einem Zeichen, das Ilse nicht lesen konnte, aber dessen Bedeutung sie aus zwölf vorherigen Anträgen kannte. Abgelehnt. Wieder. Zum dreizehnten Mal. „Reichen Sie erneut ein, wenn die Diagnose Stufe vier erreicht. Der Omnissiah zählt Ihre Jahre; er vergisst keinen einzigen."

„Und wenn ich sterbe, bevor die Diagnose Stufe vier erreicht?"

Der Adept sah zum ersten Mal wirklich auf, und in seinem organischen Auge lag, für den Bruchteil eines Atemzugs, etwas, das fast wie Bedauern aussah, bevor die binäre Disziplin es glättete. „Dann zählt der Omnissiah auch das. Aber nicht als Dienst. Als Verlust." Er reichte ihr das gestempelte Papier zurück, und seine Stimme wurde, ganz leise, für einen Moment fast menschlich: „Ich kann Ihnen nichts anderes sagen, Bittstellerin. Das Formular kennt keine Ausnahme. Nur die Zahl."

Sie nahm das Papier und verließ den Schalter, und der Nächste in der Schlange – ein alter Mann mit einer Lunge wie zerrissenes Segeltuch, dessen Husten durch die ganze Halle hallte – trat an ihre Stelle, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Jeder in dieser Schlange kannte nur seinen eigenen Husten.

Draußen, in dem grauen Zwielicht der Schmelzkathedrale, wartete niemand auf sie. Sie ging trotzdem den langen Weg zur Halle der Letzten Pflicht, wie sie es seltener tat, als sie zugeben wollte, weil der Weg zwei Stunden ihrer knappen freien Zeit kostete und weil jeder Besuch sie tagelang mit einer Traurigkeit zurückließ, die sich anfühlte wie eine zweite, unsichtbare Schmiedelunge. Sie ging trotzdem.

Kohorte Sieben, Sektor C. Ihre Mutter bediente dort seit vier Jahren die Antriebswelle einer Fördereinheit, ein Servitor-Körper unter grauen Kutten, Arme, die sich alle vier Sekunden im selben Bogen hoben und senkten, ein Kopf, dessen Augen offen standen, aber nichts mehr zu spiegeln schienen als das Deckenlicht. Ilse stellte sich, wie immer, in einer Entfernung auf, die den Aufsehern nicht auffiel, und sah zu.

„Sie erkennt dich nicht", hatte ihr eine ältere Frau aus derselben Kohorte einmal gesagt, nicht grausam, nur ehrlich, wie Menschen ehrlich werden, wenn sie zu erschöpft sind, um noch höflich zu lügen. „Das tun sie nie wieder. Das ist der Sinn davon."

Ilse hatte geantwortet, dass es nicht um Erkennen ging. Es ging darum, dass ihre Mutter, egal was hinter den Augen noch war oder nicht war, weiterhin *nützlich* war, weiterhin einen Platz im großen, ewigen Getriebe des Omnissiah hatte, während ein Körper, der einfach nur starb, gar keinen Platz mehr hatte, nirgends, nicht einmal in der Erinnerung, weil Erinnerung selbst irgendwann verlosch. Ihre Mutter hatte ihr das beigebracht, in den Abenden vor der Aufnahme, mit einer Ruhe, die Ilse als Kind für Frieden gehalten hatte und die sie jetzt, mit zweiundzwanzig, nicht mehr sicher von Erschöpfung unterscheiden konnte. *Was der Körper nicht mehr tragen kann, das trage die Pflicht weiter.* Ihre Mutter hatte das gesungen, nicht gesagt, mit geschlossenen Augen, während draußen die Schmelzglocken läuteten.

Ilse war siebzehn gewesen, an dem Tag, an dem ihre Mutter zur Halle der Letzten Pflicht gegangen war. Sie erinnerte sich an jedes Detail dieses Tages mit einer Schärfe, die den meisten anderen Erinnerungen ihrer Kindheit fehlte, so als hätte ihr Gedächtnis gewusst, dass es diesen einen Tag würde festhalten müssen, für immer, weil danach niemand mehr da sein würde, der ihn mit ihr teilte. Ihre Mutter hatte sich am Morgen die Haare gewaschen, in dem knappen Wasser, das ihnen zustand, sorgfältig, als ginge sie zu einem Fest. Sie hatte Ilse an der Tür der Halle umarmt, fester und länger, als sie es je zuvor getan hatte, und gesagt: „Sei nicht traurig um mich. Ich habe fünfunddreißig Jahre gegeben, so gut ich konnte, und jetzt darf ich weitergeben, was übrig ist, ohne dass es verschwendet wird. Das ist mehr, als die meisten Menschen je bekommen." Dann war sie durch die Tür gegangen, mit geradem Rücken, und Ilse hatte draußen gewartet, drei Stunden, bis ein Adept herauskam und ihr sagte, der Ritus sei abgeschlossen, und sie könne, wenn sie wolle, die Kohorte besuchen, der ihre Mutter nun zugewiesen war.

Sie war siebzehn gewesen und hatte geglaubt, dass Stolz das Richtige war, das Einzige, was ihre Mutter von ihr erwartet hätte. Sie hatte sich fünf Jahre lang daran festgehalten, immer fester, je mehr die eigene Lunge sich mit demselben Staub füllte, der ihre Mutter dorthin gebracht hatte, als wäre der Stolz selbst eine Art Erbe, das nur vollständig wurde, wenn sie ihn am Ende auf dieselbe Weise einlöste.

Sie wollte diesen Frieden. Sie wollte ihn so sehr, dass sie in den Nächten danach hustete, bis Blut in ihrem Taschentuch stand, und sich dann fragte, mit einer Kälte, die sie erschreckte, ob sie das Taschentuch aufheben und dem nächsten Antrag beilegen sollte. Beweis. Beschleunigung. Sie stellte sich vor, wie sie in der Kälte der Nachtschicht das Atemfilter absetzen und ein paar Minuten ungeschützt im Schmelzdampf stehen könnte, wie ihre Mutter es, wie sie gehört hatte, in den letzten Monaten manchmal getan hatte, wenn niemand hinsah. Ein Weg, die Wartezeit zu verkürzen. Ein Weg, das Formular zu überlisten, ohne dass jemand fragen musste, warum.

Sie erzählte niemandem von diesem Gedanken, außer, an jenem Abend, halb versehentlich, ihrer Werkbankgefährtin Renke, während sie beide auf die letzte Ladung der Schicht warteten und ihre Hände sich unter der Hitze der Gussformen rot färbten. Renke war zehn Jahre älter, mit einem Husten, der noch nicht so tief saß wie Ilses, und einer Nüchternheit, die Ilse manchmal wie einen Vorwurf traf, obwohl Renke ihn nie so meinte.

„Du redest schon wieder davon, als wäre es eine Beförderung", sagte Renke, ohne aufzusehen von der Form, die sie prüfte. „Als hättest du dir das ausgesucht wie einen Kohortenwechsel."

„Ich habe es mir ausgesucht."

„Nein, hast du nicht. Deine Lunge hat es sich ausgesucht, und deine Mutter hat dich gelehrt, es schön zu finden." Renke stellte die Form ab und sah sie zum ersten Mal richtig an, mit einer Müdigkeit, die älter war als ihre Jahre. „Ich hab genug Leute gesehen, die den Stuhl wollten, weil sie glaubten, danach hört der Schmerz auf. Der Schmerz hört auf. Das stimmt. Aber alles andere hört auch auf, und niemand, der das Ende schon gesehen hat, kann dir sagen, ob das dasselbe ist wie Frieden."

„Meine Mutter ist noch da."

„Deine Mutter bewegt einen Arm alle vier Sekunden. Das ist Bewegung, Ilse. Ob das *da* ist, weiß niemand, der noch atmet." Renke griff wieder nach der Form, weil das Gespräch begann, an eine Stelle zu rühren, an die es keine der beiden wirklich führen wollte. „Ich sage nicht, dass du unrecht hast, es zu wollen. Ich sage nur: Wünsch dir nicht, dass sie dich schneller nehmen. Die Zahl kommt früh genug von allein."

Ilse antwortete nicht darauf. Sie dachte es sich einfacher, Renkes Nüchternheit als Neid abzutun, als sich selbst zu fragen, ob etwas an ihr, das nicht ihre Lunge war, tatsächlich glaubte, was ihre Mutter geglaubt hatte, oder ob sie sich nur an einem Glauben festhielt, weil die Alternative – dass ihre Mutter einfach fort war, restlos, ohne Rest – zu groß war, um sie durch eine zwölfstündige Schicht hindurch zu tragen.

Sie tat es nicht. Noch nicht. Sie faltete das gestempelte Papier zusammen, so sorgfältig, wie sie es entfaltet hatte, und ging zurück zur Schicht, weil eine versäumte Stunde eine Verwarnung bedeutete und eine Verwarnung, in ihrer Akte vermerkt, ihre Aufnahmechancen weiter senken würde – als könnte man Würdigkeit für den eigenen Tod noch verlieren, indem man zu spät zur Arbeit erschien.

Ilse Marn hustete seit ihrem zwölften Jahr im Rhythmus der Schmiedeglocken. Mit sechzehn war der Husten ein zweiter Herzschlag geworden, mit zweiundzwanzig ein drittes Lungenpaar aus Schleim und Metallstaub, das ihr eigenes zunehmend verdrängte. Sie kniete vor dem Antragsschalter der Aussonderungsverwaltung, dritte Ebene unter der Schmelzkathedrale, und hielt das Formular so, dass ihre zitternden Hände es nicht zerknitterten, bevor der Adept es entgegennahm. Die Schlange hinter ihr war lang genug, dass ihr Ende irgendwo im Dämmerlicht des Korridors verschwand, ein stummer Zug aus Männern und Frauen, deren Atem in unterschiedlichen, gebrochenen Takten ging, als spielte irgendwo eine Orgel, deren Pfeifen alle undicht waren.

„Antrag auf den Letzten Dienst", sagte sie, und ihre Stimme brach in der Mitte des Wortes *Dienst* entzwei, wie sie es seit Monaten immer tat.

Der Adept – ein Mann mittleren Alters mit einem mechanischen Auge, das sie taxierte wie eine Materialprobe – nahm das Formular, ohne aufzusehen. „Name. Kohorte. Dienstjahre."

„Ilse Marn. Schmelzkohorte Vier. Fünfzehn Jahre, seit meinem siebten."

Er tippte die Angaben in ein Lesegerät, dessen Licht grün auf sein Gesicht fiel, und für einen Moment war sein Profil in diesem Grün so reglos, dass Ilse sich fragte, ob unter der Robe überhaupt noch etwas Warmes schlug. „Diagnose."

„Schmiedelunge. Stufe drei." Sie hatte die Worte tausendmal geübt, in der Nacht, wenn der Husten sie wachhielt und die Wand neben ihrer Pritsche kalt blieb, seit ihre Mutter nicht mehr da war, um sie mit ihrer eigenen Wärme zu teilen. „Ich kann noch acht Stunden Schicht machen. Aber danach nicht mehr lange. Das sagt der Medicae-Servitor auch."

„Stufe drei erfüllt die Aufnahmekriterien nicht." Der Adept sprach die Formel, ohne dass sich ein einziger Muskel in seinem Gesicht dabei bewegte, so geübt, dass Ilse begriff: Er hatte diesen Satz heute schon gesagt, vielleicht mehrfach, vielleicht ihn selbst so oft gesagt, dass er aufgehört hatte, ihn als Ablehnung zu hören und nur noch als Verfahrensschritt. „Der Letzte Dienst ist für erschöpfte Diener vorgesehen, deren Nützlichkeit im gegenwärtigen Zustand das kritische Minimum unterschreitet. Sie leisten noch volle Schicht."

„Ich werde es nicht mehr lange." Sie hörte selbst, wie das klang – wie ein Kind, das um etwas bettelt, das es nicht verdient hat, weil es noch nicht genug gelitten hat, um es zu verdienen. Genau das war es auch, und sie hasste sich dafür, dass sie es trotzdem sagte. „Meine Mutter hatte Stufe vier, als sie aufgenommen wurde. Ich habe sie besucht, in den ersten Monaten, bevor die Schicht mir die Zeit dafür nahm. Ich will nicht warten, bis ich so schlecht bin wie sie war, wenn sie den Stuhl bestieg. Ich will es *jetzt*, solange noch etwas von mir übrig ist, das die Maschine formen kann, ohne dass es Verschwendung ist."

„Das ist nicht, wie das Verfahren funktioniert." Der Adept stempelte das Formular mit einem Zeichen, das Ilse nicht lesen konnte, aber dessen Bedeutung sie aus zwölf vorherigen Anträgen kannte. Abgelehnt. Wieder. Zum dreizehnten Mal. „Reichen Sie erneut ein, wenn die Diagnose Stufe vier erreicht. Der Omnissiah zählt Ihre Jahre; er vergisst keinen einzigen."

„Und wenn ich sterbe, bevor die Diagnose Stufe vier erreicht?"

Der Adept sah zum ersten Mal wirklich auf, und in seinem organischen Auge lag, für den Bruchteil eines Atemzugs, etwas, das fast wie Bedauern aussah, bevor die binäre Disziplin es glättete. „Dann zählt der Omnissiah auch das. Aber nicht als Dienst. Als Verlust." Er reichte ihr das gestempelte Papier zurück, und seine Stimme wurde, ganz leise, für einen Moment fast menschlich: „Ich kann Ihnen nichts anderes sagen, Bittstellerin. Das Formular kennt keine Ausnahme. Nur die Zahl."

Sie nahm das Papier und verließ den Schalter, und der Nächste in der Schlange – ein alter Mann mit einer Lunge wie zerrissenes Segeltuch, dessen Husten durch die ganze Halle hallte – trat an ihre Stelle, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Jeder in dieser Schlange kannte nur seinen eigenen Husten.

Draußen, in dem grauen Zwielicht der Schmelzkathedrale, wartete niemand auf sie. Sie ging trotzdem den langen Weg zur Halle der Letzten Pflicht, wie sie es seltener tat, als sie zugeben wollte, weil der Weg zwei Stunden ihrer knappen freien Zeit kostete und weil jeder Besuch sie tagelang mit einer Traurigkeit zurückließ, die sich anfühlte wie eine zweite, unsichtbare Schmiedelunge. Sie ging trotzdem.

Kohorte Sieben, Sektor C. Ihre Mutter bediente dort seit vier Jahren die Antriebswelle einer Fördereinheit, ein Servitor-Körper unter grauen Kutten, Arme, die sich alle vier Sekunden im selben Bogen hoben und senkten, ein Kopf, dessen Augen offen standen, aber nichts mehr zu spiegeln schienen als das Deckenlicht. Ilse stellte sich, wie immer, in einer Entfernung auf, die den Aufsehern nicht auffiel, und sah zu.

„Sie erkennt dich nicht", hatte ihr eine ältere Frau aus derselben Kohorte einmal gesagt, nicht grausam, nur ehrlich, wie Menschen ehrlich werden, wenn sie zu erschöpft sind, um noch höflich zu lügen. „Das tun sie nie wieder. Das ist der Sinn davon."

Ilse hatte geantwortet, dass es nicht um Erkennen ging. Es ging darum, dass ihre Mutter, egal was hinter den Augen noch war oder nicht war, weiterhin *nützlich* war, weiterhin einen Platz im großen, ewigen Getriebe des Omnissiah hatte, während ein Körper, der einfach nur starb, gar keinen Platz mehr hatte, nirgends, nicht einmal in der Erinnerung, weil Erinnerung selbst irgendwann verlosch. Ihre Mutter hatte ihr das beigebracht, in den Abenden vor der Aufnahme, mit einer Ruhe, die Ilse als Kind für Frieden gehalten hatte und die sie jetzt, mit zweiundzwanzig, nicht mehr sicher von Erschöpfung unterscheiden konnte. *Was der Körper nicht mehr tragen kann, das trage die Pflicht weiter.* Ihre Mutter hatte das gesungen, nicht gesagt, mit geschlossenen Augen, während draußen die Schmelzglocken läuteten.

Ilse war siebzehn gewesen, an dem Tag, an dem ihre Mutter zur Halle der Letzten Pflicht gegangen war. Sie erinnerte sich an jedes Detail dieses Tages mit einer Schärfe, die den meisten anderen Erinnerungen ihrer Kindheit fehlte, so als hätte ihr Gedächtnis gewusst, dass es diesen einen Tag würde festhalten müssen, für immer, weil danach niemand mehr da sein würde, der ihn mit ihr teilte. Ihre Mutter hatte sich am Morgen die Haare gewaschen, in dem knappen Wasser, das ihnen zustand, sorgfältig, als ginge sie zu einem Fest. Sie hatte Ilse an der Tür der Halle umarmt, fester und länger, als sie es je zuvor getan hatte, und gesagt: „Sei nicht traurig um mich. Ich habe fünfunddreißig Jahre gegeben, so gut ich konnte, und jetzt darf ich weitergeben, was übrig ist, ohne dass es verschwendet wird. Das ist mehr, als die meisten Menschen je bekommen." Dann war sie durch die Tür gegangen, mit geradem Rücken, und Ilse hatte draußen gewartet, drei Stunden, bis ein Adept herauskam und ihr sagte, der Ritus sei abgeschlossen, und sie könne, wenn sie wolle, die Kohorte besuchen, der ihre Mutter nun zugewiesen war.

Sie war siebzehn gewesen und hatte geglaubt, dass Stolz das Richtige war, das Einzige, was ihre Mutter von ihr erwartet hätte. Sie hatte sich fünf Jahre lang daran festgehalten, immer fester, je mehr die eigene Lunge sich mit demselben Staub füllte, der ihre Mutter dorthin gebracht hatte, als wäre der Stolz selbst eine Art Erbe, das nur vollständig wurde, wenn sie ihn am Ende auf dieselbe Weise einlöste.

Sie wollte diesen Frieden. Sie wollte ihn so sehr, dass sie in den Nächten danach hustete, bis Blut in ihrem Taschentuch stand, und sich dann fragte, mit einer Kälte, die sie erschreckte, ob sie das Taschentuch aufheben und dem nächsten Antrag beilegen sollte. Beweis. Beschleunigung. Sie stellte sich vor, wie sie in der Kälte der Nachtschicht das Atemfilter absetzen und ein paar Minuten ungeschützt im Schmelzdampf stehen könnte, wie ihre Mutter es, wie sie gehört hatte, in den letzten Monaten manchmal getan hatte, wenn niemand hinsah. Ein Weg, die Wartezeit zu verkürzen. Ein Weg, das Formular zu überlisten, ohne dass jemand fragen musste, warum.

Sie erzählte niemandem von diesem Gedanken, außer, an jenem Abend, halb versehentlich, ihrer Werkbankgefährtin Renke, während sie beide auf die letzte Ladung der Schicht warteten und ihre Hände sich unter der Hitze der Gussformen rot färbten. Renke war zehn Jahre älter, mit einem Husten, der noch nicht so tief saß wie Ilses, und einer Nüchternheit, die Ilse manchmal wie einen Vorwurf traf, obwohl Renke ihn nie so meinte.

„Du redest schon wieder davon, als wäre es eine Beförderung", sagte Renke, ohne aufzusehen von der Form, die sie prüfte. „Als hättest du dir das ausgesucht wie einen Kohortenwechsel."

„Ich habe es mir ausgesucht."

„Nein, hast du nicht. Deine Lunge hat es sich ausgesucht, und deine Mutter hat dich gelehrt, es schön zu finden." Renke stellte die Form ab und sah sie zum ersten Mal richtig an, mit einer Müdigkeit, die älter war als ihre Jahre. „Ich hab genug Leute gesehen, die den Stuhl wollten, weil sie glaubten, danach hört der Schmerz auf. Der Schmerz hört auf. Das stimmt. Aber alles andere hört auch auf, und niemand, der das Ende schon gesehen hat, kann dir sagen, ob das dasselbe ist wie Frieden."

„Meine Mutter ist noch da."

„Deine Mutter bewegt einen Arm alle vier Sekunden. Das ist Bewegung, Ilse. Ob das *da* ist, weiß niemand, der noch atmet." Renke griff wieder nach der Form, weil das Gespräch begann, an eine Stelle zu rühren, an die es keine der beiden wirklich führen wollte. „Ich sage nicht, dass du unrecht hast, es zu wollen. Ich sage nur: Wünsch dir nicht, dass sie dich schneller nehmen. Die Zahl kommt früh genug von allein."

Ilse antwortete nicht darauf. Sie dachte es sich einfacher, Renkes Nüchternheit als Neid abzutun, als sich selbst zu fragen, ob etwas an ihr, das nicht ihre Lunge war, tatsächlich glaubte, was ihre Mutter geglaubt hatte, oder ob sie sich nur an einem Glauben festhielt, weil die Alternative – dass ihre Mutter einfach fort war, restlos, ohne Rest – zu groß war, um sie durch eine zwölfstündige Schicht hindurch zu tragen.

Sie tat es nicht. Noch nicht. Sie faltete das gestempelte Papier zusammen, so sorgfältig, wie sie es entfaltet hatte, und ging zurück zur Schicht, weil eine versäumte Stunde eine Verwarnung bedeutete und eine Verwarnung, in ihrer Akte vermerkt, ihre Aufnahmechancen weiter senken würde – als könnte man Würdigkeit für den eigenen Tod noch verlieren, indem man zu spät zur Arbeit erschien.

II. Die AussonderungshalleThe Hall of Sundering

Dietrich Kroll hatte in siebenundzwanzig Jahren gelernt, dass es für jede Tür einen Preis gab, und dass der Preis meistens niedriger war, wenn man bereit war, wegzusehen von dem, was hinter ihr lag. Er hatte Datenkerne aus einem versiegelten Archiv der Aussonderungsverwaltung gestohlen, weil ein Käufer aus dem Unterhive – ein Mann namens Vhalen Sorr, der sich selbst nie so nannte, sondern nur „der Kurator" – gut dafür bezahlte, und Dietrich hatte nicht gefragt, warum ein Kurator aus dem Unterhive so viel für Verwaltungsdaten zahlte, die niemanden außer Buchhaltern interessieren sollten. Das war sein Fehler gewesen. Nicht der Diebstahl – Diebstahl war ein Gewerbe wie jedes andere auf Kel-Vantor, ein Handwerk mit eigenen Regeln, eigener Ehre unter denen, die es betrieben. Sein Fehler war die Frage, die er sich hätte stellen müssen und nicht gestellt hatte, aus reiner Gier nach dem Lohn.

Er war kein Mann, der ohne Bindungen lebte, auch wenn er sich selbst gern so beschrieb, wenn andere Diebe ihn danach fragten. Es gab eine Schwester, drei Jahre jünger, die in einer der oberen Werksiedlungen lebte und nichts von seinem Gewerbe wusste, weil er es so eingerichtet hatte, dass sie es nie erfahren musste – jeder Anteil, den er von seinen Geschäften beiseitelegte, ging in ein Konto, das offiziell ihrem Mann gehörte, einem ehrlichen Schichtmeister, der nie fragte, woher die gelegentlichen Zuschüsse kamen, weil er, wie die meisten ehrlichen Männer, es vorzog, Glück nicht zu genau zu prüfen. Dietrich hatte sich selbst erzählt, dass er stahl, damit seine Schwester nie in eine Schlange wie die vor dem Antragsschalter der Aussonderungsverwaltung treten musste, nie gezwungen wäre, um irgendetwas zu betteln, das ihr zustand oder nicht zustand, je nachdem, was ein Formular an diesem Tag entschied. Es war die einzige Rechtfertigung, die er brauchte, und in siebenundzwanzig Jahren hatte sie genügt.

Als die Arbites ihn abführten, hatte er nur einen Gedanken gehabt, der ihn mehr erschreckte als die Klammern an seinen Handgelenken: dass er nie eine Nachricht gefunden hatte, seine Schwester zu warnen, dass die Zuschüsse aufhören würden, und dass sie, wenn sie es irgendwann bemerkte, nie erfahren würde, warum.

Die Arbites hatten ihn zwei Wochen später gefasst, mit dem Kern noch in der Tasche, in einem Lagerraum, den er für sicherer gehalten hatte, als er war – Sorr hatte ihn verkauft, das begriff Dietrich erst später, als der Kurator sich als Erster aus der Sache herausgekauft hatte, während Dietrich noch im Verhörraum saß. Und noch während der Verhaftung, als die Klammern sich um seine Handgelenke schlossen, hatte er gespürt, wie sich etwas in seinem Kopf veränderte – ein Flüstern am Rand des Hörbaren, das keine Worte hatte und trotzdem etwas verlangte, das er nicht benennen konnte, eine Unruhe, die tiefer saß als Angst und die ihn seither nicht mehr verließ, auch nicht im Schlaf, den er kaum noch fand.

Der Verhörraum, in dem man ihn drei Tage festhielt, hatte keine Fenster und nur eine einzige Lumenglobe, die nie ausging, sodass Dietrich irgendwann aufhörte, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden, und nur noch an den Wechseln der Wachen ablas, wie viel Zeit verging. Der Verhörpriester – ein älterer Mann, dessen linke Gesichtshälfte unter feinen Kupferdrähten verschwand, die bei jeder Frage sacht aufleuchteten – hatte ihn nicht geschlagen, nicht gedroht, nur immer wieder dieselben Fragen gestellt, in leicht veränderter Reihenfolge, als suchte er nicht nach einer Lüge, sondern nach der Stelle, an der die Wahrheit anfing, sich zu wiederholen.

„Beschreib noch einmal, was du hörst."

„Nichts, was ich in Worte fassen kann. Ein Flüstern. Am Rand." Dietrich hatte es zunächst heruntergespielt, weil er ahnte, dass Ehrlichkeit hier keine mildernden Umstände einbrachte, sondern neue Fragen. „Vielleicht bilde ich es mir ein. Drei Tage ohne Schlaf tun das mit einem Kopf."

„Du hast es erwähnt, bevor die Erschöpfung einsetzte. In der ersten Stunde deiner Festnahme, dem Arbites-Offizier gegenüber, der dich brachte." Der Priester blätterte, ohne hinzusehen, in einem Datenblock, den nur er lesen konnte. „Ich frage dich nicht, ob du lügst. Ich frage dich, ob du weißt, was du in deiner Tasche getragen hast."

„Einen Kern. Verwaltungsdaten. Das hat man mir gesagt."

„Man hat dir gesagt, was der Käufer dich glauben lassen wollte." Zum ersten Mal in drei Tagen klang die Stimme des Priesters nicht mehr rein prüfend, sondern beinahe müde, wie ein Mann, der ein Ergebnis schon kennt und nur noch die Formalität durchläuft, es bestätigt zu bekommen. „Der Kern trägt ein Fragment aus dem Sechsten Schacht. Du hast etwas in deinem Kopf mitgenommen, das dort seit Jahrtausenden wartete, und du wusstest es nicht, weil niemand es dir sagen wollte, der dabei Geld verdiente."

Dietrich hatte in diesem Moment zum ersten Mal begriffen, dass Sorr ihn nicht nur verraten, sondern von Anfang an geopfert hatte – dass der Kern selbst der eigentliche Handel gewesen war, und Dietrich nur das Werkzeug, das ihn transportierte, ohne zu wissen, was es trug. Er hatte gelacht, kurz, bitter, weil Wut in diesem Moment leichter war als Angst. „Dann ist es wenigstens ein guter Preis gewesen, den er für mich bekommen hat."

Der Priester hatte darauf nichts erwidert. Er hatte nur den Datenblock geschlossen und war gegangen, und zwei Tage später hatte man Dietrich das Urteil verlesen.

Er hatte das Flüstern dem Verhörpriester erzählt, in der Hoffnung, es würde als Wahnsinn gewertet und ihm eine Zelle statt eines Urteils einbringen. Es hatte das Gegenteil bewirkt. Der Kern, so stellte sich heraus, trug ein Fragment aus dem Sechsten Schacht, aus jener Tiefe, in der etwas Vorimperiales einmal gewacht hatte, bevor die Eisenadern es zerstörten – und was Dietrich in seinem Kopf hörte, nannten die Priester den Nachhall.

„Kontamination", sagte der Magos, der sein Urteil verlas, mit einer Stimme, die durch einen Vox-Grill kam und deshalb keine Empörung, kein Mitleid und keine Freude transportierte, nur Feststellung. „Der Angeklagte ist Träger eines psychisch-kognitiven Residuums unbekannter, potenziell gefährlicher Herkunft. Hinrichtung wäre die naheliegende Lösung, birgt jedoch das Risiko, dass die Kontamination beim Tod unkontrolliert freigesetzt wird. Der Rat der Priesterschaft entscheidet daher auf den Ritus der Aussonderung."

Dietrich hatte das Wort schon einmal gehört, in dem Jargon der Arbeiter, mit denen er Geschäfte machte, wenn sie über jemanden sprachen, der plötzlich nicht mehr auf der Werkbank stand, sondern als stumme, gleichmäßig arbeitende Gestalt in der Fördereinheit erschien. *Schweigeschnitt.* Sie sagten es leise, wie ein Wort, das man nicht zu laut aussprechen sollte, weil das Aussprechen es näherbringen könnte, wie einen Namen, der etwas ruft, wenn man ihn dreimal wiederholt.

„Das ist keine Gnade", sagte er zu dem Priester, der ihn zur Aussonderungshalle Neun eskortierte, sieben Ebenen unter der Kammer, in der die Ehrwürdigen der Eisenadern ihr Erstes Schweigen empfingen, mit Ehre und Litanei und einem Orden, der über ihnen wachte. Hier unten gab es keine Litanei. Nur kalte Verarbeitung, nummeriert, effizient, Korridore, deren Wände so glatt poliert waren, dass sie kein Echo zuließen, als hätte man dem Ort selbst das Sprechen abgewöhnt. „Ihr nennt es Kontrolle der Kontamination. Es ist eine Hinrichtung, die ihr nur nicht Hinrichtung nennen wollt, weil ihr meinen Körper danach noch gebrauchen könnt."

Der Priester – jung, mit einem Gesicht, das noch nicht die vollständige Ruhe der höheren Ränge trug, ein Novize, wie Dietrich an der Unvollständigkeit seiner Implantate erkannte – antwortete nicht sofort. Als er es tat, klang seine Stimme fast, als spräche er mehr zu sich selbst als zu Dietrich. „Der Omnissiah verschwendet nichts. Auch nicht das, was zurückbleibt, wenn die Kontamination entfernt ist."

„Das ist keine Antwort auf das, was ich gesagt habe."

„Nein", sagte der Priester, und in diesem einen Wort lag mehr Zweifel, als Dietrich in siebenundzwanzig Jahren bei irgendeinem Mechanicus-Diener gehört hatte. „Das ist es nicht."

Sie gingen durch Korridore, die tiefer in den Forge-Mond hineinführten, als Dietrich es je zuvor betreten hatte, obwohl er sein ganzes Leben auf Kel-Vantor verbracht hatte und geglaubt hatte, jeden lohnenden Winkel des Ober- und Mittelhives zu kennen. Hier unten gab es keine lohnenden Winkel mehr, nur Verwaltung: Türen ohne Beschriftung, Rohrleitungen, die in gleichmäßigem Rhythmus zischten, als atmete der Berg selbst, und alle paar hundert Schritt eine weitere versiegelte Kammer, aus der kein Laut drang. Einmal kamen sie an einer offenen Tür vorbei, hinter der zwei Adepten eine reglose Gestalt auf einer Trage vorbereiteten, mit derselben routinierten Gleichgültigkeit, mit der Werker auf seiner eigenen Ebene Frachtkisten stapelten, und Dietrich zwang sich, nicht hinzusehen, weil er ahnte, dass er das Gesicht auf der Trage sonst nicht wieder loswerden würde für die kurze Zeit, die ihm noch blieb, um an etwas anderes zu denken.

„Wie heißt du?", fragte Dietrich, weil er reden wollte, solange er noch reden konnte, weil Schweigen das Letzte war, was er ihnen freiwillig geben würde, und weil ein Name – irgendein Name, und sei es nur der eines Fremden, der ihn zum Sterben führte – ihm das Gefühl gab, noch als Mensch behandelt zu werden.

„Novize Aeth." Der Priester zögerte, als hätte er die Frage nicht erwartet, als hätte niemand, den er je zu diesem Stuhl geführt hatte, sie gestellt. „Corvin Aeth."

Sie erreichten die Aussonderungshalle: eine kreisrunde Kammer, kalt, mit gedämpftem Licht, das keine Schatten warf, weil es aus jedem Winkel gleichzeitig kam. In der Mitte stand der Aussonderungsstuhl, ein Gestell aus Klemmen und Kabeln, das mehr wie ein Werkzeug aussah als wie ein Thron, und um ihn herum, an den Wänden, hingen die Aufzeichnungsgeräte, die den Vorgang für die Archive festhalten würden – nicht aus Respekt, sondern aus Protokollpflicht.

Dietrich sah keinen Priester mit einem Buch, keine Zeugen auf Sitzbänken, keine Ewige Flamme. Nur eine kalte, nummerierte Halle, in der niemand seinen Namen aussprechen würde, sobald der Ritus begann.

„Wie viele wart ihr heute schon?", fragte er, während sie ihn zum Stuhl führten.

„Drei", sagte Corvin. „Sie werden der vierte sein."

„Und die Halle der Letzten Pflicht? Zwei Ebenen über uns, richtig? Mit ihrer Flamme und ihren Bänken für die Zeugen?"

Der Priester zögerte. „Auch heute belegt. Zwei, heute."

„Wisst ihr, was der Unterschied zwischen mir und denen dort oben ist?" Dietrich ließ sich in den Stuhl drücken, weil Widerstand keinen Sinn mehr hatte, aber seine Stimme blieb fest, fast heiter, mit jener Art von Galgenhumor, die Männer seines Gewerbes sich selbst antrainierten, damit Angst nie das letzte Wort behielt. „Zwei Ebenen. Das ist alles. Sie haben gebeten, hier zu enden, und ihr habt es ihnen als Gnade verkauft, mit Feuer und Bänken. Ich habe nicht gebeten, und ihr nennt es Urteil, und gebt mir kalten Stein und keine Zeugen. Aber am Ende sitzen wir alle im selben Stuhl, nur zwei Etagen versetzt, und dieselbe Klemme hält uns beide fest."

Corvin sagte nichts. Er trat zurück, zu den Kontrollstationen an der Wand, und begann, die Sequenz vorzubereiten, seine Hände – geschult, präzise, tausendfach geübt an Simulatoren, bevor man ihm den ersten echten Sterblichen anvertraut hatte – bewegten sich über die Schalter mit der Sicherheit, die man ihm beigebracht hatte, Selbstsicherheit, die keine Frage duldete. Dietrich sah, wie diese Hände einen einzigen Moment lang stockten, bevor sie den ersten Kontakt setzten.

Es war nicht viel. Ein Zögern von weniger als einer Sekunde.

„Wird es wehtun?", fragte Dietrich, und es war die erste Frage, die er in diesem ganzen Verfahren aus echter Angst stellte, nicht aus Trotz.

„Ich weiß es nicht", sagte Corvin, und es war die Wahrheit, die schlimmste Wahrheit, die er hätte sagen können, aber auch die einzige, die er in diesem Moment fähig war zu sagen. „Niemand, der es weiß, kann es mir mehr sagen."

Dietrich lachte, kurz, ein raues, gebrochenes Geräusch, das durch die schallschluckenden Wände sofort erstarb. „Wenigstens lügst du nicht."

Dann setzte Corvin den zweiten Kontakt, und den dritten, und die Sequenz begann, und in den letzten Momenten, in denen Dietrich noch etwas sah, das er selbst als Sehen erkannte, dachte er, dass dieses eine Zögern, weniger als eine Sekunde lang, das Einzige war, das in dieser Halle je einem Zeugnis nahegekommen war – dass irgendwo, in irgendeiner Aufzeichnung, für einen Herzschlag lang vermerkt sein würde, dass ein Mensch hier gesessen hatte, und nicht nur eine Nummer.

Dietrich Kroll hatte in siebenundzwanzig Jahren gelernt, dass es für jede Tür einen Preis gab, und dass der Preis meistens niedriger war, wenn man bereit war, wegzusehen von dem, was hinter ihr lag. Er hatte Datenkerne aus einem versiegelten Archiv der Aussonderungsverwaltung gestohlen, weil ein Käufer aus dem Unterhive – ein Mann namens Vhalen Sorr, der sich selbst nie so nannte, sondern nur „der Kurator" – gut dafür bezahlte, und Dietrich hatte nicht gefragt, warum ein Kurator aus dem Unterhive so viel für Verwaltungsdaten zahlte, die niemanden außer Buchhaltern interessieren sollten. Das war sein Fehler gewesen. Nicht der Diebstahl – Diebstahl war ein Gewerbe wie jedes andere auf Kel-Vantor, ein Handwerk mit eigenen Regeln, eigener Ehre unter denen, die es betrieben. Sein Fehler war die Frage, die er sich hätte stellen müssen und nicht gestellt hatte, aus reiner Gier nach dem Lohn.

Er war kein Mann, der ohne Bindungen lebte, auch wenn er sich selbst gern so beschrieb, wenn andere Diebe ihn danach fragten. Es gab eine Schwester, drei Jahre jünger, die in einer der oberen Werksiedlungen lebte und nichts von seinem Gewerbe wusste, weil er es so eingerichtet hatte, dass sie es nie erfahren musste – jeder Anteil, den er von seinen Geschäften beiseitelegte, ging in ein Konto, das offiziell ihrem Mann gehörte, einem ehrlichen Schichtmeister, der nie fragte, woher die gelegentlichen Zuschüsse kamen, weil er, wie die meisten ehrlichen Männer, es vorzog, Glück nicht zu genau zu prüfen. Dietrich hatte sich selbst erzählt, dass er stahl, damit seine Schwester nie in eine Schlange wie die vor dem Antragsschalter der Aussonderungsverwaltung treten musste, nie gezwungen wäre, um irgendetwas zu betteln, das ihr zustand oder nicht zustand, je nachdem, was ein Formular an diesem Tag entschied. Es war die einzige Rechtfertigung, die er brauchte, und in siebenundzwanzig Jahren hatte sie genügt.

Als die Arbites ihn abführten, hatte er nur einen Gedanken gehabt, der ihn mehr erschreckte als die Klammern an seinen Handgelenken: dass er nie eine Nachricht gefunden hatte, seine Schwester zu warnen, dass die Zuschüsse aufhören würden, und dass sie, wenn sie es irgendwann bemerkte, nie erfahren würde, warum.

Die Arbites hatten ihn zwei Wochen später gefasst, mit dem Kern noch in der Tasche, in einem Lagerraum, den er für sicherer gehalten hatte, als er war – Sorr hatte ihn verkauft, das begriff Dietrich erst später, als der Kurator sich als Erster aus der Sache herausgekauft hatte, während Dietrich noch im Verhörraum saß. Und noch während der Verhaftung, als die Klammern sich um seine Handgelenke schlossen, hatte er gespürt, wie sich etwas in seinem Kopf veränderte – ein Flüstern am Rand des Hörbaren, das keine Worte hatte und trotzdem etwas verlangte, das er nicht benennen konnte, eine Unruhe, die tiefer saß als Angst und die ihn seither nicht mehr verließ, auch nicht im Schlaf, den er kaum noch fand.

Der Verhörraum, in dem man ihn drei Tage festhielt, hatte keine Fenster und nur eine einzige Lumenglobe, die nie ausging, sodass Dietrich irgendwann aufhörte, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden, und nur noch an den Wechseln der Wachen ablas, wie viel Zeit verging. Der Verhörpriester – ein älterer Mann, dessen linke Gesichtshälfte unter feinen Kupferdrähten verschwand, die bei jeder Frage sacht aufleuchteten – hatte ihn nicht geschlagen, nicht gedroht, nur immer wieder dieselben Fragen gestellt, in leicht veränderter Reihenfolge, als suchte er nicht nach einer Lüge, sondern nach der Stelle, an der die Wahrheit anfing, sich zu wiederholen.

„Beschreib noch einmal, was du hörst."

„Nichts, was ich in Worte fassen kann. Ein Flüstern. Am Rand." Dietrich hatte es zunächst heruntergespielt, weil er ahnte, dass Ehrlichkeit hier keine mildernden Umstände einbrachte, sondern neue Fragen. „Vielleicht bilde ich es mir ein. Drei Tage ohne Schlaf tun das mit einem Kopf."

„Du hast es erwähnt, bevor die Erschöpfung einsetzte. In der ersten Stunde deiner Festnahme, dem Arbites-Offizier gegenüber, der dich brachte." Der Priester blätterte, ohne hinzusehen, in einem Datenblock, den nur er lesen konnte. „Ich frage dich nicht, ob du lügst. Ich frage dich, ob du weißt, was du in deiner Tasche getragen hast."

„Einen Kern. Verwaltungsdaten. Das hat man mir gesagt."

„Man hat dir gesagt, was der Käufer dich glauben lassen wollte." Zum ersten Mal in drei Tagen klang die Stimme des Priesters nicht mehr rein prüfend, sondern beinahe müde, wie ein Mann, der ein Ergebnis schon kennt und nur noch die Formalität durchläuft, es bestätigt zu bekommen. „Der Kern trägt ein Fragment aus dem Sechsten Schacht. Du hast etwas in deinem Kopf mitgenommen, das dort seit Jahrtausenden wartete, und du wusstest es nicht, weil niemand es dir sagen wollte, der dabei Geld verdiente."

Dietrich hatte in diesem Moment zum ersten Mal begriffen, dass Sorr ihn nicht nur verraten, sondern von Anfang an geopfert hatte – dass der Kern selbst der eigentliche Handel gewesen war, und Dietrich nur das Werkzeug, das ihn transportierte, ohne zu wissen, was es trug. Er hatte gelacht, kurz, bitter, weil Wut in diesem Moment leichter war als Angst. „Dann ist es wenigstens ein guter Preis gewesen, den er für mich bekommen hat."

Der Priester hatte darauf nichts erwidert. Er hatte nur den Datenblock geschlossen und war gegangen, und zwei Tage später hatte man Dietrich das Urteil verlesen.

Er hatte das Flüstern dem Verhörpriester erzählt, in der Hoffnung, es würde als Wahnsinn gewertet und ihm eine Zelle statt eines Urteils einbringen. Es hatte das Gegenteil bewirkt. Der Kern, so stellte sich heraus, trug ein Fragment aus dem Sechsten Schacht, aus jener Tiefe, in der etwas Vorimperiales einmal gewacht hatte, bevor die Eisenadern es zerstörten – und was Dietrich in seinem Kopf hörte, nannten die Priester den Nachhall.

„Kontamination", sagte der Magos, der sein Urteil verlas, mit einer Stimme, die durch einen Vox-Grill kam und deshalb keine Empörung, kein Mitleid und keine Freude transportierte, nur Feststellung. „Der Angeklagte ist Träger eines psychisch-kognitiven Residuums unbekannter, potenziell gefährlicher Herkunft. Hinrichtung wäre die naheliegende Lösung, birgt jedoch das Risiko, dass die Kontamination beim Tod unkontrolliert freigesetzt wird. Der Rat der Priesterschaft entscheidet daher auf den Ritus der Aussonderung."

Dietrich hatte das Wort schon einmal gehört, in dem Jargon der Arbeiter, mit denen er Geschäfte machte, wenn sie über jemanden sprachen, der plötzlich nicht mehr auf der Werkbank stand, sondern als stumme, gleichmäßig arbeitende Gestalt in der Fördereinheit erschien. *Schweigeschnitt.* Sie sagten es leise, wie ein Wort, das man nicht zu laut aussprechen sollte, weil das Aussprechen es näherbringen könnte, wie einen Namen, der etwas ruft, wenn man ihn dreimal wiederholt.

„Das ist keine Gnade", sagte er zu dem Priester, der ihn zur Aussonderungshalle Neun eskortierte, sieben Ebenen unter der Kammer, in der die Ehrwürdigen der Eisenadern ihr Erstes Schweigen empfingen, mit Ehre und Litanei und einem Orden, der über ihnen wachte. Hier unten gab es keine Litanei. Nur kalte Verarbeitung, nummeriert, effizient, Korridore, deren Wände so glatt poliert waren, dass sie kein Echo zuließen, als hätte man dem Ort selbst das Sprechen abgewöhnt. „Ihr nennt es Kontrolle der Kontamination. Es ist eine Hinrichtung, die ihr nur nicht Hinrichtung nennen wollt, weil ihr meinen Körper danach noch gebrauchen könnt."

Der Priester – jung, mit einem Gesicht, das noch nicht die vollständige Ruhe der höheren Ränge trug, ein Novize, wie Dietrich an der Unvollständigkeit seiner Implantate erkannte – antwortete nicht sofort. Als er es tat, klang seine Stimme fast, als spräche er mehr zu sich selbst als zu Dietrich. „Der Omnissiah verschwendet nichts. Auch nicht das, was zurückbleibt, wenn die Kontamination entfernt ist."

„Das ist keine Antwort auf das, was ich gesagt habe."

„Nein", sagte der Priester, und in diesem einen Wort lag mehr Zweifel, als Dietrich in siebenundzwanzig Jahren bei irgendeinem Mechanicus-Diener gehört hatte. „Das ist es nicht."

Sie gingen durch Korridore, die tiefer in den Forge-Mond hineinführten, als Dietrich es je zuvor betreten hatte, obwohl er sein ganzes Leben auf Kel-Vantor verbracht hatte und geglaubt hatte, jeden lohnenden Winkel des Ober- und Mittelhives zu kennen. Hier unten gab es keine lohnenden Winkel mehr, nur Verwaltung: Türen ohne Beschriftung, Rohrleitungen, die in gleichmäßigem Rhythmus zischten, als atmete der Berg selbst, und alle paar hundert Schritt eine weitere versiegelte Kammer, aus der kein Laut drang. Einmal kamen sie an einer offenen Tür vorbei, hinter der zwei Adepten eine reglose Gestalt auf einer Trage vorbereiteten, mit derselben routinierten Gleichgültigkeit, mit der Werker auf seiner eigenen Ebene Frachtkisten stapelten, und Dietrich zwang sich, nicht hinzusehen, weil er ahnte, dass er das Gesicht auf der Trage sonst nicht wieder loswerden würde für die kurze Zeit, die ihm noch blieb, um an etwas anderes zu denken.

„Wie heißt du?", fragte Dietrich, weil er reden wollte, solange er noch reden konnte, weil Schweigen das Letzte war, was er ihnen freiwillig geben würde, und weil ein Name – irgendein Name, und sei es nur der eines Fremden, der ihn zum Sterben führte – ihm das Gefühl gab, noch als Mensch behandelt zu werden.

„Novize Aeth." Der Priester zögerte, als hätte er die Frage nicht erwartet, als hätte niemand, den er je zu diesem Stuhl geführt hatte, sie gestellt. „Corvin Aeth."

Sie erreichten die Aussonderungshalle: eine kreisrunde Kammer, kalt, mit gedämpftem Licht, das keine Schatten warf, weil es aus jedem Winkel gleichzeitig kam. In der Mitte stand der Aussonderungsstuhl, ein Gestell aus Klemmen und Kabeln, das mehr wie ein Werkzeug aussah als wie ein Thron, und um ihn herum, an den Wänden, hingen die Aufzeichnungsgeräte, die den Vorgang für die Archive festhalten würden – nicht aus Respekt, sondern aus Protokollpflicht.

Dietrich sah keinen Priester mit einem Buch, keine Zeugen auf Sitzbänken, keine Ewige Flamme. Nur eine kalte, nummerierte Halle, in der niemand seinen Namen aussprechen würde, sobald der Ritus begann.

„Wie viele wart ihr heute schon?", fragte er, während sie ihn zum Stuhl führten.

„Drei", sagte Corvin. „Sie werden der vierte sein."

„Und die Halle der Letzten Pflicht? Zwei Ebenen über uns, richtig? Mit ihrer Flamme und ihren Bänken für die Zeugen?"

Der Priester zögerte. „Auch heute belegt. Zwei, heute."

„Wisst ihr, was der Unterschied zwischen mir und denen dort oben ist?" Dietrich ließ sich in den Stuhl drücken, weil Widerstand keinen Sinn mehr hatte, aber seine Stimme blieb fest, fast heiter, mit jener Art von Galgenhumor, die Männer seines Gewerbes sich selbst antrainierten, damit Angst nie das letzte Wort behielt. „Zwei Ebenen. Das ist alles. Sie haben gebeten, hier zu enden, und ihr habt es ihnen als Gnade verkauft, mit Feuer und Bänken. Ich habe nicht gebeten, und ihr nennt es Urteil, und gebt mir kalten Stein und keine Zeugen. Aber am Ende sitzen wir alle im selben Stuhl, nur zwei Etagen versetzt, und dieselbe Klemme hält uns beide fest."

Corvin sagte nichts. Er trat zurück, zu den Kontrollstationen an der Wand, und begann, die Sequenz vorzubereiten, seine Hände – geschult, präzise, tausendfach geübt an Simulatoren, bevor man ihm den ersten echten Sterblichen anvertraut hatte – bewegten sich über die Schalter mit der Sicherheit, die man ihm beigebracht hatte, Selbstsicherheit, die keine Frage duldete. Dietrich sah, wie diese Hände einen einzigen Moment lang stockten, bevor sie den ersten Kontakt setzten.

Es war nicht viel. Ein Zögern von weniger als einer Sekunde.

„Wird es wehtun?", fragte Dietrich, und es war die erste Frage, die er in diesem ganzen Verfahren aus echter Angst stellte, nicht aus Trotz.

„Ich weiß es nicht", sagte Corvin, und es war die Wahrheit, die schlimmste Wahrheit, die er hätte sagen können, aber auch die einzige, die er in diesem Moment fähig war zu sagen. „Niemand, der es weiß, kann es mir mehr sagen."

Dietrich lachte, kurz, ein raues, gebrochenes Geräusch, das durch die schallschluckenden Wände sofort erstarb. „Wenigstens lügst du nicht."

Dann setzte Corvin den zweiten Kontakt, und den dritten, und die Sequenz begann, und in den letzten Momenten, in denen Dietrich noch etwas sah, das er selbst als Sehen erkannte, dachte er, dass dieses eine Zögern, weniger als eine Sekunde lang, das Einzige war, das in dieser Halle je einem Zeugnis nahegekommen war – dass irgendwo, in irgendeiner Aufzeichnung, für einen Herzschlag lang vermerkt sein würde, dass ein Mensch hier gesessen hatte, und nicht nur eine Nummer.

III. Zwei EbenenTwo Levels

Novize Corvin Aeth hatte an diesem Tag vier Aussonderungen und zwei Letzte Dienste beaufsichtigt, und er hatte, wie es seine Ausbildung verlangte, jeden davon mit derselben binären Gleichmäßigkeit protokolliert: Uhrzeit, Zustand des Subjekts, Vollständigkeit der kognitiven Trennung, Übergabe an die Konvertierungswerkstatt. Die Formulare unterschieden sich kaum voneinander, ob das Formular für die Aussonderungshalle Neun war oder für die Halle der Letzten Pflicht zwei Ebenen darüber. Derselbe Aufbau, dieselben Felder, dieselbe Schrift, in der die Namen eingetragen wurden, bevor sie für immer aus jedem weiteren Bericht verschwanden. Nur eine Zeile war anders: *Freiwilligkeit: ja/nein.*

Er hatte diese Zeile heute sechsmal ausgefüllt. Viermal *nein*. Zweimal *ja*.

Nach der vierten Aussonderung – der Dieb, Dietrich Kroll, der bis zuletzt gesprochen hatte, mit einer Klarheit, die Corvin unangenehm in Erinnerung blieb, und dessen letzte Frage, *Wird es wehtun?*, noch in seinen Ohren nachhallte wie ein Echo in einem Raum, der eigentlich keines zuließ – war Corvin in den Korridor getreten, der die Aussonderungshalle mit der Halle der Letzten Pflicht verband, und hatte sich zum ersten Mal in seiner sechsjährigen Novizenzeit bewusst gefragt, was diese eine Zeile eigentlich maß.

Er hatte gelernt, dass Ehre eine Frage der Form war. Die Halle der Letzten Pflicht besaß eine Ewige Flamme, weil Feuer die reinigende Umformung symbolisierte; die Aussonderungshalle besaß keine, weil Reinigung, wo Kontamination vorlag, keine Feier verdiente. Die Halle der Letzten Pflicht besaß Sitzbänke für Zeugen, weil ein gewählter Dienst Zeugenschaft verdiente; die Aussonderungshalle besaß keine, weil ein auferlegtes Urteil keine Öffentlichkeit brauchte. Er hatte das alles auswendig gelernt, wie er Binärkantus auswendig gelernt hatte, in den Kantiklen des Omnissiah, die er seit seinem zehnten Jahr sang, ohne je über die einzelnen Silben nachzudenken. Bis heute hatte er nie gefragt, ob eine Form auch etwas über die Sache aussagte, die sie umgab, oder ob sie nur eine Sache war, die man um etwas herum baute, das sich der Form eigentlich entzog.

Was Kroll gesagt hatte, ließ sich nicht wegformulieren: *Zwei Ebenen. Das ist alles.*

Corvin war mit zehn Jahren nach Kel-Vantor gekommen, kein Findling, sondern das dritte Kind einer Kohortenfamilie, die es sich zur Ehre gerechnet hatte, einen Sohn dem Priestertum zu übergeben, statt ihn selbst an einer Werkbank aufwachsen zu lassen. Er erinnerte sich noch an den Novizenmeister, der ihn in seinen ersten Wochen unterwiesen hatte, ein Magos namens Verrick, dessen Stimme so gleichmäßig war, dass Kinder in seinen Unterweisungen manchmal einschliefen und dafür nie bestraft wurden, weil, wie Verrick es einmal erklärte, ein Geist, der ruhte, effizienter lernte als einer, der sich zwang, wach zu bleiben. Verrick hatte ihm beigebracht, dass Zweifel kein Makel war, sondern ein Werkzeug, das man, wie jedes Werkzeug, an der richtigen Stelle einsetzte und sonst sicher verwahrte, damit es niemanden schnitt, der es nicht führen konnte.

„Du wirst Dinge sehen, die sich falsch anfühlen", hatte Verrick ihm gesagt, in der Woche, bevor Corvin zum ersten Mal einem Ritus beiwohnte, noch als bloßer Zeuge, nicht als Ausführender. „Das Gefühl ist nicht falsch. Es ist nur unvollständig. Es sieht einen Moment und nicht das Jahrtausend, in dem der Moment steht. Deine Aufgabe ist nicht, das Gefühl zum Schweigen zu bringen. Deine Aufgabe ist, es nicht handeln zu lassen, bis du das Jahrtausend siehst."

Corvin hatte diesen Satz all die Jahre als Trost verstanden. Heute, im Korridor zwischen den beiden Hallen, mit dem Nachklang von Krolls Stimme noch in den Ohren, hörte er ihn zum ersten Mal anders: nicht als Erlaubnis, das Gefühl ernst zu nehmen, sobald man bereit war, sondern als eine sehr geduldige Anleitung, es für immer aufzuschieben, bis es von selbst verstummte. Er fragte sich, ob Verrick das gewusst hatte, als er es sagte, oder ob auch Verrick nur wiederholte, was ihm einst gesagt worden war, in einem Korridor wie diesem, von einem Magos, dessen Namen niemand mehr kannte.

Am Nachmittag hatte Corvin die zweite freiwillige Aufnahme des Tages betreut. Ein Werker aus der Schmelzkohorte Vier, ein Mann mit einer Lunge, die kaum noch Luft hielt, sein Atem ein trockenes, sägendes Rasseln, das jeden Satz in drei Teile zerbrach, der mit einer Ruhe in den Stuhl gestiegen war, die Corvin fast beneidet hatte – eine Ruhe, die aus jahrzehntelanger, geübter Gewissheit kam, dass dieser Moment der Sinn seines ganzen Lebens gewesen war. Der Mann hatte seine Anmeldung selbst getragen, in einer zittrigen, aber sorgfältigen Schrift, jedes Feld ordentlich ausgefüllt, als wäre die Sauberkeit des Formulars selbst schon ein letzter Akt der Hingabe.

„Sagt meiner Tochter, dass ich es geschafft habe", hatte der Mann gesagt, kurz bevor die kognitive Trennung begann, mit einem Lächeln, das Corvin lange nach der Schicht noch vor sich sah. „Sie versteht das."

„Ist sie hier? Ihre Tochter?", hatte Corvin gefragt, gegen das Protokoll, das keine Konversation mit dem Subjekt außerhalb der notwendigen Formalitäten vorsah, aber der Mann hatte so wenig Angst gezeigt, so viel stille Freude, dass die Frage sich wie von selbst gestellt hatte.

„Nein. Sie weiß nicht einmal, dass ich den Antrag gestellt habe." Der Mann hatte gelächelt, ein Lächeln, das keine Reue kannte, nur eine Art zufriedene Erschöpfung, wie ein Mann, der eine lange Schicht beendet hat und sich nach der Ruhe sehnt, die ihm zusteht. „Sie hätte versucht, es mir auszureden. Sie ist jung. Sie glaubt noch, dass mehr Zeit immer besser ist als weniger, egal wie diese Zeit aussieht. Ich habe gelernt, dass das nicht stimmt. Fünfunddreißig Jahre habe ich der Schmiede gegeben, mit diesen Händen, mit dieser Lunge. Ich will nicht noch fünf weitere Jahre geben, in denen ich zusehen muss, wie beides mir wegfault, bis am Ende doch nur der Tod übrigbleibt, ohne dass irgendetwas davon noch von Nutzen war. Lieber jetzt, während noch etwas von mir übrig ist, das die Maschine formen kann."

Es waren, Corvin würde es erst Stunden später bemerken, fast dieselben Worte, die auf einem abgelehnten Formular gestanden hatten, das er selbst nie gelesen, sondern nur über die Schulter eines Kollegen erhascht hatte. Er hatte in diesem Moment nichts geahnt und nur genickt, wie es sich für einen Novizen gehörte, der einem Sterbenden – einem Werdenden, korrigierte er sich in Gedanken, denn das Protokoll verbot das Wort *sterbend* – zuhörte, ohne zu urteilen.

Corvin hatte es notiert, weil es zum Protokoll gehörte, dann aber, ohne dass die Ausbildung es verlangt hätte, den Namen des Mannes noch einmal gelesen, bevor die Akte geschlossen wurde. Kessil Adran Marn. Kohorte Vier, fünfunddreißig Dienstjahre, Diagnose Schmiedelunge, Stufe vier.

Marn.

Corvin dachte an den Nachnamen und an eine junge Frau, die er zwei Wochen zuvor am Antragsschalter hatte abweisen sehen – nicht er selbst, ein anderer Adept, aber er hatte in der Warteschlange gestanden, weil er Formulare zur Aussonderungshalle hinüberbringen musste, und den Namen auf dem Formular über die Schulter des Kollegen gelesen, ohne bewusst hinzusehen, so wie man Dinge liest, die einen später einholen, ohne dass man weiß, warum man sie behalten hat. *Ilse Marn. Stufe drei. Abgelehnt.* Er hatte sich damals nichts dabei gedacht. Es war eine von Hunderten Ablehnungen, die er in seiner Novizenzeit mit angesehen hatte, jede identisch in ihrer Formelhaftigkeit.

Er wusste nicht, ob Kessil Marn Ilse Marns Vater war. Kel-Vantor hatte genug Marns in seinen Kohorten, dass der Name für sich genommen nichts bewies, und ein Teil von ihm – der Teil, der seit sechs Jahren darauf trainiert war, keine Frage zu stellen, die das Protokoll nicht verlangte – wollte, dass es so blieb: eine bloße Möglichkeit, ungeprüft, die man beiseitelegen konnte, sobald die nächste Schicht begann. Er hätte es leicht klären können. Ein Abgleich der Kohortenregister, zwei Minuten Arbeit, keine Frage, die jemand ihm übelnehmen würde. Er tat es nicht, aus einem Grund, den er sich selbst nicht eingestehen wollte: Solange er es nicht wusste, musste er nicht entscheiden, was er mit dem Wissen tun sollte. Die Möglichkeit setzte sich in ihm fest wie Staub in einer Lunge, die ihn nicht mehr auswerfen konnte, und er verbrachte den Rest der Schicht damit, jede Bewegung seiner eigenen Hände zu beobachten, als gehörten sie einem Fremden – als könnte er, wenn er nur genau genug hinsah, den Moment erwischen, in dem seine Ausbildung aufhörte, seine eigene Stimme zu sein, und begann, ausschließlich die Stimme des Protokolls zu sprechen.

Er suchte, kurz vor Schichtende, in der Kohortenkartei nach Kessil Marns nächsten Angehörigen. Ein einziger Eintrag: *Tochter, Ilse Marn, Schmelzkohorte Vier.* Er starrte lange auf den Namen, den Finger über der Vox-Taste, die es ihm erlaubt hätte, eine Nachricht an ihre Kohorte zu übermitteln, wie es das Protokoll bei freiwilligen Aufnahmen mit benannten Angehörigen vorsah. Dann drückte er die Taste, und sprach die vorgeschriebene Formel – *Ihr Vater, Kessil Adran Marn, hat den Letzten Dienst empfangen. Der Omnissiah ehrt seine Jahre* – und legte auf, bevor er sich fragen konnte, ob eine Formel genügte, um jemandem zu sagen, dass sein Vater ohne ihr Wissen gegangen war.

Am Abend, in der Zelle, die ihm als Novize zustand, öffnete er sein persönliches Andachtsbuch – nicht das liturgische Kompendium, das jeder Adept trug, sondern das kleinere, private, in dem er seit seiner Ankunft auf Kel-Vantor eigene Notizen machte, halb Gebet, halb Zweifel, in einer Schrift, die er absichtlich schlecht formte, damit niemand, der sie fand, sie ohne Mühe entziffern könnte. Er schrieb: *Heute habe ich sechsmal dieselbe Zeile ausgefüllt. Viermal war die Antwort nein. Ich habe jedes Mal dasselbe getan, mit denselben Händen, in derselben Reihenfolge. Ich frage mich, ob der Omnissiah die Zeile liest, oder nur die Hand, die sie ausfüllt. Der Dieb sagte, es seien zwei Ebenen, nicht mehr. Ich glaube, er hatte recht, und ich glaube, das ist genau das, was mich am meisten erschreckt: dass zwei Ebenen aus Stein ausreichen, um aus derselben Handlung eine Gnade oder ein Urteil zu machen, je nachdem, auf welcher Seite man sie vollzieht."

Er hielt inne, den Stift noch über dem Papier, und dachte an das Zögern, das er selbst gehabt hatte, bevor er den ersten Kontakt am Dieb gesetzt hatte – ein Zögern, das er in keinem Formular vermerken würde, weil es kein Feld dafür gab, und dachte an Ilse Marn, die er nie kennengelernt hatte und deren Vater er gerade in einer Formel begraben hatte, und an die Frage, wer von ihnen beiden – der Werker mit seiner geübten Ruhe, der Dieb mit seinem trotzigen Witz – eigentlich mehr von der Wahrheit dieses Ortes verstanden hatte.

Dann strich er den Satz sorgfältig durch, bis kein Wort mehr lesbar war, und legte sich schlafen, weil die nächste Schicht in sechs Stunden begann und ein Novize, der nicht ausgeruht war, Fehler machte, die sich niemand in dieser Halle leisten konnte.

Der durchgestrichene Satz blieb trotzdem da, unter der Tinte, als Abdruck im Papier. Er hätte nachsehen können, wie tief.

Er tat es nicht.

Novize Corvin Aeth hatte an diesem Tag vier Aussonderungen und zwei Letzte Dienste beaufsichtigt, und er hatte, wie es seine Ausbildung verlangte, jeden davon mit derselben binären Gleichmäßigkeit protokolliert: Uhrzeit, Zustand des Subjekts, Vollständigkeit der kognitiven Trennung, Übergabe an die Konvertierungswerkstatt. Die Formulare unterschieden sich kaum voneinander, ob das Formular für die Aussonderungshalle Neun war oder für die Halle der Letzten Pflicht zwei Ebenen darüber. Derselbe Aufbau, dieselben Felder, dieselbe Schrift, in der die Namen eingetragen wurden, bevor sie für immer aus jedem weiteren Bericht verschwanden. Nur eine Zeile war anders: *Freiwilligkeit: ja/nein.*

Er hatte diese Zeile heute sechsmal ausgefüllt. Viermal *nein*. Zweimal *ja*.

Nach der vierten Aussonderung – der Dieb, Dietrich Kroll, der bis zuletzt gesprochen hatte, mit einer Klarheit, die Corvin unangenehm in Erinnerung blieb, und dessen letzte Frage, *Wird es wehtun?*, noch in seinen Ohren nachhallte wie ein Echo in einem Raum, der eigentlich keines zuließ – war Corvin in den Korridor getreten, der die Aussonderungshalle mit der Halle der Letzten Pflicht verband, und hatte sich zum ersten Mal in seiner sechsjährigen Novizenzeit bewusst gefragt, was diese eine Zeile eigentlich maß.

Er hatte gelernt, dass Ehre eine Frage der Form war. Die Halle der Letzten Pflicht besaß eine Ewige Flamme, weil Feuer die reinigende Umformung symbolisierte; die Aussonderungshalle besaß keine, weil Reinigung, wo Kontamination vorlag, keine Feier verdiente. Die Halle der Letzten Pflicht besaß Sitzbänke für Zeugen, weil ein gewählter Dienst Zeugenschaft verdiente; die Aussonderungshalle besaß keine, weil ein auferlegtes Urteil keine Öffentlichkeit brauchte. Er hatte das alles auswendig gelernt, wie er Binärkantus auswendig gelernt hatte, in den Kantiklen des Omnissiah, die er seit seinem zehnten Jahr sang, ohne je über die einzelnen Silben nachzudenken. Bis heute hatte er nie gefragt, ob eine Form auch etwas über die Sache aussagte, die sie umgab, oder ob sie nur eine Sache war, die man um etwas herum baute, das sich der Form eigentlich entzog.

Was Kroll gesagt hatte, ließ sich nicht wegformulieren: *Zwei Ebenen. Das ist alles.*

Corvin war mit zehn Jahren nach Kel-Vantor gekommen, kein Findling, sondern das dritte Kind einer Kohortenfamilie, die es sich zur Ehre gerechnet hatte, einen Sohn dem Priestertum zu übergeben, statt ihn selbst an einer Werkbank aufwachsen zu lassen. Er erinnerte sich noch an den Novizenmeister, der ihn in seinen ersten Wochen unterwiesen hatte, ein Magos namens Verrick, dessen Stimme so gleichmäßig war, dass Kinder in seinen Unterweisungen manchmal einschliefen und dafür nie bestraft wurden, weil, wie Verrick es einmal erklärte, ein Geist, der ruhte, effizienter lernte als einer, der sich zwang, wach zu bleiben. Verrick hatte ihm beigebracht, dass Zweifel kein Makel war, sondern ein Werkzeug, das man, wie jedes Werkzeug, an der richtigen Stelle einsetzte und sonst sicher verwahrte, damit es niemanden schnitt, der es nicht führen konnte.

„Du wirst Dinge sehen, die sich falsch anfühlen", hatte Verrick ihm gesagt, in der Woche, bevor Corvin zum ersten Mal einem Ritus beiwohnte, noch als bloßer Zeuge, nicht als Ausführender. „Das Gefühl ist nicht falsch. Es ist nur unvollständig. Es sieht einen Moment und nicht das Jahrtausend, in dem der Moment steht. Deine Aufgabe ist nicht, das Gefühl zum Schweigen zu bringen. Deine Aufgabe ist, es nicht handeln zu lassen, bis du das Jahrtausend siehst."

Corvin hatte diesen Satz all die Jahre als Trost verstanden. Heute, im Korridor zwischen den beiden Hallen, mit dem Nachklang von Krolls Stimme noch in den Ohren, hörte er ihn zum ersten Mal anders: nicht als Erlaubnis, das Gefühl ernst zu nehmen, sobald man bereit war, sondern als eine sehr geduldige Anleitung, es für immer aufzuschieben, bis es von selbst verstummte. Er fragte sich, ob Verrick das gewusst hatte, als er es sagte, oder ob auch Verrick nur wiederholte, was ihm einst gesagt worden war, in einem Korridor wie diesem, von einem Magos, dessen Namen niemand mehr kannte.

Am Nachmittag hatte Corvin die zweite freiwillige Aufnahme des Tages betreut. Ein Werker aus der Schmelzkohorte Vier, ein Mann mit einer Lunge, die kaum noch Luft hielt, sein Atem ein trockenes, sägendes Rasseln, das jeden Satz in drei Teile zerbrach, der mit einer Ruhe in den Stuhl gestiegen war, die Corvin fast beneidet hatte – eine Ruhe, die aus jahrzehntelanger, geübter Gewissheit kam, dass dieser Moment der Sinn seines ganzen Lebens gewesen war. Der Mann hatte seine Anmeldung selbst getragen, in einer zittrigen, aber sorgfältigen Schrift, jedes Feld ordentlich ausgefüllt, als wäre die Sauberkeit des Formulars selbst schon ein letzter Akt der Hingabe.

„Sagt meiner Tochter, dass ich es geschafft habe", hatte der Mann gesagt, kurz bevor die kognitive Trennung begann, mit einem Lächeln, das Corvin lange nach der Schicht noch vor sich sah. „Sie versteht das."

„Ist sie hier? Ihre Tochter?", hatte Corvin gefragt, gegen das Protokoll, das keine Konversation mit dem Subjekt außerhalb der notwendigen Formalitäten vorsah, aber der Mann hatte so wenig Angst gezeigt, so viel stille Freude, dass die Frage sich wie von selbst gestellt hatte.

„Nein. Sie weiß nicht einmal, dass ich den Antrag gestellt habe." Der Mann hatte gelächelt, ein Lächeln, das keine Reue kannte, nur eine Art zufriedene Erschöpfung, wie ein Mann, der eine lange Schicht beendet hat und sich nach der Ruhe sehnt, die ihm zusteht. „Sie hätte versucht, es mir auszureden. Sie ist jung. Sie glaubt noch, dass mehr Zeit immer besser ist als weniger, egal wie diese Zeit aussieht. Ich habe gelernt, dass das nicht stimmt. Fünfunddreißig Jahre habe ich der Schmiede gegeben, mit diesen Händen, mit dieser Lunge. Ich will nicht noch fünf weitere Jahre geben, in denen ich zusehen muss, wie beides mir wegfault, bis am Ende doch nur der Tod übrigbleibt, ohne dass irgendetwas davon noch von Nutzen war. Lieber jetzt, während noch etwas von mir übrig ist, das die Maschine formen kann."

Es waren, Corvin würde es erst Stunden später bemerken, fast dieselben Worte, die auf einem abgelehnten Formular gestanden hatten, das er selbst nie gelesen, sondern nur über die Schulter eines Kollegen erhascht hatte. Er hatte in diesem Moment nichts geahnt und nur genickt, wie es sich für einen Novizen gehörte, der einem Sterbenden – einem Werdenden, korrigierte er sich in Gedanken, denn das Protokoll verbot das Wort *sterbend* – zuhörte, ohne zu urteilen.

Corvin hatte es notiert, weil es zum Protokoll gehörte, dann aber, ohne dass die Ausbildung es verlangt hätte, den Namen des Mannes noch einmal gelesen, bevor die Akte geschlossen wurde. Kessil Adran Marn. Kohorte Vier, fünfunddreißig Dienstjahre, Diagnose Schmiedelunge, Stufe vier.

Marn.

Corvin dachte an den Nachnamen und an eine junge Frau, die er zwei Wochen zuvor am Antragsschalter hatte abweisen sehen – nicht er selbst, ein anderer Adept, aber er hatte in der Warteschlange gestanden, weil er Formulare zur Aussonderungshalle hinüberbringen musste, und den Namen auf dem Formular über die Schulter des Kollegen gelesen, ohne bewusst hinzusehen, so wie man Dinge liest, die einen später einholen, ohne dass man weiß, warum man sie behalten hat. *Ilse Marn. Stufe drei. Abgelehnt.* Er hatte sich damals nichts dabei gedacht. Es war eine von Hunderten Ablehnungen, die er in seiner Novizenzeit mit angesehen hatte, jede identisch in ihrer Formelhaftigkeit.

Er wusste nicht, ob Kessil Marn Ilse Marns Vater war. Kel-Vantor hatte genug Marns in seinen Kohorten, dass der Name für sich genommen nichts bewies, und ein Teil von ihm – der Teil, der seit sechs Jahren darauf trainiert war, keine Frage zu stellen, die das Protokoll nicht verlangte – wollte, dass es so blieb: eine bloße Möglichkeit, ungeprüft, die man beiseitelegen konnte, sobald die nächste Schicht begann. Er hätte es leicht klären können. Ein Abgleich der Kohortenregister, zwei Minuten Arbeit, keine Frage, die jemand ihm übelnehmen würde. Er tat es nicht, aus einem Grund, den er sich selbst nicht eingestehen wollte: Solange er es nicht wusste, musste er nicht entscheiden, was er mit dem Wissen tun sollte. Die Möglichkeit setzte sich in ihm fest wie Staub in einer Lunge, die ihn nicht mehr auswerfen konnte, und er verbrachte den Rest der Schicht damit, jede Bewegung seiner eigenen Hände zu beobachten, als gehörten sie einem Fremden – als könnte er, wenn er nur genau genug hinsah, den Moment erwischen, in dem seine Ausbildung aufhörte, seine eigene Stimme zu sein, und begann, ausschließlich die Stimme des Protokolls zu sprechen.

Er suchte, kurz vor Schichtende, in der Kohortenkartei nach Kessil Marns nächsten Angehörigen. Ein einziger Eintrag: *Tochter, Ilse Marn, Schmelzkohorte Vier.* Er starrte lange auf den Namen, den Finger über der Vox-Taste, die es ihm erlaubt hätte, eine Nachricht an ihre Kohorte zu übermitteln, wie es das Protokoll bei freiwilligen Aufnahmen mit benannten Angehörigen vorsah. Dann drückte er die Taste, und sprach die vorgeschriebene Formel – *Ihr Vater, Kessil Adran Marn, hat den Letzten Dienst empfangen. Der Omnissiah ehrt seine Jahre* – und legte auf, bevor er sich fragen konnte, ob eine Formel genügte, um jemandem zu sagen, dass sein Vater ohne ihr Wissen gegangen war.

Am Abend, in der Zelle, die ihm als Novize zustand, öffnete er sein persönliches Andachtsbuch – nicht das liturgische Kompendium, das jeder Adept trug, sondern das kleinere, private, in dem er seit seiner Ankunft auf Kel-Vantor eigene Notizen machte, halb Gebet, halb Zweifel, in einer Schrift, die er absichtlich schlecht formte, damit niemand, der sie fand, sie ohne Mühe entziffern könnte. Er schrieb: *Heute habe ich sechsmal dieselbe Zeile ausgefüllt. Viermal war die Antwort nein. Ich habe jedes Mal dasselbe getan, mit denselben Händen, in derselben Reihenfolge. Ich frage mich, ob der Omnissiah die Zeile liest, oder nur die Hand, die sie ausfüllt. Der Dieb sagte, es seien zwei Ebenen, nicht mehr. Ich glaube, er hatte recht, und ich glaube, das ist genau das, was mich am meisten erschreckt: dass zwei Ebenen aus Stein ausreichen, um aus derselben Handlung eine Gnade oder ein Urteil zu machen, je nachdem, auf welcher Seite man sie vollzieht."

Er hielt inne, den Stift noch über dem Papier, und dachte an das Zögern, das er selbst gehabt hatte, bevor er den ersten Kontakt am Dieb gesetzt hatte – ein Zögern, das er in keinem Formular vermerken würde, weil es kein Feld dafür gab, und dachte an Ilse Marn, die er nie kennengelernt hatte und deren Vater er gerade in einer Formel begraben hatte, und an die Frage, wer von ihnen beiden – der Werker mit seiner geübten Ruhe, der Dieb mit seinem trotzigen Witz – eigentlich mehr von der Wahrheit dieses Ortes verstanden hatte.

Dann strich er den Satz sorgfältig durch, bis kein Wort mehr lesbar war, und legte sich schlafen, weil die nächste Schicht in sechs Stunden begann und ein Novize, der nicht ausgeruht war, Fehler machte, die sich niemand in dieser Halle leisten konnte.

Der durchgestrichene Satz blieb trotzdem da, unter der Tinte, als Abdruck im Papier. Er hätte nachsehen können, wie tief.

Er tat es nicht.

IV. Was bleibtWhat Remains

Ilse Marn erfuhr von ihres Vaters Aufnahme durch eine Vox-Nachricht, die sie erst zwei Schichten später abhörte, weil sie zu erschöpft gewesen war, um nach der Arbeit noch etwas zu tun außer zu schlafen. Sie hatte ihren Vater seit drei Jahren nicht mehr besucht gehabt, seit sie zu erschöpft gewesen war, um nach der Schicht noch den weiten Weg zur Halle der Letzten Pflicht zu gehen und ihrer Mutter beim Arbeiten zuzusehen, ohne sicher zu sein, ob überhaupt noch etwas hinter den Augen war, das ihre Anwesenheit registrierte – und jetzt war ihr Vater denselben Weg gegangen, in ihrer Abwesenheit, mit einer Ruhe, die sie sich selbst so sehr wünschte und die, wie es schien, jeder in ihrer Familie außer ihr selbst erreichen konnte, ohne zu fragen, ohne sich anzukündigen, als wäre ein letztes Gespräch weniger wichtig gewesen als die Sauberkeit eines Formulars.

Sie weinte nicht. Sie hatte in den letzten Jahren gelernt, dass Weinen Wasser aus einem Körper zog, der jeden Tropfen für die Schicht brauchte, und dass Trauer, wie alles andere auf Kel-Vantor, ein Luxus war, den man sich nach dem Ende der Arbeitszeit erlauben durfte, sofern noch Kraft dafür übrig war. Sie saß nur lange auf der Kante ihrer Pritsche und starrte auf die Wand, an der früher, als ihre Mutter noch da gewesen war, ein kleines Bildnis des Omnissiah gehangen hatte, das irgendwann verschwunden war, ohne dass sie sich erinnerte, wann.

Sie starb zwei Wochen später, während ihrer Schicht, als ihre Lunge unter dem Metallstaub endgültig zusammenbrach und sie neben der Schmelzrinne zusammensackte, mitten in einer Bewegung, die sie zehntausendfach wiederholt hatte, ohne dass irgendjemand von ihr Kunde nahm, bis eine Aufseherin über sie stolperte. Manche in der Kohorte, die später davon hörten, sagten, sie habe an jenem Tag ihr Atemfilter falsch gesessen gehabt, absichtlich oder aus Erschöpfung, das ließ sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, und keiner fragte lange danach, weil die nächste Schicht bereits wartete.

Sie starb, bevor Stufe vier je in ihrer Akte vermerkt wurde. Ihr letzter Antrag, wieder eingereicht, lag noch immer im Postausgang der Kohortenverwaltung, ungestempelt, als die Nachricht von ihrem Tod die Schmelzkathedrale erreichte, eine Nummer unter vielen in einem Stapel, der einmal pro Woche bearbeitet wurde.

Renke war es, die den Leichnam mit der Aufseherin barg, weil niemand sonst in der Nähe der Rinne stand, als es geschah. Sie hielt Ilses Kopf, bis die Sanitäter kamen, obwohl sie wusste, dass keine Eile mehr etwas ändern würde, und sagte später zu niemandem außer sich selbst, in der Stille ihrer eigenen Pritsche, dass sie froh war, wenigstens das getan zu haben – dass Ilse nicht allein auf dem kalten Rost gelegen hatte, während ihre Kohorte weiterarbeitete, weil die Schmelze nicht wartete, nicht einmal für einen Moment wie diesen. Renke reichte einen Antrag ein, drei Tage später, in dem sie darum bat, dass Ilse Marns Name in den Registern der Kohorte vermerkt werde, nicht als Dienst, sondern als Verlust, mit Datum und Ursache. Der Antrag wurde bearbeitet, gestempelt, abgelegt. Niemand las ihn noch einmal.

Der Omnissiah, so sagten die Priester, zählte jedes Jahr. Er zählte auch dieses. Aber ein Jahr, das nicht zum Dienst wurde, zählte anders, in einer Spalte, die niemand laut vorlas.

Corvin Aeth erfuhr davon durch einen Kollegen, beiläufig, zwischen zwei Formularen, als wäre es eine Fußnote zu einer Statistik, die am Monatsende ohnehin zusammengefasst würde. Er notierte nichts dazu. Es gab kein Feld für das, was er dabei empfand, und er hatte in den Wochen zuvor gelernt, dass Dinge, für die es kein Feld gab, in der Aussonderungsverwaltung dazu neigten, keine Form zu finden und also, mit der Zeit, auch keinen Platz mehr in einem Adepten, der zwölf Stunden am Tag ausfüllte, was ausgefüllt werden musste.

Er dachte an den Vater, der um seine Tochter gebeten hatte, ohne dass diese Tochter je erfuhr, dass ihm noch etwas an ihr lag, bis es zu spät war, es ihm zu sagen. Er dachte an die Tochter, die um denselben Dienst gebeten hatte, den ihr Vater ohne sie erhalten hatte, und die keinen erhielt, weil eine Zahl auf einem Formular eine Ebene zu niedrig gestanden hatte. Er dachte an Dietrich Kroll, der nie darum gebeten hatte und trotzdem ging, mit mehr Klarheit in seinen letzten Worten als mancher, der freiwillig kam.

Er wurde ein guter Adept. Seine Vorgesetzten lobten seine Gleichmäßigkeit, seine Präzision, die Abwesenheit jenes Zögerns, das jüngere Novizen manchmal zeigten und das man ihnen, wie allen, mit der Zeit austrainierte. Er füllte die Zeile *Freiwilligkeit: ja/nein* Tausende Male aus, in beide Richtungen, ohne dass seine Hand je wieder zögerte, die er beobachtete, als gehörte sie einem Fremden. Mit der Zeit – Monate, dann ein Jahr, dann mehr – bemerkte er, dass ihm das Nicht-Fragen zunehmend leichtfiel, so wie einem Muskel, der lange genug nicht bewegt wird, das Bewegen selbst schwerfällt, bis er es irgendwann verlernt hat und die Ruhigstellung für seinen natürlichen Zustand hält. Er schlug sein privates Andachtsbuch seltener auf, dann gar nicht mehr, und irgendwann, ohne dass er sich an den genauen Tag erinnerte, hatte er aufgehört, sich zu fragen, was auf der durchgestrichenen Seite gestanden hatte.

Dietrich Kroll – der Name existierte nach dem Ritus nirgends mehr, außer in einer geschlossenen Gerichtsakte und, kurz, im Gedächtnis eines Novizen, der ihn irgendwann nicht mehr aussprach – wurde der Fördereinheit in Sektor C zugewiesen, Kohorte Sieben, wo er, Seite an Seite mit einer anderen Gestalt in derselben stummen, gleichmäßigen Bewegung, eine Antriebswelle bediente, deren Zweck er nicht mehr kannte und nicht mehr kennen musste. Die Aufseherinnen nannten die Einheit nach ihrer Registriernummer. Niemand, der an ihr vorbeiging, hätte sagen können, wo der eine endete und die andere begann, oder ob unter den leeren Augen noch irgendetwas war, das die Bewegung als eigene erkannte.

Vielleicht war dort etwas. Vielleicht war es Ilse Marns Mutter, die neben ihm arbeitete, Seite an Seite mit dem Mann, der ihre Tochter nie kennengelernt hatte und es nun nie mehr würde, zwei Fremde, verbunden durch nichts als denselben Takt derselben Welle. Und vielleicht wäre das, hätte irgendjemand es gewusst und ausgesprochen, das Einzige gewesen, das man in dieser ganzen Geschichte noch eine Gnade hätte nennen können.

Niemand wusste es. Niemand sprach es aus.

Corvin kam, gut ein Jahr nach der Aussonderung, mit einem Auftrag nach Sektor C, eine Bestandsprüfung der Fördereinheiten, die keinen besonderen Grund hatte, gerade ihm zugewiesen zu werden, außer dass die Zuteilung von Aufgaben in der Aussonderungsverwaltung so blind war, wie sie es immer gewesen war. Er ging die Reihen entlang, prüfte Seriennummern gegen seine Liste, und blieb, ohne dass er es geplant hätte, vor der Antriebswelle in Kohorte Sieben stehen, wo zwei Gestalten in derselben stummen, gleichmäßigen Bewegung arbeiteten, Arme, die sich alle vier Sekunden im selben Bogen hoben und senkten.

Er kannte die Registriernummern nicht auswendig. Er hätte in seiner Liste nachsehen können, welche der beiden Einheiten einst Dietrich Kroll gewesen war, welche die Frau, deren Tochter er nie kennengelernt hatte. Er tat es nicht. Er stand nur einen Moment lang da, länger, als eine Bestandsprüfung es verlangte, und sah zwei leeren Augenpaaren zu, die nichts zu spiegeln schienen als das Deckenlicht, und dachte, dass er, wäre er ein anderer Mann geworden, in diesem Moment vielleicht hätte weinen können. Er war nicht dieser andere Mann geworden. Er notierte die Seriennummern, bestätigte den Zustand als funktionstüchtig, und ging weiter zur nächsten Reihe, weil die Liste noch nicht zu Ende war.

Renke blieb noch zwei Jahre in der Schmelzkohorte Vier, bis ihr eigener Husten den Klang annahm, den sie an Ilse zu genau kannte, um ihn misszuverstehen. Sie stellte keinen Antrag. Sie hatte in den Jahren seit Ilses Tod oft daran gedacht, was sie ihr an jenem letzten Abend gesagt hatte – *wünsch dir nicht, dass sie dich schneller nehmen* – und war zu keinem klaren Schluss gekommen, ob sie selbst diesen eigenen Rat noch glaubte oder ob er nur leichter auszusprechen gewesen war als zu leben. Als ihre Diagnose Stufe vier erreichte, reichte sie den Antrag schließlich doch ein, mit derselben zittrigen Sorgfalt, mit der Kessil Marn das seine ausgefüllt hatte, und niemand außer einem Adepten mit einem grünen Lesegerät bemerkte, dass ihr Name auf derselben Liste stand wie einst der einer Frau, deren letzten Weg sie mitgetragen hatte, ohne dass beide Wege sich je wieder kreuzten.

Die Schmelzglocken läuteten, wie sie es seit Generationen taten, und unter der Schmelzkathedrale, sieben Ebenen unter dem Ersten Schweigen der Eisenadern, zwei Ebenen unter der Halle der Letzten Pflicht, füllte ein Adept, dessen Name in keinem Bericht dieser Geschichte mehr auftauchen wird, ein weiteres Formular aus, mit einer Hand, die längst aufgehört hatte zu zögern.

Was der Körper nicht mehr tragen konnte, trug die Pflicht weiter. Was die Schuld verlangte, nahm die Stille. Und was zwischen beidem lag – ein Wunsch, ein Urteil, eine Tochter, die zu spät kam, ein Novize, der nicht mehr fragte –, zählte nirgends, in keiner Spalte, auf keinem Formular, das der Omnissiah je lesen würde.

Ilse Marn erfuhr von ihres Vaters Aufnahme durch eine Vox-Nachricht, die sie erst zwei Schichten später abhörte, weil sie zu erschöpft gewesen war, um nach der Arbeit noch etwas zu tun außer zu schlafen. Sie hatte ihren Vater seit drei Jahren nicht mehr besucht gehabt, seit sie zu erschöpft gewesen war, um nach der Schicht noch den weiten Weg zur Halle der Letzten Pflicht zu gehen und ihrer Mutter beim Arbeiten zuzusehen, ohne sicher zu sein, ob überhaupt noch etwas hinter den Augen war, das ihre Anwesenheit registrierte – und jetzt war ihr Vater denselben Weg gegangen, in ihrer Abwesenheit, mit einer Ruhe, die sie sich selbst so sehr wünschte und die, wie es schien, jeder in ihrer Familie außer ihr selbst erreichen konnte, ohne zu fragen, ohne sich anzukündigen, als wäre ein letztes Gespräch weniger wichtig gewesen als die Sauberkeit eines Formulars.

Sie weinte nicht. Sie hatte in den letzten Jahren gelernt, dass Weinen Wasser aus einem Körper zog, der jeden Tropfen für die Schicht brauchte, und dass Trauer, wie alles andere auf Kel-Vantor, ein Luxus war, den man sich nach dem Ende der Arbeitszeit erlauben durfte, sofern noch Kraft dafür übrig war. Sie saß nur lange auf der Kante ihrer Pritsche und starrte auf die Wand, an der früher, als ihre Mutter noch da gewesen war, ein kleines Bildnis des Omnissiah gehangen hatte, das irgendwann verschwunden war, ohne dass sie sich erinnerte, wann.

Sie starb zwei Wochen später, während ihrer Schicht, als ihre Lunge unter dem Metallstaub endgültig zusammenbrach und sie neben der Schmelzrinne zusammensackte, mitten in einer Bewegung, die sie zehntausendfach wiederholt hatte, ohne dass irgendjemand von ihr Kunde nahm, bis eine Aufseherin über sie stolperte. Manche in der Kohorte, die später davon hörten, sagten, sie habe an jenem Tag ihr Atemfilter falsch gesessen gehabt, absichtlich oder aus Erschöpfung, das ließ sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, und keiner fragte lange danach, weil die nächste Schicht bereits wartete.

Sie starb, bevor Stufe vier je in ihrer Akte vermerkt wurde. Ihr letzter Antrag, wieder eingereicht, lag noch immer im Postausgang der Kohortenverwaltung, ungestempelt, als die Nachricht von ihrem Tod die Schmelzkathedrale erreichte, eine Nummer unter vielen in einem Stapel, der einmal pro Woche bearbeitet wurde.

Renke war es, die den Leichnam mit der Aufseherin barg, weil niemand sonst in der Nähe der Rinne stand, als es geschah. Sie hielt Ilses Kopf, bis die Sanitäter kamen, obwohl sie wusste, dass keine Eile mehr etwas ändern würde, und sagte später zu niemandem außer sich selbst, in der Stille ihrer eigenen Pritsche, dass sie froh war, wenigstens das getan zu haben – dass Ilse nicht allein auf dem kalten Rost gelegen hatte, während ihre Kohorte weiterarbeitete, weil die Schmelze nicht wartete, nicht einmal für einen Moment wie diesen. Renke reichte einen Antrag ein, drei Tage später, in dem sie darum bat, dass Ilse Marns Name in den Registern der Kohorte vermerkt werde, nicht als Dienst, sondern als Verlust, mit Datum und Ursache. Der Antrag wurde bearbeitet, gestempelt, abgelegt. Niemand las ihn noch einmal.

Der Omnissiah, so sagten die Priester, zählte jedes Jahr. Er zählte auch dieses. Aber ein Jahr, das nicht zum Dienst wurde, zählte anders, in einer Spalte, die niemand laut vorlas.

Corvin Aeth erfuhr davon durch einen Kollegen, beiläufig, zwischen zwei Formularen, als wäre es eine Fußnote zu einer Statistik, die am Monatsende ohnehin zusammengefasst würde. Er notierte nichts dazu. Es gab kein Feld für das, was er dabei empfand, und er hatte in den Wochen zuvor gelernt, dass Dinge, für die es kein Feld gab, in der Aussonderungsverwaltung dazu neigten, keine Form zu finden und also, mit der Zeit, auch keinen Platz mehr in einem Adepten, der zwölf Stunden am Tag ausfüllte, was ausgefüllt werden musste.

Er dachte an den Vater, der um seine Tochter gebeten hatte, ohne dass diese Tochter je erfuhr, dass ihm noch etwas an ihr lag, bis es zu spät war, es ihm zu sagen. Er dachte an die Tochter, die um denselben Dienst gebeten hatte, den ihr Vater ohne sie erhalten hatte, und die keinen erhielt, weil eine Zahl auf einem Formular eine Ebene zu niedrig gestanden hatte. Er dachte an Dietrich Kroll, der nie darum gebeten hatte und trotzdem ging, mit mehr Klarheit in seinen letzten Worten als mancher, der freiwillig kam.

Er wurde ein guter Adept. Seine Vorgesetzten lobten seine Gleichmäßigkeit, seine Präzision, die Abwesenheit jenes Zögerns, das jüngere Novizen manchmal zeigten und das man ihnen, wie allen, mit der Zeit austrainierte. Er füllte die Zeile *Freiwilligkeit: ja/nein* Tausende Male aus, in beide Richtungen, ohne dass seine Hand je wieder zögerte, die er beobachtete, als gehörte sie einem Fremden. Mit der Zeit – Monate, dann ein Jahr, dann mehr – bemerkte er, dass ihm das Nicht-Fragen zunehmend leichtfiel, so wie einem Muskel, der lange genug nicht bewegt wird, das Bewegen selbst schwerfällt, bis er es irgendwann verlernt hat und die Ruhigstellung für seinen natürlichen Zustand hält. Er schlug sein privates Andachtsbuch seltener auf, dann gar nicht mehr, und irgendwann, ohne dass er sich an den genauen Tag erinnerte, hatte er aufgehört, sich zu fragen, was auf der durchgestrichenen Seite gestanden hatte.

Dietrich Kroll – der Name existierte nach dem Ritus nirgends mehr, außer in einer geschlossenen Gerichtsakte und, kurz, im Gedächtnis eines Novizen, der ihn irgendwann nicht mehr aussprach – wurde der Fördereinheit in Sektor C zugewiesen, Kohorte Sieben, wo er, Seite an Seite mit einer anderen Gestalt in derselben stummen, gleichmäßigen Bewegung, eine Antriebswelle bediente, deren Zweck er nicht mehr kannte und nicht mehr kennen musste. Die Aufseherinnen nannten die Einheit nach ihrer Registriernummer. Niemand, der an ihr vorbeiging, hätte sagen können, wo der eine endete und die andere begann, oder ob unter den leeren Augen noch irgendetwas war, das die Bewegung als eigene erkannte.

Vielleicht war dort etwas. Vielleicht war es Ilse Marns Mutter, die neben ihm arbeitete, Seite an Seite mit dem Mann, der ihre Tochter nie kennengelernt hatte und es nun nie mehr würde, zwei Fremde, verbunden durch nichts als denselben Takt derselben Welle. Und vielleicht wäre das, hätte irgendjemand es gewusst und ausgesprochen, das Einzige gewesen, das man in dieser ganzen Geschichte noch eine Gnade hätte nennen können.

Niemand wusste es. Niemand sprach es aus.

Corvin kam, gut ein Jahr nach der Aussonderung, mit einem Auftrag nach Sektor C, eine Bestandsprüfung der Fördereinheiten, die keinen besonderen Grund hatte, gerade ihm zugewiesen zu werden, außer dass die Zuteilung von Aufgaben in der Aussonderungsverwaltung so blind war, wie sie es immer gewesen war. Er ging die Reihen entlang, prüfte Seriennummern gegen seine Liste, und blieb, ohne dass er es geplant hätte, vor der Antriebswelle in Kohorte Sieben stehen, wo zwei Gestalten in derselben stummen, gleichmäßigen Bewegung arbeiteten, Arme, die sich alle vier Sekunden im selben Bogen hoben und senkten.

Er kannte die Registriernummern nicht auswendig. Er hätte in seiner Liste nachsehen können, welche der beiden Einheiten einst Dietrich Kroll gewesen war, welche die Frau, deren Tochter er nie kennengelernt hatte. Er tat es nicht. Er stand nur einen Moment lang da, länger, als eine Bestandsprüfung es verlangte, und sah zwei leeren Augenpaaren zu, die nichts zu spiegeln schienen als das Deckenlicht, und dachte, dass er, wäre er ein anderer Mann geworden, in diesem Moment vielleicht hätte weinen können. Er war nicht dieser andere Mann geworden. Er notierte die Seriennummern, bestätigte den Zustand als funktionstüchtig, und ging weiter zur nächsten Reihe, weil die Liste noch nicht zu Ende war.

Renke blieb noch zwei Jahre in der Schmelzkohorte Vier, bis ihr eigener Husten den Klang annahm, den sie an Ilse zu genau kannte, um ihn misszuverstehen. Sie stellte keinen Antrag. Sie hatte in den Jahren seit Ilses Tod oft daran gedacht, was sie ihr an jenem letzten Abend gesagt hatte – *wünsch dir nicht, dass sie dich schneller nehmen* – und war zu keinem klaren Schluss gekommen, ob sie selbst diesen eigenen Rat noch glaubte oder ob er nur leichter auszusprechen gewesen war als zu leben. Als ihre Diagnose Stufe vier erreichte, reichte sie den Antrag schließlich doch ein, mit derselben zittrigen Sorgfalt, mit der Kessil Marn das seine ausgefüllt hatte, und niemand außer einem Adepten mit einem grünen Lesegerät bemerkte, dass ihr Name auf derselben Liste stand wie einst der einer Frau, deren letzten Weg sie mitgetragen hatte, ohne dass beide Wege sich je wieder kreuzten.

Die Schmelzglocken läuteten, wie sie es seit Generationen taten, und unter der Schmelzkathedrale, sieben Ebenen unter dem Ersten Schweigen der Eisenadern, zwei Ebenen unter der Halle der Letzten Pflicht, füllte ein Adept, dessen Name in keinem Bericht dieser Geschichte mehr auftauchen wird, ein weiteres Formular aus, mit einer Hand, die längst aufgehört hatte zu zögern.

Was der Körper nicht mehr tragen konnte, trug die Pflicht weiter. Was die Schuld verlangte, nahm die Stille. Und was zwischen beidem lag – ein Wunsch, ein Urteil, eine Tochter, die zu spät kam, ein Novize, der nicht mehr fragte –, zählte nirgends, in keiner Spalte, auf keinem Formular, das der Omnissiah je lesen würde.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert